Freitag, 17. August 2012

Singer mal wieder...

Peter Singer (ja, der 28 Tage nach der Geburt"-Typ) hat nun in einem Scotsman-Interview dies hier gesagt (Übersetzung hausgemacht):
    The fallacy in the anti-abortion argument lies in the shift from the scientifically accurate claim that the foetus is a living individual of the species Homo sapiens to the ethical claim that the foetus therefore has the same right to life as any other human being. Membership of the species Homo sapiens is not enough to confer a right to life.

    We can plausibly argue that we ought not to kill, against their will, self-aware beings who want to continue to live. We can see this as a violation of their autonomy, or a thwarting of their preferences. But why should a being’s potential to become rationally self-aware make it wrong to end its life before it has the capacity for rationality or self-awareness?

    [Der Fehler im Anti-Abtreibungs-Argument liegt in der Verschiebung von der wissenschaftlich Korrekten Behauptung, der Foetus sei ein lebendes Individuum der Spezien homo sapiens zu der ethischen Behauptung, der Foetus habe daher das gleiche Recht auf Leben wie jedes andere menschliche Wesen. Mitgliedschaft in der Spezies homo sapiens ist nicht genug, um das Recht auf Leben zu übertragen.

    Wir können plausibel argumentieren, daß wir keine Wesen töten sollen, die sich ihrer selbst bewußt sind und weiter leben möchten. Wir können dies als eine Verletzung ihrer Autonomie oder ein Durchkreuzen ihrer Prioritäten betrachten. Aber warum sollte das Potential eines Wesens, einst sich seiner selbst bewußt zu werden, es falsch machen, sein Leben zu beenden, bevor es die Fähigkeit zur Rationalität oder zur Eigenwahrnehmung hat?
Knackpunkt im Interview ist das Leben der Mutter: Sie ist ein Mensch, der sich seiner selbst bewußt ist und leben möchte. Wenn das Leben im Bauch "vitalen" Interessen im Weg ist, dann darf es abgetrieben werden.

Mir fällt vor allem die kalte Sprache der Rechtfertigung auf: "Verletzung ihrer Autonomie" oder "Durchkreuzen ihrer Prioritäten".

Wie wär's mit "Beendigung eines Lebens"?

Natürlich hat sich - zumindest meinem Empfinden nach - die Antwort auf die Mutter-oder-Baby-Frage in der öffentlichen Meinung etwas mehr zugunsten der Mutter verschoben. Und ich habe vollstes Verständnis für jeden Arzt, der das Leben der Mutter retten will, jeden Ehemann, der seine Frau nicht verlieren will und jede Frau, die am leben bleiben will. Aber es gibt in bestimmten Situationen eben einen hohen Preis zu zahlen, und wir sollten daher nicht so tun, als ginge es hier um "Autonomie" oder "Prioritäten".

Hier geht es um das Leben und in der Folge um die Frage, ob wir es uns leisten wollen, den Fuß in das eiskalte Wasser des Utilitarismus zu stecken und Kriterien zu definieren, anhand derer wir künftig entscheiden wollen, welches Leben mehr wert ist. Natürlich werden von Abtreibungsbefürwortern immer gerne in Lebensgefahr schwebende Mütter als Postergirls für die Sache herangezogen. Aber wenn ich höre, daß Singer noch 2001 der Meinung war, man könne ein Baby vielleicht auch 28 Tage nach der Geburt umbringen, dann weiß ich, in welche Richtung der Zug fahren soll.

[HT: LifeSiteNews.com]

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Wirklich autonom ist ein sehr intelligenter Mensch mit guten praktischen Fähigkeiten frühestens mit zwölf oder dreizehn Jahren. Nicht mehr autonom ist ein pflegebedürftiger Greis. Und dazwischen liegen noch jede Menge nicht ohne viel Hilfe lebensfähiger Menschen - Kranke und Behinderte.
Das grenzt das Lebensrecht nach Singer notwendig noch weiter ein.

Juergen hat gesagt…

Die sog. "medizinische Indikation" (Gefahr für die Mutter) ist ein schlechtes Argument, genauso wie die kriminologische Indikation (z.B. Vergewaltigung).

