Donnerstag, 3. Mai 2012

Helmut Schüller gibt sich die Ehre...

... und somit auch die Blöße.

Im profil-Interview gibt der Kirchenrebell ziemlich ungeschminkt tiefe Einblicke in seine Idee von Kirche. Das Interview ist in der Onlineausgabe nicht verfügbar. Daher hier die Highlights:
    profil: Könnte der Streit letztzlich zu einer Spaltung führen?
    Schüller: Das mit der Spaltung ist eine drollige Idee. Die, die uns vorwerfen, wir wollten spalten, sind genau die, die uns draußen haben wollen [Stimmt vorne und hinten nicht. Sowohl ich als auch viele meiner Mitbrüder und viele Gläubige wollen Helmut Schüller und Bande nicht draußen, sondern drinnen haben. Das Problem ist, daß die Ungehorsams-Truppe sich momentan mit ihren Forderungen selbst außerhalb positioniert. Da die Forderungen für genügend Leute (Laien und Priester) interessant bis attraktiv sind, werden so weitere Individuen nach außen gezogen. Jetzt muß man vielleicht nicht unbedingt in großer Panik "Spaltung!" schreien, andererseits sehe ich aber auch nicht, wie Schüller und seine Leute zur Einheit in der Kirche beitragen. Sie bilden dort Einheit, wo die Kirche streng genommen nicht mehr als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche vorhanden ist sondern nur noch als formbare Masse in den Händen/Gedanken einer ganz bestimmten Gruppe. Das wird auch bei der nächsten Antwort deutlich...]

    profil: Von der Gegenseite kommt das Argument, die Kirche sei halt eine private Gemeinschaft. Wer die Regeln nicht gut findet, kann jederzeit austreten. Hat das nicht etwas für sich?
    Schüller: Nein, weil die Kirche nicht der Privatbesitz der Bischöfe ist. Es sieht nur manchmal so aus. Die Bischöfe führen sich so auf wie Gutsherren in der Feudalzeit.

    Die Kirche zu verlassen würde bedeuten, sie in den Händen derjenigen zu lassen, in deren Händen wir sie nicht haben wollen [Klassische Wir-Die-Spalterlingo. Mich würde interessieren, wo dieses Mem mit den gutsherrlichen Bischöfen herkommt. Wenn die wirklich so drauf wären, dann wehte Schüller und Konsorten bereits ein ganz anderer Wind um die Ohren. Stattdessen steht Schüller weiterhin in Amt und Würden, ist als Priester - wie er im Interview selbst später sagt - weiterhin Mitarbeiter der Diözese, darf im Wochenblatt "Der Sonntag" veröffentlichen, wird von Kardinal Schönborn zum Mittagessen eingeladen, kann sich in Ruhe durch seine gewiefte Medien- und Öffentlichkeitsspielerei seine Truppe aufbauen und sich ohne rot zu werden auf jedes ihm genehme Pidestal stellen lassen].

