Sonntag, 12. August 2012

E P I S C H ! ! !


Schreibt ein Herr Stamm im Schweizer Tages-Anzeiger auf seinem Blog mit dem Titel Sekten-Blog über Sportler, die während der Olympischen Spiele aus ihrem Glauben keinen Hehl machen und sich bekreuzigen oder von Gott reden:
    Diese Glaubensbezeugnisse haben mit Sport nichts zu tun und sind für alle ein Ärgernis, die einen andern oder keinen Glauben haben. Die strenggläubigen Christen in den olympischen Sportarenen nutzen das weltweite Publikum, um für ihren Glauben zu missionieren. Dass sie dabei den kindlichen Glauben demonstrieren, Gott begleite und beschütze sie während des Trainings und bei den Wettkämpfen – ja, er trage sie ins Ziel und zum Sieg – entlarvt ihr beschränktes Bewusstsein. Als hätte Gott nichts Besseres zu tun, als Olympiasieger zu küren. Die gläubigen Sportler würden ihren Gott besser bitten, seine Kraft darauf zu verwenden, hungernde Kinder zu ernähren. Die Spitzenathleten zeigen damit, dass strenggläubige Menschen oft sehr egozentrisch sind und den Anspruch haben, Gott müsse ihnen für noch so nichtige Dinge zur Verfügung stehen.
U-VOR-f*ckin'-STELLBAR!

Ich habe keine Ahnung, was für ein Label Herr Stamm an der Stirne hat, ob er sich als Skeptiker, Agnostiker oder Atheist bezeichnen würde.

Aber was auch immer er ist: Er hat hier einen in seiner Peinlichkeit fremdschamerregenden Nachweis erbracht, daß - zumindest im Vergleich "Gott dankende Sportler" und "Paranoid schäumende Schreiber" - die Bringschuld in Sachen Gesunder Menschenverstand eindeutig auf Seiten der Letzteren liegt.

Herr Stamm will keine religiösen Bekenntnisse, weil sie Anders- und Nichtgläubigen ein Ärgernis sind. Nun, Andersgläubige - wie z.B. bei den iranischen Gewichthebern gesehen bzw gehört - werden sich schlicht an einen anderen Gott wenden (daher der Begriff: Anders-Gläubige = An einen anderen Gott Glaubende), und ich bin mir sicher, daß auch Nichtgläubige jemanden finden werden, dem sie für einen Erfolg bei den Olympischen Spielen danken können.

Falls Herr Stamm allerdings meint, das Ärgernis sei auch und vor allem auf Seiten der anders- oder nichtgläubigen Zuschauer, so kann ich nur anworten: Ja, schade, aber damit müßt Ihr wohl leben!

Andersgläubige Zuschauer werden, da sie ja gläubig sind, das schon verkraften können, denn das Prinzip ist ihnen ja bekannt, und bei ihren eigenen Athleten werden sie sicherlich nichts dagegen haben.

Nichtgläubigen Zuschauern sei dieses gesagt: Die Athleten mühen sich tagaus-tagein ab, um für sich und für ihr Land bei den Olympischen Spielen im entscheidenden Moment etwas herauszuholen und insgesamt einen guten Eindruck zu hinterlassen. Die Athleten sind diejenigen, warum die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden können. Wenn dann irgendwelche Zimperlieschen im Publikum einen Herzkapser bekommen - oder besser gesagt: aus Ideologiegründen simulieren - nur, weil sich irgendwo irgendwer bekreuzigt oder im Interview Gott für den Sieg dankt, dann kann ich mir nur an den Kopf greifen und denken "Weia!"... Da geht ein gläubiger Athlet hin und wagt es, in seiner Freude über einen Sieg, nachdem eine gewaltige Last von ihm abgefallen ist, seinem Glauben - der ihm wohl einiges bedeuten dürfte - Ausdruck zu verleihen. Und schon miesepetert es aus der Atheisten-Ecke: Das ist aber ein Ärgernis! Das sollte es aber nicht geben!

Aber, selbstverständlich: Der "strenggläubige" Mensch ist "oft sehr egozentrisch"... Denn der strenggläubige Mensch manipuliert mit seiner Geste die Massen, setzt sie unter Druck, fordert in seiner Engstirnigkeit etwas für sich. Während der nichtgläubige Schreiber, der solche Gesten gerne verbannt sähe, natürlich keineswegs egozentrisch ist, sondern ein Kämpfer für... ja, für was eigentlich? Naja, was auch immer es sein mag, der Kampf wird ziemlich unfair werden. Denn schließlich muß nur irgendwo irgendwer ein Kreuzzeichen machen und die herantobenden Atheistenmassen werden jammernd und zährend vor "Ärgernis" zu ohnmächtigen Salzsäulen erstarren.

Immer wieder gut zusehen, daß es die mit dem "Kindlichen Glauben" sind, die sich nur an Gott festhalten, weil sie eine Krücke brauchen... Mit der schaffen sie es dann immerhin in Medaillen-Zeiten über diverse Ziellinien, während die weisen, aufgeklärten Nichtgläubigen noch jängern und sich nach Hilfe umschauen.

