Freitag, 27. Juli 2012

Soll Blasphemie bestraft werden?

Martin Mosebach hat den Stein in der Frankfurter Rundschau ins Rollen gebracht. Robert Spaemann äußerte sich vorgestern in der FAZ ebenfalls zum Thema. Die Frage: Soll Blasphemie vom Staat bestraft werden?

Ich sehe dieser Frage drei andere Fragen vorgeschaltet:
  1. Wird Gott durch blasphemische Sprüche oder Bilder beleidigt?

  2. Welche Formen müssen Blasphemie bzw. die Reaktionen auf Blasphemie annehmen, um den Staat in die Situation zu bringen, Strafen zu verhängen, und gegen wen werden diese Strafen verhängt?

  3. Bleiben Christen sich selbst treuer, wenn sie am Lieben und Leiden festhalten und nicht das Strafen und Rächen wählen?

Meine (ganz persönlichen und daher nicht den Anspruch der End-all-be-all-Gültigkeit erhebend) Antworten:
  1. Ich denke nicht. Ich bin hier natürlich auf meinen Glauben angewiesen und auf das, was ich durch Jesus Christus über unseren Dreifaltigen Gott weiß. Und da sehe ich ein Wesen, welches sich jenseits des Beleidigt-Sein-Könnens befindet. Dies nicht aus Arroganz (denn Gott befindet sich auch jenseits der Arroganz), sondern einfach aufgrund seiner Natur: Dort, wo die unveränderliche, einfache, väterliche, liebende Allmacht ist, dort ist einfach kein Platz für Beleidigt-Sein. Für mich sind auch die Strafen, die den nicht reuigen, aber bewußt handenlden Sünder befallen (in diesem Leben oder im nächsten) auch keine zickigen Racheakte eines grollenden Gottes, sondern Folgen des falschen Gebrauchs der menschlichen Freiheit, die der Mensch sich so automatisch zuzieht wie der Katholik die Exkommunikation bei einer Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat oder einer Hostienschändung.

  2. Wenn Gott nun also nicht wirklich beleidigt werden kann, so gilt es zu schauen, warum Blasphemie überhaupt als strafwürdiges Delikt gedacht werden kann. Es müssen ja folglich die Gläubigen sein, welche durch Blasphemie beleidigt, wenn nicht gar in ihrer Würde verletzt werden oder sich zumindest verletzt fühlen. Praktische Beispiele gibt es in der islamischen Welt, wo Blasphemie nicht selten mit dem Tode bestraft wird. Warum? Weil man dort einen Gott anerkennt, der beleidigt werden kann? Oder weil man dort einen Glauben pflegt, der den Leuten so heilig ist, daß eine versuchte Beleidigung Gottes eine tatsächliche Beleidigung der meisten Gläubigen ist? In einer solchen Gesellschaft wäre eine radikale Wendung hin zur Straffreiheit von Blasphemie erst möglich, wenn diese Gesellschaft sich nicht durch Einwirkung von Gesetzen sondern durch ein Umdenken und Umlernen bis hinein in die hintersten Ecken ihrer Mitglieder umgestaltet hat. Wenn in Pakistan morgen das Blasphemie-Gesetz fällt, wird es übermorgen dennoch demjenigen nicht gut ergehen, der der Blasphemie beschuldigt wird (ob die Anschuldigung nun zutrifft oder nicht). In einer solchen Gesellschaft muß Blasphemie bestraft werden, um der vorherrschenden Stimmnug unter der Mehrzahl der Gläubigen gerecht zu werden. Mehr noch: In einer solchen Gesellschaft müßte Blasphemie strikt von staatlicher Seite behandelt werden, um mehr Ruhe zu gewährleisten. Denn wenn nur der Staat entscheidet, was Blasphemie ist und wenn nur der Staat Urteile spricht und vollstreckt, dann bleibt die Gosse ruhig, wenn sie sich selbst bei Zuwiderhandlung einer empfindlichen Strafe ausgesetzt sieht.

