Montag, 13. Februar 2012

Umdenken...

Bochum hat in der vergangenen Woche als erste Stadt im Revier den verkaufsoffenen Sonntagen die rote Karte gezeigt.

Der Vorsitzende der Bochumer CDU-Ratsfraktion, Klaus Franz, erklärt auf domradio.de, warum seine Partei für verkaufsoffene Sonntage ist. Er befürchtet einen Schaden für den Bochumer Einzelhandel, weil die Leute dann zum Shoppen einfach nach Dortmund oder Roermond fahren. Er findet auch, daß man duchaus am Sonntag erst zur Messe und dann zum Einkaufen gehen kann.

Mir sind verkaufsoffene Sonntage sehr zuwider. Weniger, weil ich glaube, daß dadurch die Kirchen noch leerer werden, sondern eher, weil es einfach auch mal irgendwo eine Pause geben muß.

Eine gesunde Gesellschaft, eine gesunde Familie und ein gesundes Individuum brauchen alle diesen einen Tag, der anders ist, weil er still ist. Wir stecken doch schon von Montag bis Freitag/Samstag in ziemlich engen Korsetts, die unsere Wege und Bewegungen einschränken. Wir müssen im Job das tun, was der Erfüllung des Jobs dient. Dann gehen wir in die Geschäfte und besrogen das, was die Werbung empfiehlt. Und schließlich versuchen wir, in den wenigen verbleibenden Stunden des Tages noch irgendeine Form der Ablenkung zu finden.

Da sollte es doch jeder Mensch eigentlich als eine herrliche Sache empfinden, wenn es einen Tag in der Woche gibt, den er (entweder alleine oder mit Freunden und/oder mit der Familie) frei gestalten kann, in dessen Stille er alleine oder mit anderen hineinflüstern kann, auf dessen unberührter Leinwand er sein eigenes Bild hinterlassen kann.

Natürlich gibt es viele Leute, die sich nicht mehr anständig mit sich selbst und mit anderen beschäftigen können. Aber ein verkaufsoffener Sonntag ist da keine Lösung, da er nur die Symptome mehrt.

Wir müssen zurück zu einem Leben, in dem wir vor der Stille, vor den ruhenden Maschinen und vor den geschlossenen Geschäften keine Angst mehr haben. Wir müssen zurück zu einem Leben, in dem wir wenigstens für einen Tag uns und anderen beweisen können, daß wir Wesen mit Ideen, mit Kreativität, mit Spiellaune, mit Geduld und mit Verstand sind. Wenn wir diese Dinge an diesem einen Tag ein wenig pflegen können, dann können wir sie vielleicht auch nach etwas Übung mit in den Alltag nehmen.

Wäre doch schön.

Kommentare:

Gorgasal hat gesagt…

Prinzipiell kann ich ja all diese Gedanken gut nachvollziehen. Ich bin der erste, der den Leuten nahelegt, auch mal Zeit ohne Konsum durchzuführen. Und ich halte mich von verkaufsoffenen Sonntagen bewusst fern, um den Einzelhändlern das zumindest nicht zu belohnen.

Aber die Frage bleibt dann: woher nehmen wir das Recht, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen? Wenn die Leute nicht auf unsere Appelle hören, warum dürfen wir ihnen dann zu ihrem eignen Guten etwas verbieten, wovon nun wirklich nicht die Mehrheit glaubt, dass es besonders schädlich wäre?

Bastian (Sierra Victor) hat gesagt…

Sehr gut. Volle Zustimmung!

Alipius hat gesagt…

@ Gorgasal: Die Frage ist ja, ob wir den Leuten wirklich etwas "verbieten" oder ob wir lediglich eine ohnehin umstrittene Sonderregelung wie den verkaufsoffenen Sonntag wieder zu den Akten legen, um so den Menschen Gelegenheit zu geben, außerhalb des Kreislaufs von Arbeit und Konsum auf Entdeckungsreise zu gehen. Oder anders gefragt: Wieso sollte es ein "Recht" auf Einkaufen am Sonntag geben?