    profil: Aber daß es die katholische Kirche noch gibt, liegt doch auch daran, daß sie über manche Dinge von Anfang an keine Diskussion zugelassen hat.
    Schüller: Das ist Unsinn. Die Kirche hat sich immer verändert, sonst hätten wir heute noch palästinensische Fischer als Bischöfe. Die jetztige Kirche, von der alle glauben, sie hätte sich seit Jahrtausenden nicht verändert, stammt in Wirklichkeit aus dem Jahr 1871. Das war das Erste Vatikanische Konzil, bei dem sie zu dem wurde, was sie heute ist. Mit einem autokratischen Papst und mit Bischöfen, die nichts zu reden haben [Eigenwillige ekklesiologische und historische Interpretationen mal beiseite: Ich finde es hochinteressant, daß sich die Natur der Bischöfe innerhalb eines Atemzuges von "Gutsherren der Feudalzeit" ändert hin zu Männern, "die nichts zu reden haben". Und ich glaube, daß Schüller hier auch nur eine Nummer abzieht. Er weiß gut genug, daß es in der Kirche Lehren, Realitäten und Phänomene gibt, die - seit sie definiert bzw. offenbar wurden - nicht mehr verhandelbar sind. Wenn er jetzt eine "Das Verständnis von Papst- und Bischofsamt hat sich geändert, also können wir auch gleich mal über das Frauenpriestertum oder den Zölibat oder die Unbefleckte Empfängnis reden"-Karte spielen will, dann ist das eine Mogelpackung. Interessant ist auch, daß für Schüller in der Kirche offenbar seit dem Ersten Vatikanischen Konzil nur der Papst und die Bischöfe relevant zu sein scheinen. Die ganze "Gutsherren/Nichts zu reden"-Geschichte fällt in sich zusammen, wenn man sich nur einmal die Instruktion Memoriale Domini aus dem Jahre 1969 durchliest. Weder treten hier die Bischöfe als Gutsherren auf, sondern sie fragen beim Heiligen Stuhl nach, ob in ihren Gebieten Experimente mit der Handkommunion zugelassen werden können. Noch fährt der Heilige Stuhl ihnen über den Mund, sondern er organisiert eine Umfrage bei allen Bischöfen der gesamten lateinischen Kirche, um herauszufinden, was die Mehrheit über den würdigen Empfang der Heiligen Kommunion denkt. Die Mehrheit sprach sich gegen den Empfang der Heiligen Kommunion mit der Hand aus. Was aber ist die heute normale Art, die Kommunion zu empfangen?

    "... Gutsherren...", "... nichts zu reden...", ja, klar! Wenn die Bischöfe Gutsherren sind, dann ist der Empfang der Heiligen Kommunion in die Hand die Guillotine. Wenn die Bischöfe nichts zu sagen haben, dann höchstens gegenüber den Laien, die ihnen ins Gesicht sprängen, wenn sie versuchten, anzuregen, daß die "Heilige Kommunion mit jener Ehrfurcht, Schönheit und Würde ausgeteilt wird, die ihr gebührt und daß jede Profanierung der eucharistischen Gestalten abgewehrt wird 'unter denen auf einzigartige Weise, der ganze und ungeteilte Christus als Gott und Mensch wesenhaft enthalten und gegenwärtig ist'" (Memoriale Domini)].

    ...

    profil: Ist der Ungehorsam verhandelbar?
    Schüller: Nein, es hat sich an den Voraussetzungen ja überhaupt nichts geändert [Alles klar? Es wird über den Ungehorsam nicht verhandelt, weil sich an den Voraussetzungen nichts geändert hat. Über Frauenordination, Auflöslichkeit der Ehe und Zölibat muß aber dringend verhandelt werden, weil... ja, warum eigentlich? Weil sich hier an den Voraussetzungen schlagartig offenbar irgendwie alles geändert hat und nur der doofe Papst und die doofen Bischöfe es noch nicht mitbekommen haben, nehme ich an. Das sind die Ecken, in die man sich redet, wenn man sich außerhalb der Kirche positioniert und die Wahrheit (ja: Ich habe grade 'Wahrheit'geschrieben. Nehmt's wie echt Kerle und jammert nicht) nur noch das sein darf, was sich gut anfühlt und was mir in den Kram paßt].

    profil: Wenn Sie eine Zwischenbilanz ziehen: Haben Sie der Kirche bisher mehr geschadet oder mehr genützt?
    Schüller. Wenn ich den Eindruck hätte, daß ich der Kirche schade, würde ich sofort alle Aktionen einstellen. Aber seit unserem Aufruf zum Ungehorsam melden sich bei uns laufend Leute, die sagen: Ich wollte grade gehen, aber jetzt bleibe ich noch eine Weile [Wer hätt's gedacht? "Wenn ich den Eindruck hätte, daß ich dem Staat schade, würde ich sofort alle Aktionen einstellen. Aber seit unserem Aufruf zur Verweigerung jeglicher Steuerzahlungen melden sich bei uns laufend Leute, die sagen: Ich wollte eigentlich auswandern, aber jetzt bleibe ich noch eine Weile" - "Okay, aber somit scheinen sie ja nur einer gewissen Zahl von Leuten und ihrer eigenen Eitelkeit zu nutzen und nicht dem Staat..." - "Klar, aber es war ja die Rede davon, dem Staat nicht zu schaden, nicht davon, ihm zu nutzen. Ob der Schaden wirklich eintritt, kann man ja mit Gewißheit dann erst in der Zukuft sagen..."].
Unbeeindruckt...

