Donnerstag, 31. Mai 2012

"Lügen für Jesus" - Nächste Runde...

Live Action ist mit einem neuen Undercover-Video am Start, welches zeigt, daß Planned Parenthood werdende Mütter untersützt, die ihr Kind abtreiben wollen, wenn sich herausstellen sollte, daß es ein Mädchen ist.

Die auf US-Blogs als "Lying for Jesus" bekannte Taktik wird von einigen Bloggern verurteilt. Der Prominenteste und Eloquenteste Vertreter dieser Seite, dürfte Mark Shea sein, der in seinem NCRegister-Beitrag "Last Comments on Lying for Jesus" seine Position zusammengefaßt hat.

Der ebenfalls bekannte Patrick Archbold verteidigt auf Creative Minority Report die Live Action-Undercover-Aktionen und verweist auf einen Artikel von Peter Kreeft, der sagt, Live Action habe richtig gehandelt.

Was sagt der Katechismus über Abtreibungen?
    2271 Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte, Abtreibung stellt ein schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz dar.
Was sagt der Katechismus über das Lügen?
    2485 Die Lüge ist ihrer Natur nach verwerflich. Sie ist eine Profanierung des Wortes, das dazu bestimmt ist, die Wahrheit, die man kennt, anderen mitzuteilen. Die bewußte Absicht, durch wahrheitswidrige Aussagen den Nächsten zu täuschen, verstößt gegen die Gerechtigkeit und die Liebe. Die Schuld ist noch größer, wenn Gefahr besteht, daß die Täuschungsabsicht für die Getäuschten schlimme Folgen hat.
Was denkt der Herr Alipius?

Ich denke, daß weder abgetrieben noch gelogen werden sollte. Nun ist es allerdings so, daß es auf der Seite der Katholiken, die sich für das Leben einsetzen, einige gibt, die nicht nur die Abtreibung (versteht sich hier ja von selbst) sondern auch die Lüge ablehnen. Auf der Seite der Leute, die sich für ein "Recht" auf Abtreibung einsetzen, mag es auch einige geben, die sich gegen die Lüge aussprechen, aber wohl kaum jemanden, der sich gegen Abtreibung ausspricht.

Wir haben also zwei Gruppen: Die eine Gruppe verstößt schon aus ihrem Selbstverständnis heraus ("Wir setzen uns für ein Recht auf Abtreibung ein") gegen mindestens einen Punkt der katholischen Lehre. Die andere Gruppe handelt in diesem Punkt aus ihrem Selbstverständnis heraus gemäß der katholischen Lehre ("Wir setzen uns für den Schutz des Lebens ein") und legt zum Teil auch noch wert darauf, auch in einem anderen Punkt ("Wir lügen nicht") der katholischen Lehre treu zu bleiben.

Streng genommen hat man hier also aus katholischer Sicht einen Fiesheits-Überschuß auf der Seite derjenigen, die für ein "Recht" auf Abtreibung plädieren.

Darf man jetzt als Katholik hingehen und sagen "Naja, wenn die für die Abtreibung sind, dann rücken wir das Spielfeld eben wieder horizontal, indem wir hier und da ein wenig täuschen und schwindeln"? Ich denke, jeder Leser wird diese Frage intuitiv mit "Nein" beantworten, da man nicht einfach einen eigenen Verstoß gegen die katholische Lehre dadurch rechtfertigen kann, daß man sagt, anderswo werde ja auch gegen diese Lehre verstoßen.

Darf man als Katholik sagen "Die treiben ab, aber ich lüge nur (und füge mit dieser Lüge der betreffenden Person nicht einmal einen schweren Schaden zu), also führt mein kleineres Übel dazu, daß ein größeres Übel vielleicht abgestellt wird"? Ich denke, daß auch hier die meisten Leser intuitiv mit "Nein" antworten werden, weil sie erkennen, daß man das Übel nicht mit dem Übel bekämpfen kann.

Darf man als Katholik sagen "Ist doch egal, wenn ich lüge, so lange es einem guten Zweck dient"? Wieder denke ich, daß die meisten Leser hier "Nein" antworten werden, aus dem Bauch heraus und unter Nichtbeachtung aller "Nazis suchen bei mir versteckte Juden"-Szenarien.