    Nun leben wir aber in Deutschland und nicht in Pakistan. Hier ist es üblich, daß auch ziemlich bis gänzlich geschmacksfreie Blasphemie von den Christen selten bis nie gerächt wird. Und wenn sie gerächt wird, dann geschieht es an dem Werk, welches den Unmut auslöst, und nicht an dem jenigen, der für das Werk verantwortlich ist. Wo genau hier die Grenze zu ziehen ist zwischen Meinungs- bzw Kunstfreiheit auf der einen Seite und dem Recht des gläubigen Menschen auf Respekt gegenüber seiner Religion, da scheint man sich nicht so wirklich einig zu sein. Die Formulierung mit dem öffentlichen Frieden ist auf dem Papier klar, in der Praxis aber schwammig, weil der öffentliche Friede nicht schon durch die Blasphemie gestört wird, sondern streng genommen erst durch die Reaktionen darauf. Natürlich ist die Blasphemie selbst der Auslöser der Störung des öffentlichen Friedens, aber es läßt sich - denke ich - heute schon sagen, welche Gruppen auf eine Verächtlichmachung ihres Glaubens oder ihres Gottes mit Aktionen reagieren, welche sich als Störung des öffentlichen Friedens einsortieren lassen.

    Der Staat kann sich nun entscheiden, was er wann wie bestrafen will: Will er die Blasphemie bestrafen oder die Reaktionen auf die Blasphemie, wenn diese so ausfallen, daß der öffentliche Frieden gestört wird? Wenn er die Blasphemie bestrafen will, will er sie immer bestrafen oder nur dann, wenn sie sich gegen eine Religion richtet, deren Anhänger sich in der Vergangenheit als klassisch dünnhäutig erwiesen haben? Wenn er nur die Blasphemie gegen eine Religion mit dünnhäutigen Anhängern bestrafen will, müssen wir Christen dann anfangen zu prügeln, zu schießen und zu bomben? Ich hoffe doch, daß dies nicht der Fall sein wird. Um hier einheitlich zu handeln, müßte der Staat also die Blasphemie bestrafen und nicht die (überzogenen) Reaktionen darauf. Dies aber würde bedeuten, daß der Staat sich anmaßt, mir zu sagen, daß ich beleidigt oder in meiner Würde als gläubiger Katholik verletzt bin, selbst wenn ich das gar nicht so empfinde. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dieser Situation einverstanden wäre.

  3. Ja! Denn ein Teil der radikalen und daher weltumspannenden Botschaft unseres HErrn Jesus Christus ist und bleibt die Feindesliebe. Das bedeutet nicht, daß wir einfach stumm und tatenlos alles mit uns machen lassen. Sondern es bedeutet, daß wir dort, wo Gewalt und Zwietracht aufkeimen, mit dem liebenden Beispiel unseres HErrn vorangehen sollen, um der gewaltstrotzenden und zwietrachtschwangeren Welt DEN anderen Weg zu zeigen. Überhaupt wäre dies vielleicht ein Ansatz: Wenn wir es schaffen, angesichts von Blasphemie einigermaßen entspannt zu bleiben und sachlich wenn nicht gar einladend zu reagieren, dann können wir eine Botschaft besser untermauern: Wenn Ihr Gott lästert, dann lästert Ihr damit auch der Liebe und somit dem, worauf auch Ihr Euch oft genug beruft. Wenn Ihr aber der Liebe lästert, dann fegt Euch darauf kein kalter Hagel um die Ohren, sondern es wird Euch ein warmer Mantel hingehalten. Denn die Liebe ist zugleich starrköpfig und erhaben. Sie antwortet immer mit sich selbst und nie mit der scharfen Zunge oder dem schärferen Schwert.
Fazit: Bestrafung von Blasphemie muß von mir aus nicht unbedingt sein. Eine Sensibilisierung der Gesellschaft hin zu weiger Blasphemie wäre aber dennoch wünschenswert. Und sicherlich auch machbar, denn es sollte doch aufgeklärten und humanistischen und vernunftgesteuerten Zeitgenossen einleuchten, daß es nicht schön ist, die Gefühle anderer Menschen zu verletzen, gelle?

