Samstag, 28. April 2012

Zwischen "WTF???" und Katholiban...

... paßt immer noch'n Video.

Gestern wurde - zumindest facebook-blogoezesenintern - ein Photo aus der Pfarrkirche Hartberg/Bistum Graz-Seckau viral, auf welchem man einen Mann sieht, der in einem 2,50 hohen Osterhasenkostüm in besagter schöner, barocker Pfarrkirche am hölzernen IKEA-Lesepult steht und... ja, was macht er da eigentlich...? Keine Ahnung. Klar: Es war 'ne Familienmesse, also waren viele Kinder da und man soll die Menschen ja da abholen, wo sie sind und bla-bla-bla-et-cet-e-ra...

Innerhalb weniger Sekunden stand der Begriff "Stadtpfarre Hartberg Graz/Seckau" für "Ende aller Hoffnung", "Untergang des Abendlandes" oder auch "Nobody expects the Spanish Inquisition".



Mir wurde auch ganz anders, als ich diesen Riesen-Hasen sah. Erstens wurde mir selbst als Erwachsener noch Angst und Bange beim Anblick dieses Monstrums. Zweitens hat so ein Ding während einer Messe einfach gar nichts innerhalb der Kirche zu suchen. Punkt.

Wir haben also ein Photo, das ein gewisses Maß an Unwohlsein oder Wut oder auch Mitleid hervorruft. Der WTF?-Anteil ist voll und ganz gegeben und ich finde, dies auch zurecht.

Irgendwer grub dann tiefer und fand ein Video, in welchem in der gleichen Gemeinde am Gründonnerstag während einer kirchlichen Feier für Kinder offenbar ein Brotlaib konsekriert, zerrupft und an die Kinder verteilt wird. Auf der Video-Webseite der Pfarre läuft diese Veranstaltung unter "Kinderabendmahlfeier am Gründonnerstag". Oh Boy... Wenn das wirklich eine Messe sein soll...



Die Probleme, mit denen ich regelmäßig zu kämpfen habe, wenn ich solche Dinge sehe, sind nicht wenige.

An erster Stelle steht einfach nur der Schock: "WAS? WIE BITTE? KANN DAS DENN WIRKLICH...?"

An zweiter Stelle stehen die Magenschmerzen und das Augen- und Ohrenbluten. "Das Tu-huch, das Tu-huch, das bringen, bringen wir." Ja, schön! Danke, daß Ihr's nochmal zu Gitarrenklang verdeutlicht. Ich hätte die Szene beinahe mißverstanden...

An dritter Stelle steht die Verwunderung: Warum geht es hier eigentlich? Wo ist hier - zwischen infantilem Gesang, Blitzlichtgewitter, hektischem Aktionismus und "Ihr deckt jetzt mal schön den Tisch"-Getue - noch Platz für das Heilige, für die Stille, für das ganz Andere, für das Nicht-von-dieser-Welt-ige? Wo ist Platz für die besinnlich-stille Stimmung und das Geheimnisvolle, zwei Dinge, die zumindest für mich als Kind immer die Gründe waren, warum ich überhaupt gerne zur Messe ging.

An vierter Stelle steht die Suche nah dem rechten Maß. Wenn ich mich schon - und ich denke, nicht ganz zu Unrecht - über solche Szenen ein wenig aufrege, dann weiß ich dennoch gleichzeitig, daß irgendwo da draußen in den Weiten des Internets bereits die ätzenden Hämekübel bereitgestellt werden, die Rufe nach Scheiterhaufen ertönen und die grundsätzlichen Hinweise darauf, daß es sich beim Novus Ordo ohenhin nicht um eine Messe, sondern um eine protestantisch-modernistische Versammlung handelt, gegeben werden. Die Kommentare unter dem verlinkten Video bestätigen dies auch sogleich.

Jetzt juckt's mich schon in den Fingern, und ich kann - wie man liest - das Thema auch nicht abhandeln, ohne mich ein wenig darüber lustig zu machen.



Aber dieses Darüber-Lustig-Machen ist bei mir immer eher so die Medizin, die mich davor zurückhält, meinen Laptop aus dem Fenster zu werfen (immerhin dritter Stock) oder die verdammende "Erst Scheiterhaufen, dann direkt in die Hölle (gehe nicht über Los, ziehe keine 4.000 DM ein)"-Nummer zu bringen.