Anonym hat gesagt…

Zunächst einmal stimme ich "Gorgasal" zu - ich beteilige mich selbst auch nicht an sonntäglichen Einkaufsaktionen. Gleichzeitig liegt mir nichts ferner, als jemandem zu verbieten, sonntags sein Geschäft zu öffnen oder selbst einkaufen zu gehen.

Werter Herr Alipius, es geht nicht um ein Recht auf Einkaufen, sondern um ein Recht darauf, mit seinem Privateigentum (dem Geschäft) zu tun was man will, solange natürlich kein anderer geschädigt wird. Derjenige, der sonntags arbeitet, hat wohl kaum auch an den restlichen Tagen der Woche zu arbeiten, sondern hat eben einen oder zwei andere freie Tage. Und wieso sollte der türkische Gemüsehändler (ein Klischee, ich weiß) sich an die christliche Sonntagsruhe halten müssen, solange er durch seine Tätigkeit keinen Christen stört?

Noch eine letzte Bemerkung: Gesetze ändern nicht die Moral der Menschen! Wenn die Christen in Deutschland sich auf die Sonntagsruhe besinnen würden, lohnte es sich nicht, Geschäfte am Sonntag zu öffnen. So einfach ist das!

Phil hat gesagt…

@Gorgsaal: Ich habe länger dem Argument des "zum Glück zwingens" zugestimmt. Nun ist es jedoch so, daß Gesetze wie diese z.T. auch Leuten das Glück verbieten können. Denen, die von ihren Arbeitgebern direkt oder indirekt gezwungen werden, am Sonntag zu arbeiten.

Als ich noch an der Uni arbeitete, gab es für Doktoranten keine feste Regelung, was die "Tage zwischen den Jahren" betraf. So kam es durchaus vor, daß andere Doktoranten (ich nicht, ich hab immer recht selbständig gearbeitet, wofür ich meinen Chefs auch dankbar bin) durchaus vom Chef auch dazu aufgerufen wurden, da zu messen - teilweise mit dem fadenscheinigen Argument, man könne ja später dann frei nehmen. Am Institut, wo ich jetzt arbeite, sind die Tage zwischen den Jahren eingearbeitete Feiertage. Darüber sind viele Doktoranten glücklich, wissen sie doch, daß der Chef sie nicht dazu zwingen darf, die Tage über im Labor zu malochen. Ein Unfall in dieser Zeit wäre dermaßen prekär, daß die Chefs das Arbeiten eher verbieten, und so (dankenswerterweise!) uns zum Glück zwingen.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: In der Regel machen die Geschäftsleute ja nicht nur mit ihrem Eigentum (dem Geschäft) was sie wollen, sondern auch mit den Angestellten, die vielleicht sonntags gar nicht arbeiten wollen, aber ab einem bestimmten Punkt müssen, wenn sich nicht genügend Freiwillige melden (siehe Phil).

Zudem geht es mir ja eben nicht um christlich oder nicht christlich. Es geht mir darum, daß die Leute in ihrem Bewußtsein, daß es da einen Tag der Ruhe gibt, weder gestört noch verführt werden. Denn werden sie gestört und verführt, dann ist auf einmal selbst das mit den Christen, die sich auf die Sonntagsruhe besinnen (wollen) gar nicht mehr so einfach: Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Einkäufer.

Anonym hat gesagt…

Hochwürden, in Sachen Zwang: Der Arbeitnehmer ist nicht gezwungen, sonntags zu arbeiten, denn er kann jederzeit kündigen (auch wenn das aktuell, da Deutschland recht viele Arbeitslose hat, für manche nicht so einfach ist). Der Geschäftsmann kann sich jedoch bei einem durch den Staat aufgezwungenen freien Sonntag nicht "kündigen" und trotzdem öffnen. Während der Arbeitnehmer also frei ist und bleibt, ist der Arbeitgeber nicht frei.

Mir scheint, wir Katholiken (und Christen im Allgemeinen) tendieren dazu, mit zweierlei Maß zu messen. Wir regen uns darüber auf, dass der britische Hotelier dafür bestraft wird, zwei Homosexuellen ein gemeinsames Zimmer verweigert zu haben. Gleichzeitig sind wir dafür, Unternehmer zu bestrafen, die ihr Geschäft sonntags öffnen. Wir beteiligen uns an dem Spiel "Demokratie - die Diktatur der Mehrheit über die Minderheit", anstatt die Minderheit in seiner Freiheit zu schützen. Und die kleinste Minderheit ist das Individuum.