Gibt es eine Lösung in diesem Dilemma? Meiner Meinung nach ja.

Wie wäre es denn, wenn Live Action einfach in die Planned Parenthood-Kliniken geht und fragt: "Was würden sie einer schwangeren Frau raten, die zu ihnen kommt und sagt, daß sie ihr Kind gerne austragen möchte, aber nur, wenn sie weiß´, daß ein Junge wird?"

So könnte man der Lüge entgehen und besäße immer noch die (zugegebenermaßen kleinere) Chance, daß PP antwortet, weil die Mitarbeiterin z.B. denkt, daß es der Kundin zu peinlich ist, sich selbst als diese Frau zu outen oder daß die Frage stellvertretend für eine Freundin, die sich nicht hintraut, gestellt wird.

Wie gesagt: Die Wahrscheinlichkeit ist geringer, aber die Möglichkeit bleibt erhalten.

Zu klären wäre dann noch, in wie weit das Mitlaufenlassen einer versteckten Kamera in solchen Fällen als Lüge bzw als Täuschung zu bewerten ist.

Alles nicht so einfach...

Kommentare:

L. A. hat gesagt…

Nein, in der Art "lügen für den guten Zweck" geht gar nicht. Man muß sich schon die Mühe machen, den Irrsinn eines "Rechts auf Abtreibung" als solchen zu vermitteln, ohne Propagandisten dieser Position zu verleumden.
Das ist eine utilaristische Haltung, die - mag sie auch gut gemeint sein- nicht auf die Wahrheit vertraut (was ich perönlich nicht in einem katholischen Kontext unterbringen kann. Das ist also nicht nur falsch, sondern auch dumm).
Anders sehe ich Dein "Nazis suchen bei mir versteckte Juden"- Bild. In dem Fall muß ich ja zwischen dem Gebot der Nächstenliebe und dem fünften Gebot, und dem achten Gebot andereseits abwägen. Ich kann doch nicht sagen: ich schütze dich gegenüber unrechter Verfolgung, aber jetzt kann ich nichts mehr machen, weil ich ja nicht lügen darf.
Diese Art der aus persönlicher Involviertheit bedingter Not - Täuschung ist etwas völlig anderes, als strategisch eingesetzte Unwahrheit.
(die im übrigen ohnehin zum Bumerang wird, weil dann gesagt werden kann, diese Verteidiger ungeborenen Lebens lügen)

Imrahil hat gesagt…

>>Zu klären wäre dann noch, in wie weit das Mitlaufenlassen einer versteckten Kamera in solchen Fällen als Lüge bzw als Täuschung zu bewerten ist.

Gar nicht. Es sei denn man geht hin und sagt "Keine Angst, ich habe keine versteckte Kamera dabei und Mikrofon auch nicht."

Es wäre nicht einmal Täuschung, wenn man sagt: "Keine Angst, ich habe keine versteckte Kamera dabei", aber ein Mikrofon dabeihat.

Auch eine Idee: Man sagt: "So und was Sie sagen wird natürlich auf Tonband aufgenommen" weil das einfach so unerwartet kommt, daß es schon allein deswegen für einen Scherz gehalten würde. Könnte aber die Gegenfrage provozieren: "Das stimmt jetzt aber nicht oder?" Da kann man dann zwar immer noch "Schau ich so aus als ob ich" usw. antworten, aber das könnte unsicher werden, zumal wenn das Gegenüber so etwas erwartet.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

@Imrahil: IBTD. Die Täuschung beginnt doch nicht erst da, wo ich ausdrücklich und wider besseres Wissen die Unwahrheit sage (also Lüge), sondern bereits da, wo ich die unausgesprochenen Voraussetzungen meines Gegenübers bewußt unterlaufe.

