Montag, 30. Juli 2012

Erklärungsversuch...

Angesichts der Kehrtwende von Andreas Molau (vom "Rechten Vordenker" hin zu jemandem, der "versöhnen" möchte) fragt Geistbraus:
    Ich begreife nicht, wie man sein ganzes bisheriges Leben mit einem Mal so völlig beiseitewischen kann. Ich begreife nicht, wie man so tun kann, als sei man plötzlich ein um 180° gewendeter Mensch, als habe man eine neue Persönlichkeit, ein neues Temperament, als habe man jahrzehntelang vergeblich und spurlos gelebt. Geht das? Reden sich diese Leute das nur ein? Oder sind es gar nur Lippenbekenntnisse?
Der NDR zitiert Molau mit diesen Worten:
    Wenn ich wieder einen Weg zurück in die Gesellschaft haben will, dann kann der nicht gerade sein. Ich kann mich nicht morgen vor eine Klasse stellen, um zu sagen: 'Es ist nichts gewesen.'
Hinweis darauf, daß Molau zumindest den Hauch einer Ahnung eines bisherigen Lebens mit sich herumschleppen wird? Oder auch nur Lippenbekenntnis?

Geistbraus schaut vergleichend auf den Apostel Paulus und bemerkt:
    Selbst einen so radikalen Wandel wie den des Saulus zum Paulus kann ich nicht apodiktisch, sondern nur dialektisch verstehen. Paulus ist nach dem Damaskuserlebnis kein anderer Mensch geworden. Er ist derselbe leidenschaftliche Streiter für eine höhere Sache geblieben – nur dass er jetzt erkannt hat, was die höhere Sache in Wahrheit ist. Aus dem finsteren Christenhasser ist nicht plötzlich ein speichelnder Multi-Kulti-Fuzzy geworden, der die Presse zu sich einlädt und eitle Bücher schreibt.
Ich bin mit Geistbraus der Meinung, daß man ein früheres oder altes oder bisheriges Leben nicht so einfach beiseitewischen kann. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies überhaupt der Anspruch ist, den Molau erhebt (siehe Zitat oben).

Ich bin mir aber wiederum sicher, daß eine solche Kehrtwende in der heutigen Zeit völlig anders beeinflußt und gelesen wird, als zu Paulus Zeiten. Wenn es auch damals eine meinungsbildende Mehrheit gegeben haben mag, die dem Rest der Leute zu verstehen gab, was sich nun grade schickt und was nicht, so hat diese meinungsbildende Mehrheit ihre Botschaften nicht binnen Sekunden in Massenmedien in die Welt und bis ins hinterste Kuhdorf hinausposaunt. Paulus hatte die Chance, seinen Eifer einzusetzen und dabei Hörer anzusprechen, die vielleicht ein schwankendes bis ungutes Gefühl gehabt haben mögen. Aber dieses Gefühl wurde ihnen nicht 24/7 durch stromlinienförmige Berichterstattung eingetrichtert und war daher ein wenig eigener, ein wenig mehr "homegrown", ein wenig authentischer (wenn auch durch Erziehung und Tradition beeinflußt). Wenn dann eine eigene, authentische und unabhängige Stimme sich erhob, dann begegnete man sich auf Augenhöhe (wenn auch nicht im Stuhlkreis) und ich denke, daß auf diese Art eine Überzeugungsarbeit möglich war, ohne der Eindruck erweckt weren mußte, nun eine vollkommen neue Persönlichkeit zu sein.

Wenn man heute der breiten Masse auf Augenhöhe begegnen will, dann muß man in Betracht ziehen, daß man Leuten gegenübersteht, die zu jeder Sekunde des Tages die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, wer nun grade die Helden und die Schurken du jour sind. Und wehe dem, der da den Reinheitstest nicht besteht, weil er Altlasten mit sich herumschleppt, die irgendwie anrüchig sind (Hallo, Jewgeni Nikitin).

Ich halte es auch für unmöglich, daß Molau sein bisheriges Leben einfach vergessen hat. Die Frage ist, wie er nun damit umgeht. Da bleiben für mich tatsächlich nur zwei Möglichkeiten: Molau hat das alte Leben nicht völlig beiseite geschoben, tut aber so, als hätte er es getan, um erst einmal einen Fuß in die Türe zu kriegen, hinter der die Reinwaschung seines Namens und die Aktivitäten in einem "neuen" Leben warten. Oder Molau hat das alte Leben nicht völlig beiseite geschoben, ist sich dessen auch bewußt und versucht künftig, die Überreste des alten Lebens in Form von Aufklärungshäppchen und Informationsbrocken gewinnbringend für die Seite einzusetzen, auf der er nun steht.

Momentan liegt zumindest für mich Molaus Weg in beide Richtungen ziemlich hindernisfrei da: Er kann ein Heuchler werden oder ein glaubwürdiger Aktivist für seine neue Sache.

Kommentare:

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Alipius;

in der NDR-Meldung, auf die Geistbraus sich bezieht, heißt es:

“Mittlerweile habe er außerdem Kontakt aufgenommen zum niedersächsischen Verfassungsschutz. (…)

Niedersachsens Verfassungsschutz hat gegenüber NDR Info die Kontaktaufnahme bestätigt. Zwar äußere sich der Nachrichtendienst generell nicht zu den Plänen von Ausstiegswilligen aus der rechten Szene. In diesem Fall gebe es aber Grund für eine Ausnahme, da Molau selbst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt habe und man ihn bei seinen Ausstiegssplänen unterstützen wolle."

Da kann man sich den Rest fast schon denken.

Geistbraus hat gesagt…

ja, das mit dem "Fuß in die Tür kriegen" hab ich mir auch zwischendurch gedacht. Ich fände das nur einfach total erniedrigend, den Leuten erstmal gnadeflehend nach dem Mund reden zu müssen... aber nunja, der Mann muss auch sein Brot verdienen, vielleicht blieb ihm wirklich nichts anderes übrig.

Was den massenmedialen Unterschied zwischen Pauli Zeiten und heute betrifft, bin ich mir gar nicht so sicher. Paulus war schließlich auch in Palästina allgemeint bekannt, und seine Kehrtwende ist ihm auch erstmal nicht abgenommen worden. Hananias ist sogar so felsenfest mit der landläufigen Meinung indoktriniert, dass er selbst Gott zu widersprechen wagt, als der ihn bittet, Saulus aufzunehmen: "Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen." (Apg 9, 13f.) und Gott muss extra nochmal nachhaken, um ihn von seiner Meinung abzubringen. Auch die anderen Christen wollen es erstmal nicht glauben (V. 21).

Paulus hat sie dann durch seine Leidenschaft, nicht aber durch Nachbeten von Glaubensformeln und gemeinsame Auftritte mit führenden Christen überzeugt...