Mittwoch, 18. Juli 2012

Seelenlos im Seelenamt

Neulich Seelenamt mitten in der Woche am Nachmittag.

Ein mittelalter Herr kommt kurz vor Beginn in die Sakristei, sieht irgendwas zwischen verwirrt, aggressiv und unglücklich aus und meint barsch: "Ich glaube nicht an Christus, ich muß nur hier sein für meinen toten Onkel!"

"Erstens: Schade! Zweitens: Setzten Sie Sich in eine Bank Ihrer Wahl!", sag ich brav.

Er tut genau dies und hängt dann für die ganzen 45 Minuten da, als säße er daheim auf dem Sofe und ziehe sich "Berlin Tag und Nacht" oder "Die Geissens" oder "Frauentausch extrem: Mami geht ins Affengehege!" rein. So Arm hübsch auf der Rückenlehne ausgestrekt, leicht in sich zusammengesunken, Beine ein wenig seitlich. Fehlte eigentlich nur die Bierkanne. Und die Fernbedienung.

Und ein Gesichtsausdruck. Ich schwöre: "Die toten Augen von Floridsdorf!"

Gespenstisch...

Ich habe dann nach der Messe noch nach dem Kerl Ausschau gehalten, weil man ja nie weiß... Vielleicht hätte er ja auf ein freundliches Wort reagiert und gerne ein paar Takte geredet oder so. Aber er war superschnell verschwunden.

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

Blödes Erlebnis. Mein Mitleid.

Das nächste Mal vielleicht "Macht nichts, Christus glaubt trotzdem an Sie!"

Denn das tut er. Immer, auch wenn wir uns aufführen wie die letzten Deppen. Vielleicht sogar besonders dann, denn er sieht das, was wir sein könnten, und nicht das, was wir grad sind.

Ester hat gesagt…

Es gibt dazu folgende Geschichte.
Bernhard Shaw trifft seinen Bischof und sagt zu dem "
Ich geh nicht in die Kirche!" "Davon hab ich auch schon gehört!" sagt der Bischof.
"Wissen Sie, in der Kirche sind mir einfach zu viele Heuchler!" versucht B. Shaw sich zu rechtfertigen.
"Ach" sagt der Bischof "deshalb müssen Sie sich keine Sorgen machen, Für eine mehr haben wir immer noch genug Platz!"
Im übrigen, wenn der Mann sich in der Messe hat entspannen können, war doch gut.
Seit ich älter werde, schlaf' ich auch immer ein und ich schwöre, es ist erholsamer als ein gediegenes Schäfchen vorm Fernseher.