Sonntag, 1. April 2012

Wettbewerb um Aufmerksamkeit...

Wenn irgendwo von der Kirchen- oder Glaubens-Krise die Rede ist, dann fällt mit schöner Regelmäßigkeit immer auch ein Satz, der gleichzeitig nach Erklärung aber auch ein wenig nach Anklage klingt: "In der heutigen Zeit steht die Kirche/der christliche Glaube in einem harten Wettbewerb um Aufmerksamkeit".

Und - ** ta-dah ** - dieser Satz ist streng genommen doppelt richtig. Er muß allerdings auch doppelt richtig erklärt werden, damit der Sinn, der dort drin steckt und den zu bedenken es wert ist, rausgelockt wird.

Niemand wird bestreiten, daß die katholische Kirche in der Regel in den Medien mehr Aufmerksamkeit genießt, als ihr lieb sein kann, wenn es um Geschichten geht wie z.B. ungehorsame Priester, Kindesmißbrauch, schwule Pfarrgemeinderäte, 9 Millionen verbrannter Hexen (ja, es gibt noch Leute, die das glauben), die Ehe als einen lebenslangen Bund zwischen Mann und Frau definierende Bischöfe, Prada-Schuhe tragende Päpste etc...

Für einen Kardinal, der im Vorübergehen - ob absichtlich oder nicht - das Hinterteil einer Dame berührt hat (nicht wirklich, ich phantasiere nur ein wenig), würden die Qualitätsmedien auch die Veröffentlichung eines neuen Beatles-Albums mit bisher unbekanntem, zufällig in einer Rumpelkammer gefundenem Material links liegen lassen.

Was das Aufzeigen, Analysieren und Bewerten ihrer Fehler betrifft, hat die Kirche sicherlich keinen Aufmerksamkeits-Nachteil. Ob diese Fehler nun wirklich Fehler sind oder nur Hirngespinste gründlich säkularisierter Schreiberlinge, die von der katholischen Lehre nicht die geringste Ahnung haben; ob diese Fehler nun eine ganz heiße, neu entdeckte Nummer sind oder ein längst zurecht hinterfragter, wenn nicht widerlegter, aber dennoch zum 32.948sten Mal aufgewärmter Versuch eines Auftrags-Rufmordes, den sensationslüsterne Mob-Kellner ihrer lechzenden Klientel servieren; ob diese Fehler von Interesse sind, weil es in der Realität Hinweise gibt, die einen Verdachtsmoment erhärten, oder ob sie von Interesse sind, weil sich mit etwas Glück künftig vielleicht eine wirkliche Story daraus machen läßt: All diese Fragen spielen in der Regel eine vollkommen untergeordnete Rolle. Wichtig ist allein die Tatsache, daß man die Begriffe "Kirche" und "Skandal" oder wenigstens die Begriffe "Meisner/Mixa/Papst Benedikt/[kirchlichen Buhmann du jour bitte hier eintragen]" und "Betroffenheit/Unmut/Frauenverachtung/Homophobie" unter einen Hut bringen kann.

Aufmerksamkeit wird der Kirche nur dann in weniger verschwenderischem Ausmaß zuteil, wenn sie sich (samt einigen bis vielen ihrer Mitglieder) als eine Institution erweist, die - trotz aller Mängel ihres Personals - immer den Willen demonstriert, sich selbst und ihren Prinzipien treu zu bleiben. Die Riesenausnahmen bilden hier selbstverständlich all jene Situationen, in denen eben dieser Wille der Kirche sich als ein wirklichkeits-, lebens- und vor allem modernitätsfeindliches Relikt aus einer talarmüffelnden, bibliothekenstaubvernebelten, kerzenlichtflackernden, choralklingenden Zeit karikieren lassen.

Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ist für die Kirche also in erster Linie ein Wettbewerb um die richtige Aufmerksamkeit. Hier hat - theoretisch - die Kirche die Chance, das Rad selbst herumzureißen, indem jedes einzelne Mitglied der katholischen Kirche schlicht und einfach dafür sorgt, niemals und nirgendwo Stein des Anstoßes zu sein. Das kann aber leider nur Theorie bleiben, da man, um Mitglied der katholischen Kirche sein zu können, erst einmal Mensch sein muß. Als Mensch aber kann man es einfach nicht vermeiden, irgendwann einen Fehler zu machen. Ob dieser Fehler in der Folge nun in Form breiter Schlagzeilen für lange Zeit die Nation beschäftigt oder nicht, das hängt in der Regel leider nicht von der Art des Fehlers ab sondern entweder von der Popularität des Beschuldigten oder von seinem Weihegrad.

