Samstag, 7. Juli 2012

Gnade oder Wumme?

Neulich wurde ich durch einen Kommentar mal wieder auf eine der Ur-Schwierigkeiten hingewiesen, welche der Glaube mit sich bringt.

Jede Religion ist und ist nicht "Die Wahrheit".

Sie ist die Wahrheit für ihre Anhänger und sie ist nicht die Wahrheit für jene, die einer anderen Religion zugehören. Da die Autorität, die den Wahrheits-Status der jeweiligen Religion garantiert, Gott ist, sieht man als Anhänger einer Religion keinen Grund, warum man diese Wahrheit nicht für DIE WAHRHEIT halten sollte. Ist man Suchender oder Atheist, dann stellt sich die Situation anders dar, aber das will ich hier nicht thematisieren.

Mir geht's um folgendes: Der Satz "Meine Religion ist die wahre Religion" bzw "Mein Gott ist der wahre Gott", kann bei Anhängern anderer Religionen für Sodbrennen sorgen. KANN! Muß aber nicht.

Sehen wir es doch einmal aus dieser Perspektive: Was das Erkennen einer Wahrheit und das Festhalten an derselben betrifft, unterscheiden sich die Anhänger verschiender Religionen nicht. In dem Moment, wo ich also sage, daß der Katholizimus die wahre Religion und das Jesus Christus der wahre Gott ist, in dem Moment stelle ich mich mit jedem anderen gläubigen Menschen auf die Stufe, auf der wir eine Gemeinsamkeit teilen: Den Glauben an einen Gott.

Wir befinden uns da tatsächlich auf gleicher Höhe, sind gewissermaßen Geschwister im Glauben, allerdings nicht im Glauben an den gleichen Gott.

Und genau auf dieser Höhe entscheidet sich nun, wie es weitergeht: Verdrehen wir "meine Wahrheit" in "deine Lüge" und lassen die Fetzen fliegen? Oder halten wir kurz inne und überlegen, was es für uns bedeutet, wenn jemand unseren Glauben als "Lüge" oder als "unwahr" bezeichnet und ob er - wenn er unseren Glauben so bezeichnet - es nicht aus dem gleichen Grunde tut, auch dem auch wir es täten, bezeichneten wir seinen Glauben auf gleiche Weise?

Zu sagen "Meine Religion ist die wahre", das ist eine Sache. So zu handeln, als seien sowohl Inhalt als auch Form meiner Botschaft die Wahrheit, das scheint schon problematischer.

Wo ich mit Drohungen, Anschuldigungen, Kraftausdrücken oder gar mit Gewalt versuche, einem anderen Menschen zu beweisen, daß meine Religion die wahre und mein Gott der einzig richtige ist, dort stehe ich schon mit einem Bein auf der Stand-up-Comedy-Bühne.

Gibt es etwas Lächerlicheres und Mickrigeres, als eine "Wahrheit", die man in die Schädel der Menschen - oft entgegen ihrer eigenen Erfahrung - erst hineindrohen oder hineinprügeln oder hineinbomben muß, bevor sie mit letzter Kraft japsen "Okay, okay! Hast gewonnen! DEINE Wahrheit ist tatsächlich DIE Wahrheit!"? Gibt es etwas Dümmeres, als Menschen als "Ungläubige (Schweine)" zu bezeichnen, die exakt das Gleiche tun, wie ich auch, es nur in gutem Glauben und mit gutem Gewissen auf ein anderes Ziel richten? Wohl kaum.

Das Problem der tausendmilliausend "wahren" Religionen wird sich nie im Streit oder durch Gewalt lösen lassen sondern nur durch glaubwürdige Nachfolge, mitreißende Beispiele und glasklares Zeugnis.

Du willst wissen, warum mir die Sonne aus den Ohren scheint? Weil ich an Christus glaube! Du willst wissen, warum ich entspannt und deeskalierend auf Sprüche wie "Na, Du Kinderficker!" reagiere? Weil ich an Christus glaube! Du willst wissen, warum ich vor anderen Religionen keine Angst habe? Weil ich an Christus glaube! Du willst wissen, warum ich für die bete, die der gesunde Menschenverstand mir als Feinde zu klassifizieren gebietet? Weil ich an Christus glaube!

