Donnerstag, 16. Februar 2012

Beleidigt werden/beleidigt sein...

Der folgende Absatz aus einem der Beiträge von Josef Bordat zum Thema "Kinder******-Sekte" hat mich nachdenklich gemacht:
    Die Meinungen gingen vor allem darüber auseinander, ob „Kinderficker-Sekte“ eine Äußerung ist, die von der Meinungsfreiheit geschützt ist oder nicht. Ich halte sie für verleumderisch und beleidigend, insoweit ziehe ich die Grenze vorher. Andere gaben zu bedenken, dass es möglich sein muss, ein Glaubensbekenntnis und eine Religionszugehörigkeit herabzuwürdigen, weil und soweit sie frei angenommen bzw. eingegangen worden seien. Ich werde zwar nie ganz begreifen, warum es eigentlich so wichtig ist, andere Menschen herabwürdigen zu dürfen, aber ich muss ja nicht alles verstehen. Man mag ja durchaus den Standpunkt vertreten, Jemanden wie mich oder den Bundespräsidenten oder den Bundestagspräsidenten oder Christoph Metzelder implizit als „Kinderficker“ zu bezeichnen (ohne dafür Beweise beizubringen) sei halt eine „Meinungsäußerung“. Selber schuld, denn was sind wir vier denn immer noch freiwillig katholisch! Wer nicht beleidigt werden will, muss halt austreten aus der Kirche! So einfach ist das! Punkt.
Hören wir zum Thema "Beleidigungen" erst noch den heldenhaften Kämpfer für die Meinungsfreiheit, durch dessen Blog die Bezeichnung "Kinder******-Sekte" Berühmtheit erlangte:
    Da flatterte mir doch heute ein offizielles Schreiben des Polizeipräsidenten von Berlin ins Haus. Ich werde der "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religions­ge­sell­schaften und Weltanschauungsvereinigungen" beschuldigt. Was? Ich habe Religionen beleidigt? Religionen kann man doch gar nicht beleidigen, Religionen sind eine Beleidigung. Eine Beleidigung jeglichen gesunden Menschenver­standes.
Interessant ist, daß beim Gegeifer gegen die Kirche nicht nur die Kinderstube und der gepflegte Tonfall sondern offenbar auch der gesunde Menschenverstand ganz fix im Klo heruntergespült werden. Fall sich trotz Nicht-Verlinkung ein paar Schockwellenreiter-Jubelalraunen hierher verirren sollten, hier die Erklärung. Euer Meister sagt folgendes: "Ich habe X nicht beleidigt, weil X selbst eine Beleidigung ist!" Wem das zu subtil ist, der sollte es mal mit dieser Schuhgröße probieren: "Ich habe X nicht beraubt/geschlagen, weil X selbst ein Räuber/Schläger ist!"... Ah, okay! Wenn das so ist, dann betrachten wir das nächtliche Ausräumen der Wohnung/die Holzlatte auf den Hinterkopf als Ausdruck einer persönlichen Freiheit...

Aber zurück zu den Beleidigungen.

Werde ich beleidigt oder bin ich beleidigt?

Wenn mir jemand im Streit/Affekt das Wort "Oarsch!"" an den Kopf wirft, dann ist das für mich schon mal keine Beleidigung, sondern eine Art in Kauf genommener Verschärfung der Situation, welche aber mit Beendigung besagter Situation auch schon wieder in die Lethe springt.

Wenn jemand persönlicher wird, wie z.B. jener Herr, der mir im August zweimal das nicht eben zarte "K"-Wort zurief, dann ist dies für mich ebenfalls keine Beleidigung. Warum? Weil ich kein "K" bin. Ich betrachte solche Situationen als Versuche, mich zu provozieren oder sich selbst ein gutes "Ich bin so knüppelhart, ich schreie auf der Straße sogar katholische Pfaffen an"-Gefühl zu verschaffen. Beleidigt bin ich durch solche Aktionen nicht. Allerdings bin ich immer bemüht - abhängig von der Zahl der Zeugen - eine gegen mich ausgestoßene Beleidigung als Humbug zu entlarven, damit sich das falsche Vorurteil nicht allzutief in die Seelen frißt, sowohl in die desjenigen, der es ausgesprochen hat als auch in die derjenigen, die es mithörten.