[Bei besonders abscheulichen Verbrechen wird das Interesse auch ohne Bekanntheit des Täters spontan vorhanden sein, steigert sich dann aber leider auch nicht selten zu einem "Rübe runter!"-Theater sündenbockgeiler Selbstjustizler]

Hinzu kommt, daß die katholische Kirche und auch jedes einzelne ihrer Mitglieder hin und wieder zu dem werden muß, was die breite Öffentlichkeit als Stein des Anstoßes empfindet.

Denn die Botschaft Christi und seiner Kirche ist eben weder eine zahnlose Massenunterhaltungs-Soße aus dem Katholikenstadl noch ein privatfernsehtaugliches Hau-drauf-Skript, welches jedem Randalissimus gestattet nach Abgabe des Hirns an der Garderobe die verbalen Messer zu zücken. Die Botschaft Christi - einmal verstanden und gelebt - ist der Nährboden, auf dem jeder zugleich denkende und empfindende Mensch guten Willens blühen und gedeihen kann, ohne dabei seiner Umgebung lebenswichtige Stoffe zu entziehen. Im Gegenteil: Er kann dabei seiner Umgebung sogar gewaltige Dienste leisten.

Das Eintreten von Katholiken für eine breite Umsetzung der christlichen Botschaft führt aber wiederum dazu, daß sich genau die Leute angemacht fühlen, die ohnehin schon in ihrem täglichen Geschäft eben dieser Botschaft nicht so wirklich Beachtung schenken. Da diese Leute oft an einflußreichen Positionen sitzen (Wissenschaft, Wirtschaft, Politik) oder relevanten Gruppen mit erhöhtem Druckausübungspotential angehören (Medien, LGBT-Community, Gesundheits-Gurus, Weltverbesserungs-Truppen jeglicher Couleur), fängt die Kirche sich eine gepfefferte Replik ein und darf dann wieder mal gegen eine Woge tendenzieller Berichterstattung ankämpfen (Papst: "Familie auf Ehe zwischen Mann und Frau gegründet"; Medien: "Papst sagt 'Homo-Ehe bedroht Zukunft der Menschheit'!").

Es ist also klar: Die Kirche darf sich eigentlich nicht beschweren, was die Menge an Aufmerksamkeit betrifft, die ihr zuteil wird. Was die Ausgewogenheit der Aufmerksamkeit betrifft gibt es natürlich noch Platz nach oben, aber da ist die Kirche leider machtlos, so lange da draußen Gruppen sitzen, die man - wieder einmal - ganz einfach anhand der guten alten Frage kategorisieren kann: "Wer will wieviel Macht/Geld/Publicity und warum?"

Aber es gibt ja noch den zweiten Sinn, im dem der Satz "In der heutigen Zeit steht die Kirche/der christliche Glaube in einem harten Wettbewerb um Aufmerksamkeit" voll ins Schwarze trifft. "Aufmerksamkeit" muß hier verstanden werden nicht als die Aufmerksamkeit, die die Kirche genießt, sondern als die Aufmerksamkeit, die die Kirche Individuen schenkt. Und da sieht es natürlich stockdüster aus. In einer Zeit, in der jeder, aber wirklich jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich durch Auftritte in Social Networks, in Talentwettbewerben oder in Talk-, Gerichts- und Scripted-Reality-Shows die Aufmerksamkeit eines nicht eben kleines Publikums zu sichern, hat die Kirche eindeutig das Nachsehen. In den Schaukästen der katholischen Pfarrgemeinden wird man vergeblich Plakate folgenden Inhalts suchen:
  • YouTube-Erfolg leicht gemacht! - Erfolgsrezepte für sofortige Internet-Popularität - Ein Vortrag vom nießenden Panda-Baby

  • Wenn Träume platzen! - Schadhafte Brustimplantate und ihre Bedeutung für das Miteinander in öffentlichen Verkehrsmitteln - Streitgespräch mit Alotta Gazonga

  • DBK-Superstar! - Die schonungslose Talentshow für alle Möchtegern-Kantoren - Bewerbung Montag 14:00 bis 22:00; Recall Donnerstag 14:00 bis 16:00 - Präsentiert von Kabel1

