Mittwoch, 16. Mai 2012

"Was Laboratorium sein könnte, atmet Treibhausluft"

Alexander Kissler untersucht den Katholikentag:
    Der Verdacht ist unabweisbar: Nur schwache Argumente scheuen das Licht der Debatte. Nur stumpfen Messern setzt man die Butter der braven Denkungsart vor. Bleiben wird vom Katholikentag im heiteren Mannheim vermutlich nur dies, ein letztes Mal vor dem Kollaps der Fassaden: Umweltschutz, Feminismus, Multireligiosität, Entsakralisierung und Monopoltheologie.
"Umweltschutz, Feminismus, Multireligiosität, Entsakralisierung und Monopoltheologie..."

Das ist die Kirche, in die ich hineinwuchs und aus der ich im Alter von spätstens 20 Jahren floh. Die Ruhe, mich ernsthaft mit meiner Berufung auseinanderzusetzen, fand ich erst in den darauffolgenden 10 Jahren in der Wüste der Welt. Ich mußte mich ganz an den Rand drängen, so weit entfernt wie nur eben möglich von der Kirche. Denn die Kirche war zu diesem Zeitpunkt für mich "Danke für diesen Kaffeewärmer", "Wildwasser-Batiken gegen Atomkraft", "Jesus, Buddha, Yahweh, Mohammed... Alles das Gleiche!", "Frauenpower statt Männerkirche"... Sprich: Die Kirche war für mich in dieser Zeit nichts weiter als eine Ansammlung wenig hilfreicher Nebengeräusche, weil die Kirche es geschafft hatte, mir als neugierigem Jugendlichen und jungen Erwachsenen alles nahe zu bringen außer Christus.

So befand ich mich also in der Wüste der Welt. Der Hunger der Sakramentenlosigkeit begann an mir zu knabbern. Natürlich versuchte ich zuerst, diesen Hunger mit weltlichen Ersatzstoffen zu befriedigen. War nix. Also her mit der Bibel und mal so richtig mit Verstand in ihr gelesen. Schon besser! Dann genau zum rechten Zeitpunkt die Freundschaft zu einem Priester, der so ganz anders war, als die, die ich bisher kennengelernt hatte. Wie? Der Spricht von der Sünde? Was? Der hält Predigten, die unterhaltsam und katholisch sind? Echt jetzt? Der zelebriert würdig und schön? Wirklich? Der behandelt das Allerheiligste, als sei es das Allerheiligste? Dann kann ich ja vielleicht mal wieder meine Fühler nach der Kirche ausstrecken...

Und - schwupp - mit dem Wiedereintritt in einen persönlichen, regelmäßigen Beicht- und Eucharistie-Zyklus kam das sättigende Gefühl und der befreite Blick in eine bereits in Stein geschriebene Zukunft: "Du machst das jetzt mit dem Priestertum!"

Auf einem Katholikentag war ich übrigens noch nie...

Kommentare:

L. A. hat gesagt…

Zwar wurde bei mir keine Priesterberufung draus, aber diese Geschichte kenne ich selbst, und sie wurde mir von nicht wenigen anderen erzählt. Und einige davon fanden bei späteren Vergewisserungen wieder genau das vor, was sie als Jugendliche abstieß.
Es ist ein großer Segen, daß nun viele Neupriester antreten, um damit aufzuräumen,trotz aller Anfeindungen, ich bin sehr dankbar dafür!

Iris Kammerer hat gesagt…

Auch ein Wiedergänger? Na, dann sind wir ja im selben Club. Und dann wollen wir auch richtig römisch-katholisch sein und nicht pantheistisch angehauchte Reformprotestierer! ;-)

"Die Kirche war für mich in dieser Zeit nichts weiter als eine Ansammlung wenig hilfreicher Nebengeräusche, weil die Kirche es geschafft hatte, mir als neugierigem Jugendlichen und jungen Erwachsenen alles nahe zu bringen außer Christus."
Ich unterschreibe das - nur beim letzten Teil müsste es für mich heißen: "die mir all das nahe bringen wollte, aber nichts wirklich nahebrachte - schon gar nicht Christus!"