Die Statistik über die Zahlen gibt es dort: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Schwangerschaftsabbrueche.html

von rund 109.000 Abreibungen im Jahre 2011 entfielen nur etwa 3% auf die med. Indikation und die 25 Stück, die auf die krim. Ind. entfielen, lassen sich kaum noch in Prozentzahlen ausdrücken.

Richelieu88 hat gesagt…

Ein weiterer Knackpunkt seiner Abtreibungsargumente ist nach dem Kritiker Donals Marquis (http://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Bagley_Marquis) der, dass überhaupt die Vorstellung, dass hier ein mögliches rationales Wesen entsteht, völlig ausgeblendet wird. Singer fordert also ein "treiben wir es ab, solange es nicht strafbar wird - aus irgendwelchen Gründen auch immer". Dass es heute Menschen gibt, die nicht gerade erfreut sind, wenn sie erfahren, dass man sie eigentlich abtreiben wollte, davon hat dieser "Philosoph" wahrscheinlich noch nicht gehört. Man könnte ja unliebsame Schlüsse daraus ziehen...

Gerd hat gesagt…

Der Satz, dass eine Mitgliedschaft in der Spezies homo sapiens nicht genug sei um das Recht auf Leben zu beanspruchen, entlarvt Singer als knallharten Selektierer. Wie er dann plausibel erklären will, dass wir keine Wesen töten sollen, die sich ihrer selbst bewusst sind und weiter leben wollen, bleibt dann wohl sein persönliches Geheimnis.

Juergen hat gesagt…

Die Denkweise von Singer geht auf Locke zurück, der schrieb: „Um zu erkennen, worin die mögliche Identität besteht, müssen wir erwägen, was Person bedeutet; und ich denke, das ist ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegungen besitzt und sich selbst betrachten kann, als dasselbe denkende Wesen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, wozu es nur mit Hilfe des vom Denken untrennbaren und diesem […] wesentlichen Bewusstsein imstande ist, indem es niemandem möglich ist, etwas wahrzunehmen, ohne zugleich wahrzunehmen, dass es wahrnimmt.“

In der klassischen Philosophie ist jede Mensch eine Person und umgekehrt.
Hier wird nun eine Trennung von Menschsein und Personsein vorgenommen.

Ist so eine Trennung erstmal gedacht, dann kann man auch Personenrechte von Menschenrechten trennen.

Das Lebensrecht spricht man nur noch Personen zu und gemäß der Defintion, die auf das Selbstbewußtsein zurückgreift, sind eben nur sich selbst bewußte Menschen auch Personen.

Ungeborene, kleine Kinder, demente Alte, können dann ganz schnell durch's Raster fallen.

Im Gegenzug könnte man dann aber vielleicht manchen Tieren ein Personsein zusprechen – Schlagwort: „Menschenrechte für Menschenaffen“

Braut des Lammes hat gesagt…

Diese Geschichte mit den Optionen und durchkreuzten Möglichkeiten zieht sich durch diese gesamte "Szene" der Abtreibungsbefürworter. Ich war hier schon mal getollschockt, mit welcher Kaltschnäuzigkeit man von ABC (wobei A für Abortion steht) und den "pregnancy related options" spricht). Die Tötung eines Ungeborenen erscheint in deren Sprachgebrauch und Weltbild als eine gleichwertige Möglichkeit unter anderen.

http://brautdeslammes.blogspot.de/2011/12/maybe-baby-bilder.html

Cassandra hat gesagt…

"Aber es gibt in bestimmten Situationen eben einen hohen Preis zu zahlen"

Ja.

Kurzer "Praxisbericht":
mein Kind ist jetzt 1,4 cm groß und hat ein sich entwickelndes Herz, was schlägt.

Ich... naja, ich zahle den Preis. Hyperemesis gravidarum. Mittlerweile sind wir bei "blutender Speiseröhre".

Wäre ich lieber gesund? Aber sicher!!
Aber Leben steht höher als eine Krankheit (die mich zugegebenermassen zum Jammerlappen macht), die wieder vorbeigeht. Spätestens Ende März...