  • "Du schuldest mir noch 20 Tacken, Alta!" - Problemzone Pausenhof; Schüler debattieren über Gewalt - Moderiert von John Matrix Jr. - Schußsichere Westen liegen zum Verleih bereit

  • Dein Haar saugt! - Frisur-Entwürfe als Ausdruck des unverstandenen Selbst - Mit Emo-Ede
Was also hat die Kirche den öffentlichkeitshungrigen Teens und Twens hier zu bieten? Da wäre erst einmal die Tatsache, daß sie sich im Rahmen einer Pfarrgemeinde eine gewisse Aufmerksamkeit sichern können, ohne sich dabei zu kompletten Deppen machen zu müssen. Aber das scheint in der heutigen Zeit eher ein Hinderungsgrund für Engagement zu sein. Hinzu kommt, daß Jugendliche in einer Pfarrgemeinde in der Regel eine Arbeit leisten können, die unterm Strich wertvoller und auch bedeutender ist, als der Auftritt in einer Brüll- und Haß-Show oder eine lustlos produzierte, unoriginelle Nummer-1-Single, auf welche dann unweigerlich in den meisten Fällen der "One-Hit-Wonder"-Status folgt (in nicht wenigen Fällen auch der "One-Yawn-Wonder"-Status). Und - ganz wichtig: Wer sich auf die Kirche einläßt und in ihr als Teil einer Gemeinschaft seinen Glauben lebt, der kann das Fundament entdecken, auf welchem plötzlich eine Antwort auf eine ganz besondere Aufmerksamkeit möglich wird: Nämlich auf die Aufmerksamkeit, die Christus jedem einzelnen Menschen schenkt.

Jetzt mag man vielleicht einwenden, daß doch bitteschön zuerst Christus kommt und dann die Kirche. Okay, dann wünsche ich allen Suchenden da draußen viel Glück, Christus zwischen all den Dan-Brown-Romanen, all den "Macht ihn nicht zum Gott"-Aufgüssen, all den "Wenn Christus heute leben würde, dann würde er ABC tun und XYZ sagen"-Prophezeihungen zu finden. Machen wir uns nichts vor: Bei all den privaten und gruppengebundenen Jesi, die heutzutage da draußen rumschwirren, wäre es schon ein ziemlicher Zufall, sollte ein Individuum tatsächlich auf den Christus stoßen, der sich durch seine Kirche seit 2000 Jahren weiterreicht.

Natürlich mag es für einige Leute erstrebenswerter sein mit ihren "Auch ich wurde vor einem Millionenpublikum von Dieter Bohlen beleidigt!"-T-Shirt rumzulaufen, als sich auf ein neues Abenteuer mit geringer Öffentlichkeitsbeteiligung einzulassen. Aber sie bestätigen sich damit nur in einem Ruhm, der schon wieder erblaßt ist, wenn das T-Shirt zum ersten Mal bei 90°C gewaschen wird.

Der Ruhm, den wir vor Christus besitzen, ist ewig. Wir müssen eben nur schauen, daß wir diesen Ruhm nicht selbst, freiwillig und bewußt in den Schlamm treten und uns zu permanent unterhaltenen aber dennoch gähnend langweiligen Mitläufern einer entseelten, kommerzhungrigen, Menschen als Mittel zum Zweck einsetzenden Gesellschaft machen.

Die Aufmerksamkeit der Massen, die heute jedem einzelnen Menschen für einen kurzen Zeitraum zuteil werden kann, ist sehr, sehr billig, weil sie jeden dieser einzelnen Menschen letztlich doch nur zum Tropfen in einer grauen Suppe macht, die nach Öffentlichkeit lechzt. Schlimmer noch: Die Maschinerie, welche diese Aufmerksamkeit erzeugt, macht eine Person zum Bestandteil einer zynischen Formel, zum Lieferanten von Rührstückchen, zum Fraß eines nimmersatten Publikums, zum Objekt von Spott und zum würdelos bettelnden "Like me on facebook"-Roboter.

Die Aufmerksamkeit Gottes, die wir immer und überall besitzen, ist kostbar, da es immer die Aufmerksamkeit ist, die der Schöpfer exklusiv einem Individuum schenkt, mit dem Angebot, darauf zu antworten und in eine echte, tiefe Beziehung einzutreten, die über Fragen wie "Wie viele Klicks hat dein YouTube-Video", "Wie weit bist du bei DSDS gekommen?" oder "Wieviele facebook-Freunde hast du?" erhaben ist.