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Grundsätzlich stimme ich zu.
Andererseits möchte ich in einer Demokratie keine Sonderbehandlung. Ich möchte nicht, daß gesetzlich festgeschrieben wird "Beleidigung ist strafbar, außer wenn man Gläubige aufgrund ihrer Religion beleidigt".
In der Tat braucht es aber kein Blasphemiegesetz, sondern nur einfach eine Durchsetzung des Verbots von Beleidigung. Zugleich ist es natürlich wünschenswert, daß Christen eine Menge Beleidigung herunterschlucken und damit als fröhliches Beispiel vorangehen. Und während ich dies schreibe, weiß ich auch: Es muß Grenzen geben. Die Grenzen zwischen Beleidigung und Verleumdung sind fließend, und auch ein Christ muß sich gegen Rufmord und Vernichtung seiner Existenz wehren dürfen.
Also: Beleidigte Leberwürste sollen wir nicht sein. Aber wir dürfen uns schon wehren, wenn wir öffentlich fertiggemacht werden. Auch, wenn das durch blasphemische Äußerungen geschieht.

Alipius hat gesagt…

@ Claudia: Klar, wehren soll man sich auf jeden Fall. Aber eben im Rahmen. Und das geht - wie Du ja auch sagst - meiner Meinung nach auch ohne Blasphemiegesetz.

Anonym hat gesagt…

Gott ist allmächtig. Er braucht keinen Schutz. Schon gar nicht meinen oder den irgendeines Menschen.

Die Selbstüberhöhung, Gott schützen zu wollen, ist unglaubliche Blasphemie.

Gott braucht Schutz. Welch überhebliche Vorstellung.

Geistbraus hat gesagt…

sehr schön! Feindesliebe wird viel zu selten thematisiert, geschweige denn praktiziert, dabei ist sie das, was unser christliches Tun wahrhaft von der Welt unterscheidet!

L. A. hat gesagt…

Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: R. Spaemann redet keinesfalls einem "Blasphemie - Tatbestand" das Wort, sondern dem Schutz der Gläubigen vor Beleidigungen:

"... Nicht um Gott geht es im säkularen Recht, sondern um Menschen, um Menschen allerdings, denen es um Gott geht. Gott braucht nicht geschützt werden. Er ist es, der schützt. Geschützt werden aber müssen Menschen, denen es um Gott geht..."

(auch zum Verhätnis von Christen zum staatlichen Recht äußert er sich, ausgehend schon von den Paulusbriefen, sehr differenziert)

Josef Bordat hat gesagt…

Eine sehr interessante Debatte und ein sehr guter Beitrag dazu, Alipius!

Blasphemie ist m.M.n. als isolierte strafbare Handlung ungeeignet, weil ontotheologisch unpassend (Gott *ist* nicht zu beleidigen.) und zudem schwer verifizierbar (Wann ist der Tatbestand erfüllt? Womit könnte man Gott lästern, wenn das denn möglich wäre? Einerseits: Durch die Sünde, dann wären wir alle dran. Andererseits: Gar nicht. Also: Was soll's?!). Es geht ja in der Tat auch eher um Religions- oder Religiösenlästerung. Adressat ist immer der Mensch. Meint ja auch Spaemann.

Beleidigung als Handlung zum Nachteil von Einzelpersonen, die subjektiv geschädigt werden, ist m.M.n. aber auch zu schwach, weil man ja dann als Einzelner nachweisen müsste, warum man persönlich einen Nachteil hat, wenn Gott, der Glaube, bestimmte Glaubensinhalte etc. verhöhnt werden. Das ist ziemlich schwer. Spaemann hat ja übrigens ganz Recht, wenn er meint, dass die Beleidigung von Religion stärker wirkt als andere (persönliche) Beleidigungen. Das merke ich deutlich an mir. Aber wie geht der Nachweis in einer Gesellschaft, die das immer weniger verstehen kann? Und unser Recht ist ja immer auch Spiegel der Gesellschaft.

Das Ding ist ja, dass mit „blasphemischen Aktionen“ Stimmung gegen eine Gruppe gemacht wird, die eine eigene kulturelle und soziale Bedeutung hat (also für das Gemeinwesen durchaus relevant ist), ohne aber immer gleich Rechtsperson zu sein, die ein Verfahren betreiben kann. Daher braucht es Hilfskonstrukte, Figuren, die über die Beziehung Schädiger vs. Geschädigter hinausgehen. „Volksverhetzung“ ist so etwas, wo sich eben auch Dritte einmischen können, die selbst nicht geschädigt sind. Das, so denke ich, muss auch für das „Volk Gottes“ möglich sein. Sonst verroht unsere Gesellschaft und Verhöhnung wird Alltag. Dass aus symbolischer Gewalt dann auch mal physische Gewalt werden kann, hat die Geschichte gezeigt.

