Freitag, 29. Juni 2012

"Wenn Gottesdienst Freude macht"

Ich habe mir im Urlaub aus dem Doubletten-Bestand des Bamberger Domkapitels für 50 Cent ein Buch gekauft, welches den verheißungs-/verhängnisvollen Titel trägt: "Wenn Gottesdienst Freude macht".

Erschienen ist das Buch im Jahre 1977. Geschrieben wurde es von Pfarrer Heinz-Manfred Schulz, Jahrgang 1933.

Wenn man den Teaser und die Einleitung liest, so kommen diese Texte einem heute vor wie eine augenzwinkernde Zusammenstellung der "Best of"-postkonziliaren-Kirchenbewegten-Phrasen.

Hier als Kostprobe der Teaser:
    "Wenn Gottesdienst Freude macht", kann er eine Quelle für eine wirklich österliche Gemeinde werden, in der man Christus als Lebendigen erfahren kann. "Wenn Gottesdienst Freude macht", kann er seine Funktion als Schaufenster Gottes, als Festfeier der Liebe, als sichtbar gemachte "Frohe Botschaft" erfüllen. Dazu gehört eine Pfarrei, die sich als "Gemeinde auf dem Weg" versteht, brüderlich und solidarisch, offen und einladend. Dazu gehört auch ein Gottesdienst, der sich begreift als Versammlung der Gemeinde, in der diese ihr Leben reflektiert und den Grund ihrer Freude und Hoffnung feiert. Ein solcher Gottesdienst ist von Leben und Phantasie gekennzeichnet. In ihm haben Musik und Tanz, Kunst und Literatur, Bild und Film ihren Platz, und er ist getragen vom Mittun möglichst vieler in der Gemeinde. In seinem Buch zeigt Heinz-Manfred Schulz auf, wie sich ein solcher Gottesdienst im Laufe des Kirchenjahres gestalten lässt. Er bietet viele Beispiele und eine Fülle von Anregungen. Sie wollen den Gemeinden Mut machen, ihre Gottesdienste mit mehr Leben und Phantasie zu erfüllen.
Ooooooo-kay!

Im Jahre 2012 kann ich bei der Lektüre dieser Ideen aus dem Jahre 1977 eigentlich nur müde lächeln oder traurig abwinken. Denn auch zu meinem sonntäglich Brot gehörten in den 70er- und 80er-Jahren die Dinge, die ultramontanus in diesem Posting beschreibt:
    ...fünf Brote und zwei Fische, fünftausend werden satt, schrumm schrumm, Zachäus war ein kleiner Mann, schrumm schrumm, Heeeerr, deine Liiiebe, ist wie Gras und Ufer, schunkel, piep-piep-piep, wir ham uns alle lieb.
Es ist bekanntermaßen gleichzeitig einfach und schwierig, mit dem Finger auf das Grundübel zu zeigen. Manchen reicht das Einfache "Das Konzil ist an allem Schuld!". Andere machen es sich ein wenig schwieriger und fügen die Frage an: "Aber warum eigentlich?"

Hier gibt der Einleitungstext des Buches in Zusammenhang mit meinen persönlichen Erfahrungen einen interessanten Einblick. Im letzten Absatz der Einleitung heißt es:
    ... wir erleben ein Erwachen an der Basis der Kirche. Dort hat man begriffen - gerade durch die enttäuschende Entwicklung der letzten Jahre des nachkonziliaren Rückschrittes -, daß man nicht auf ein Wunder der Erneuerung der Kirche warten darf, daß man vielmehr selbst dieses Wunder der Erneuerung herbeiführen muß, indem man überall lebendige Gemeinschaften bildet, in denen man sich gegenseitig aus dem Geist des Evangeliums zu prägen sucht.
Erst einmal muß ich erneut eine meiner persönlichen und privaten Lieblings-Erkenntnisse loswerden: Revolutionäre können nicht warten!

Das Buch hat zwar den Titel "Wenn Gottesdienst Freude macht", behandelt wird aber im Grunde die Heilige Messe, die inmitten all der im Buch gegebenen Anregungen zu einer Sklavin des Gestaltungswillens wird und sich dabei in diversen (damals noch halbweg neuen) Formen windet und krümmt.

Roter Faden des Buches ist ein Gedanke, den man grob mit "Hin zur Geschwisterlichkeit und weg von der Hierarchie" umreißen könnte. Alles soll irgendwie menschlicher, horizontaler, mahlcharakterlicher und grundsätzlich freier werden.