Ich weiss, dass Frauen mit solchen Schwangerschaftsverläufen gerne zur Rechtfertigung von Abtreibung herangezogen werden. Das von jemandem zu "verlangen" ist auch 'ne harte Nummer.
Was dabei nie besprochen wird ist, dass es auch Möglichkeiten gibt, eben solchen Frauen ganz praktisch zu helfen, das löst zwar das problem Hyperemesis nicht, lindert aber die Auswirkungen. Wenn es bei der Sache also um das Wohl der Frau ginge und das eigene Mitfühlen, dann könnte man aktiv werden indem man zB mit der gleichen Energie, die heute in den Bereich "Verteidigung von Abtreibungsrechten" fliesst, die Krankenkassen belämmert, mehr Erholungskliniken einzurichten, lockerer mit der Bewilligung von Haushaltshilfe zu sein oder endlich wieder die entsprechenden Medikamente verordnungsfähig zu machen.
eht es aber nicht, also unwichtig.

Bisher hat es mir noch keiner vorgeschlagen, aber als der "Spass" das erste Mal losging hiess es öfter "Unterbrechung wäre doch eine Lösung". Ey, Unterbrechen klingt gut... einfach mal wieder 'ne Woche gesund sein, vernünftig essen und dann mit frischer Kraft weiter. Pause machen halt. Das klappt aber nicht, man kann nicht einfach so "unterbrechen" und dann weitermachen!
Solche Vorschläge belasten zusätzlich.

So, genug gejammert. Für Gebete bin ich zur Zeit mehr als dankbar. Ebenso wie für's Jammern-ertragen.

Anonym hat gesagt…

Seit der Antike definiert man Person ungefähr als (mit Boëthius) »rationabilis naturae individua substantia«.

»Rationabilis naturae« wären hier nicht nur Menschen, sondern z. B. auch Engel (und wohl auch diverse andere Lebensformen, die es zumindest nach antiker bzw. mittelalterlicher Anschauung gab, die aber heute nicht mehr als jemals tatsächlich existente Lebensformen angenommen werden). Also von wegen Speziesismus ...

Die »Rationalität« muß nach diesem Verständnis natürlich nicht aktualisiert sein, wieso denn auch? Singers Geheimnis bleibt hier nämlich, wie er es unter seinen Bedingungen irgendwie nachvollziehbar rechtfertigen will, daß man Personen, bei denen das Vermögen dazu (zur Rationalität, Interessen etc.) vorübergehend nicht aktualisiert ist, nicht einfach währenddessen töten darf? Wie sieht es mit Personen aus, die nur vorübergehend ins Koma versetzt wurden? Ja sogar: Wie sieht es mit Schlafenden im Tiefschlaf, also einem quasi-vegetativen Zustand, aus? Ist das Töten in solchen Fällen nach Singer moralisch gerechtfertigt? Wenn nicht, wieso denn nicht? Die sind sich doch in diesem Augenblick nicht ihrer selbst bewußt und verfügen gewiß nicht über mehr Eigenwahrnehmung als ein gerade noch ungeborenes Kind …

Also so problemlos, wie sich Singer das (vielleicht) vorstellt, kann man das Aktualisiert-sein des betreffenden Vermögens nicht zur notwendigen Bedingung erklären.

Was ich mich bei Singer immer frage: Wieso um alles in der Welt sollte überhaupt jemand gerade seine Definition des Personenbegriffs anerkennen? Welche Rechtfertigung aus der Sache, die nicht einfach aus einem eher ungustiösen Interesse, das manche Leute leider nun einmal am Austilgen von irgendwie unliebsamem Leben haben, entspringt, kann Singer vorbringen? Denn wenn gilt:

»Mitgliedschaft in der Spezies homo sapiens ist nicht genug, um das Recht auf Leben zu übertragen.«

Wieso sollen dann die von ihm genannten Eigenschaften plötzlich genug sein? Einfach nur, weil Singer zuvor den Personenbegriff aus einem Interesse, das er daran hat, so hingebogen hat, daß er genau auf das und ausschließlich auf das, was seinem Verständnis von Person entspricht angewandt werden kann, ihn in seinem Fall also eingeengt hat und das dann einfach als seine Grundlage voraussetzt?

Bei solchen wie Singer kommt es nur auf die Diskurshoheit an: Wer die Begriffe definiert, der bestimmt, was lebenswert ist und was nicht. Mit »Autonomie« hat das letztlich nichts zu tun, sondern nur mit den Interessen derer, denen es gelungen ist, die Begriffe in ihrem Sinne zu definieren.