Die Phantasieloigkeit eines ideologisch indoktrinierten Gehirns zeigt sich besonders schön in dem Satz "Die gläubigen Sportler würden ihren Gott besser bitten, seine Kraft darauf zu verwenden, hungernde Kinder zu ernähren". Ja, weil das Eine das Andere natürlich ausschließt.

Probe auf's Exempel: Wenn Glaubenszeugnisse "mit Sport nichts zu tun" haben und man seine Prioritäten gefälligst weise wählen soll, warum müssen wir dann im Sekten-Blog dabeisein, wenn ein Flimmflämmchen wegen einiger Kreuzzeichen Tränen verschüttet?

Wären diese grenzgefolterten chinesischen Kinder für jemanden, der seine Prioritäten richtig setzt, nicht eher ein paar Zeilen wert, wenn es um das Thema geht "Was hat mit Sport etwas zu tun und was nicht?"

Ganz großes Kino, Herr Stamm!

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Der mit Unlogik brillierende Herr Stamm regt mich weniger auf als die Bilder von gefolterten Kindern.
Einfach grauenhaft, die armen Kleinen tun mir dermaßen Leid. Das Olympische Komittee täte gut daran, ein wenig auf die Ausbildungsmethoden der teilnehmenden Länder zu schauen.

Arminius hat gesagt…

Das ist eine sehr gute Frage. Warum füllt der Mann seinen Blog nicht ausschließlich mit Beiträgen zum Thema hungerde Kinder?

Von deren Bilder wird er offensichtlich nicht so stark in seiner nihilistischen Selbstverwirklichung beeinträchtigt wie vom Zeichen des Kreuzes. Nicht ganz uninteressant.

sophophilo hat gesagt…

Man könnte auch fragen, was denn die pompösen und zuweilen neopagan anmutenden Eröffnungszereminien der olympischen Spiele mit Sport zutun haben und ob die Millionen, die das kostet, nicht lieber in die Mägen verhungernder Kinder investiert werden sollten...: http://www.boston.com/bigpicture/2012/07/olympics_2012_opening_ceremoni.html

Anonym hat gesagt…

Es ist ja wohl mehr als selbstverständlich, das gläubige Menschen prägende Inhalte ihres Lebens (etwa die tägliche Arbeit oder das hauptsächliche Hobby) mit Gott verbinden. Warum soll das bei Sportlern anders sein?
Besonders witzig fand ich den Hinweis auf die Muslime. Als ob die nach einem Sieg nicht beten würden! Mohammed Farah hat das natürlich nach beiden Siegen auch gemacht, warum auch nicht?

Anonym hat gesagt…

Noch alberner erscheint mir aber dieser moralische Zeigefinger mit den hungernden Kindern. Warum denke ich nicht über hungernde Kinder nach, anstatt diesen Kommentar zu schreiben oder auch meine Arbeit zu tun? Warum schreibt Herr Stamm so etwas, anstatt hungernden Kindern zu helfen? Das kann man doch bei jeder Tätigkeit sagen!

Cassandra hat gesagt…

Wer hat dem Mann eigentlich eingeflüstert, dass die Sportler nur über sich selbst mit Gott reden?
Im Interview nach dem Sieg fragt der Reporter nach dem Befinden des Sportlers- nicht, ob er diese Woche schon mal mit Gott über hungernde Kinder gesprochen hat.

Ich (dünnhäutig und rührselig) habe mitgeheult als Meseret Defar ihr Heiligenbild hervorgeholt hat.

Und nebenbei finde ich es ziemlich dickhäutig wenn jemand, der anscheinend Europäer ist, einer 1983 geborenen Äthiopierin vorwirft, Hungersnöte zu ignorieren.

Anonym hat gesagt…

Sehr doofe Argumentation des Tages-Anzeiger-Artikels. In einer offenen, demokratischen Gesellschaft muss man aushalten können, dass manche ein Kreuzzeichen machen, bevor der Hürdenlauf startet, während andere ihren glücklichen Schlüsselanhänger umklammern, Allah preisen oder ins Blaue hinein um den Sieg flehen, ohne einen rechten Ansprechpartner zu haben. Das ist kein Ärgernis oder Missionierungsversuch, das ist einfach ein persönlicher Ausdruck dessen, was einer glaubt, und das muss eine demokratische Gesellschaft, die sich auf die Menschenrechte beruft, aushalten.

Im Übrigen - so viele von den katholischen Bloggern fühlen sich immer wieder durch Lebensäußerungen einer säkularisierten Gesellschaft sehr angegriffen, die müssten doch eigentlich ein gewisses Verständnis für den Herrn aufbringen können...

Anonym hat gesagt…

"Ich (dünnhäutig und rührselig) habe mitgeheult als Meseret Defar ihr Heiligenbild hervorgeholt hat."

Ja, da habe ich auch Rotz und Wasser geheult.

Gut, daß ich da nicht alleine war. :-)

Frau Molly