Sonntag, 4. März 2012

Zuerst Leben, dann Person

Im Journal of Medial Ethics wurde ein Artikel veröffentlicht, in dem zwei Autoren die "Nachgeburtsabtreibung" verteidigen.

Die Zusammenfassung:
    Abortion is largely accepted even for reasons that do not have anything to do with the fetus' health. By showing that (1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call ‘after-birth abortion’ (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled.

    [Abtreibung ist weitestgehend akzeptiert, auch aus Gründen, die nichts mit der Gesundeheit des Fötus zu tun haben. Indemsie zeigen, daß (1) Föten und Neugeborene nicht denselben moralischen Status haben wie tatsächliche Personen, daß (2) die Tatsache, beide seien potentielle Personen, moralisch irrelevant ist und daß (3) Adoption nicht immer im besten Interesse tatsächlicher Personen ist, argumentieren die Autoren, daß das, was wir "Nachgeburtsabtreibung" (das Töten eines Neugeborenen) nennen, in all den Fällen erlaubt sein sollte, in denen Abtreibung erlaubt ist, einschließlich aller Fälle, in denen das Neugeborene nicht behindert ist.]
Phil und Ralf haben sich bereits zu dem Artikel geäußert.

Der Herausgeber des Journals hat die Veröffentlichung des Artikels verteidigt, nachdem ein Sturm der Entrüstung losgebrochen war.

Ich habe den Artikel gelesen. Der Haupt-Aufhänger für das "Nachgeburtsabtreigungen sind okay"-Argument sind die Unterscheidung zwischen "potentieller" und "tatsächlicher" Person, die "Ziele", die man hat/entwickelt/sich setzt und die Wertschätzung, die man hat für die Tatsache, daß man lebt.

Wo noch keine Ziele sind und wo das eigene Leben noch nicht bewußt geschätzt wird, dort ist nur eine potentielle Person vorhanden. Wenn nun eine potentielle Person durch Tötung daran gehindert wird, eine tatsächliche Person zu werden, dann wird eben keine tatsächliche Person getötet, noch bleibt eine künftige Person übrig, die dann (in der Zukunft) eine tatsächliche Person ist. Somit findet eigentlich gar keien Tötung statt. Vorrang haben in jedem Fall die tatsächlichen Personen (Eltern, Geschwister, Gesellschaft), die bereits "Ziele" haben und deren Leben/Ziele durch die Existenz des Neugeborenen beeinträchtigt werden.

[Im Hinterkopf schwingt hier ein wenig Obamas "Ich möchte nicht, daß meine Tochter mit einem Baby bestraft wird" mit...]

Die Argumentation lautet also verkürzt: Wo keine Ziele und keine bewußte Wertschätzung des eigenen Lebens, dort keine tatsächliche Person. Wo keine tatsächliche Person, dort erlaubte Nachgeburtsabtreibung, denn durch die Nachgeburtsabtreibung wird verhindert, daß die potentielle Person zur tatsächlichen Person wird, also alles im grünen Bereich.

Somit gilt es, die Neugeborenen schnellstmöglich um die Ecke zu bringen, so lange sie noch auf dem Level eines Tieres sind, welches auch nur das Ziel kennt, gefüttert zu werden oder sich selbst Nahrung zu verschaffen, damit es so lange leben kann, bis es erneut Hunger verspürt. Das wiederum führt zu dem Problem, daß man gesellschaftsweit eine Grenze finden muß, bis zu der es noch möglich ist, Neugeborene zu töten.

Man sieht, daß alles, was ist, die Tendenz hat, sein Sein zu erhalten. Alles sucht auf seine Art irgendwie nach Nahrung und Schutz. Das Sein als solches wird also als etwas Gutes empfunden, das es zu erhalten gilt. Somit ist es meiner Meinung nach nicht zulässig mit "potentiellen" oder "tatsächlichen" Personen zu argumentieren, da des Menschen Sein nicht seine Person sondern sein Leben ist. Und dort, wo das Leben nicht gewaltsam beendet wird, dort hat man dann bald auch das, was man "Person" nennt.

Zu sagen "Es ist noch keine tatsächliche Person, also darf ich es töten" drückt einen Mangel an Respekt gegenüber dem menschlichen Leben aus, da hier das menschliche Leben nicht mehr als ein ihm gemachtes Geschenk und als sein eigenes Sein (und somit als sein Gut) betrachtet wird, sondern entweder als ein Nutzen oder als ein Ärgernis.

Und dies birgt die Gefahr, daß sich langsam schleichend eine Einstellung breit macht, in der die Einen sich das Recht herausnehmen, zu bestimmen, ob die Anderen leben dürfen oder nicht.

