Montag, 25. Juni 2012

Das unnormale normale Angebot

Die Geschichte geht ungefähr so: Am 22. September findet in Berlin wieder der Marsch für das Leben statt. Dieser Marsch ist eine angemeldete und genehmigte Großveranstaltung, welche zum Ziel hat, durch öffentliche Präsenz auf die hohen Abtreibungszahlen in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, diese anzuprangern und andere Lösungen anzuregen.

Die Veranstalter haben von der Deutschen Bahn nun ein bestimmtes Kontingent an Fahrkarten zum Pauschalpreis angeboten bekommen; Ticket-Kooperationen dieser Art sind bei der Bahn nicht ungewöhnlich.

Ebenfalls nicht ungewöhnlich sind die Hirnfürze, Verbalinjurien, Weltuntergangs-Szenarien und Betroffenheits-Litaneien linker, feministischer, antiklerikaler und anderer Aktivisten, welche mit schöner Regelmäßigkeit durch's Internet fegen, wenn irgendwo "Schutz des ungeborenen Lebens" draufsteht und die Ideologie-Brille dies in "Angriff der tollwütigen, frauenhassenden, fundamentalistischen Steinzeitchristen" übersetzt.

Eine feministische Seite mit dem Namen "Mädchenmannschaft" wurde auf die Aktion aufmerksam und maulte:
    Wer glaubt, rechte christlich-(funda­mentalistische) Abtreibungs­gegner_innen würden nur in den USA ihr Unwesen treiben, irrt: Auch in Deutsch­land demonstrieren sie vor Arztpraxen, kooperieren mit Krankenkassen und melden fleißig Demos an, bei denen sie glücklicherweise auf Widerstand treffen. ... Der in diesem Jahr in Berlin geplante „Marsch für das Leben“ findet am 22. September 2012 statt. Und damit die so ge­nannten „Lebens­schützer“ (haha, welch’ Ironie!) auch alle schön zahl­reich und preis­wert nach Berlin kommen, können sie ein Spezial-Angebot der Deutschen Bahn nutzen. Oh ja, richtig gelesen!
Auf facebook handelte sich die Deutsche Bahn daraufhin einige negative Kommentare ein. Folgender Absatz aus dem "Mädchenmannschaft"-Artikel wurde oft kopiert und eingesetzt:
    Ich kritisiere, dass die Deutsche Bahn extreme Abtreibungs­gegner_innen von „Marsch für das Leben“ (marsch-fuer-das-leben.de) Bahn-Tickets mit „Sonderpreis“ zur Verfügung stellt und eine Demonstration gegen Abtreibungs­rechte damit (zumindest indirekt) unterstützt. Ich wünsche außerdem, dass in Zukunft geprüft wird, wer ein Veranstaltungs­ticket von der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellt bekommt. Ver­günstigte Preise wünsche ich mir ins­besondere für Menschen, die auf feministische Demos fahren und für Abtreibungs­rechte kämpfen.
Das Thema ging auch bereits durch die Blogoezese. Unter anderem haben aich Josef Bordat und Claudia Sperlich mit lesenswerten Beiträgen zu Wort gemeldet.

Aber auch die Gegenseite war nicht faul: Auf dem Blog "The Leftist Elite" wurde vorgeschlagen, das Fahrkarten-Kontingent einfach wegzukaufen, selbst nach Berlin zu fahren und dort unheimlich kreativ gegenzudemonstrieren, Du:
    Und kommt zu uns nach Berlin am 22.09., um mit uns zusammen Kondomluftballons zu werfen, die schönsten Demo-Parolen ever zu brüllen (“Eure Kinder werden so wie wir!” oder “hätt’ Maria abgetrieben, wär’ uns das erspart geblieben” (ja, der ist böse)) und ihnen die Kreuze wegzunehmen und in die Spree zu werfen. (Wie ihr die Bahnangebote ergattern könnt, erfahrt ihr hier).
Weiter heißt es bei der ... ** räusper **... "Elite":
    Was noch viel wichtiger ist: sorgt bitte alle zusammen dafür, dass dieses Land 2013 nicht weitere vier Jahre von solchen Leuten regiert wird:
Wer oder was sind "solche Leute"? Es sind Politiker, die im vergangenen Jahr ein Grußwort an den "Marsch für das Leben" gerichtet haben, um den Einsatz der Teilnehmer für den Schutz des ungeborenen Lebens zu würdigen.

