Mittwoch, 15. Februar 2012

Nochmal Sonntag...

catocon hat auf Kreuzfährten einen Beitrag zur Debatte um den verkaufsoffenen Sonntag veröffentlicht. Er spricht sich ganz dezidiert für den Sonntag als "Tag des Herrn" (dominica) aus. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.

Dennoch möchte ich zwei klitzekleine "Aber!" anhängen: Ich bin sehr dafür, die christliche Tradition des Sonntags als Tag des Herrn zu betonen und an die erste Stelle zu setzen. Man muß aber dann damit rechnen, daß so ein Teil der Befürworter eines verkaufsoffenen Sonntags erst recht auf die Palme geht, weil hier explizit einem Gott der Vorzug gegeben wird, der den Göttern dieses Teils der Befürworter (Mammon, Fun, Dauerberieselung etc...) den Rang abläuft. Aber das werfe ich nur als Nebenbemerkung ein und sage es nicht, weil ich dafür bin, den Sonntag auf minimal christlicher Flamme zu kochen. Wir haben als Christen und Katholiken ohnehin nur eine Chance, wenn wir nicht falsch spielen, sondern uns offen und ehrlich so präsentieren, wie nicht nur unser Gewissen sondern auch und vor allem die göttliche Lehre und die aus der göttlichen Offenbarung gezogenen Schlüsse es verlangen. Der Gesellschaft den Sonntag als "Echo des Ostersonntags" zu erklären ist somit richtig und gut, unabhängig von den zu erwartenden Reaktionen.

Das Zweite "Aber!" klingt jetzt wie ein Widerspruch zum ersten, aber habt etwas Geduld mit mir...

Ich bin nämlich der Meinung, daß ein gesetzlich vorgeschriebener, allgemeiner und gemeinsamer arbeitsfreier Tag mit geschlossenen Läden auch als sinnvoll dargestellt werden kann, wenn man sich nicht auf die christliche Tradition beruft. Stellen wir uns einmal einen Mann vor, der weder christlich noch religiös ist. Er arbeitet von Montag bis Samstag in einem Job, der ihm und seiner Familie (oder auch ihm alleine, falls er Single ist) genügend Geld einbringt, um ohne übermäßig große Sorgen leben zu können. Wenn dieser Mann nun vor die Wahl gestellt wird, sich entweder irgendeinen Wochentag auszusuchen, an welchem er sich frei nehmen kann oder an einem Tag frei zu nehmen, an dem alle (bzw die meisten: Siehe Ärzte, Taxifahrer, Pfarrer etc) seiner Freunde und Bekannten und Familienmitglieder ebenfalls frei haben, dann scheint es mir zumindest wahrscheinlicher, daß er sich für das zweite Angebot entscheiden wird. Und wenn dieser gemeinsame freie Tag vom Gesetzgeber dann so gestaltet wird, daß an ihm nicht exakt die gleichen Aktivitäten möglich sind, wie an jedem anderen Wochentag, dann hebt dieser Tag sich dadurch schon vom Rest der Woche ab. Und das versetzt unseren Mann dann in die Situation, daß er den Tag selbst gestalten muß. Die ruhende Arbeit trifft auf ein aufs Minimum (Kioske, Tankstellen...) heruntergeschraubtes Konsumangebot und erzeugt so eine Stille, welche vielleicht jede Woche wieder gespenstisch bis unerträglich wirken mag. Aber so wie Kinder, die sich vor Gespenstern fürchten, singen, wenn sie zum Müllwegtragen in den dunklen Keller gehen und später, wenn sie reifen, die Furcht ablegen, so kann auch unser Mann der gespenstischen Stille anfangs mit hektischem und möglicherweise nutzlosem Aktionismus entgegentreten um dann später festzustellen, daß die Gespenster nur in seinem Kopf existierten bzw in seiner Unfähigkeit, außerhalb der Tretmühle zu existieren. Die auf diese Erkenntnis folgenden Aktivitäten könnten dann eine neue Dimension bekommen. Der Mann wird vielleicht beginnen, sich auf ganz andere Art mit sich selbst und mit den Anderen und mit der Welt auseinanderzusetzen. Dies bietet die gewaltige Chance, daß der Mann unter "Welt" dann nicht nur das versteht, was sich nicht mit "Geist" oder "Religion" deckt. Im Gegenteil: Die sich langsam füllende Stille kann im besten Fall dazu führen, daß der Mann eine ganz neue Entdeckung macht: Der "Geist" und die "Religion" gehören in die "Welt", obwohl sie sich gleichzeitig auf ganz wunderbare Art vom "Weltlichen" abheben. Und so könnte sich aus der Sonntagsruhe für nicht-religiöse und sehr auf das Materielle fixierte Menschen ein Zugang zu Fragen des Geistes und der Religion auftun. Warum dafür ein gemeinsamer Ruhetag notwendig ist, liegt auf der Hand: Wenn jeder sich seinen eigenen Ruhetag aussuchen kann, so wird er sich nie in der Stille wiederfinden, welche nötig ist, um den von mir grade beschriebenen Prozeß zu einem fruchtbaren Ende zu bringen. Ich weiß, das Ganze ist ein weiter Wurf auf ein klitzekleines Ziel, aber so stell ich's mit halt vor.

Jetzt zum Widerspruch der beiden "Aber!": Ich als Katholik sehe den Sonntag als Tag des Herrn und somit als einen Tag, an dem die Arbeit bitte ruhen möge und die Geschäfte gerne geschlossen sein dürfen. Daher werde ich den Sonntag auch primär so kommunizieren. Ich sehe aber auch, daß sich möglicherweise abseits von Fragen der Religion und der christlichen Tradition Wege bieten, über die Sonntagsruhe dem Leben eine neue Dimension zu öffenen, in der die Stille fruchtbringend genutzt wird.

Wenn unser Leben tatsächlich mehr ist als Geburt-Schule-Arbeit-Verdienen-Ausgeben-Tod (und mich beschleicht das unbestimmte Gefühl, daß dem so ist ;-), dann gehört für mich ein arbeitsfreier und nicht-verkaufsoffener Sonntag schlicht und einfach zur Kultur des Lebens.

1 Kommentar:

Catocon hat gesagt…

Alipius,
wenn man weltlich argumentiert, wie Du dies in treffender Weise versucht hast, kann man "einen Ruhetag" durchaus rechtfertigen. Man kann auch begründen, warum es ein gemeinsamer Ruhetag sein sollte - auch wenn es dann sehr schwer sein dürfte, diesen "gemeinsamen säkularen Ruhetag" gegen das Freiheitsargument (aber ich will einkaufen DÜRFEN und nicht ruhen MÜSSEN) zu verteidigen.

Und selbst wenn das gelingt, gäbe es keinen Grund, warum es der Sonntag sein müsste. Man könnte einen beliebigen Tag auswählen. Und um der Gleichberechtigung aller Religionen Ausdruck zu verleihen, die ja Grundvoraussetzung des Säkularismus ist, wäre es dann anzuraten, gerade NICHT den Sonntag zu nehmen, um den Eindruck zu vermeiden, es gehe um eine religiöse Sache.

Was man also äußerstenfalls verteidigen könnte, wäre ein gemeinsamer Ruhetag an einem anderen Tag als dem Sonntag - aber nicht die Sonntagsruhe. (Und selbst dieser Ruhetag wäre durch das Freiheitsargument leicht angreifbar)