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

History Girl speaking:

Palästinensische Fischer... oh Mann.
Die Bevölkerungsgruppe, die heute als Palästinenser bekannt ist, gab es zu Jesu Zeiten definitiv nicht. Man kann drüber reden, wann sie entstanden ist (irgendwann zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der Gründung Israels, vielleicht aber auch erst irgendwann danach, auf jeden Fall aber in den 1970ern, dazwischen scheint alles zu gehen)

Wenn es bereits an solchen Grundlagen mangelt, wundert mich wenig bis nichts.

Palästinensiche Fischer... jupps, und ein paar Finanzbeamte, Berufsrevoluzzer (okay, waren nur kurzfristig dabei) und gerüchteweise auch eine Ex-Irre. Ich hörte vor ein paar Jahren eien Predigt, dass jeder heutige Human Ressources Manager die Truppe sofort auflösen und durch Profis ersetzen.

Jedenfalls bin ich mir jetzt sicher, dass die professionell Ungehorsamen keine Historiker sind...

Gerd hat gesagt…

>>Aber seit unserem Aufruf zum Ungehorsam melden sich bei uns laufend Leute, die sagen: Ich wollte grade gehen, aber jetzt bleibe ich noch eine Weile<<

Den Satz find ich klasse. ICH BLEIBE NOCH EINE WEILE!

Vielleicht wird es nach dieser Weile einsam um Schüller. Wetten das?

Gerd

Charlotte hat gesagt…

Ich lese deine Beiträge ganz oft mit Freude,Vergnügen und dem Gefühl der Bereicherung. Trotzdem oder gerade deswegen bitte ich dich, dir doch ein wenig den Schaum von den Lippen zu wischen und nicht in den gleichen Fehler zu verfallen wie diese Initiative,indem du Themen vermischst, die einzeln zu betrachten sind. Vielleicht habe ich dich auch einfach falsch verstanden.
Für mich kann ich nur sagen, dass das Thema des würdigen Empfangs der Heiligen Kommunion nicht von Hand- oder Mundkommunion abhängt sondern von dem inneren Bewußtseins der Gnade. Einen Mangel daran kann man in beiden Formen antreffen.
Bei der Handkommunion vielleicht öfter in Unaufmerksamkeit und einem "gib schon her", bei der Mundkommunion eher in dem Gefühl des Pharisäers gegenüber dem Zöllner: Danke Gott,dass ich nicht so bin wie dieser Unwürdige.
Auch missbrauchen lassen sich beide Formen:
Da mag aus dubiosen Gründen einer die Hostie in die Tasche stecken, der andere spuckt sie vielleicht irgendwo aus.
In unsere Seele kann nur Gott blicken, und vor Verurteilungen sollten wir uns alle hüten.

Gottes Segen und eine gute Nacht!

Alipius hat gesagt…

@ Charlotte: Das Thema Kommunionsempfang ist eher "aus Versehen" reingeraten, weil es der Inhalt der Kommunikation zwischen Vatikan - Bischöfen - Kirchenvolk war, anhand dessen ich demonstrierte, daß Bischöfe weder "Gutsherren" sind noch Männer, die "nichts zu reden haben". Insofern sind die Themen nicht wirklich vermischt, weil es in dem betreffenden Teil meines Textes nicht um Kommunionsempfang geht, sondern um die Art und Weise, wie zwischen Vatikan und Bischöfen und zwischen Bischöfen und Kirchenvolk ein konkretes Thema (im Beisepielfall Kommunionsempfang) behandelt wurde. Das Thema hätte aber ebensogut lateinischer Gesang oder etwas anderes sein können.

