Samstag, 21. April 2012

Grundkurs...

... in voreingenommener Kirchenberichtserstattung. Dozent: James Eng von MSNBC.com

Worum geht's? Bei einer im Jahre 2009 stattfindenden Visitation hat der Vatikan der „Leadership Conference of Women Religious“ (LCWR) in den USA auf den Zahn gefühlt um herauszufinden, wie nahe die Damen am Lehramt sind. Das Ergebnis war - man muß fast sagen erwartungsgemäß - ein wenig ernüchternd.

Die LCWR repräsentiert 80 Prozent der 57.000 us-amerikanischen Nonnen (vor drei Jahren waren es noch 95 Prozent). Die Damen fallen vor allem dadurch auf, daß sie keinen Habit tragen. Das will ich nicht überbewerten. Natürlich ist mir eine Nonne, die Habit trägt, immer lieber, aber wenn Jeans-und-Blusen-Nonnen hervorragende Werke tun und die Botschaft Christi allumfassend und glaubwürdig unters Volk bringen, schert's mich weniger. Wobei ich sagen muß, daß das Tragen eines Habits bei mir schon so eine Reaktion auslöst wie 'Okay, da identifiziert sich jemand auch für den Rest der Welt erkennbar mit dem, was er/sie tut und mit dem wozu Gott ihn/sie berufen hat'.

Schlimmer als die Habitlosigkeit sind gewisse Inhalte, die von den Damen weitergegeben werden. Da ist die Kongregation plötzlich nicht mehr kirchlich oder christlich, weil die "dynamische Option für das religiöse Leben" komplexer ist, als "religiöse Titel, institutionelle Einschränkungen, kirchliche Autorität". Klar, daß dann auch Abtreibung und Ehe in bei der LCWR anders abgehandelt werden, als in der offiziellen kirchlichen Lehre.

Nun hat der Vatikan der LCWR also ein Schreiben geschickt und bestimmte wunde Punkte angesprochen. MSNBC hat sich der Story sofort angenommen und eröffnet den Artikel mit einem Absatz, den ich dreiundzwanzig Mal lesen mußte, bevor ich einsah, daß dies wirklich dort steht (Gut... Die 23 Bier haben wohl auch geholfen...):
    A prominent U.S. Catholic nuns group said it was "stunned" that the Vatican reprimanded it for spending too much time on poverty and social justice concerns and not enough on abortion and gay marriage.

    [Eine prominente Gruppe katholischer Nonnen aus den US sagte, sie sei "fassungslos", daß der Vatikan sie dafür zurechtgewiesen hat, zu viel Zeit mit Armut und sozialer Gerechtigkeit zu verbringen und nicht genug mit Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe]
Okay, vor meinem inneren Auge und Ohr sah ich, wie dem Heiligen Vater die Ergebnisse der Visitation vorgelegt wurden, woraufhin er sich ganz entrüstet äußert: "Was? Die kümmern sich um die Armen? Skandal! Stimmt bei der LCWR denn wenigstens die Abtreibungsquote und die Zahl der gleichgeschlechtlichen Ehen? Wie bitte? Auch nicht? Na, denen werde ich mal ein paar gepfefferte Zeilen hinhauen!"

Das Vatikan-Dokument gibt es hier als pdf. Wenn man es öffnet und ganz naiv z.B. nach dem Begriff "poor" (Arme) sucht, so stellt man fest, daß er nur einmal auftaucht und zwar in diesem Satz:
    The Holy See acknowledges with gratitude the great contribution of women Religious to the Church in the United States as seen particularly in the many schools, hospitals, and institutions of support for the poor which have been founded and staffed by Religious over the years.

    [Der Heilige Stuhl erkennt dankbar den großen Beitrag an, den die Ordensfrauen in der Kirche der USA leisten, insbesondere in den vielen Schulen, Hospitälern und Institutionen zur Unterstützung der Armen, die im Laufe der Jahre von Ordensleuten gegründet und mit Personal besetzt wurdrn]
Auch das Wort "abortion" (Abtreibung) findet man nur einmal, nämlich hier:
    The documentation reveals that, while there has been a great deal of work on the part of LCWR promoting issues of social justice in harmony with the Church’s social doctrine, it is silent on the right to life from conception to natural death, a question that is part of the lively public debate about abortion and euthanasia in the United States. Further, issues of crucial importance to the life of Church and society, such as the Church’s Biblical view of family life and human sexuality, are not part of the LCWR agenda in a way that promotes Church teaching.