Heute lauten die Frage und die Antwort noch (mit Bezug auf die "potentielle/tatsächliche Person"-Thematik): "Hat es Ziele? Wenn nicht: Weg damit"

Wer sagt uns, daß nicht morgen schon die Frage und die Antwort lauten (mit Bezug auf die "Nutzen/Ärgernis"-Thematik): "Hat er/sie die richtigen Ziele? Wenn nicht: Weg damit!"?

Der Herausgeber des Journal of Medical Ethics erkennt übrigens eine tiefe Unordnung in der modernen Welt. Warum? Nicht etwa, weil in seinem Journal überlegt wurde, ob man Neugeborene kategorisch töten darf, sondern weil er wegen dieses Artikels einige rüpelhafte Emails erhielt.

"Nachgeburtsabtreibung"...

Hoffentlich nur ein schlechter Scherz....

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

"Wo noch keine Ziele sind und wo das eigene Leben noch nicht bewußt geschätzt wird, dort ist nur eine potentielle Person vorhanden"

Und wer sein Leben, auch als von mir aus 23jährige/r Mensch, einfach "nur vor sich hinlebt", keine besonderen Ziele hat... was dann? Und wer entscheidet, wann ein Leben bewusst gelebt wird?
"Ey, du hast noch nie bewusst über dein Leben reflektiert, also hopp!"

Ach du Schreck.

Josef Bordat hat gesagt…

Die Vermutung, es sei alles bloß ein "Scherz" (genauer: ein "soziologisches Experiment", um die Reaktionen auf die "Provokation" zu testen) ist mir auch schon untergekommen (Facebook). Dagegen spricht, dass es ja nicht nur Singer ist (der dann angeblich "parodiert" werden sollte), der mit der Mensch-Person-Unterscheidung hantiert (und dafür Preise erhält), sondern auch z.B. der Verfassungsrechtler Dreyer ("human life" / "human being"). In vielen Zusammenhängen (Tierschutz, Bioethik, Rechtsphilosophie) begegnen einem neuerdings diese Vorstellungen. Da müssten dann schon eine ganze Menge "Scherzbolde" unterwegs sein... Ich glaube also, dass man das leider ernst nehmen muss.

Schön, mal wieder was von Dir zu lesen, lieber Alipius!

Viele Grüße,
Josef

Thomas Didymos hat gesagt…

Teil 1
Nachem ich bei Phil nur ein kurzes, aus der momentanen Emotion geborenes (und zugegebenermaßen nicht sehr christliches) Kommentar schrieb habe ich lange nachgedacht.
Ich kann die Lektüre des Artikels nur jedem empfehlen. Er ist ein Schulbeispiel von angewandtem primitiv-Darwinismus auf soziologische Probleme. Es gibt, so die Autoren, Menschen die es wert sind zu leben und andere, die es nicht wert sind. Der Unwert des Lebens wird dabei hauptsächlich durch Unproduktivität begründet ("... unbearable burden on the family and on society as a whole." - "...untragbare last für die Familie und die Gesellschaft als Ganzes."; "... if economical, social or psychological circumstances change such that taking care of the offspring becomes an unbearable burden on someone ..." - "... falls sich wirtschaftliche, soziale oder psychologische Umstände ändern, sodaß sich um den Nachwuchs zu kümmern eine untragbare Last für jemanden wird ..." [letzteres übrigens als Argument dafür, daß es für die nicht medizinisch begründete Tötung keine Zeitgrenze geben soll!]).
Dann werden, wie Du schon geschrieben hast, alle, die sich nicht ausreichend artikulieren und wehren können (denn darauf läuft es hinaus, denn niemand weiß ob Kleinkinder leben 'wollen' oder nicht und ob sie ihr Leben 'schätzen' oder nicht) zu 'Nichtpersonen' erklärt weil, was keine Person ist kann man ja leicht entsorgen.

Irgendwann einmal war es geächtet ein Kind abzutreiben. Dann kamen die Argumente. Daß Abtreibung im Hinterzimmer mit Stricknadeln so gefährlich ist. Daß der Arzt manchmal zwischen dem Leben der Mutter und dem Leben des Kindes entscheiden muss. Es gibt keine einheitliche und gute Antwort auf die Dilemma, die in dem Bereich oft entstehen . Die Abtreibung aus medizinischen Gründen wurde erlaubt und wir haben uns daran gewöhnt.