Ihren zweiten Absatz, fürchte ich, verstehe ich nicht ganz. Die Befürworter eines geschäftsoffenen Sonntags könnten ganz einfach argumentieren, dass auch Priester sonntags (und zwar gerade sonntags) arbeiten - die meisten vermutlich gerne. Wieso sollten dann gerade die Priester es einer Person, die mit dem Christentum nichts am Hut hat, verbieten, am Sonntag zu arbeiten?

Schließlich sieht man duch das "ad absurdum"-Führen des staatlichen Eingriffens in den meisten Fällen deutlich, dass es nur mehr Probleme schafft. Wieso soll ein Lebensmittelgeschäft schließen, wenn ein Restaurant öffnen darf? Wieso sollten "Fußballtempel" öffnen dürfen, wenn es "Konsumtempeln" verboten ist?

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Kündigung als Freiheit finde ich in der momentanen Arbeitsmarktsituation in der Tat ein weig zynisch.

Aus folgendem Grunde messe ich nur mit einem Maß: In erster Linie bin ich dafür, daß Leute bestraft werden, die etwas tun, das gesetzlich nicht gestattet ist. Wenn das Öffnen von Geschäften am Sonntag dazugehört, ja, dann bin ich auch dafür, daß Unternehmer bestraft werden, die ihr Geschäft am Sonntag öffnen. Das Gleiche gilt für Hoteliers: Ist das Verweigern eines Zimmers in diesem Fall gestattet, bin ich gegen eine Bestrafung. Ist es nicht gestattet, so muß der Hotelier bestraft werden. Ein Maß, nicht zwei. Ich wünsche mir eben nur, daß sonntags die Geschäfte zu bleiben.

Zu meinem schwer verständlichen zweiten Absatz: Ich möchte deswegen von der christlich/nicht christlich-Debatte weg, weil eben für einen katholischen Priester die Sonntagsarbeit einfach dazugehört wie für einen Restaurant-Mitarbeiter oder Kartenabreißer im Kino. Es gibt natürlich bestimmte Dienstleistungen, die an einem Sonntag gerne von den Leuten in Anspruch genommen werden. Diese Dienstleistungen haben aber eine andere Qualität als simples Einkaufen, da sie entweder notwendig sind (Ärzte, Taxis, Bus und Bahn), oder nur Mittel zu einem höheren Zweck wie z.B. Freizeitgestaltung/Entspannung/Seelenheil (Kino, Fußballstadion, Schwimmbad, Freizeitpark, Zelebration des hl. Meßopfers etc.) sind. Daher sind für mich diese Arbeiten kein zwingendes Argument für verkaufsoffene Sonntage.

Claudia hat gesagt…

"Der Arbeitnehmer ist nicht gezwungen, sonntags zu arbeiten, denn er kann jederzeit kündigen" - Du lieber Himmel. Verkäuferin im Lebensmitteldiscounter als die große Freiheit, und man kann ja gehen, wenn man keine Lust hat? Das ist vollständig weltfremd; bitte reden Sie mal mit Verkäuferinnen und fragen Sie nach Arbeitsbedingungen. In dem Augenblick, wo eine Verkäuferin im sonntagsoffenen Lebensmitteldiscounter sagt, sie möchte Sonntags bei ihrer Familie sein, hat sie die Kündigung so gut wie in der Tasche.

Stellen wir uns eine beliebige Familie vor, bei der beide Eltern arbeiten müssen, weil einer alleine nicht genug verdient, um den ein bis zwei Kindern die Ausbildung zu bezahlen. (Das ist, man muß es vielleicht wirklich noch einmal sagen, nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall.)

Einen Tag, an dem die Familie einfach Familie sein kann, sollte es schon geben. Nun geht das Kind von Montag bis Freitag zu Schule und hat dann Hausaufgaben zu machen. Wer sich noch vage an seine Schulzeit erinnert, weiß, wie anstrengend das ist.
Wenn nun Papa von Dienstag bis Samstag arbeitet und Mama von Mittwoch bis Sonntag, dann gibt es genau Null Familientage.

