Dienstag, 21. August 2012

Frage:

Wie kommt es eigentlich, daß in den modernen Gerichtshöfen der Kommentarboxen und Internetforen jede üble Tat, die irgendein sich als schlechter Mensch erweisender Christ jemals irgendwo verübt hat, sofort dem Christentum als solchem angehängt wird (und hier vorzugsweise dem Katholizismus), und jede üble Tat, die ein sich als schlechter Mensch erweisender Nicht-Christ jemals irgendwo verübt hat, mit den dem Christentum/Katholizismus angehängten Taten verglichen und als dann doch irgendwie verblassend ergo harmlos abgetan wird?

Kommentare:

Cicero hat gesagt…

Frag doch mal allgemeiner:
Woher kommt dieser unbändige, unreflektierte und zumeist völlig irrationale Hass auf die Kirche?

Cinderella01 hat gesagt…

In den Foren der MSM könnte es aber auch daran liegen, dass dort überwiegend das Callcenter des Neuen Deutschland unterwegs ist. Ich war beim SPON ja ein paar Jahre im Forum aktiv (habe dann wegen der Zensur aufgehört) und man konnte dort sehr genau beobachen, wie die Antworten gesteuert werden.
Und dass die Linken nicht gut auf die Kirche zu sprechen sind, sollte uns nicht überraschen: Es war Johannes Paul II, der den größten Anteil am Verfall des Kommunismus hat.

Juergen hat gesagt…

Mein hochgeschätzter Dogmatikprofessor schrieb einmal in dem Artikel "Die Totalität der Geschichte und ihre Befreiung" von Dieter Hattrup; erschienen in dem Buch Geistliche und weltliche Macht. Das Paderborner Treffen 799 und das Ringen um den Sinn von Geschichte, welches anläßlich des 1200jährigen Bistumsjubiläums in der Reihe "Paderborner theologische Studien" als Bd. 27 erschienen ist.

Es gibt einen bizarren Autor in Deutschland, der Spezialist für die Anklage der Kirche ist und sein tägliches Brot damit verdient. Seit Jahren sammelt er die Schatten des Christentums ein uns schreibt einen Band nach dem anderen unter dem Titel: 'Kriminalgeschichte des Christentums'. Er bringt keine neuen Tatsachen ans Licht, aber er sammelt Schatten, möglichst ohne das Licht auch nur zu erwähnen, das diesen Schatten wirft. Es gibt zwar auch Kriminalgeschichten im Allgemeinen, welche die Verbrechen der Barone, der Bäcker, der Richter schildern, aber das sind historische Spezialuntersuchungen und keine Anklagen, sie treffen keine Lebenden. Niemanden gibt es, der sich mit den Baronen, Bäckern oder Richtern von damals identifiziert. Nur bei der Kirche ist das anders, die heutige ist 100% die damalige, deshalb bekommen die historischen Anklagen eine solche Schärfe. So unangenehm das für diejenigen ist, die zur Kirche gehören, weil sie die Kirche lieben: Es ist gut so! Erst durch die Fremdanklage, gegen die ich mich nicht wehre, bekommt die Geschichte einen Sinn und behält ihn. Werde ich angeklagt, so bin ich. - Accusor ergo sum. Ich beginne den Sinn des Lebens zu spüren und die Lasten zu tragen.

ultramontanus hat gesagt…

Weil bestimmten Akteuren von vornherein das Attribut "gut" oder "böse" zugeteilt ist. Das ist fest in den Köpfen verankert und wird praktisch nicht hinterfragt. Der Verstand nimmt in der Regel nur Argumente und Tatsachen wahr, die diese Sicht stützen.

Das ist normal und war wohl immer schon so. Mit der Zeit ändern sich nur die Zuordnungen.

Heutzutage gehört Kirche per se zu der Gruppe, die das Attribut "böse" trägt. Wenn nun ein Element der Gruppe "neutral" oder "gut" mit Kirche verglichen wird, darf dieser Vergleich die prinzipiellen Zuordnungen nicht infrage stellen. Im Ernstfall werden dann halt alle möglichen Verdrängungsmechanismen ingang gesetzt.

Severus hat gesagt…

"Die Menschen haben Verachtung für die Religion; sie hassen sie und haben Angst, sie sei wahr."
Blaise Pascal

Ameleo hat gesagt…

Ich finde es lohnend, die Frage sehr ernst zu nehmen und nicht nur rhetorisch zu verstehen. Mir scheint, nach wie vor wird von uns Christ_innen ein besonders ethisches Verhalten erwartet. Immer noch wird uns wie eine Art Vorurteil zugetraut bzw. unterstellt, dass wir uns besonders korrekt an die Gebote/Gesetze halten, was ja auch der Anspruch eines/einer jeden und der Kirche als ganzes sein sollte, aber manchmal auch in eine gewisse Arroganz umschlagen kann, wenn vergessen wird, dass jede_r immer zugleich sündhaft und heilig ist. Außerdem wird uns eine enge Bindung an unsere Institution nachgesagt, die ebenfalls den Anspruch hat, moralische Maßstäbe zu setzen und andere danach zu beurteilen.

Kommt an Licht, dass ein_e Christ_in/Katholik_in nicht moralisch gehandelt hat, gibt es Spott und Häme, weil es mit dem öffentlichen und vorgestellten Bild nicht übereinstimmt. Der/die einzelne wird dabei mit dem Gesamt identifiziert. Bei Politiker_innen passiert manchmal ähnliches. Sie stehen dann für die Regierung.

Anderen Religionen gegenüber gibt es andere Vorurteile. Nicht-Gläubige dagegen sind kaum fassbar, kaum organisiert. Sie kann man mit keinem größeren Verbund identifizieren. Ihr Verhalten kann daher nur individualisiert betrachtet werden und wird so schnell marginal.