Am schlimmsten waren die Tralala-Schulgottesdienste mit Händchenhalten rings um den Altar...

Cassandra hat gesagt…

Solche Lebensgeschichten scheinen ja zumindest nicht unüblich zu sein.


Ich habe damals im ev. Konfirmandenunterricht gesessen und mich gefragt "was machen wir hier eigentlich?"
Über Glauben lernte man relativ wenig, es war eher so eine "seit mal nett zueinander"- Sozialkundestunde.

Irgendwann kam die Frage auf, warum die Kirche immer so leer ist und wir lasen Texte dazu und am Ende sollten wir aufschreiben, was wir denn tun würden um wieder mehr Leute in den Gottesdienst zu bekommen.
Ich dachte nach... und kam zu einem anderen Ergebnis als die Texte, die wir gelesen hatten.
Da stand die absolut mega-coole romanische Kirche und Gottesdienst fand im Mehrzweck-Gemeindesaal statt. Im Winter weil man das alte Gemäuer nicht heizen konnte, im Sommer weil ja Sommerkirche war.
In der Kirche gab es auch eine Orgel. Die könnte man ja spielen statt immer noch die lütte Elektro-Orgel zu nehmen oder die Gitarre. Und drittens (man merkte, ich war Teenager und es waren die 80er): alle Welt machte einen auf mystisch, nur in der Kirche was es immer so nüchtern-sachlich.
Ich hatte die Aufgabe wohl falsch verstanden... es ging gar nicht um unsere Vorschläge. Vorsicht vor "was würdest du ändern"-Umfragen, die sind nicht immer ernst gemeint :-)

Jedenfalls haben sie mich stilvoll zur Kirche rauskonfimiert. Die nächsten Jahre habe ich keine Kirche mehr freiwillig betreten. Und der Gedanke an bärtige Pastoren mit Gitarre lässt mich immer noch schaudern.

Im Laufe der Zeit kam ich zu dem Schluss, dass es Gott gäbe, aber Kirche???

Eine vorsichtige Annäherung fand in einem Frankreich-Urlaub statt als ich in einer Kirche stand und merkte "ich bin hier nicht allein". Es war erstaunlich, aber nicht erschreckend.

Und eben weil ich zu dem Schluss kam "da ist Er" schluckt man manche Kröte. Alles nicht so schlimm solange Er da ist. Kirche ist nämlich mehr als die paar Nasen, die neben mir sitzen.

Dazu kommt history girls Latein-Tick, die Lust am Schauen und die eigentlich ziemlich banale Erkenntnis, dass es Dinge gibt, über die man mit Gott zwar reden kann, aber über die Er nicht mit sich diskutieren lässt.

Iris Kammerer hat gesagt…

Auf einer Synode unterhalten sich zwei Pfarrer; der eine klagt über einen lästigen Taubenschwarm, der im Turm wohne und das Gemäuer mit seiner Sch... ruiniere. Da sagt der andere: "Hatte ich auch, ich bin sie aber losgeworden. Du musst sie einfach nur konfirmieren, dann fliegen sie weg und du siehst sie nie wieder!"

Anonym hat gesagt…

Jugenderinnerung aus Linzer (dem Namen nach katholischen) Studentengottesdiensten (vor ca. 25 Jahren):
Statt Predigt musste jeder ein Gespräch mit dem (völlig unbekannten) Sitznachbarn über ein vorgegebenes Thema (meist eher persönlicher Natur) führen.

S C H A U D E R H A F T !!!
Aus heutiger Sicht: Igitt!!!

Von den federführenden ProtagonistInnen dieses Unsinns sind inzwischen die ordensschwesterlichen allesamt wieder laiisiert, die priesterlichen Mitglieder von Schüllers Kirchendemolierungstruppe.

Ich bin trotzdem katholisch geblieben, beginne aber erst heute zu begreifen, was katholisch sein wirklich bedeutet.

Dorothea hat gesagt…

Au weia, da ist ja doch so mancher Kelch an mir vorübergegangen in meiner langen Abwesenheit aus allem Christlichen.