Es ist doch so, daß dort, wo man wegen gravierender liturgischer Mißbräuche oder gedankenloser Respektlosigkeit gegenüber dem Allerheiligsten ("Grillzange und Fladenbrot" irgendjemand...?) echtes und berechtigtes Kopfweh bekommt, immer auch die Gefahr zu extremer Verallgemeinerung und allzu versteinertem Herzen lauert.

Ich meine, wenn ich im Kommentarbereich des Videos lese...
    Eine Mess-Simulation?

    Wohl kaum, denn der Novus Ordo war noch nie eine Messe, sondern bloß eine protestantisch-modernistische Versammlung der "Gläubigen"
... dann lindert das die Kopfschmerzen nicht, sondern macht sie nur noch schlimmer. Natürlich sind das vereinzelte Äußerungen von Individuen mit extremen Ansichten. Aber es zeigt mir eben auch, daß an einigen Ecken des Internets die Gefahr der Talibanisierung herrscht ("Ich Heilig! Du Hölle!"). Und genau dieses Phänomen ist es, welches mich regelmäßig auf die Palme treibt und zwar ebenso hoch wie ein liturgischer Mißbrauch.

In dem gleichen Maße, wie ich von jedem katholischen Priester erwarte verlange, daß er den Gläubigen das gibt, worauf sie ein Recht haben, nämlich eine gültig und würdig zelebrierte Messe, in dem Maße verlange ich auch von irgendwelchen Verbalrandalniks, die sich hinter dem Schutzschild ihrer allein seeligmachenden Interpretation verbergen, daß sie den Leuten das geben, worauf sie ein Recht haben, nämlich ihre Ruhe.

Boah! Der Herr Alipius will den Leuten das Recht auf Meinungsäußerung nehmen? Nein. Ich möchte sie nur - etwas heftig und mit Nachdruck - dazu einladen, nicht einerseits Katholiken zu spielen und dann andererseits Dinge zu sagen wie "Der Novus Ordo war noch nie eine Messe".

Man darf und muß von Priestern verlangen, daß sie die Messe so zelebrieren, wie es vorgeschrieben ist. Das darf und muß man aber deswegen, weil man von ALLEN Katholiken verlangen darf und muß, daß sie sich wie Katholiken benehmen und z.B. nicht wie ein Haufen rauflustiger, frustrierter, junger Kerle, die nur darauf warten, daß igendwer ihnen die Waffe in die Hand drückt, in eine Richtung zeigt und "Tötet!" zischt. Andere Religionen lassen wir damit ja auch nicht davonkommen (wenn auch bei uns die Phänomene zum Glück noch keinen Vergleich bzgl der Gewaltausübung zulassen. Aber: Die Worte, die ich manchmal im Internet lese, sind nicht unbedingt beruhigend. Plus: Wehret den Anfängen).

Also: Liebe Priester! Bitte laßt die Finger von Clownskostümen, Osterhasenmessen, Brotlaibern, Fingerfarben, Fußbällen und all dem anderen Krempel! Liebe Katholiken! Haltet Euch nicht für besser oder heiliger, nur weil irgendwo irgendwer peinliches bis schändlichstes Zeugs macht. Darauf hinweisen und es für ungut erklären, das ist eine Sache. Sich aus der Empörung einen Heiligenschein und einen Bannstrahl zu basteln, das ist eine andere Sache.

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

meine erste Reaktion war "gut, dass wir nicht da waren, dass hätte doch Alpträume gegeben und einen Grossen Tiger, der allen erklärt, dass sie das mit Ostern wohl falsch verstanden hätten und Hasen legen keine Eier sondern bringen Babies zur Welt"

Ein "Hase" in der Grösse... hat da keiner überlegt, ob die Kinder nicht vor Angst zu zittern anfangen?

Nur so als pragmatischer Einwand, die liturgische Seite überlass ich den Profis.

Phil hat gesagt…

Herzlichen Dank für diesen Post, Alipius!