Daß die innere Einstellung beim Kommunionsempfang Trumph ist, versteht sich.

Dessen ungeachtet aber dennoch zwei Anmerkungen:

Zumindest für mich als Priester läßt die "Gibt schon her"-Attitüde sich schlicht und einfach an Haltung und Gestus der Leute ablesen, während die "Nicht so wie dieser Unwürdige"-Attitüde von meiner Seite aus unterstellt werden müßte.

Es ist zudem bedeutend schwieriger und erfordert eine weit höhere Mißbrauchs-Willensstärke, eine Hostie in den Mund zu nehmen, bis nach der Messe zu warten und sie dann auszuspucken, anstatt sie einfach einzustecken.

L. A. hat gesagt…

Ich finde es nicht unlegitim, Priestern, die die Verfaßtheit der Kirche,von der und durch die sie zum Priester geweiht wurden, derart ablehnen, daß sie meinen zum "Ungehorsam" aufrufen zu dürfen, einen Abgang nahezulegen.
(ich hätte natürlich gern auch jeden lieber drinnen, insofern er wenigstens grundsätzlich im einverständnis mit dieser Verfaßtheit drinnen ist)

@charlotte

mag sein, daß es einige "Pharisäer" unter den Mundkommunikanten gibt. In meiner Stadt gibt es mehrere Kirchen, in denen beide Formen der Kommunion praktiziert werden. Dabei wär mir noch keiner aufgefallen,der sich im Moment des Empfangs über Stehende erhöbe.
Ich kann das tendenziöse Ideologie und Heuchlerei unterstellen gegenüber kniienden Mundkommunikanten allmählich nicht mehr hören!

gerd hat gesagt…

In unserer Gemeinde (ca 3000 Christen) gibt es genau 5(!!!) Gläubige (mich eingeschlossen) die sich den Leib des Herrn auf den Mund legen lassen. Da kann schon mal der Eindruck erweckt werden, dass man irgendeinen exclusiven Eindruck erwecken will. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Sich jedes Mal "outen" zu müssen (z.B. bei fremden Priestern) geht schon sehr an die Andacht und wird meistens zum Ärgernis. Und das genau in dem Moment wenn es um die Kommunio geht. Ganz abstrus wird es, wenn die Mundkommunikanten gezwungen werden sich an das Ende der Schlange stellen zu müssen, um als letzte an der, zum Glück noch vorhandenen Kommunionbank, nieder zu knieen. Wenn man das dann als Heuchelei unter die Nase gerieben bekommt oder als Pharisäertum gehen bei mir vollends die Lichter aus. Gerne können die Handkommunikanten sich den Mundkommunikanten anschliessen und die Heuchelei auskosten. Bis jetzt hat sich noch keiner gemeldet.

Anonym hat gesagt…

Charlotte hat nur gesagt, dass bei beiden Formen des Empfangs der Hl. Kommunion sowohl Missbrauch geben KANN (ein späteres Herausnehmen der Hl. HOstie ist bei diesen - verzeihung - Kartonstückchen, die in manchen Kirchen üblich sind, durchaus kein großes Problem, aber wohl eher unwahrscheinlich). Sie hat weder über die Empfänger der Hand- noch der Mundkommunion irgend etwas verallgmeinernd negatives gesagt. Fühlt euch doch nicht immer gleich auf den Schlips getreten! Auch ich empfange ausschließlich die Mundkommunion und habe mich von ihren Worten in keinster Weise angegriffen gefühlt.
MERCI.
E. Roth

Anonym hat gesagt…

@ Cassabdra: Im Arabischen heißen die Palästinenser Philistin. Und im alten Testament gab es die Philister. Ich denke schon, daß dies ein altes Volk ist, habe ich aber nur von dieser Tatsache her abgeleitet.
E. Roth

Charlotte hat gesagt…

So ist es, danke Eugenie!