JoBo

Alipius hat gesagt…

@ Josef: Stimmt vollkommen! Ich bin auch der Meinung, daß mit Blasphemie schon von Absenderseite her nicht Gott getroffen werden soll, sondern erstens das gläubige Individuum verletzt und zweitens eine ganze Gruppe gläubiger Menschen verächtlich gemacht werden soll. Daher sehe auch ich die Gefahr, daß unsere Gesellschaft verrohen kann, hoffe aber darauf (alter Optimist, der ich nun mal bin), daß auch hier irgendwann der Reiz einfach weg ist und selbst die tumbsten Tröten verstehen, daß die von Christus gepredigte Liebe stärker ist als symbolische oder physische Gewalt, die ja größtenteils auch nicht ausgeübt wird, weil man sich vom Empfänger der Gewalt wirklich bis zur Gewalt gereizt sieht, sondern eher, weil da persönlicher Frust, diverse Unzulänglichkeiten und solide Gehirnwäsche hinterstehen. Wenn es irgendwann irgendwie gelingt, diesen Gehirnwäsche-Zirkel zu durchbrechen, werden sehr sehr viele Leut erkennen, daß ihr Frust und ihre Unzulänglichkeiten bei unserem HErrn sehr viel besser aufgehoben sind als auf irgendwelchen "Hätte Maria abgetrieben"-Demos.

Friedrich Kuhlau hat gesagt…

Als Mosebach seine kecke Ansage lieferte (im sicheren Gefühl, als bekanntermaßen christlich denkender Schriftsteller vor Sanktionen gefeit zu sein, denn westliche Atheisten begehen selten Sühnemorde, und den Moslems kam es ja durchaus zupass!), beschlicht mich irgendwie die Anwandlung, ihm ein gewisses "Erschrecken" (wie er die unverhohlenen Morddrohungen von moslemsciher Seite zu umschreiben beliebte) zu wünschen.

Nein, danke, an Blasphemie-gesetzgebung hat eine freie Gesellschaft keinen echten Bedarf! Gott ist, wie Sie richtig schreiben, Don Alipio, nicht beleidigbar — und wenn irgendwelche Moslems vermeinen, die Darstellung des "Propheten" mit einer Bombe im Turban wäre Blasphemie, dann sollte man sie auslachen und ihnen sagen, dass das Tragen von Bomben um den Körper geschnallt, um gottgefälligerweise irgendwelche "Ungläubige" im nächsten Straßencafé in die Luft zu jagen, die weitaus größere Blasphemie darstellt, denn das unterstellt ja, dass Gott sowas gefallen könnte.

Der Staat hat sich m.E. hier völlig rauszuhalten, und auch Ihr Argument bezüglich pakistanischer Verhältnisse trägt nicht wirklich weit: man könnte dann genauso gut (bzw. genauso schlecht) Progrome gegen Minderheiten, die das Blut des Mobs in Aufwallung bringen, zum Staatsprivileg erklären, damit die Progrome wenigstens geordnet ablaufen ...

Der Staat at diesbezüglich eine einzige Aufgabe: er muss den Gläubigen die ungestörte (nicht: die unkritisierte!) Ausübung ihrer Religion ebenso ermöglichen, wie auch die Meinungsäußerung derer, die mit Religion allgemein oder einer bestimmten Religion im Besonderen nichts am Hut haben, schützen. Mehr braucht es nicht — und das regeln die allgemeinen Straftatbestände von Verleumdung, Ehrenbeleidigung, Kreditschädigung usw. eigentlich auch sonst ganz gut.

Wenn ein Christ sich auf den Schlips getreten fühlt, weil ein anderer Jesus als "uneheliches Kind eines Besatzungssoldaten" bezeichnet, oder ein Moslem die Ansicht, dass Mohammed ein Kinderschänder genannt werden könne, da er mit einer Neunjährigen ins Bett gestiegen sei, unsympatisch findet, dann ist das sein Problem, und sollte auch nur sein Problem sein.

Wenn er daraus jedoch ein Problem für jemand anderen macht, dann gehört er rechtlich in die Schranken gewiesen.