    [Die Dokumentation enthüllt, daß, während die LCWR viel Arbeit aufwendet, um Themen der sozialen Gerechtigkeit im Einklang mit der kirchlichen Soziallehre zu fördern, sie sich nicht zum Recht auf Leben vom Empfang bis zum natürlichen Tod äußert, eine Frage, die in den USA Teil der lebendigen öffentlichen Debatte über Abtreibung und Euthanasie ist. Weiterhin sind Themen von entscheidender Bedeutung für das Leben der Kirche und der Gesellschaft, wie die kirchliche bibelgetreue Auffassung des Familienlebens und der menschlichen Sexualität, nicht auf eine Art Bestandteil des Themenkataloges der LCWR, die die kirchliche Lehre fördert]
So wird aus einem Vatikan, der den Damen vorwirft, sich zu viel um die Armen und zu wenig um Abtreibung zu kümmern, also ein Vatikan, der den Damen für ihr Engagement gegenüber den Armen und in sozialen Fragen dankt, aber feststellen muß, daß die LCWR sich in bestimmten Bereichen der kirchlichen Lehre nicht oft genug oder nicht klar genug oder nicht energisch genug äußert.

Daß die Kommentare auf MSNBC.com größtenteils Haßtiraden auf Papst und Vatikan sind, dürfte klar sein. Lustig: Ich warte schon auf den nächsten Humanisten/Säkularisten/Atheisten, der gläubigen Menschen vorwirft, sie würden nicht von ihrem eigenen Verstand Gebrauch machen, sondern unhinterfragt einfach alles schlucken, was man ihnen serviert.

Hut ab an dieser Stelle vor der taz. Die kommt zwar selbstverständlich auch nicht ohne "erzreaktionär" aus, schafft es aber immerhin, den Inhalt des vatikanischen Schreibens fast richtig rüberzubringen:
    In dem achtseitigen Dokument loben die Doktrinäre aus dem Vatikan das soziale Engagement ihrer Nonnen in den USA. Doch sie bemängeln, dass die LCWR sich nicht gegen Schwangerschaftsabbrüche, nicht gegen die Verteidigung des menschlichen Lebens „von der Empfängnis bis zum Tode“ und nicht gegen Homosexualität engagierten. Und sie kritisieren, dass ihre Nonnen in den USA es falsch finden, dass nur Männer Priester werden können.
Nun geht es in dem Schreiben auch von vatikanischer Seite um die korrekte pastorale Herangehensweise im Umgang mit Homosexuellen. Es kann also nicht die Rede davon sein, daß der Vatikan die Nonnen grundsätzlich dazu aufruft, sich gegen Homosexualität zu engagieren. Er ruft nur dazu auf, sich gemäß der katholischen Lehre mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und diese Lehre verbietet ja ("bekanntermaßen" hätte ich fast gesagt. Sorry, liebe Journalisten!) im Katechismus eine Herabwürdigung von Homosexuellen.

Und daß der Vatikan bemängelt, die Nonnen engagierten sich nicht gegen die Verteidigung des menschlichen Lebens, halte ich irgendwie für gewagt.

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Wobei ich ganz ehrlich sagen muß, die Passage, die der Katechismus unter ferner liefen enthält, daß den Homosexuellen gegenüber die Rechte des menschlich-christlichen Anstands zu wahren sind, wird ein wenig überbewertet. Das tut mir leid, weil es der Katechismus ist, aber trotzdem.

An sich handelt es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit, die vom Katechismus auch so gemeint ist und aus apologetischen Gründen an dieser Stelle steht.

Aber die Homosexuellen - und damit sollte man sie ernst nehmen - beschweren sich nicht über Taktlosigkeiten, sondern über die formelle Lehre über die Beschaffenheit ihres Verhältnis. Da ist der Gegensatz schon vorhanden. Ein Homosexueller wird, in der Form, wie er sich selbst als beschaffen auffaßt, von der Kirche abgelehnt. Das ist so. Und die *korrekte* pastorale Vorgehensweise kann mit Engagement gegen Homosexualität schon umschrieben werden, auch wenn das nicht unbedingt immer sofort geschehen wird. Ebenso ist ja auch die korrekte pastorale Vorgehensweise gegenüber Nichtchristen ein Engagement zugunsten ihrer Bekehrung.

Ich bin Biertrinker. Nun ist Bier trinken erlaubt und homosexuell handeln nicht. Aber ich könnte ehrlich gesagt relativ wenig mit der Behauptung eines überzeugten Abstinenzlerklubs anfangen, er habe ja gar nichts gegen Biertrinker und wolle nur deren bestes etc.

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil: "Überbewertet" inwiefern? Meinst Du, daß sich aufgrund dieser Stelle - wenn sie falsch verstanden wird - eine gewisse "Laxheit" seitens der Kirche/der Katholiken gegenüber der Homosexualität einschleichen könnte? Oder meinst Du, daß diese Stelle - wenn sie falsch verstanden wird - den eigentlichen "Haß" der Kirche/der Katholiken auf Homosexuelle verschleiert?