Nepomuk hat gesagt…

Ach, ich würde zur Beruhigung raten. Ich halte es inzwischen mit Manfred Lütz: Für manche psychischen Probleme ist die Kirche einfach unverzichtbar...

Ester hat gesagt…

Ich würde ganz einfach sagen, das man (Und auch viele innerkirchliche "man") nicht begriffen haben, das Christus das durchaus ernst meint, wenn er sagt "Ich bin gekommen die Sünder zu berufen!"
Im übrigen danke ich Juergen für das Zitat seines Dogmatikprofessors.

Richelieu88 hat gesagt…

Habe gerade heute mittag ein Posting geschrieben, das in die Richtung geht: http://richelieussammelsurium.blogspot.de/2012/08/uber-das-mittelalter-senkte-sich-die.html

Ein Historiker hat ein Buch verfasst, in dem (wieder mal) der Kirche die Schuld für den Untergang der Antike zugeschoben wird. Als Beispiele werden nur die schrägsten Vorkommnisse hinzugezogen, ansonsten wird mit allem möglichen geworfen, was wenig oder nichts damit zu tun hat.

Meine Meinung zu der Frage: Stimme ultramontanus zu. Manche Leute haben sich eine eigene Welt in Form einer Schwarz-Weiß-Argumentation zusammengebastelt und versuchen sie mit allen möglichen "Beweisen" zu verteidigen. Vor allem gilt die oberste Regel: Die KIRCHE MUSS böse sein, sonst muss ICH mich rechtfertigen.

Phil hat gesagt…

"Sehen Sie, überall, wo eine Menschenseele sich aalt und wohlfühlt im Nebeneinander und Miteinander, umgeben vom Rechts und vom Links, eingelullt, eingehüllt in die Masse, dort wird in ihr langsam ein Haß wach, ein Haß gegen alles Große, Edle, Erhabene und Schöne. Und eine ungeheure Liebe zum Gewöhnlichen, Platten und Banalen." - Hans Milch

Josef Bordat hat gesagt…

Das, was Du in der Frage beschreibst, gehorcht der Feindbildlogik. Ein Feindbild gegenüber X (=Katholiken) zeichnet sich aus durch:
1. De-Individualisierung bzw. Pauschalisierung (Alle X sind a.),
2. Entpersonalisierung (Xe sind keine mir gleichwertigen Wesen.),
3. Misstrauen (Auch wenn X etwas sagt/plant/tut, dass auch ich für gut/richtig/wahr halte, hat X dabei böse Motive oder Hintergedanken.),
4. Entweder-Oder-Denken (X kann nicht Recht haben, denn ich habe Recht.),
5. Nullsummen-Ansatz (Was X schadet, nützt mir; was X nützt, schadet mir.),
6. Nulltoleranz-Denken (Jeder, der X toleriert oder gar respektiert, macht sich mitschuldig an dem Bösen, das durch X in die Welt kommt.),
7. negative Antizipation (Was auch immer X vor hat, sie/er will mir schaden.) und
8. die Unterstellung mangelnder Aufrichtigkeit bei der Deutung der strittigen Begriffe bzw. die eigene Deutung der Deutung des Anderen (X sagt a, meint aber eigentlich b, so kann X es überhaupt nur meinen, denn nur b passt in mein Bild von X.).
Vor, hinter und über all dem steht die totale Empathieverweigerung – Motto: X und mich verbindet nichts. – als Ergebnis von zu wenig Differenzierung (X ist immer a.) und zu viel Dichotomisierung (X ist a, ich bin non-a.).

Als ich ein kleiner Junge war, war X „der Russe“ oder „die da drüben“. Überzeugt hat mich das damals schon nicht. Und heute tut es das erst recht nicht. Umso erstaunlicher, wie sehr diese Logik immer noch funktioniert, sowie X für „Katholiken“ oder „Christen“ steht. Offenbar braucht der Mensch ein Feinbild, und wenn es im Zeitalter der Globalisierung keine (schlichten) weltlichen Konflikte mehr gibt, dann kommen die geistlichen gerade recht. So wie die Wertedebatte nach 1990 die Ideologiedebatte ersetzt hat, ersetzen wir dem Westen heute den (weitgehend unbekannten) Feind „da drüben“.

JoBo

Anonym hat gesagt…

Mir scheint Ameleos Erklärung sehr logisch. Christen (sofern sie als solche wahrnehmbar sind, also im Moment z. B. in ihrer Eigenschaft als Bischof von Limburg) müssen sich an den Werten ihrer Religion messen lassen. Dazu bekennen sie sich schließlich auch selbst, nicht selten mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl.
Nichtgläubige sind eine viel diffusere Gruppierung, viel schwerer einander zuzuordnen.
Ich habe allerdings den Eindruck, das Thema Religion spielt nur dort eine Rolle, wo die Betroffenen selbst sie sich auf die Fahnen schreiben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das letzte Mal, als ich eine Zeitung aufgeschlagen habe, Sachen zu lesen wie: "Anders als man von getauften Christin X erwarten dürfte, hinterging und bestahl sie alte Menschen an deren eigener Eingangstür", oder "Mit 3,4 Promill überfuhr Y einen Passanten und beging Fahrerflucht - dabei gleich mehrere Sünden begehend, die ihm als Christen schwer auf dem Gewissen liegen dürften.".

Im Übrigen schießt sich der Spiegel gerade ziemlich auf den Bischof von Limburg ein, natürlich wäre Franz von Assisi wahrscheinlich nicht Business/First Class geflogen, wenn es schon Flugzeuge gegeben hätte, aber Franz is kaner, auch nicht unbedingt ein Bischof von Limburg. Sommerloch vielleicht.