Atheisten sind auch nicht erbaut, wenn sie von Kardinal Meisner in einer Predigt indirekt für die Greuel des Nazismus und Stalinismus verantwortlich gemacht werden, aber das müssen sie (wenn es nicht in der Form einer direkten Kausalzuweisung geschieht)ebensogut aushalten.

Im übrigen: wenn alle das etwas entspannter sähen, wäre es viel leichter. Aber das ist wohl zu viel verlangt ...

Gerd hat gesagt…

>>Im übrigen: wenn alle das etwas entspannter sähen, wäre es viel leichter. Aber das ist wohl zu viel verlangt ...<<

Ich kann natürlich ganz entspannt bleiben, wenn ein Mitglied meiner katholischen Famlilie beleidigt wird. Aber Entspannung in diesem Zusammenhang ist, allein schon aus natürlicher Sicht, dem Menschen nur schwer möglich. Wenn jemand behauptet, es wäre besser gewesen, wenn meine Mutter mich abgetrieben hätte, ist Entspannung das letzte an was ich denken würde. Und ja: Es wäre auch zuviel verlangt.

Friedrich Kuhlau hat gesagt…

@Gerd:

Ich kann natürlich ganz entspannt bleiben, wenn ein Mitglied meiner katholischen Famlilie beleidigt wird.

Ich gehe davon aus (und hoffe Sie nicht fehlzuinterpretieren), wenn ich annehme, dass Sie da vielmehr nicht entspannt bleiben (können oder wollen).

Nun, "Familie" ist bei > 1 Mrd. Katholiken natürlich seeehr metaphorisch ausgedrückt!

Wenn jemand behauptet, es wäre besser gewesen, wenn meine Mutter mich abgetrieben hätte, ist Entspannung das letzte an was ich denken würde.

Bei Ihnen selbst ist das nachzuvollziehen: damit wird Ihnen höchstpersönlich die Lebensgrundlage, wenigstens in rhetorischer Figur, entzogen. Schon bei der Frage, ob der Enkel des Halbbruders meiner vorstorbenen Großmutter besser abgetrieben worden sei, würde ich zwar meinen, dass derlei Überlegungen recht taktlos sind, aber meine Besonnenheit keinen Moment deshalb verlieren. Ich wäre auch nicht erpicht darauf, den solches Äußernden hinter Gittern zu sehen. Warum auch?

Auf Taktlosigkeiten reagiert man - je nach Schwere und Laune - mit eisigem Stillschweigen oder einer Klarstellung, dass der andere ein ungehobelter Rüpel ist. Taktlosigkeit ist nicht strafbar, und das ist auch gut so. Sobald das in strafbare Beleidigungen, Verleumndungen etc. übergeht, gibt es ohnehin das rechtliche Instrumentarium, das in anderen fällen auch durchaus effektiv wirken kann. Wenn mich jemand beschuldigt, Geld veruntreut zu haben, oder coram publico als Arschloch tituliert, dann habe ich Mittel zu Wege, dies zu bekämpfen.

Um auf Ihr Beispiel zurückzukommen: natürlich verletzt es einen Christen, wenn jemand den Gründer seiner Religionsgemeinschaft mit "wäre besser abgetrieben" bezeichnet. Nur ist dies eben keine Beleidigung etc., sondern eine - sehr taktlose - Äußerung seiner Geringschätzung. Über historische Persönlichkeiten Geringschätzung zu äußern ist jedoch nicht verboten. Nero wird geringgeschätzt (wiewohl Forschungen den Legendencharakter seiner angeblichen Greuel ziemlich klar nachgewiesen haben), Stalin wird geringgeschätzt, aber auch völlig harmlose Leute, wie z.B. der in Stille und Zurückgezogenheit wirkende Philosoph Epikur, den ein wenig freundlicher Dante in seiner Göttlichen Komödie in den 7. Kreis der Hölle versetzt und in einem glühenden Zinnsarg in alle Ewigkeit gequält sehen will.

Ist das nicht ebenso eine Taktlosigkeit, diesmal von prominenter katholischer Seite? Und wäre es eine größere Taktlosigkeit, würde ein begeisterter Epikureer nun den Wunsch äußern, Dante wäre besser abgetrieben worden?

Nein, ich bleibe dabei: man sollte das alles entspannter sehen. Nach dem Motto: "Sticks and stones may break my bones, but words will never hurt me ..."

