Freitag, 11. Mai 2012

Das Ziel ist das Ziel, der Weg ist der Weg

Selbst wenn man - so wie ich - als klitzekleines Baby getauft wurde, muß man als Katholik irgendwann in seinem Leben eine Entscheidung für oder gegen seinen Glauben treffen.

Die Entscheidung für den Glauben erfolgt meiner Meinung (und natürlich auch meiner Erfahrung) nach bewußt.

Die Entscheidung gegen den Glauben muß nicht notwendigerweise immer in gleichem Maße bewußt sein. Der Glaube kann irgendwie einschlafen, ohne daß man es wirklich merkt oder ohne daß man sich wirklich daran stört. Der Glaube kann auf irgendeine Art verwässert werden, so daß er sich immer noch wie Glaube anfühlt, aber nicht mehr Christus und das Himmelreich als Ziel hat.

Wenn man sich also bewußt für den Glauben entschieden hat, dann beginnt die Arbeit: Man weiß, daß da ein Ziel ist und man will dieses Ziel unbedingt erreichen. Um dies zu tun, richtet man sein Leben auf eine bestimmte Art ein. Man nimmt Christi Lehre ernst, man sucht die Begegnung mit IHm in den Sakramenten und im Gebet. Und man lernt, geduldig zu sein. Denn wenn man auch schon so viel wie eben möglich tut, um dieses Ziel zu erreichen, so weiß man nicht, wann man es erreicht. Zudem wird man auf dem Weg oft genug von lästigen Nebengeräuschen abgelenkt, welche man geduldig entschlüsselt und evaluiert, um zu erkennen, ob sich künftig das Wahrnehmen dieser Geräusche lohnt oder nicht. Man wird von erschütternden Ereignissen verunsichert, die einen manchmal daran zweifeln lassen, ob man überhaupt noch auf dem richtigen Weg ist. Doch man bewahrt auch hier die Geduld und läßt sich im Idealfall nicht aus der Bahn werfen. Man trifft auf dem Weg andere Wanderer, welche das gleiche Ziel ansteuern und denen man nicht zum Stolperstein werden darf. Geduldig setzt man sich mit den Eigenarten dieser anderen Wanderer auseinander, und hin und wieder geschieht es, daß dazu eine gehörige Portion Geduld nötig ist.

Wofür nun muß sich ein Mensch bewußt entscheiden, der nicht glaubt? Und was ist das Ziel/was sind die Ziele, auf das/auf die ein Mensch hinarbeitet, der nicht glaubt?

Das Ende (nicht das Ziel) jedes menschlichen irdischen Lebens ist der Tod. Für den gläubigen Menschen liegt das Ziel auf der anderen Seite des Todes. Da ich keinen Menschen kenne, der als Lebenziel den Tod selbst angibt, muß sich folglich das Ziel des nicht-gläubigen Menschen auf dieser Seite des Todes befinden.

Auch die nicht-gläubigen Menschen befinden sich auf einem Weg durch das Leben. Auch sie haben mit Problemen zu kämpfen und müssen sich auf diverse Überraschungen einstellen.

Wenn ich auf meinem Weg einen anderen Wanderer treffe, dann ist es entweder jemand, der das gleiche Ziel ansteuert wie ich oder es ist jemand, der ein anderes Ziel ansteuert. Für mich und meinesgleichen liegt das Ziel am Ende des Weges, da wir glauben, daß am Ende dieses Weges das Neue, das Andere, das Vollkommene, das Glückseligmachende beginnt.

Für diejenigen, die nicht an dieses Neue, Andere, Vollkommene, Glückseligmachende glauben, muß das Ziel demnach auf dem Weg liegen. Und es ist auch nicht nur ein Ziel. Für diejenigen, die nicht glauben, schaltet sich auf dem Weg Ziel hinter Ziel. Je nachdem, welchen Lapallien man schon den Zielstatus zugestehen möchte, können sich da pro Tag gleich mehrere Ziele aufstauen.

