Dienstag, 5. Juni 2012

"Lying for Jesus"-Pong!

Auch catocon setzt sich auf "Kreuzfährten" mit dem Thema "Lügen für Jesus" auseinander und untermauert seine Meinung zum Thema mit einer Geschichte, welche die Verhältnismäßigkeit in den Mittelpunkt rücken soll.

Meiner Erfahrung nach trifft eine Sache nicht zu bzw ist ein Gedanke catocons übermäßig spitz formuliert. In Bezug auf den in der englischsprachigen Blogoezese ausgebrochenen Streit schreibt er:
    "Angesichts der radikalen Verurteilungen der sündhaften Lügner von Live Action gerieten die Abtreibungen leider ganz in Vergessenheit. Man hatte halt wichtigeres zu tun..."
Ich kann natürlich keine Gedanken lesen und stecke nicht in den Köpfen der Leute, aber wenn ich die diversen Meinungen zum Thema im Kontext des jeweiligen Blogs lese, in welchem sie veröffentlicht wurden, dann glaube ich nicht, daß die Abtreibung jemals in Vergessenheit geriet. Alle katholischen Blogger - sowohl die Gegner des Prinzips "Lying for Jesus" als auch die Befürworter - hinterlassen den unmißverständlichen Eindruck, daß die Machenschaften von Planned Parenthood aufgedeckt werden müssen, daß die staatlichen Gelder dieser Organisation entzogen gehören und daß die Abtreibung zu bekämpfen ist. Sie haben eben nur verschiedene Meinungen, was die Mittel betrifft, welche eingesetzt werden. Und dort, wo es Meinungsverschiedenheiten gibt, dort wird über das, worüber die Meinungen auseinandergehen (Wahl der Mittel) in der Hitzephase immer mehr debattiert als über das, warüber man sich ohnehin einig ist (Abtreibung? Nein, danke!)

Ich gehöre zu denen, die auf ein neues Live Action-Undercover-Video geschockt reagieren. Warum? Weil hier die Lüge als Mittel zum Zweck eingesetzt wurde? Nein! Sondern weil es in der Regel wieder einmal eine unappetitliche Praxis von Planned Parenthood enthüllt. Ich empfinde keine Schadenfreude im Sinne von "Ha-ha! Erwischt! Geschieht Euch recht!" sondern ich empfinde einen ehrlichen Horror, der zu drei gleichen Teilen aus "WTF?", ** facepalm ** und "Das macht PP aber nicht wirklich, oder?" besteht. Und in diesem ersten Moment ist es mir dann auch schnurzpiepegal, wie diese Informationen rausgekommen sind.

Aber wenn der Staub sich legt, dann kommen mir die Zweifel.

Der erste Zweifel: Darf Live Action lügen, um Planned Parenthood zu demaskieren?

Der zweite Zweifel: Kann Planned Parenthood aus dieser Situation kein Kapital schlagen, indem man darauf hinweist, daß christliche Lebensschützer nicht einmal vor Lügen zurückschrecken, um den Frauen das "Recht auf Abtreibung" oder eine "umfassende Fortpflanzungsmedizin" zu nehmen? In unserer Etiketten- und Schubladen-Gesellschaft gibt es genug Leute, denen eine negative Darstellung der Christen in diesem Kampf reicht, damit sie sich für die Abtreibung aussprechen.

Der dritte Zweifel: Was genau ist die Wahrheit, die wir als Abtreibungsgegner suchen und aufdecken wollen, wenn wir im Prozess der Aufdeckung zu Lügen greifen? Ist es die allumfassende göttliche Wahrheit, die sowohl ein Recht auf Leben schon im Mutterleib als auch ein Recht auf Wahrhaftigkeit umfaßt? Oder ist es die Wahrheit des Augenblicks, des Scharmützels, des schnellen Sieges, der sich - wenn die Dinge schief laufen (siehe zweiter Zweifel) - auch als gar nicht so gigantischer Sieg herausstellen könnte?

Der vierte Zweifel: Wenn die "Lying for Jesus"-Debatte sich hinzieht, wird es dann nicht mehr und mehr Katholiken geben, die sich darüber Gedanken machen, wie man eine Lüge rechtfertigen kann, als daß sie sich hinsetzen und überlegen, wie man auf anderem Wege (also ohne Lügen) zum gleichen Ergebnis (der Demaskierung von Planed Parenthood) kommen kann?