Mein Tip an die "Jeder kann für zwei Sekunden ein Star sein"-Generation dort draußen lautet also nicht Kirchenaustritt im Osterhasenkostüm, denn das ist doch wieder nur eine öffentlichkeitswirksame Mitläufer-Nummer, bei der herausgefunden werden soll, wie viele Leute auf den Knopfdruck an der Fernsteuerung reagieren.

Mein Tip lautet: Offene Sinne für Christus und seine Kirche. Ohne Zwang, ohne Kleingedrucktes, ohne Haken und Ösen. Wenn Ihr fühlt, daß in eurem Leben etwas fehlt, dann ist dieses Etwas mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Mensch, der Euch sagt, was Ihr bitteschön zu tun habt, um total 5th-Avenue, cool und heutig (sprich: massenkonform) zu sein. Denn das trifft auf eine ganze Armee von Menschen zu.

Was Euch fehlt ist eine Einladung. Und Christus lädt Euch immer und überall ein. Klar: Seine Party findet in der Kirche statt, was für einige übel klingen mag. Aber wenn Ihr mal den Kopf über den Tellerrand hebt und Euch auf die Kirche einlaßt (also nicht auf den Papst, nicht auf den Vatikan, nicht auf den Bischof X, nicht auf den Theologen Y, sondern tatsächlich auf die Kirche in ihrer ganzen Vielfalt, Breite, Schönheit und Geschichte), dann werdet Ihr bald feststellen, daß da mehr ist, als man Euch glauben läßt.

Vergeßt erst mal das Gejammer über Kondome, AIDS, Frauen, Schwule und Lesben, den bösen reichen Vatikan, den noch böseren Hitler-Papst, die allerböseste Inquisition. Stellt Euch lieber die Frage: Habt Ihr Christus und seine Kirche bisher abgelehnt, weil Ihr handfeste Beweise und persönliche Erfahrungen habt, die eindeutig zeigen, daß jede pauschale Verurteilung der Kirche und ihrer Mitarbeiter und Mitglieder gerechtfertigt ist? Oder habt Ihr Christus und seine Kirche bisher abgelehnt, weil die bessere Welt und das beruhigte Gewissen sich dort nicht einfach auf Knopfdruck, durch Spenden von 10€ und durch Herausposaunen einer Attitüde in gleichgesinnter Menge einstellen, sondern persönliches Engagement, einen eigenen Kopf und ein wenig Arbeit fordern?

_____________________________________________

P.S.: Tschuldigung, daß das wieder ein etwas langer Eintrag geworden ist. Offensichtlich staut sich da im Laufe einer blogfreien Woche doch einiges auf...

Kommentare:

Sponsa Agni hat gesagt…

Danke für diese hervorragende Analyse! Stimmt... Mehr muss man dazu nicht sagen...

Anonym hat gesagt…

Na, da gibt es doch nur einen Kommentar:
*like* ! ;-)

Cassandra hat gesagt…

Ui, da weiss man ja gar nicht, wo man anfangen soll zu sagen "stimmt so".
Ich habe heute mal wieder die Predigt verpasst, weil ich mit 1 bis 2 brüllenden/tobenden/generell unleidlichen Kindern draussen war. Jetzt fühle ich mich ausreichend "bepredigt" :-) Danke!

Zum Stein des Anstosses wird man sehr schnell, wenn man nicht massenmeinungskonform ist. Das betrifft nicht nur Katholiken, sondern auch evangelische Christen, aber auch Moslems und Juden.

"Das passt doch nicht mehr in unsere Zeit"- Christus hat schon immer schlecht gepasst, und wer seine Beziehung zu Ihm lebt oder aufbaut, sieht, das auch er anfängt, schlecht in unsere Zeit zu passen. In welche Zeit passt er denn wenn er nicht nach heute gehört? Hm,. weiss nicht, so recht gepasst hat das nie, das war immer unbequem und hat geknarrt.
Wir stehen mit einem Zeh oder vielleicht sogar Fuss vor dem, zeitübergreifend einfach "nur" da ist.

Vielleicht stehen wir aber auch mit dem Fuss in der Tür zur Zukunft, einer Zukunft, wo Menschen nicht mehr ihren Wert nach Job, Arbeitsentgelt, Besitz, facebook-Beliebtheit oder Zahl ihrer Saufkumpel werten, sondern sich selbst als wertvoll genug betrachten, sich nicht wegzuwerfen.