Irgendwann einmal war es geächtet ein Kind aus rein persönlichen Gründen wie etwa die Lebensplanung, die wirtschaftlichen Umstände oder das simple Nicht-Wollen abzutreiben. Dann kamen die Argumente. Daß es ja Opfer von Vergewaltigungen gibt, denen man das Kind auszutragen nicht zumuten kann. Daß eine berufliche Gleichstellung der Frau nicht gewährleistet sein kann, wenn sie nicht zugunsten der Karriere ein Kind aufgeben kann (aber v***ln kann sie, das ist ihr zuzumuten). Daß viele Familien sich tatsächlich nicht noch ein Kind leisten können (aber v**...). Daß ein ungeborenes Kind ja noch kein Mensch sei. Die meisten dieser Argumente sind bereits so menschenverachtend, daß sie, aus dem Kontext genommen sofort ihre Wirkung verlieren, aber hier haben wir uns schon an das Grauen gewöhnt. Kinder werden ja schon abgetrieben, da ist es ja nur mehr eine Verschiebung der Grenze. Also wurde es erlaubt und wir haben uns daran gewöhnt.

Heute ist es geächtet ein geborenes Kind zu töten. Jetzt kommen die Argumente.

Thomas Didymos hat gesagt…

Teil 2
Und morgen? Wenn es erlaubt ist ein behindertes Kind zu töten, weil es eine Last für die Gesellschaft ist, wann wird es dann zur Pflicht? Wann wird dasselbe auf alte Menschen angewandt, auf Unfallopfer? Wann wird die Grenze so weit verschoben sein, daß jeder sich sein Leben täglich durch Produktivität und die richtige soziale Gesinnung verdienen muss? Wer wird die richtige Gesinnung und das Mindestmaß and Produktivität definieren?

Das Tier, das vorher nur schemenhaft erkennbar war erhebt sein hässliches Haupt. Wir wissen was es will. Nur selten haben wir die Gelegenheit ihm so offensichtlich bei der Arbeit zuzusehen, denn normalerweise wirkt es aus dem Verborgenen aber jetzt hat es Morgenluft gewittert und meint sich aus dem Versteck trauen zu können. Es meint es nicht mehr notwendig zu haben sich zu verstellen. Fast, so könnte man meinen, müsste man Alberto Giubilini und Francesca Minerva danken.

Nein, der Artikel ist gewiss kein Scherz. Beide Autoren haben eine Historie auf dem Feld der Medizinethik. Die meinen das ernst! Nachdem sich der Proteststurm gelegt hat werden andere kommen und sie werden sich auf diese Arbeit berufen so, als verkünde sie ewige Wahrheit. Dann wird sich niemand mehr daran erinnern, daß einmal jemand protestiert hat gegen den Gedanken. Und dann beginnt das Morden. Das wird kommen. Wir können dagegenreden soviel wir wollen, es ist der leichtere Weg den die Menschen nehmen. Ist ja praktisch, wenn ich mir keine Gewissensbisse machen muss weil mir mein Kind jetzt gerade nicht passt, oder mein Großvater, oder meine Mutter, oder jeder andere, den ich gerade als 'unwert' einstufe. Wir werden es vielleicht nicht mehr erleben, wir werden vielleicht noch an Altersschwäche im Bett sterben, aber die nächste oder übernächste Generation? Das macht mir Angst und es lässt mich verzweifeln weil ich den Weg, den das nehmen wird so deutlich vor mir sehe. Deutlich genug, daß ich nicht einmal die Hoffnung aufbringe um vernünftig in der Sache zu beten.

Matthias

Katharinasvetlanaviviorka hat gesagt…

nicht glaube ich, daß es ein Scherz ist, sondern eine logische Poition im Kulturkampf.
Wartet ab, in der kapitalistischen Welt, die sogar gesellschaftliche Bereiche, welche einfach, so man denn Sicherheit und Gemeinsinn als Ziel definierte, nicht den gewünschten Profit einbringen können, privatisiert, wie Verkehrswesen, Energiewirtschaft und Gesundhietsökonomie, wird es noch zu folgender Situation kommen:
Ach, Sie wünschen ein Downsyndromkind auszutragen? Machen Sie es, aber bitte nicht auf Kosten der Versicherung, bezahlen Sie alles privat für diesen gewünschten Luxus.
Es ist Krieg. Licht gegen Dunkel.

Claudia hat gesagt…

Die Behauptung, daß bei einer Abtreibung "no harm" geschieht - weil ja (angeblich) der Fötus keine Person ist - wird ebenfalls in diesem Artikel vertreten und ist auch dann falsch, wenn man den Personbegriff der Autoren akzeptiert.
Allerdings merkt man das nur, wenn man daran denkt, daß die Mutter definitiv Person ist, und daß ihre Unterleibsschmerzen und ihr Blutverlust nach einer Abtreibung ganz real sind, von den seelischen Schäden ganz zu schweigen.
"No harm" - I say...