Auch ich habe pro Tag mehrere Ziele. Aber daneben habe ich eben noch DAS Ziel. Für Menschen, die DIESES Ziel nicht haben, wird der Spruch "Der Weg ist das Ziel" demnach irgendwie zur Realität ihres Lebens, da zwar alle Menschen - gläubig oder nicht - während ihres Weges dieses oder jenes Ziel haben, aber nur die Gläubigen auf DAS Ziel zusteuern. Für die Gläubigen sind die "Zielchen" untergeordnet, weil sie DAS Ziel suchen. Für die Nicht-Gläubigen kann jedes einzelne "Zielchen" zu DEM Ziel werden, weil sie keine wirkliche Vergleichsmöglichkeit in sich tragen und nicht wissen, wie sehr sich der Weg hin zu DEM Ziel unterscheidet von Weg hin zu den "Zielchen".

Somit könnte es doch durchaus so sein, daß nicht-gläubige Menschen sich über das Erreichen eines "Zielchens" mindestens genau so heftig freuen können wie gläubige Menschen (die es schon irgendwie dufte finden, ein "Zielchen" zu erreichen, die aber auch wissen, daß es nicht DAS Ziel ist). Andererseits könnten genau deswegen gläubige Menschen mit dem Verfehlen eines "Zielchens" womöglich viel besser umgehen, als nicht-gläubige Menschen, denn es war ja nicht DAS Ziel, welches sie verfehlten.

Nur so'ne Theorie...

[Sorry, für die etwas wirre Präsentation derselben...]

Kommentare:

nerone hat gesagt…

Lieber Alipius,
vielen Dank für diese Gedanken über den Weg des Nicht-Gläubigen. Ich nehme das als Anregung mit und werde mir über "Zielchen" und "große Ziele" Gedanken machen. Wobei ich, obgleich ich nicht an Gott glaube, ja katholisch geschult bin, kann es durchaus sein, dass ich ein übergeordnetes Ziel verfolge und ich deswegen hin und wieder fröhlich scheitern kann. Sollte Zeit sein will ich eine Antwort versuchen...

Anonym hat gesagt…

Finde nichts "Wirres" an der Präsentation der vorgelegten Theorie, kann ihr - der Präsentation - sehr gut folgen und stimme ihr - der Theorie - völlig zu! (Mich Kennende könnten vielleicht sagen, das kommt davon, daß ich selber "verwirrt" bin... na ja, vielleicht hin und wieder...)
Helene

Cicero hat gesagt…

"Und man lernt, geduldig zu sein."

:-O

Gibt es schon nähere Erkenntnisse wie lange es dauert, bis man das gelernt hat? *trippel*


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Danke für die Gedanken, die ich eigentlich nicht wirklich wirr finde. Ich kann das gut nachvollziehen. Hier ist es (meistens) sehr schön und ich bin gerne hier, aber es ist nicht das Eigentliche, da kommt noch was. Also kann jedes auf Erden erreichte Ziel nur eine Zwischenstation sein.

Anonym hat gesagt…

Mich stört diese Abwertung der Lebenskonzepte Nichtreligiöser Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Nichtreligiöse Menschen nur "Zielchen" haben (buntlackierte Fingernägel, Hund, Haus, Eigenheim, schöner Urlaub)? Sie können z. B. als übergeordnetes Ziel anstreben, sich bis zu ihrem Tod dafür einzusetzen, dass, was weiß ich,die Erde ein lebenswerter Platz bleibt, unbegleitete Flüchtlingskinder eine Chance auf einen Schulabschluß haben oder gefährdete Kunstwerke ad maiorem Gloriam der menschlichen Kreativität restauriert werden. Die Entscheidung dafür oder dagegen ist genauso eine bewußte wie die für oder gegen eine Religion oder eine andere Ideologie. Nur ist es für Nichtreligiöse Menschen noch einmal eine ganz besondere Herausforderung, weil sie sich selbst die Ziele setzen und sie nicht ein vorgefertigtes "Package" annehmen, das ihnen das Ziel vorgibt.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Das hat nichts mit Abwertung zu tun. Schließlich schrieb ich ja, daß religiöse menschen auch diese "Zielchen" haben. Es geht auch nicht um bewußte Entscheidungen. Es geht darum, daß für den religiösen Menschen hinter all den "Zielchen" (zu denen jedes irdische Ziel gehört, egal wie hehr oder umweltfreundlich oder großartig oder oskarverdächtig es sein mag) "DAS ZIEL" wartet, welches ihm erlaubt, die weltlichen "Zielchen" in einer ganz anderen Relation zu sehen.