Die Voraussetzung des ganzen Gespräches ist doch, daß es sich um ein mehr oder weniger vertrauliches, jedenfalls um ein privates Gespräch (im Gegensatz zu "öffentlich") handelt. Das Gespräch würde so nicht stattfinden, wenn das Gegenüber wüßte, daß es gefilmt und aufgezeichnet wird. Und das weiß der Undercoverfilmer, deshalb filmt er ja undercover. Es ist also eine bewußte Vorspiegelung falscher Tatsachen, also eine Unaufrichtigkeit, die der Lüge schon sehr nahe kommt.

Catocon hat gesagt…

Alipius,
ich stimme Dir (und Mark Shea, dessen Einlassungen zum Thema ich schon vor Monaten mit Interesse gelesen habe) in wesentlichen Punkten zu, d.h. ich teile die Auffassung, dass man nicht für den guten Zweck lügen darf. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen. Man kann das dermaßen extrem treiben, dass es gegen jede gesunde moralische Intuition (und auch Intention des Katechismus) geht.
Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, und ich antworte, es gehe mir gut, obwohl das gar nicht stimmt, bin ich dann ein Lügner?
Wenn eine Sekretärin sagt "der Chef ist in einer Besprechung", während er in Wahrheit gerade einfach in Ruhe seinen Kaffee trinken möchte, ist die Sekretärin dann eine Lügnerin?
Was ich damit sagen will: Lügen ist grundsätzlich moralisch falsch. Aber nicht jede strenggenommen falsche Aussage ist gleich eine Lüge. So wie auch Diebstahl grundsätzlich moralisch falsch ist - aber Kardinal Frings ("fringsen")wusste schon, dass nicht alles "Wegnehmen" auch gleich immer Diebstahl ist.

Die Preisfrage bleibt dann natürlich, ob diese Art "Enthüllungsjournalismus" grundsätzlich moralisch verwerflich ist. In diesem Fall frage ich mich aber, wo der achso moralische Aufschrei bleibt, wenn man wieder irgendein Journalist einen politischen Skandal aufdeckt, indem er sich als etwas ausgibt, was er nicht ist. Solange dieser Aufschrei nicht stattfindet, würde ich mir an der Stelle von Live Action wenig Sorgen über ihre schrecklichen Lügen machen.
Die ganze Debatte ist ein Sturm im Wasserglas. Allenfalls, ja allenfalls, ist es eine lässliche Sünde der Größenordnung "eine Millisekunde im Fegefeuer"

Imrahil hat gesagt…

Lieber @Vincentius, die Abkürzung "IBTD" sagt mir nichts.

Es gibt einen Unterschied zwischen der keine-Wahrhaftigkeit-ausüben und der Lüge. Das erstere ist bei hinreichend gravierendem Grund ausnahmsweise erlaubt, was eigentlich ziemlich klar ist (über das "hinreichend" könnte man sich streiten), die zweite allerdings - nach traditioneller Lehre - nicht, aus gewissen Überlegungen oder halt deswegen, weil sie nun einmal von Gott verboten worden ist.

Interessanterweise ist das durchaus ins Bewußtsein der Menschheit eingegangen; Isolde bestand darauf, sich noch einmal von Tristan rempeln zu lassen, bevor sie schwor, niemals in den Armen eines Mannes gelegen zu haben außer ihres Ehemannes "und dieses komischen Mannes, der mich da angerempelt hat", und von der Bocca della verita wird Ähnliches berichtet.

Andererseits @catocon:
>>Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, und ich antworte, es gehe mir gut, obwohl das gar nicht stimmt, bin ich dann ein Lügner?

Nein; und zwar genau deswegen nicht, weil es Dir tatsächlich schlimmer gehen könnte...

Es könnte allerdings sehr wohl der Nächsten- und Selbstliebe entsprechen (ich rede nicht von einer Pflicht), dem anderen auf seine sei-es-auch-unbewußte Einladung mit Deinen Problemen auf die Nerven zu gehen und nicht selber zu entscheiden, was am besten für den Ansprechenden (also: nicht von Dir genervt zu werden) ist.

>>Wenn eine Sekretärin sagt "der Chef ist in einer Besprechung", während er in Wahrheit gerade einfach in Ruhe seinen Kaffee trinken möchte, ist die Sekretärin dann eine Lügnerin?