Catocon hat gesagt…

Zu dem Thema empfehle ich den hervorragenden Aufsatz "Der Anschlag auf den Sonntag" von Robert Spaemann (Erschienen in der Zeit am 19.5.1989, steht aber auch in der Aufsatzsammlung "Grenzen - zur ethischen Dimension des Handelns), in denen sich Spaemann mit denselben utilitaristisch-liberalen Scheinargumenten auseinandersetzt, die auch hier wieder zu hören sind.

Vier Grundprobleme hinsichtlich der hier von einigen Kommentatoren vertretenen "jeder soll selbst entscheiden, wann er arbeitet"-Position:

1. Wie bereits gesagt, trifft diese Eigenentscheidung nur der Unternehmer. Er entscheidet sonntags zu öffnen, und die Arbeitnehmer müssen dann arbeiten. Kündigung ist dabei keine Form der Freiheit, weil Arbeitnehmer in der Regel auf Einkünfte aus ihrer Arbeit angewiesen sind.

2. Handlungen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, werden durchaus zurecht auch gesamtgesellschaft bzw. staatlich geregelt. Die Sicherung des weltlichen Gemeinwohls ist daher auch eigentlicher Zweck des Staates. Eine Gesellschaft des "immer zur Verfügung stehen müssens" zu schaffen, liefe diesem Gemeinwohl aufs Schwerste zuwider. Man denke dabei auch an die Gemeinwohlbindung des Eigentums im Grundgesetz.

3. Dass Priester usw. am Sonntag arbeiten, ist kein Argument gegen den Schutz des Sonntags. Diejenigen, die arbeiten, um anderen den Sonntag zu ermöglichen, arbeiten für den Sonntag und nicht bloß am Sonntag. Oder sie leisten notwendige, unverzichtbare Tätigkeiten, ohne die die Gesellschaft nicht funktionieren könnte (etwa im Gesundheitsbereich). Befriedigung des Konsumtriebs gehört objektiv nicht zu der Kategorie notwendiger Tätigkeiten und stellt ebenso objektiv kein Arbeiten für den Sonntag, sondern gegen den Sonntag dar.

4. Warum der Sonntag? Weil Deutschland ein kulturell und historisch christliches Land ist, und kein jüdisches (Samstag) oder islamisches (Freitag). Wenn ich in einem anderen Land leben möchte, dann muss ich wissen, dass es dort kulturelle Gepflogenheiten gibt, die den meinen nicht entsprechen. Sind mir die Gepflogenheiten meines (neuen) Heimatlandes zuwider, so kann ich jederzeit gehen. Aber ich kann nicht die Mehrheit zur Aufgabe ihrer Gepflogenheiten zwingen. Das wäre kultureller Imperialismus und hat nichts mehr mit Minderheitenschutz zu tun.

Cassandra hat gesagt…

Solange der Ladenbesitzer selber hinter der Kasse steht will ich niemanden dazu zwingen, einen Ruhetag einzulegen. Aber ich möchte die, die ihn wollen, davor schützen, aus Angst um ihren Arbeitsplatz arbeiten zu müssen.

Ich habe im Studium in eiern Spedition gearbeitet. Feeirabend war, je nachdem was anlag, zwischen 21:30 und Mitternacht. Irgendwann kam die Geschäftsführung auf die Idee, wir sollten nachts um 3 nochmal wiederkommen, die Frachtlisten abgleichen. das machte bislang der Frühdienst und denen wurde das zu viel. Das sollte grob 2 Stunden dauern. Als sich einzelene geweigert haben, hiess es "dann müsst ihr euch einen aderen Job scuhen" und das baute schon Druck auf, das doch mitzumachen.
Geendet hat es damit, dass sich die Idee als nicht praktikabel erwies, die Listen konnten nämlich erst abgeglichen werden wenn die LKWs am Zielort entladen waren.

Wer sein eigenes Geschäft am Sonntag öffnen möchte- bitte.

