Montag, 14. Mai 2012

"Du Spiegel der Gerechtigkeit"

Vor drei oder vier Jahren habe ich mich für einige Zeit ein wenig mit der Lauretanischen Litanei beschäftigt und mir einige der Titel, welche Maria in dieser Litanei gegeben werden, etwas genauer angesehen. Drei der Titel bissen sich mit besonderer Hartnäckigkeit in mein Bewußtsein, so daß ich sie in kurzen Essays abhandelte. Ich denke, der Marienmonat Mai ist eine ganz gute Gelegenheit, der geneigten Öffentlichkeit meine Überlegungen zu präsentieren.

Ich beginne mit dem Titel "Du Spiegel der Gerechtigkeit". Die beiden anderen Titel (die dann irgendwann in den nächsten Tagen folgen) sind "Du goldenes Haus" und "Du geheimnisvolle Rose".


"Maria, Du Spiegel der Gerechtigkeit"

Einer der Titel, die Maria in der Lauretanischen Litanei gegeben werden, ist "Spiegel der Gerechtigkeit" (manchmal auch "Spiegel der göttlichen Heiligkeit", aber mir ist "Gerechtigkeit" geläufiger). Was erzählt uns dieser Titel über Maria? Und was bedeutet dieser Titel für uns, die wir auf Maria als Beispiel schauen?

Wenn ich "mein Spiegel" sage und "mein" dabei nicht nur in streng besitzergreifendem Sinne meine, dann ist "mein Spiegel" das Instrument, welches mich mir selbst zeigt. Mein Spiegel ist das Gerät, welches mich wissen läßt, wie ich aussehe.

Analog ist Maria - als "Spiegel der Gerechtigkeit" - also die Person, welche der Gerechtigkeit die Gerechtigkeit zeigt. Maria zeigt der Gerechtigkeit wie sie - die Gerechtigkeit - "aussieht".

Für den Heiligen Thomas von Aquin ist die Gabe des Heiligen Geistes, die mit der Gerechtigkeit assoziiert wird, die Frömmigkeit. Während die Tugend der Frömmigkeit in Verbindung mit der Gerechtigkeit dem Andern gibt, was ihm zusteht (z.B. unseren Eltern die Liebe oder unserem Schuldner die Zwofuffzich, die wir uns geliehen haben), ist die Gabe der Frömmigkeit das, wodurch wir aufgrund der Eingebung des Heiligen Geistes dazu bewogen werden, Gott als unsrem Vater Verehrung und Schuldigkeit zu erweisen. Wie wir aber durch die Tugend der Frömmigkeit nicht nur unserem leiblichen Vater Pflicht und Schuldigkeit erweisen, sondern auch unseren Geschwistern aufgrund ihrer Verwandschaft zu unserem Vater, so erweisen wir aufgrund der Gabe der Frömmigkeit nicht nur Gott Pflicht und Schuldigkeit sondern allen Menschen, weil sie als Geschöpfe unsere Beziehung zum Schöpfer teilen.

Wenn es nun auch einen kleinen Zweifel bezüglich der Machbarkeit gibt ("Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?", Lk 1,34), so verleiht Marias Liebe zu Gott ihr dennoch die Kraft, ihm in solchem Maße ihre Pflicht und Schuldigkeit zu erweisen, daß sie ohne Bedingung und aus ganzem Herzen diesen Satz sprechen kann: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38). So wird Maria zum Spiegel der Gerechtigkeit. Sie setzt mit diesem Satz den Standard für die mit der Gerechtigkeit assoziierte Gabe des Heiligen Geistes, die Frömmigkeit. Seit Marias "fiat mihi" kennt die Gerechtigkeit ihr eigenes Gesicht, wenn ich es so formulieren darf. Wenn ich in einen Spiegel gucke, dann weiß ich, wie lang und breit meine Nase ist. Wenn die Gerechtigkeit auf Maria blickt, dann weiß sie - die Gerechtigkeit - in welchem Maße die Gabe der Frömmigkeit ihr - der Gerechtigkeit - anhaftet.

Für uns, die wir zu Maria als gutes Beispiel aufschauen, bedeutet dies, daß wir wissen, was Gerechtigkeit ist und daß wir erkennen, zu welchen Höhen die Gabe der Frömmigkeit uns erheben kann. Und selbst, wenn wir niemals im Leben diese Höhen wirklich erreichen können, so können wir doch immer wieder unser Bestes geben, sie anzustreben. Denn auch uns sind die Gaben des Heiligen Geistes gegeben. Um beim Bild zu bleiben: Auch wir können als Spiegel der Gerechtigkeit wirken, wenn auch auf unvollkommene Art. Das Glas unseres Spiegels mag beschmutzt oder gar gebrochen sein, aber das bedeutet nicht, daß wir Gott nicht die ihm gebührende Pflicht und Schuldigkeit erweisen können bzw daß unser Spiegel nichts reflektieren kann.

Eine weitere Sache, die uns bewußt wird, wenn wir an Maria als Spiegel der Gerechtigkeit denken ist, daß wir die Gerechtigkeit nicht mehr an der Nase herumführen können. Denn seit die Gerechtigkeit ihr eigenes Gesicht erkannte, als sie auf Maria blickte, wird sie, sobald sie auf uns blickt, sofort und unweigerlich erkennen, daß ihr Gesicht hier verzerrt oder verdunkelt wiedergegeben wird. Dies lehrt uns, daß es besser ist, unvollkommen aber ehrlich zu sein und zu versuchen, Gott und den Mitmenschen immer so gut wir können die angemessene Pflicht und Schuldigkeit zu erweisen, als vorschnell und selbstgerecht anzunehmen, wir hätten bereits irgendeine Ebene der Gerechtigkeit erlangt.

Für mich persönlich ist das Bild von Maria als Spiegel der Gerechtigkeit gleichtzeitig ein Anlaß zur Demut und auch ein Anlaß zur Beruhigung. Es ist ein Anlaß zur Demut, weil es mir ein Beispiel zeigt, dem ich immer nur zu folgen versuchen kann, ohne es je erreichen zu können. Es ist Anlaß zur Beruhigung, weil ich Zeit meines Lebens eine absolute Hammer-Frau wie Maria um Beistand in meinen Versuchen bitten kann.

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