Ja. Ihr stehen auch viele wahrheitsgemäßer Alternativen zur Verfügung, z. B. "der Chef ist gerade nicht zu sprechen", "der Chef ist gerade mit wichtigen Angelegenheiten beschäftigt, die keinen Aufschub dulden" (nein, *das* ist keine Lüge, es heißt nämlich "die gegenüber Ihrem Anliegen keinen Aufschub dulden", auch wenn noch wichtigere Anliegen vielleicht auch den Kaffee verschieben würden", "der Chef trinkt gerade seinen Kaffee und da will er nicht gestört werden", usw. usf.

Catocon hat gesagt…

@Imrahil,
gehört nicht zur Lüge auch zumindest die bewusste Täuschungsabsicht? (sh. den von Alipius zitierten Katechismus)Ich kann nicht erkennen, dass die Sekretärin jemanden zu täuschen versucht. Sie verwendet einfach nur eine der häufig verwendeten Floskeln, mit denen man eben verhindert, dass der Chef jetzt gestört wird, auch wenn sie vielleicht, dächte sie ausführlich darüber nach, andere vergleichbare Floskeln finden könnte, die den objektiven Tatbestand des "kaffeetrinkenden Chefs" treffender zu charakterisieren in der Lage wären. (Aber gleichzeitig auch den Anrufer vor den Kopf stoßen würden - der Kaffee des Chefs ist also wichtiger als mein Anruf...)

Das ist ein signifikanter Unterschied zu dem Fall "Live Action" - hier haben wir in jedem Fall eine Täuschungsabsicht, so gut die Absicht ansonsten auch sein mag, also liegt auch eindeutig eine Lüge vor, die zumindest moraltheologisch gesehen nicht zu rechtfertigen ist, auch wenn ich zögere, die Beteiligten dafür zu verurteilen.

Imrahil hat gesagt…

Nun, subjektiv lügt die Sekretärin vermutlich nicht, aus den von Dir geschilderten Gründen.

Der Sache nach handelt es sich aber um "Profanierung des Wortes" im Sinne des Katechismus, beziehungsweise darum, daß letzlich der Ausdruck "in einer Besprechung sein" jeglicher Bedeutung (!) beraubt wird (!).

Und was, wenn die Sekretärin sagen würde: "der Chef ist gerade *wirklich* in einer Besprechung"?

Die Absicht, den Anrufer nicht vor den Kopf zu stoßen, entschuldigt (wenn tatsächlich eine Unwahrheit begründend und nicht bloß ein Verschweigen der Wahrheit) übrigens nicht, denn *das* ist Täuschungsabsicht; mehr noch, dabei erklärt man implizit den Anrufer für unfähig, auf "der Chef will jetzt erstmal seinen Kaffee trinken" eine angemessene Reaktion zu finden.