Die korrekte pastorale Vorgehensweise kann natürlich mit "Engagement gegen Homosexualität" umschrieben werden. Aber nur, wenn man diese Aussage dann ebenfalls nicht überbewertet. Es ist doch so, daß viele Leute daraus ein "Engagement gegen Homosexuelle" machen wollen und werden. Aber die Kirche ist auch in diesem Bereich der Meinung, daß man FÜR den Sünder GEGEN die Sünde angehen soll (und dies auch, wie im Katechismus steht, mit Achtung, Mitleid und Takt).

Imrahil hat gesagt…

Mit "überbewertet" meine ich weder das eine noch das andere, sondern zwei Dinge in Verbindung miteinander:

1. daß es sich bei dieser im Katechismus erwähnten Pflicht um eine Selbstverständlichkeit handelt,

2. daß das Problem, daß die Homosexuellen mit der Kirche haben (ich meine das *eigentliche* Problem: in welche Worte sie das dann jeweils bringen, ist dann wieder eine andere Frage) eigentlich nicht ein moralischer Vorwurf an die Kirche ist - à la "ihr geht zu schlecht mit uns um und verachtet uns" -, sondern ein prinzipieller - "ihr haltet unsere Vorgehensweise für widernatürlich und wir tun das nicht".

Daß die Kirche für den Sünder und gegen die Sünde ist, ist richtig, behebt aber das Problem, das die Homosexuellen mit der Kirche haben, keine Spur, denn Stein des Anstoßes ist ja nicht irgendeine Unbarmherzigkeit (die der katholischen Kirche *sachlich* niemand vorwerfen kann), sondern daß das Verhalten als Sünde angesehen wird.

[Bemerkung. "Die Homosexuellen" bezieht sich auf die öffentlich als deren Interessengruppen auftretenden Verbände und ihre öffentlichen Sprecher sowie diejenigen, die in diesem Sinne Politik betreiben. Grund dafür ist nicht ein Vorurteil, sondern Verkürzung. Inwieweit das stimmt oder nicht, inwieweit es z. B. tatsächlich Homosexuelle gibt, die irgendein leises Problem mit ihrer sexuellen Orientierung haben, entzieht sich gänzlich meiner Kenntnis.]

Imrahil hat gesagt…

Noch einmal kurz: Achtung, Mitleid und Takt sind wichtig und richtig - sind aber überhaupt nicht das, über dessen Ausbleiben sich die Homosexuellen (zum Begriff s. o.) sachlich gesehen beschweren.

Tja, wenn man weiß, was man sagen will, geht's auch kurz. *selbstironischschmunzel*

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil: Klar, die Selbstverständlichkeit versteht sich in der Tat von selbst ;-)

Andererseits ist es gut, daß der Katechismus es erwähnt, weil nicht in allen Ländern, die sich als katholische/christliche Länder wähnen, dies gegenüber Homosexuellen auch durchweg praktiziert wird. Ich bin zum Beispiel nicht der Meinung, daß man eine CSD-Parade umbedingt bedrohen oder mit Steinen bewerfen muß.

Ich finde allerdings dennoch, daß die Beschwerde der Homosexuellen wenigstens zwischen den Zeilen (oft auch direkt) schon hin und wieder in die Richtung des Mangels an Achtung oder Takt geht, weil ein sachliches, grundsätzliches Hinweisen auf die Realität der Sünde schnell als persönlicher Angriff bewertet und entsprechend emotional darauf reagiert wird ("Wie könnt ihr es wagen, meiner sexuellen Praxis nicht mit derselben Achtung/demselben Takt zu begegnen, wie der sexuellen Praxis von Hetero-Pärchen").

Ich glaube, daß der Mensch heutzutage statt der sachlichen Auseinadersetzung oft die Verkürzung über die emotionale Reaktion und die professionelle Empörtheit wählt, weil er im Grunde überhaupt nicht mehr darüber informiert ist (und auch nicht mehr darüber informiert sein kann, wenn er sich größtenteils oder ausschließlich von den Mainsteam-Medien bedienen läßt), was eigentlich Sünde ist bzw. das "Konzept" der Sünde schlichtweg ablehnt. Da stimmt also genau das, was Du auch sagst, nämlich daß die Kirche ein Verhalten als sündhaft bezeichnet, was am anderen Ende überhaupt nicht als Sünde betrachtet wird. Wie man das in der heutigen Zeit wieder ins Lot bekommt, das wüßte ich auch gerne...