Problematisch ist an der ganzen Geschichte, daß zwar vage die Medizin benannt wird, daß es aber weder eine Dosierungsempfehlung gibt, noch daß vor der menschlichen Eitelkeit gewarnt wird, so daß - und hier kommt jetzt meine persönliche Erfahrung ins Spiel - in einer Formulierung wie "...getragen vom Mittun möglichst vieler..." wenigstens die beiden letzten Worte in einigen Gemeinden auch ganz wörtlich genommen werden. Das führt zwangsläufig zu Hektik und nicht selten auch zu einem gewissen Selbstdarstellungszwang. So endete das, was menschlicher werden sollte, in Menschelei. Das, was horizontaler werden sollte, wurde einfach nur flacher. Aus dem Mahlcharakter wurde ein Sakral-Buffet. Und Freiheit mündete in Entfesselung.

Und so laufen heute Liturgie-Planungs-Sitzungen oft genug nach dem Motto ab "Aber wenn XYZ auch noch die Fürbitten liest, dann hat ABC ja gar nichts zu tun und die Jugend müssen wir auch noch unterbringen, aber erst, wenn die Frauengruppe einen Platz gefunden hat, an dem sie über das Nicaragua-Projekt sprechen kann. Und, Herr Pfarrer, sie dürfen bei der Kommunion ruhig sitzenbleiben, es werden genug außerordentliche Kommunionspender anwesend sein." Da kann man als Priester den Hammer auf noch so freundliche und unverletzende Art kreisen lassen, irgendwer wird immer mit 'ner Fleppe rumrennen, weil für die Dauer einer Messe das Spotlight nicht für eine Sekunde auf ihm/ihr ruht. Alles schon dagewesen, alles schon von Mitbrüdern gehört, alles schon selbt erlebt.

Ich war eigentlich schon immer der Meinung, aber die Lektüre des kleinen Büchleins hat sie nun noch gefestigt: Die gewünschte Verbuntung der Messe mit maximaler Gemeindebeteiligung und Medienüberfrachtung ist gaga. Seit viele Gemeindemitglieder viele Aufgaben übernehmen dürfen bzw sollen, existieren zwei Fragen, die meiner Meinung nach im Vorfeld und während einer Messe nur geringe Bedeutung haben, aber für manch einen Zeitgenossen (mit)entscheiden sind, wenn sich die Frage nach der "Freude" stellt: "Und was mache ich?" bzw "Wieso soll das denn der Priester machen? Es gibt doch [** Helferlein-Geschmacksrichtung des Tages eintragen **]!". So wurde die Quelle und der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens (und somit auch der eigentliche Grund unserer Freude), nämlich die Eucharistie, erstens in den Hintergrund gedrängt und zweitens in lärmenden Mitmach-Dschungeln grenzgeschändet. So kann ich dann aus meiner mittelalterlichen Haut auch nicht wirklich heraus und gehöre lieber zu einer Kirche, die das Buch drohend mit einem "Asyl der Alten im Geist" beschreibt, als zu einem Zappel-Zirkus, wo das "gesegnete Brot" brav von allen Gemeindemitgliedern selbst in den "gesegneten Wein" eingetaucht wird und danach der Boden vor dem Altarraum ausschaut, als stünde man in einem Mannschaftsduschraum.

Die Heilige Messe soll nicht Freude machen sondern Freude spenden. Das kann sie aber nur, wenn die Priester nicht müde werden, den Menschen zu erklären, was der eigentliche Grund der Freude ist. Guten Tag, lieber Herr Jesus Christus in Leib, Blut, Seele und Gottheit! Auf Wiedersehen, hektisches, den Altar belagerndes Aktionismus-Rudel!

Kommentare:

Admiral hat gesagt…

Und ich frag mich immer noch, warum Du für so was 50ct ausgegeben hast....

;-)

Chrysostomos hat gesagt…

Danke! Das trifft den Nagel auf den Kopf!

Fisherman hat gesagt…

Wunderbar geschrieben!
(sagt ein evangelischer Pastor, dem so manches arg bekannt vorkommt)

Anonym hat gesagt…

Über diesen Artikel hätte ich "früher", dh. bis vor wenigen Monaten, den Kopf geschüttelt. Heute weiß ich aus Erfahrung, wie "schön" und wie viel tief gehender eine solche Messe ohne "Mitmach- und Eventcharakter" sein kann, weil ich das Glück hatte, einen Priester kennen lernen zu dürfen, der genau dies vormacht!Für diese (neue) Erfahrung bin ich Gott dankbar!

Anonym hat gesagt…

Gottesdienst macht Freude, wenn er Gottesdienst und nicht Menschendienst ist; jedenfalls dem, der sich auf einen Gottesdienst freut.