Phil hat gesagt…

Vielleicht noch eine kleine Ergänzung, von der Du jedoch wahrscheinlich noch mehr ein Lied singen kannst als ich:

Man sollte auch nicht immer allen Frust auf dem Priester abladen. Nach einem Gespräch mit meinem Gemeindepfarrer frage ich mich, wie weit auf den Priester Druck ausgeübt wird, Kram mitzumachen, den er eigentlich nicht toll findet.

Was ist also zu tun? Man sollte sicherlich für den Priester und die Gemeinde beten. Ich habe einmal einen freundlichen Brief an die Gemeinde betreffs eines Altartuches, auf dem "Mach es wie Gott, werde Mensch" steht geschrieben. Ich denke, man sollte sowas machen. Im verborgenen Arbeiten.

Alipius hat gesagt…

@ Phil: Der Druck ist schon da. Als Neupriester und Grade-Erst-Kaplan muß ich da natürlich streckenweise auch Fingerspitzengefühl beweisen und auch mal zu Dingen ja sagen, die jetzt nicht gotteslästerlich oder verboten sind, mir persönlich aber nicht so liegen. Manchmal muß aber auch der Hammer fallen. Sachen wie Selbstintinktion habe ich z.B. sofort und ohne Debatte abgestellt.

damasus hat gesagt…

Im Vergleich zum Riesenhasen ist die Mamst aber auch nicht wenig erschreckend-und wenn man sie da so selbstgefällig sitzen sieht, wünscht man sich dringend, die Spanische Inquisition ( gern auch so wie Monty Python sie uns zeigt) käme tatsächlich ad hoc um die Ecke und täte ihr gutes Werk.

B. hat gesagt…

Ich finde, man sollte den verbitterten Ultratradis mit etwas mehr Verständnis begegnen.
Das sind Leute, denen man alles genommen hat, was ihnen heilig war. Sie haben an dem festgehalten, was man ihnen in der Kindheit über das Heilige beigebracht haben. Man hat sie verlacht. Wenn sie aufgemuckt haben, hat man sie beschimpft.
Ich empfehlt mal dieses Video in dem Bischof Schneider darüber berichtet, wie sein Mutter über die Handkommunion in Tränen ausgebrochen ist. Und viele dieser Leute haben noch viel schlimmeres erlebt, als die Einführung der Handkommunion.

Irgendwann ist die kognitive Dissonanz zwischen dem, was man ihnen über das Heilige beigebracht hat, und dem was sie erleben, so groß, daß sie zu dem Schluss kommen, den ganzen Novus Ordo für ungültig zu halten. Damit haben sie für sich eine Menge Probleme gelöst - sie müssen sich keine Gedanken mehr über die Entehrung des Allerheiligsten machen, usw. Daß dabei eine Menge neue Probleme ekklesiastischer Art entstehen, steht auf einem anderen Blatt.

Aber diese Leute sind zuallererst keine Täter. Sie sind zuallererst Opfer derjenigen, die die totale Zerstörung der letzten 60 Jahre in die Kirche getragen haben. Daß manchen von ihnen dann auch zu Tätern werden, ist traurig, aber nur menschlich.

Alipius hat gesagt…

@ B.: Sämtliche Ultratradies, die ich traf oder von denen ich Äußerungen mitbekam, gehören nicht zu den Leuten, denen man irgendetwas nahm, da sie zu einem Zeitpunkt geboren wurden, wo es das, was man ihnen vermeintlich genommen hat, schon gar nicht mehr gab. Ergo sind sie nicht Opfer eines Raubes geworden, sondern Opfer einer mehr oder weniger starken Indoktrination. Genau das meine ich, wenn ich von den frustrierten jungen Kerlen spreche. Sie spüren irgendein Loch im Leben, dann kommt jemand daher und weist ihnen einen Platz, an welchem sie einer Elite angehören, welche für sich auf einem bestimmten Feld die Perfektion beanspruchen darf und von dieser Position aus nicht nur andere verurteilt sondern dazu noch regelmäßig in die Opferrolle schlüpft. All das ist mir - bei allem Bemühen um den Glauben und die Litugrie, welche in diesen Kreisen herrschen mögen - zu flach, zu unecht und zu gefährlich.