Catocon hat gesagt…

Imrahil,
wenn die Sekretärin auf Nachfrage bei ihrer "Geschichte" bleibt, dann offenbart sie tatsächlich Täuschungsabsicht - soweit kann ich zustimmen. Denn dann wäre sie mit einer direkten, offensichtlich nicht mehr floskelhaften Äußerung konfrontiert, sondern mit einem Gesprächspartner, der wirklich nachfragt, ob der Chef tatsächlich in einer Besprechung ist. Das verändert die Situation, so wie es auch die Situation verändert, wenn mich jemand fragt, "geht es Dir wirklich gut? Du sieht schlecht aus...".
Wenn man die von Dir vertretene Position aber konsequent anwenden wollte, wäre dies das Ende des normalen alltäglichen Gesprächs. Wenn bereits der objektive Tatbestand, etwas gesagt zu haben, dessen im Wortsinne verstandene Bedeutung nach dem eigenen Wissensstand nicht der Wahrheit entspricht, grundsätzlich und ausnahmslos schuldhafte Lüge impliziert, wären wir zu einem extremen Rigorismus gezwungen, von dem ich bezweifle, dass er im Sinne des Katechismus ist. Nicht nur die beiden von mir im ersten Kommentar genannten Beispiele wären dann moralisch verwerflich, sondern z.B. auch alle Aprilscherze und viele Arten von Humor generell - denn wir wollen ja, dass der andere zumindest für eine gewisse Zeit auf den Scherz hereinfällt, wir wollen ihn also "täuschen".
Die Sekretärin beraubt den Ausdruck "der Chef ist in einer Besprechung" übrigens auch gar nicht "jeglicher Bedeutung", sondern sie verleiht ihm genau die Bedeutung, die 99,9% der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung auch verstehen würden (thomistische Moraltheologen ausgenommen ;-)), weil es einfach die Bedeutung ist, die dieser Ausdruck im Rahmen der deutschen sprachlichen Konventionen hat: Nämlich, dass der Chef gerade nicht gestört werden will.
"Das Wetter ist Mist" wäre dann auch eine Lüge, denn jeder weiß, dass das Wetter vielleicht regnerisch, oder schlecht, oder kalt ist, aber nicht "Mist", denn Mist fällt nicht vom Himmel. Als wissenschaftlich informierte Menschen müssten wir auch darauf verzichten vom "Sonnenaufgang" zu sprechen, denn wir wissen, dass objektiv gesehen die Sonne gar nicht aufgeht, sondern nur bestimmte relative Bewegungen von Himmelskörpern stattfinden.
Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass niemand diese Haltung wirklich so extrem vertreten würde. Aber ich sehe nicht, wie man logisch eine solche Position vermeiden kann, wenn man alltägliche sprachliche Floskeln, die in literalistischer Deutung nicht wahr sind, bereits als "Lügen" bezeichnet.

Die meines Wissens beste Zusammenfassung zum ursprünglichen Thema (mit sehr vielen weiterführenden Links) stammt aus der Diskussion um die erste Operation von Live Action und findet sich bei Edward Feser: (Ich hoffe, der Kommentar landet nicht im Spam-Ordner, weil ein Link vorkommt...)
http://edwardfeser.blogspot.de/2011/02/live-action-lying-and-natural-law.html

Imrahil hat gesagt…

Nun, der Unterschied zu "es geht mir gut" ist eben offensichtlich der, daß "es geht mir gut" hier auf Erden ein relativer Begriff ist. Jeder Mensch kann sich leicht Dinge vorstellen wie Hungersnöte, fasttödliche Verkehrsunfälle und Konzentrationslager; insofern "es geht mir gut" zu sagen, wenn man nur durch eine wichtige Klausur gefallen ist, ist durchaus nicht einmal eine Unwahrheit, geschweige denn eine Lüge.

"Das Wetter ist Mist" und "die Sonne geht auf" sind als Beispiele für den ganzen Konflikt, um den es hier geht, allerdings ungeeignet. Nr. 1 ist offensichtlich ein metaphorischer Gebrauch (beziehungsweise eine Veradjektivierung des Wortes "Mist"), Nr. 2 ist eine formell korrekte physikalische Aussage (im Bezugssystem mit dem Beobachter als Mittelpunkt, denn seit den Discorsi von Galileo [nach dessen Inquisitionsverfahren] vertritt die Physik nicht mehr die Theorie, daß es einen abstrakten Mittelpunkt des Universums gebe, sei er auch die Sonne).

Hingegen die Sekretärin - was immer über sie subjektiv zu sagen ist - sagt eben objektiv A aus und meint aber B, das ist schon ein Unterschied. (Weder eine Metapher noch der Sprachwandel haben dem Ausdruck "in einer Besprechung sein" die von Dir attestierte Bedeutung gegeben.)

Und objektiv ist eben die menschliche Ausdrucksfähigkeit zumindest berührt, wenn einem ernstgemeinten "der Chef ist in einer Besprechung" ein "ich weiß ja, daß man so etwas immer sagt, aber diesmal stimmt es wirklich:" vorweggeschickt werden muß, damit man noch ausdrucksfähig bleibt.

Ganz davon abgesehen: Wenn ohnehin 99,9% den Ausdruck so verstehen, dann würde doch nichts hindern, einfach "der Chef trinkt gerade seinen Kaffee" zu sagen.