Du willst wissen, warum ich keinem Menschen gewaltsam den Glauben an Christus aufzwingen will? Damit ich weiterhin an Christus und seine Gnade glauben kann und nicht beginnen muß, an mich und meine große Klappe oder meine durchgeladene Waffe zu glauben!

Kommentare:

Morgenländer hat gesagt…

Schön gesagt!

Dabei fällt mir eine jüdische Geschichte ein, die der anglikanische Theologe Jeremy Taylor nacherzählt:

"When Abraham sat at his tent door, according to his custom, waiting to entertain strangers, he espied an old man, stooping and leaning on his staff, weary with age and travail, coming towards him, who was a hundred years of age; he received him kindly, washed his feet, provided supper, caused him to sit down; but observing that the old man ate and prayed not, nor begged a blessing on his meat, he asked him why he did not worship the God of heaven.

The old man told him that he worshipped the fire only, and acknowledged no other God.

At which answer Abraham grew so zealously angry, that he threw the old man out of his tent, and exposed him to all the evils of the night and an unguarded condition.

When the old man was gone, God called to Abraham, and asked him where the stranger was.

He replied, "I thrust him away, because he did not worship thee."

God answered him, "I have suffered him these hundred years, though he dishonoured me; and wouldst thou not endure him one night?" (The Liberty of Prophesying, 1647

Alipius hat gesagt…

@ Morgenländer: Cool!

ultramontan hat gesagt…

Ich verstehe den Beitrag nicht. O_o?

Alipius hat gesagt…

@ ultramontan: Das tut mir leid.

Ich weiß aber jetzt gar nicht, was ich anders schreiben könnte, um ihn verständlicher zu machen bzw habe Angst, daß er durch Umformulierungen oder Erklärungen noch unverständlicher wird.

Ich hoffe, Du hast dafür Verständnis.

fekine hat gesagt…

Schöner Beitrag. Ich habe in meiner Ausbildung mal einen Satz kennengelernt,der mir schon in vielen Situationen geholfen hat.
"Die Wahrheit hat ein Lügner erfunden" Nachdenkenswert, finde ich.

ultramontan hat gesagt…

Der Schritt, ab dem ich den Artikel nicht mehr verstehe, ist der hier:

> Verdrehen wir »meine
> Wahrheit«
in »deine
> Lüge«
und lassen die Fetzen
> fliegen?

Natürlich ist (plakatives Beispiel) die Religion Mohammeds falsch, was er sagt ein Lügengbäude. Aber wieso meinst du, dass mit dieser Erkenntnis gleich handfeste Gewalt gegen Mohammedaner verbunden sein müsse? Diesen gedanklichen Schritt verstehe ich noch nicht.

Alipius hat gesagt…

@ ultramontan: Ah, okay! Danke für die Präzisierung.

Ich meinte und meine nicht, daß mit der Erkenntnis, eine Religion sei falsch, gleich handfeste Gewalt gegen die Anhänger dieser Religion verbunden sein MUSS.

Wahrscheinlich ist der Begriff "Die Fetzen fliegen lassen" von mir etwas unglücklich gewählt. Für mich bedeutet das einfach einen Streit, der mit hitzigen Köpfen und lauten Stimmen beginnt und in handfester Gewalt enden KANN aber nicht MUSS.

Und wenn ich "Wir" sage, dann meine ich - vor dem Hintergrund des gesamten Beitrags - nicht "Uns" Christen, sondern "Uns" gläubige Menschen. Sprich: Ein gläubiger Mensch (z.B. ein Mohammedaner) KANN - weil er der festen Überzeugung ist, im Besitze der Wahrheit zu sein - einem anderen gläubigen Menschen (z.B. einem Christen) sagen: "Deine Religion ist Lüge" und aus dieser Erkentnis plus dem Konstrukt, welches er als Inhalt seines Glaubens betrachtet, die Berechtigung ziehen, handfeste Gewalt anzuwenden.

Das spielt sich zwar, wie gesagt, alles auf der "Kann"-Ebene und nicht auf der "Muß"-Ebene ab, aber im Fall von Gewalt zwischen Religionen ist für mich das "Kann" gespenstig genug, um davor zu warnen bzw. die Leuten, die dafür anfällig sind, in diese Gewalt-Falle zu tappen, darauf hinzuweisen, daß sie nicht alle Sprossen an der Leiter haben.