Alipius hat gesagt…

@ Friedrich Kuhlau: (Ich beziehe mich hier auf Ihren ersten Kommentar, nicht auf Ihre Antwort an Gerd) Ja, Entspanntheit ist - denke ich - das richtige Wort.

Wobei ich es schon - im Sinne des Kommentares von Josef Bordat - auch richtig und wichtig finde, daß man aufmerksam bleibt, da tatsächlich Blasphemie (die - wie wir uns einig sind - Gott ja nicht treffen kann) Individuen oder eine Gruppe treffen soll, so Stimmung gegen diese Individuen oder diese Gruppe machen soll und dann auch schnell in plumpe Verächtlichmachung umschlagen kann. Dies würde ich mir nicht wünschen. Nicht, weil ich damit so wahnsinnig schlecht umgehen könnte, sondern weil die Verächtlichmacher sich selbst schaden und sich als vernunftbegabte Wesen unter Wert verkaufen.

Was Pakistan betrifft, so meinte ich nicht, daß der Staat erst einmal gucken soll, was der Mob so treibt und dann eine entsprechende Gesetzgebung, Rechtsprechnug und Exekutive ins Leben rufen soll, sondern daß der Staat schauen soll, welche Verbrechen existieren, um diese dann zu verurteilen und die Urteile durchzuführen. "Blasphemie" kann zu diesen Verbrechen gehören (siehe Pakistan - ich selbst würde Blasphemie nicht in einen Verbrechenskatalog aufnehmen - nur, daß wir uns richtig verstehen). "Eine Minderheit sein" kann beim besten Willen nicht Bestandteil einer Liste von Verbrechen sein, so daß der Staat hier nicht nur keine Gesetze erlassen muß, sondern auch gegen die vorgehen muß, die eine Minderheit drangsalieren.

L. A. hat gesagt…

Es ist sicher richtig, persönlich auch angesichts verbaler Entgleisungen Gelassenheit zu bewahren. Nur, da stimme ich Josef Bordat und Alipius vollkommen zu, sollte man entschieden einem Klima antichristlicher Hetze entgegentreten, auch damit diese kein gesellschaftsfähiges Gewohnheitsrecht wird. Neben der Gefahr der Eskalation sehe ich darin auch einen "erzieherischen" Beitrag zur Hebung des teilweise ohnehin bedenklich ordinär und verächtlich gewordenen gesellschaftlichen Diskussionsniveaus. Es sollte wieder Allgemeingut werden, daß man für beleidigende, verleumderische,hetzende Worte einzustehen hat,man muß ja nicht gleich das Duellrecht wieder einführen.

Gerd hat gesagt…

@Alipius

Wenn Gott nicht beleidigt werden kann, wie sind dann die Botschaften Mariens in Fatima zu verstehen? Dort ist sehr wohl von Beleidigungen an Gott durch die Sünden der Menschen die Rede. Weiß Maria da mehr als wir?

Alipius hat gesagt…

@ Gerd: Ich denke, daß Maria, die Gott bereits im Paradies von Angesicht zu Angesicht schaut, immer mehr weiß als wir.

Ich denke aber auch, daß Maria sich in Fatima nicht vor eine Fernsehkamara und einige Mikrophone gesetzt hat, um ihre Worte einem Millionenpublikum mitzuteilen, sondern daß sie sich an drei auserwählte Kinder gewendet hat, die dann die Botschaft weitergaben, so daß hier der "Bibel"-Effket gilt: Gottes Wort (bzw in diesem Fall Mariens Wort) in menschlicher Sprache. Und da sehe ich es schon, daß Gott durch die Sünden der Menschen "beleidigt" werden kann, indem der Mensch das großartige Schöpfungswerk Gottes nicht mit dem gebührenden Repsekt behandelt.

Aber ob Gott - der ja nicht Teil des Schöpfungswerkes ist sondern dieses vollbracht hat - im strengen Sinne durch Blasphemie beleidigt werden kann, ist für mich dennoch fraglich.

Vorsichtig ausgedrückt: Ich denke, man kann Gott eher beleidigen, indem man Maria lästert oder ein Kind abtreibt oder seine Frau schlägt und weniger, wenn man sich direkt gegen ihn wendet.