Aber ich sehe bei Karstadt&Co nicht die Geschäftsführung hinter der Kasse stehen und sonntags nachmittags verkaufen, sondern ihre Angestellten.
Be der gegenwärtigen Wirtschaftslage kündigt es sich nicht so leicht. Ausserdem ahben viele dieser Angestellten nur befristete Verträge, die werden schlicht nicht verlängert wenn sie sich weigern. Damit ist die Entscheidung nicht mehr ganz so freiwillig.

Anonym hat gesagt…

Ihr Punkt 4 widerspricht Ihrem Punkt 1. Zunächst schreiben Sie, dass der Arbeitgeber nicht einfach kündigen kann, denn er ist auf die Arbeit angewiesen, dann schreiben Sie, man könne ja jederzeit das Land verlassen. Wenn kündigen unzumutbar ist, dann ist kündigen, Wohnsitz, Freundeskreis und vieles mehr aufgeben natürlich vollkommen vertretbar ;)

Zu Punkt 2: Wer definiert denn "Gemeinwohl"? Die Mehrheit. Wenn also die Mehrheit bestimmt, das Abtreibungen gut sind oder man sozusagen schon in der Grundschule mit Kondomen umgehen lernt, was angeblich dem Gemeinwohl dient, (wer will schon schwangere Grundschüler, die könnten schließlich kaum auf andere Kinder aufpassen) akzeptieren wir das als unseren weisen Politikern treu ergebene Christen mit der gebotenen Demut!

Auch bei Punkt 3 sehe ich nur die Möglichkeit, willkürlich Grenzen zu ziehen und weise auf meinen vorherigen Beitrag hin. Für den Kellner oder den Koch ist der Sonntag wohl nicht gerade angenehm. Und wenn Sie argumentieren, dass diese Angestellten einem "höheren Zweck" dienen (siehe den Beitrag von Hochwürden), kann man auch sagen, dass manche Leute gerne ab und zu mit der Familie auf den sprichwörtlichen Einkaufsbummel gehen (das Wort impliziert schon "Entspannung", wie durch Hochwürden erwähnt), wodurch die Verkäuferinnen ebenfalls einem "höheren Zweck" dienen.

Ich will an dieser Stelle noch einmal deutlich machen, dass ich Sonntagsarbeit nicht befürworte und mich selbst auch nicht daran beteilige (in Sachen Konsum, meine ich). Wenn es aber Leute gibt, die freiwillig sich zu Sonntagsarbeit oder Sonntagseinkauf entschließen, sollen sie das tun, solange meine Freiheit dadurch nicht beschränkt wird. Das ist übrigens die katholische goldene Regel: "Erstens sollst du Gott lieben, der dich geschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst; alles aber, was du willst, dass es dir nicht geschehe, das tue auch du keinem anderen." (Didache). Oder auch: "Leben und leben lassen." (Karnevalistisches Sprichwort).

Anonym hat gesagt…

In Sachen Kündigung: Wenn 75 Prozent der Angestellten eines Geschäftes sonntags nicht arbeiten wollen, können die restlichen 25 Prozent, denen das nichts ausmacht, sonntags arbeiten. Außerdem kann man streiken. Schließlich kann der Arbeitgeber auch für sonntags Leute engagieren (etwa solche, die zurzeit keine Arbeit haben) und sie für die paar Stunden sonntags bezahlen. Damit wäre übrigens allen gedient: Den Kunden, die einkaufen können, den neuen Arbeitnehmern, die jetzt wenigstens etwas verdienen, dem Unternehmer, weil er sein Geschäft öffnen kann. Wenn man mal ein bisschen über die Möglichkeiten eines FREIEN Marktes nachdenkt, ergeben sich sinnvolle und praktikable Möglichkeiten, die keinem schaden, aber vielen nützen.

Catocon hat gesagt…

@anonym 14.2.2012 12:43
Nein, mein Punkt 4 widerspricht nicht meinem Punkt 1. Wer in ein fremdes Land kommt, der muss sich den dort herrschenden Sitten anpassen. Und der bei uns herrschende Ruhetag ist nun einmal der Sonntag, und nicht der islamische Freitag. Das hat nicht das geringste mit der Frage zu tun, ob es in diesem Land einen gesetzlichen Ruhetag geben sollte oder keinen.