Cassandra hat gesagt…

"Wenn es erlaubt ist ein behindertes Kind zu töten, weil es eine Last für die Gesellschaft ist, wann wird es dann zur Pflicht?"

Aus persönlicher, also subjektiver und damit nicht verallgemeinbarer, Erfahrung würde ich sagen, den Schritt haben wir geistig schon getan. Es gibt Frauen, wie viele weiss ich nicht, die denken, dass man ein behindertes Kind nicht bekommen dürfe. Deswegen gibt es ja die vorgeburtliche Diagnostik.
Wenn man fest davon ausgeht, dass e snicht erlaubt seim dann fragt man nicht weiter nach wenn die Diagnose "behidnert" kommt und dann "alles seinen Gang geht". Oder auch dass man ohne Berufsausbildung kein Kind bekommen dürfe.
Ich war ziemlich platt als ich das rausfand. Das waren keinen dummen Frauen, sondern intelligente junge Frauen, die auf die Realschule gingen, also nicht minderbegabt waren. Eine davon war meine Schwägerin, die mir das sagte als wir auf den Schwangerschaftstest guckten- sie müsse wohl abtreiben, sie sei ja noch nicht fertig mit ihrer Ausbildung. Als ich dann sagte "bevor das passiert nehme ich das Kind" glaubte sie nicht, dass so was gehe- das sei bestimmt nicht erlaubt. Sie war übrigens nicht schwanger, und als das klar war legte ich ihr meine Sicht aus "einfach mal Sex haben" dar- vorher war mir das Leben des Babies, was sie vielleicht trug, zu kostbar, bloss keine Trotzreaktionen.

Im Schulunterricht wird zwar ohne Ende behandelt,. wie man wann eine Abtreibung bekommen kann, wie man ein Kind bekommen kann wenn die Umstände vielleicht nicht ganz so perfekt sind... grosse Leerstelle.

Der Gedanke, dass alles "perfekt" sein muss bevor ein Kind kommen kann ist sehr weit verbreitet. Auch das das Kind ein Recht auf diese "perfekte" Vorbereitung habe, dass man dem Kind doch einen gewissen Standart bieten können müsse...
wir waren im Geburtsvorbereitungskurs die "Ungeplanten"- andere hatten das Kinderzimmer schion eingerichtet als sie noch nicht mal schwanger waren.

Anonym hat gesagt…

Meine erste Reaktion, wenn ich solche "Diskussionsbeiträge" lese, ist fast immer dieselbe: Hurra, heidnische Antike, hier kommen wir wieder.

Wer einmal römisches Recht gelernt hat, der weiß, daß dem Familienoberhaupt (pater familias) eine Macht über Leben und Tod zustande - wenn er das Neugeborene annahm und ihm einem Namen gab, dann gehörte es zur Familie. Wenn er das Kind nicht annahm, dann war das ein Todesurteil. Heute verteilt sich diese Macht schon weiter: Der Arzt, der drauf hinweist, daß das Kind behindert sein könnte; die Eltern, die wollen, daß die Tochter zuerst fertigstudiert; der Freund, der den gebuchten Urlaub nicht absagen will ...

Wir können uns vom Leben im Römischen Reich schon recht konkrete Vorstellungen machen - wie viele Leichen abgelehnter Neugeborener dort herumgelegen haben mögen, wissen wir nicht (zu wenig Spuren). Heute läuft das natürlich anders, man will ja nicht riskieren, eine Strafe wegen Verstoßes gegen die Umweltschutzvorschriften zu kriegen ...

Pompous Ass

Charlotte hat gesagt…

Bullshit. Das ist kriminell.
Ich habe drei Kinder ausgetragen. Jede Schwangerschaft war anders, weil jedes Kind anders war. Kinder sind schon ungeboren Persönlichkeiten, die auf das Leben draußen verschieden reagieren (Stress, Lärm usw.). Sie hatten andere Schlafrythmen, zeigten verschiedene Reaktionen auf Reize, waren verschieden ruhig/unruhig. Nach der Geburt habe ich sie nicht nicht neu kennengelernt, es war allenfalls ein :"Schön, Dich jetzt auch einmal sehen zu können", ich kannte sie schon lange. Es sind Persönlichkeiten, Individuen, wenn sie geboren werden.
Das ist kriminell.