Die Seite "1.000 Kreuze für die Spree" zeigt, wie simpel gestrickt der Verstand auch auf Seiten der selbsterklärten Toleranten und Aufgeklärten sein kann. Hier wird einfach alles in einen Topf geworfen...
    Billigere Bahntickets für homophobe, misogyne, christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner_innen bereitzustellen ist “ein völlig normales Angebot” der Deutschen Bahn.
... und dabei ignoriert, daß es sowohl atheistische als auch feministische als auch homosexuelle Abtreibungsgegner gibt.

Unter'm Strich also läßt sich sagen, daß das gute alte Schubladendenken immer noch prima funktionert, und daß offenbar heutzutage eine demokratiefeindliche Gefahr nicht von den Leuten ausgeht, die dazu aufrufen, andere zu beleidigen und zu verhöhnen, sondern von den Leuten, die sich für den Schutz des menschlichen Lebens einsetzen.

Die Deutsche Bahn kann man eigentlich ganz außen vorlassen. Die machen schlicht ihr Geschäft, wenn auch die Feminist_Innen ihnen nun einen schwarzen Peter zuschieben wollen. Interessant ist allerdings, daß man sich auf der Seite der Abtreibungsbefürworter mehr und mehr dazu veranlaßt sieht, wüste Vermutungen, schlichteste Verallgemeinerungen und üble Verleumndungen auszupacken, wenn es um das Thema Abtreibung geht.

Vor dem Hintergrund der auf einer der Seiten im Kommentarbereich geäußerten Feststellung, die Abtreibung sei immer noch heiß umstritten, ist ein Schelm, wer sich dabei denkt, daß wirkliche Argumente da wohl entweder nicht greifen oder gar nicht erst vorhanden sind.

Dann leuchtet auch ein, warum man den Abtreibungsgegnern am liebsten einen staatlich genehmigten Maulkorb verpassen würde. Wenn man selbst nichts zu bieten hat als die alten Vorurteile und Verbalinjurien, dann ist es natürlich riskant, wenn man Meinungsfreiheit nicht nur predigt und für sich in Anspruch nimmt, sondern sie auch der anderne Seite gewährt.

Kommentare:

Braut des Lammes hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Braut des Lammes hat gesagt…

Was mich bei der ganzen Sache - neben der allgemeinen Dumpfbratzigkeit - auch stört, ist, daß in den Kommentarbereichen von Mädchenmannschaft u. ä. kritisch-hinterfragende Kommentare erst gar nicht freigeschaltet werden. Nicht, daß ich was anderes erwartet hätte, es ist jedoch immer wieder erschreckend, wenn sich hier klar zeigt, wie wenig solche Leute von Meinungsfreiheit halten und Feministinnen von der etwa abweichenden Einstellung anderer Frauen.

Cassandra hat gesagt…

"Ich wünsche außerdem, dass in Zukunft geprüft wird, wer ein Veranstaltungs­ticket von der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellt bekommt. Ver­günstigte Preise wünsche ich mir ins­besondere für Menschen, die auf feministische Demos fahren und für Abtreibungs­rechte kämpfen"

In der DDR fuhren Menschen, die vom "Verband der Verfolgten des Naziregimes" anerkannt als Verfolgte des Naziregimes waren, umsonst Bahn. Hier handelte es sich um eine Anerkennung des Leidens und des persönlichen Opfers, dass diese Menschen gebracht haben. Das verstehe ich nicht nur, das begrüsse ich ausdrücklich.

Das ist das eine. Aber die Forderung "Leute, die sich mir genehm politisch engagieren sollen billiger Bahn fahren"... nee.
Da wird nämlich nicht gefordert, dass Menschen, die auf dem Weg zu einer Demonstration sind, verbilligt befördert werden (könnte man ja auch begründen mit der politischen Teilhabe, die in eienr Demokratie auch denen mit Budgetproblemen zustehen muss). Die Forderung lautet "Menschen mit Agenda XY sollen billiger Bahn fahren dürfen"- also auch wenn sie zu Tante Auguste fahren.

Das ist wahrscheinlich Korinthenzählerei es so zu lesen, aber Wörter bedeuten etwas.

Und deshalb wünsche mir:
- Sonnenschein und 30 Grad plus
- Urlaub auf dem Ponyhof für alle
- Weltfrieden
- besseres Fernsehprogramm
- jeden Tag 1 Tüte Chips essen können ohne die Rache der Waage zu fürchten