Zu Punkt 2: Nein, die Mehrheit definiert nicht was Gemeinwohl ist. Wenn man dies glaubte, dann wäre alles Recht was die Mehrheit beschließt. Das Gemeinwohl ergibt sich aus dem allgemeinen Sittengesetz, oder darf diesem zumindest nicht widersprechen. Dieses allgemeine Sittengesetz hinwiederum ist jedem Menschen gegeben und durch rationales Denken zugänglich.

3. Es geht auch nicht um angenehm oder unangenehm. Sechs oder sieben Messen am Tag zu lesen, ist bestimmt auch nicht mehr angenehm. Die zu ziehenden Grenzen sind ferner nicht willkürlich. Sonntagsarbeit ist nur unter zwei Bedingungen zulässig:
(1) Sie dient dem eigentlichen Zweck des Sonntags, und dieser Zweck besteht nicht in Konsum, sondern Kontemplation des Herrn. (Der Ursprung des Sonntags uns sein eigentlicher Sinn sind nun einmal beide religiöser Natur. Einen säkularen Sonntag gibt es nicht, bzw. er wäre vollkommen zwecklos und irrational.)
(2) Es handelt sich um für den Fortgang der Gesellschaft notwendige Arbeit. Man braucht ärztliche Notversorgung, Brände müssen gelöscht und Verbrechen verhindert bzw. bekämpft werden - Dinge dieser Art.
In keiner denkbaren nicht-hedonistischen Gesellschaftsvorstellung kann ein "Einkaufsbummel", so "angenehm" er zuweilen sein mag, als "höherer Zweck" gelten.
Was die Vorstellung einer anarchischen, ungeordneten "jeder kann machen was er will, solange er meine Freiheit nicht beschränkt"-Gesellschaft mit dem katholischen Glauben zu tun haben soll, außer sein direktes Gegenteil zu sein, will sich mir nicht erschließen.

Anonym hat gesagt…

Zu Punkt 1: Ich weiß es zwar nicht, doch es erscheint mir unwahrscheinlich, dass im Irak oder in Pakistan der Sonntag frei ist. Was ist mit den dort lebenden Christen? Sie sind schließlich nicht "zugezogen"...

Zu Punkt 2: Die Mehrheit definiert "Gemeinwohl" in dem Sinne, dass sie festlegt, was unter Gemeinwohl zu verstehen ist. In den USA wird unter dem Vorwand des Gemeinwohls (wie es in der Verfassung steht) festgelegt, dass Verhütungsmittel für alle zugänglich sein müssen. Insofern definiert die Mehrheit "Gemeinwohl".

Zu Punkt 3: Ein Fußballspiel dient auch nicht der Kontemplation des Herrn - und ist auch nicht notwendig. Wollen Sie nun Fußball und Sport im Allgemeinen sonntags verbieten? Ein Restaurantbesuch dient meines Erachtens auch nur sehr bedingt den beiden angesprochenen Zielen. Selbiges gilt für einen Großteil der Museen. Was ist mit Radio und Fernsehen? Besser abschalten?

Sie schreiben: "Was die Vorstellung einer anarchischen, ungeordneten 'jeder kann machen was er will, solange er meine Freiheit nicht beschränkt'-Gesellschaft mit dem katholischen Glauben zu tun haben soll, außer sein direktes Gegenteil zu sein, will sich mir nicht erschließen." Darauf kann ich nur erneut mit der goldenen Regel, einem Wort unseres Herrn, antworten: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen." Ich will nicht, dass andere meine Freiheit beschränken (indem ich etwa Krankenkassenbeiträge für Abtreibungen zahle oder Steuergelder für embryonale Stammzellforschung), also achte ich auch darauf, die Freiheit anderer nicht einzuschränken. Ich gehe davon aus, dass Sie als guter Katholik die goldene Regel ebenfalls beherzigen, nur eben anders als ich: Sie mögen Ihre Freiheit nicht, also sollen andere auch nicht frei sein!

