Mittwoch, 26. September 2012

"Dann sollen sie eben Bilder gucken..."

In der Nähe des Stephansdoms gibt es einen Nachtclub, nämlich die Eden Bar. Da verkehrt offensichtlich viel Prominenz. Denn in den Schaukästen, die sich über die gesamte Breitseite der Fassade erstrecken, hängen unzählige Fotos, die allesamt während des Club-Betriebs geschossen wurden. Da sieht man dann haufenweise Gesichter aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung und natürlich viele Sternlein und Sternleinchen und selbstverständlich noch viel mehr dieser glücklich, ja erlöst strahlenden Jubelalraunen, die - wie einem Naturgesetz folgend - ständig in unmittelbarer Nähe dieser Promis herumschweben.

Daß dieser Club ziemlich exklusiv ist, sieht man schon von außen. Da kommen Norbert Normal, Stefanie Standard und Mike Middleoftheroad nicht so ohne weiteres hinein. Was also wollen die hübschen Fotos dem Betrachter sagen? So etwas wie "Mit diesen tollen Typen und heißen Schnittchen könntet ihr Schampus schlürfen, wenn euch denn jemals das Glück zuteil werden sollte, vom Türsteher nicht mit einem trockenen 'Sorry, sind schon zu viele Kerle drin. Kommen nur noch Frauen rein' oder 'Ey, das geht wirklich nicht. Deine Frisur ist ja so was von vor 15 Minuten' returniert werdet"? Oder, kürzer formuliert: "Ihr dürft zwar nicht rein, dafür zeigen wir Euch aber gerne, wie schick es bei uns zugeht"?

Ehrlich, ich habe grundsätzlich nichts gegen einen gewissen Grad der Abgrenzung (wenn er zum Beispiel der Identitätserhaltung dient) oder gegen ein bißchen Elite (wenn dafür auch etwas geboten wird) oder gegen ein paar Privilegien (wenn sie mit einem korrekten Pflichtbewußtsein einhergehen). Und genau deswegen schießt mir, wenn ich so etwas sehe, immer nur ein Satz durch den Kopf: 'Dafür mußte Ludwig der Sechzehnte sterben?'

Kommentare:

Cinderella01 hat gesagt…

"Dafür musste Ludwig XVI sterben".
Das ist der Satz des Tages. Denn er ist noch für viele mehr gestorben, die heute vor lauter Wichtigkeit gar nicht mehr laufen können.
Wir werden sie am 3. Oktober alle mit stolzgeschwellter Brust in unserer Kirche St. Michael sitzen sehen.
Und ich bete, dass unsere Novene wirkt.

MC hat gesagt…

Wie ich neulich gelesen habe, geht es hierbei um eine Frage der Ersatzindividualität. Zwar kann der "normale" Mensch diesen Club nicht selbst betreten, er kann dies aber in Gestalt der "Stars" tun, die als Kollektivindividuen das tun, was dem "normalen" Menschen als Teil einer selbst fremden Massengesellschaft verwehrt bleibt. Und damit die Gewöhnlichen besser davon partizipieren, dass ihre "Stars" die Freuden des Clubs genießen, zeigt man sie ihnen.

Natürlich kann eine solche sozial-kommunikative Theorie Personen, die durch religiöse Überzeugung und Einbindung in ein stabiles Kommunikationssystem nicht Teil jener mit sich selbst fremdelnden Massengesellschaft sind als ein an den Haaren herbeigezogene Versuch erscheinen, unbegründete Privilegien pseudo-bedeutender Menschen intelektuell abzusichern.

Anonym hat gesagt…

also ich weiß nicht...meines Wissens kommt man ganz normal rein wenn man hübsch angezogen und nicht betrunken ist und keine "geschlossene Gesellschaft"ist.
Könnte sein dass Sie dem Laden unrecht tun?
Gemma amal in die Eden und reden...:)

Mary

Geistbraus hat gesagt…

ehrlich, das ist immer noch dieselbe Eden, über die der Qualtinger damals gesungen hat??

Alipius hat gesagt…

@ Geistbraus: Genau die!

Friedrich Kuhlau hat gesagt…

@Moderator Alipius:

Also, die "Eden" ist (wenigstens "auf Österreichisch") kein "Nachtclub", sondern eine Bar! Und eine Institution sowieso (schon wegen des Qualtinger-Liedes) ...

"Nachtclub" ist in Österreich haarscharf an (bzw. meist schon über) der Grenze zu "Puff" angesiedelt, und das ist die "Eden" ja nun wirklich nicht! Das frühere "Babylon", ja das war zweifellos ein Nachtclub, den mann mit der klaren Intention betrat, mit einer (oder mehreren) der anwesenden Dienstleisterinnen in nahen Kontakt zu treten.

In der Eden dagegen, da kann man reden, ein bisserl tanzen (wenn's der Arzt erlaubt, Sie wissen schon, wegen des Herzinfarktes und der Haftverschonung!), und sich prominent vorkommen.

Aber sauber gewaschen und mit Anzug und Krawatte kommt da, denke ich mal, jeder rein. Nicht, dass es mich reizen würde, dort unter Society-Ziegen und geldtriefenden Emporkömmlingen zu weilen ... aber wer will, der kann. Und der soll auch, wenn's ihm spaß macht ...

Alipius hat gesagt…

@ Friedrich Kuhlau: Oh, danke für die Aufklärung! Ich wußte nicht, daß "Nachtclub" in Österreich einen so üblen Beiklang hat!