Aprilscherze sind allerdings keine Lügen, weil sie nämlich am ersten April stattfinden, wo man mit ihnen zu rechnen hat. Im übrigen aber haben nun einmal (leider?) fast alle Kirchenlehrer usw. die Scherzlüge tatsächlich als Lüge gesehen; verstehe: nicht den bloßen Scherz (wo man vor dem falschen Sachverhalt ein Grinsen aufsetzt oder ihn so trocken herüberbringt usw. usw. daß es sofort erkennbar ist, daß es ein Scherz ist), wohl aber, wenn man den anderen eine kurze Zeit täuschen will.

Catocon hat gesagt…

Imrahil,
1) 99,9% der Leute würden den Ausdruck "der Chef ist in einer Besprechung" so verstehen, dass der Chef für sie jetzt nicht zu sprechen ist, nicht dass er gerade einen Kaffee trinkt, und deswegen nicht zu sprechen ist. Insofern ist in diesem speziellen Zusammenhang "in einer Besprechung sein" keine Lüge, und auch nicht inhaltlich identisch mit "der Chef trinkt gerade Kaffee", sondern eine sprachliche Floskel.
Im Übrigen ist es für die Frage, ob jemand eine sündhafte Lüge begeht sehr wohl entscheidend, ob eine (subjektive) Täuschungsabsicht vorliegt. Denn ohne die *Absicht*, so sagt auch der Katechismus, keine Lüge. Absicht ist aber immer abhängig von der Person dessen, der die Absicht hat, also nicht objektiv, sondern subjektiv.

2) Wenn man hierzulande heutzutage gefragt wird, ob es einem gut geht, dann sieht der Gesprächspartner ja schon, dass man weder einen Hungertod stirbt, noch im KZ ist, oder sonst etwas dieser Größenordnung. Er fragt eben nach dem allgemeinen Befinden. Und dieses kann sehr wohl relativ zu den vielen anderen Tagen, an denen es besser, und den wenigen, an denen es schlechter ging, tatsächlich schlecht sein, und dann wäre der Satz "Es geht mir gut" tatsächlich ziemlich eindeutig falsch. Nach Deiner Theorie müsste dieser Satz dann eine schuldhafte, also sündige Lüge sein.

3) Was den klassischen Aprilscherz angeht, da gibst Du mit Verweis auf die Kirchenlehrer schließlich auch zu, dass er eigentlich ebenfalls (sündhafte) Lüge ist, weil die Pointe des Aprilscherzes eben darin besteht, dass das "Opfer" für eine kurze Zeit glaubt, was man ihm gesagt hat. Ein erfolgreicher Aprilscherz bezieht seine Pointe daraus, dass jemand glaubt, was gesagt wurde, und entsetzt, empört oder überrascht ist, bis er sich daran erinnert, dass ja der 1. April ist, und dann erkennt, dass er das Opfer eines Aprilscherzes geworden ist. Genau diese kurze Zeitspanne macht den besonderen Reiz dieser Art Scherz aus. Doch diese Zeitspanne macht ihn, ganz konsequent gesehen, zur sündhaften Lüge.

Für mich ist das eher eine "reductio ad absurdum". Diese strikte Position kann nicht richtig sein, wenn dadurch selbst der harmlose Scherz, oder der alltagssprachliche, floskelhafte Ausdruck zur Sünde würde.
Diese Position verlangte, wenn ich sie richtig verstanden habe, dass jeder Mensch zu jeder Zeit, selbst im alltagssprachlichen Umgang, exakt darauf achtet, dass er auch ja nichts sagt, was man ihm formal als "Unwahrheit" auslegen könnte. Ich kann die Sorge um die Unversehrtheit bzw. Integrität des Wortes verstehen und teile sie, wie ja auch der Katechismus. Aber diese Position scheint mir deutlich über die gerechtfertigte Sorge um die Unversehrtheit des Wortes hinauszugehen. So wie die Sorge, ob man nicht vielleicht sündigt, indem man am Sabbat einige Ähren abbricht, über die gerechtfertigte Sorge um die Heiligkeit des Sabbats hinausgeht.