Catocon hat gesagt…

@Anonym,
das Problem mit Krankenkassenbeiträgen für Abtreibungen, Geldern für embryonale Stammzellforschung usw. ist nicht, dass sie die Freiheit beschränken, sondern dass durch sie unmoralische Aktivitäten gefördert werden. DAs Argument "dies schränkt meine Freheit ein" ist für sich genommen noch nicht entscheidend. Denn es kann Einschränkungen der Freiheit geben, die nicht nur vertretbar, sondern sogar notwendig sind. (Ein Tötungsverbot beschränkt etwa die Freiheit ungehindert Menschen umzubringen. Manche Menschen legen auf diese Freiheit Wert, weshalb wir ihnen ihre Freiheit nehmen und sie einsperren.)

Zum Gemeinwohlbegriff: Die Mehrheit pflegt in unserer Gesellschaft in der Tat gewisse Dinge als "Gemeinwohl" zu definieren, die demselben objektiv zuwiderlaufen. Dies zeigt jedoch nicht, dass die Mehrheit bestimmt, was wirklich Gemeinwohl ist, sondern nur, dass das, was die Mehrheit für Gemeinwohl hält, selbst wenn es irrig ist, in der Gesellschaft Umsetzung findet. Dies möchte ich gar nicht bestreiten. Doch statt dann den Gemeinwohlanspruch aufzugeben, wäre es meines Erachtens besser, für ein richtiges Verständnis des Gemeinwohls einzusetzen.

Was die Frage nach den Zugezogenen oder Nicht-Zugezogenen betrifft: Jedes Land hat seine kulturellen Gepflogenheiten, und die zu ändern ist als Minderheit meist weder möglich noch sinnvoll. In unserer Gesellschaft ist der Sonntag aufgrund unserer christlichen Tradition der heilige Ruhetag, woran auch eine islamische Minderheit nichts ändert.

Was die Fußballspiele usw. betrifft: In einer idealen Gesellschaft nutzt man den Sonntag tatsächlich nicht zur Ausübung von Profisport. Doch ist ein Fußballspiel immer noch eine weniger schwerwiegende Missachtung des Sonntagsgebots als die Öffnung der Konsumtempel. Während man darüber streiten kann, wie sinnvoll bestimmte heute zulässige Tätigkeiten am Sonntag sein mögen, ist es doch klar, dass, wie auch immer man dazu steht, diese Fragen heute nicht zu ändern sind. Doch da wo man Schaden am Sonntag als Ruhetag verhindern kann, etwa bei der Öffnung der Läden, sollte man es versuchen.

Eine letzte Anmerkung noch: Sie schreiben: "Sie mögen Ihre Freiheit nicht, also sollen andere auch nicht frei sein!"
Das habe ich nirgendwo gesagt und nirgendwo angedeutet. Ich befürworte die Sonntagsruhe nicht, weil sie Freiheit beschränkt, oder weil ich gegen Freiheit bin. Dass die Läden am Sonntag geschlossen sind, ist keine Beschränkung der Freiheit - sie sind ja schon sechs Tage geöffnet, und da kann jeder seine Freiheit zum Besuch der Läden ausleben, soviel er will. Sie ist im Gegenteil die positive Schaffung einer Möglichkeit, die es ohne Ruhetag nicht gibt: Nämlich einen Ruhetag zu genießen. Dies ist, so könnte man sogar behaupten, eine zusätzliche Freiheit.

Cassandra hat gesagt…

Von Politikern, die einer Partei angehören, die sich christlich nennt, erwarte ich, dass sie die 10 Gebote ernst nehmen.

"Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.
Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn."

Du sollst nicht arbeiten und auch keiner, der für dich arbeitet. Und de Fremde auch nicht. Selbst dein Viehzeugs hat frei.
Ein paar Dinge müssen sein- Krankenversorgung, Polizei etc. Aber Einkaufen gehört nicht dazu.


Wenn so was von einer Partei kommt, die sich nicht auf den christlichen Glauben bezieht, stört mich das nicht ganz so.

Ich denke, das ist ein Symptom dafür, dass in Europa der Glaube ein wenig schal geworden ist.


Als ich letztens erwähnte, dass wir sonntags keine Brötchen holen gehen, fragte mich eine andere Kindergartenmutter, warum denn nicht, die Bäckereien hätten doch alle offen. Weil Sonntag ist und wir den Feiertag zumindest versuchen zu heiligen. Die Antwort: "Das ist doch auch blöd für die Verkäufer wenn sie dann da stehen und keiner kommt."