Mittwoch, 18. April 2012

Klassisch!

Die Süddeutsche.de titelt heute:
    Wie die katholische Kirche eine Professorin verhinderte
Die Aussage ist klar: "Die katholische Kirche verhinderte definitiv eine Professorin. Wir erklären Euch jetzt ganz genau wie sie das gemacht hat!"

Ich mich also ganz gespannt in den Text gestürzt.

Doch schon im Teaser die Enttäuschung:
    Sie bewarb sich auf den Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der Universität Erlangen und wurde abgelehnt. Ulla Wessels glaubt, den Grund zu kennen: Sie ist keine Katholikin. Jetzt zieht sie vor das Bundesverfassungsgericht. Und sie ist nicht die einzige, die sich gegen den Pakt zwischen Kirche und Staat zur Wehr setzt.
"Ulla Wessels glaubt, den Grund zu kennen..."

"...glaubt..."?

Och menno! Ich erwartete einen heißen Reißer mit verstaubten, schriftrollenberstenden Hinterzimmern im Vatiken, sich selbst flagellierenden Mönchen, Losungsworte-raunenden Kardinälen, Opus-Dei-Attentätern und in finsteren Verließen peinlichen Befragungen unterzogenen holden Maiden.

Stattedssen: ... glaubt, den Grund zu kennen..."?

Naja... Vielleicht gibt der Text ja doch noch Aufschluß... Wie geht's denn weiter?
    Ulla Wessels lehrt an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Ihre Dissertation hat sie über den Paragraphen 218, der den Schwangerschaftsabbruch regelt, geschrieben. Sie ist Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung für Humanismus und Aufklärung und konzentriert sich in ihrer Forschung auf die Ethik und praktische Vernunft.
Och...

Jetzt sind Frau Wessels und ich uns auf einmal einig: Ich glaube mittlerweile nämlich auch, den Grund zu kennen...

Aber nur zur Sicherheit schau ich nochmal ein paar Zeilen durch:
    Dass sie mit diesem Steckbrief das "nihil obstat", also die Zustimmung des Bamberger Bischofs, erhalten würde, war unwahrscheinlich. Doch mit ihr haben sich damals viele weitere nicht-katholische Philosophen auf die Stelle beworben.
Momentchen mal!

Wollen die uns ernsthaft unterjubeln, daß da Bewerber auf die Professorenstelle abgelehnt wurden, obwohl es mehrere dieser Bewerber gab? Ja, werden denn normalerweise nicht alle Bewerber genommen? Mega-Skandal!

Die Katze kommt dann auf der zweiten Seite des Artikels aus dem Sack, wenn es in der Überschrift heißt:
    Sind Konkordatslehrstühle noch zeitgemäß?
Wir addieren: Giordano-Bruno-Stiftung + Nicht "zeitgemäße" staatlich/kirchliche, im geltenden Recht ausdrücklich vorgesehene Praxis + So'n komisches Gefühl, daß vielleicht Nicht-Katholisch-Sein unter Umständen eine Rolle spielen könnte + Möglichkeit zur Klage vor dem Bundersverfassungsgericht = "Wie die katholische Kirche eine Professorin verhinderte"

Keep it classy, Süddeutsche!

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

Mein erste Assoziation bei "Wie die katholische Kirche eine Professorin verhinderte" war: ah, weil sie Frau war.

Was sprach eigentlich für ihre Bewerbung?

- Dissertation über Paragraphen 218
- Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung
- Forschungschwerpunkt auf Ethik und praktische Vernunft

Was wollte sie haben? Den Lehrstuhl für Praktische Philosophie.
Also dürfte ihre Diss eventuell von Bedeutung sein, ihre Mitgliedschaft bei Gioradano Bruno ist ihre Privatangelegenheit und keine Qualifikation.

ich hatte ganz fest damit gerechnet, dass das auf "die wollten mich nicht weil ich eine Frau bin" hinausläuft

Anonym hat gesagt…

Wir könnten ja einmal versuchen, das Ganze in die Gegenrichtung zu spielen: Ein oder mehrere praktizierende Katholiken oder noch besser: Katholikinnen! bewerben sich bei der Giordano-Bruno-Stiftung, etwa um, sagnwamal, die Leitung des Kommunikationswesens dieser über alle wissenschaftlichen Zweifel erhabenen Inschtittutzjonn!

Bin gespannt, wie das ausgeht.

Pompous Ass

Cassandra hat gesagt…

Das kann man ganz bestimmt auch via Home Office machen... ich merk mir das mal vor für wenn ich wieder was suche.

:-)