Der fünfte (und nagendste) Zweifel: Wo stehe ich überhaupt? Natürlich bereitet mir die Tatsache, daß es so viele Abtreibungen gibt, Schmerzen. Natürlich verurteile ich Planned Parenthhod für diverse Methoden und Praktiken. Natürlich halte ich es für skandalös, daß Planned Parenthood schubkarrenweise das Geld vom Staat einfährt. Natürlich finde ich jegliche Demaskierung von Planned Parenthood hilfreich. Aber andererseits kann ich auch die Stimme in mir nicht unterdrücken, die sagt, daß Lügen einfach nicht in Ordnung ist.

Sprich: Ich erwische mich auch hin und wieder dabei, daß ich denke 'Och jetzt macht Euch doch mit Eurer Super-Moral nicht ins Hemd! Hier geht's um das zu schützende ungeborene menschliche Leben!' Aber ebenso erwische ich mich hin und wieder dabei, wie ich denke 'Hmm... Ich fühlte mich bedeutend wohler, wenn diese Tatsachen auch ohne Lügen ans Tageslicht gekommen wären!'

Sprich, die Zweite: Im Affekt des ersten Augenblicks bin ich voll bei Live Action. Wenn ich beginne, darüber nachzudenken, dann ist plötzlich eine gewisse Distanz da.

Mist! Gar nicht so einfach...

Kommentare:

wrtlx hat gesagt…

Das war keine Lüge, sondern eine Kriegslist und das ist selbstverständlich erlaubt - von Sun Tsu bis Clausewitz und darüberhinaus - überhaupt keine Frage.
Jegliche Empörung darüber ist geheuchelt.

Der ganze Begriff "lying for Jesus" ist komplett in jeglichem Wortsinn falsch.
Ea wurde nicht "für Jesus" gelogen. Es wurde eine List angewandt um menschenverachtende Machenschaften einer Organisation zu entlarven und damit gegen diese vorzugehen.

Ein beispiel: Um einen Geiselnehmer zu verhaften wendet der Kommissar eine List an, die vorspiegelt, das ganze Haus sei von Polizei umstellt, weswegen der Verbrecher aufgeben solle. Tatsächlich sind gerade mal 2 Verkehrspolizisten anwesend. Der Geiselnehmer gibt auf. NIEMAND würde auf die absurde Idee kommen dem Kommissar unlauteres Verhalten - eine Lüge - vorwerfen und die Rechtmässigkeit der Verhaftung in Zweifel ziehen?
Er hat nämlich nicht gelogen "für den Staat", sondern eine List angewandt um eine Verbrechen zu verhindern/beenden.

Alipius hat gesagt…

@ wrtlx: Kriegslist ist da, wo Krieg ist. Krieg ist da, wo die legitimierten Autoritäten ihn offiziell erklärt haben.

Eine nicht schwangere Frau - die, wenn man auf ihre Ernsthaftigkeit als Abtriebungsgegnerin vertrauen darf, niemals an Abtreibung dächte, wenn sie tatsächlich einmal schwanger wird - geht in eine Abtreibungsklinik und sagt, daß sie schwanger ist und ihr Kind abtreiben möchte, wenn sich herausstellt, daß es ein Mädchen wird. Das ist keine Lüge?

Natürlich ist Planned Parenthood eine seelenlose Gelddruckmaschine, die mit menschenverachtenden Machenschaften auffällt. Keine Frage. Wird nicht bestritten.

Ich reserviere aber dennoch für mich das Recht, einem gewissen unguten Gefühl über die Taktik Ausdruck zu verleihen (und täte das auch künftig gerne, ohne daß gleich Geschütze wie "geheuchelt" aufgefahren werden).

Severus hat gesagt…

Alipius, ich finde, das "geheuchelt" war nicht gegen Dich gerichtet, insofern Du nicht "empört" bist, sondern nur ein legitimes "ungutes Gefühl über die Taktik" hast. Andererseits ist die "Kriegslist"-Theorie von wrtlx nicht ganz abwegig und das, was "PP" macht, als "Krieg gegen die Ungeborenen" (Ausdruck nicht von mir!) interpretierbar.

Severus hat gesagt…

Nachtrag: Irgendwo habe ich mal ein Gedankenspiel von Immanuel Kant gelesen, in dem er mit seinem Kategorischen Imperativ die Wahrheitsliebe auf die Spitze treibt und behauptet, es sei nicht einmal erlaubt, mittels einer Lüge einem Freund das Leben zu retten, den man vor Feinden versteckt hält.
Absurd, oder? Und mit vorliegendem Fall durchaus vergleichbar.