Wenn nun aber jemand zu mir "arroganter Sack" sagt, dann ist das ebenfalls keine Beleidigung, weil er mit dem Ausdruck ziemlich genau ins Schwarze trifft. Nicht, daß ich in meiner Essenz ein arroganter Sack bin, aber ich kann durchaus ein arroganter Sack sein. Somit kann diese Beleidigung entweder ausgesprochen werden in einer Situation, in der ich mich grade als arroganter Sack erweise oder auch in Gedenken an eine in der Vergangenheit liegende Situation, in welcher ich mich als arroganter Sack erwies. Wieder keine Beleidigung, da es die Wahrheit ist/war. Ich nicke dann ertappt und versuche irgendwie, weniger arrogant zu sein und Wiedergutmachung zu leisten.

Was ich sagen will: Es gibt da draußen unzählige Versuche von variierender Ungeschicktheit, mich zu beleidigen, entweder als Individuum oder als Angehörigen einer größeren Gruppe. Aber dies sind alles Stöße in meine Richtung, die als "Beleidigt werden" abgeschickt werden, sich aber nie als "Beleidigt sein" in mir niederlassen. Dafür kenne ich mich zu gut und dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Die "Kinder******-Sekte"-Chose finde ich deswegen auch nicht um meinetwillen bedenklich sondern weil ein solches Wort, wenn es einsickert, nichts weiter ist als die Vorstufe zu einer breiteren gesellschaftlichen Vorverurteilung.

Das letzte Wort gehört wieder dem Schockwellenreiter, der uns mit erhobenem Haupte und breiter Brust (möglicherweise nach 10 Minuten Extreme-Travis-Bickling vorm Wohnzimmerspiegel) verkündet, warum eine solche Vorverurteilung dringend nötig ist:
    Schauen wir doch mal, ob in diesem unseren Land die Meinungsfreiheit noch etwas zählt oder ob wir endgültig zu einem Staat verkommen sind, in dem schon wieder die Inquisition das Sagen hat.
Bitte, bitte, bitte, liebe Kirchenbasher: Laßt Euch ganz schnell ganz viele neue Schimpfwörter und Beleidigungen einfallen, sonst werden wir nie wissen, ob nicht morgen schon wieder die Scheiterhaufen brennen...

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

Über mich hiess es als Teenager öfter, ich sei "so katholisch". Irrtum, ich war papierevangelisch. Das sollte sagen "du ziehst dich immer so langweilig an". Ich habe es irgendwie immer als einfache Beschreibung meines Kleidungsstils genommen und nahc einer Weile als Kompliment- immerhin hiess das, dass ich nicht gerade aussah wie die Bordsteinschalbe der Woche aus "Miami Vice" (es waren die späten 80er und wir waren auf dem Dorf...)

Manche Beleidigungen treffen nicht weil das, mit was beschimpft wurde, entweder als positiv besetzt wahrgenommen wird oder als neutral.
Wenn mir heute jemand sagt, ich sei arrogant, sehe ich das als Beschreibung an. Bin ich. Und manchmal ist das auch gut so. Als unser Nachbar mich als "arrogante Zicke" bezeichnet hat konnte ich nur lächeln und sagen "stimmt!". Ode rwenn unser Ex-Vermieter mir sagte, ich sei ja "ein ganz schönes Kaliber" wenn ich ihn nicht unangekündigt in die Wohnung lassen wollte.

Beleidigungen, die nicht zutreffen, aber sowohl verletzend gemeint sind als auch ein verhalten unterstellen, das man selbst ablehnt, verurteilt und als absolut falsch ansieht (wie zB Kindsvergewaltigung), treffen, da sie die eigene Person herabsetzen.

Die Aussage "es hat innerhalb von Institutionen, die zur katholischen Kirche gehören, Kindsvergewaltigungen gegeben und dagegen muss vorgegangen werden" wird kaum jemand als Beleidigung ansehen.
Auch die Frage, ob und wenn ja in welchem Ausmass das von den Vorgesetzen gedeckt worden ist, ist keine Beleidigung.

Es wird in der Sekunde zu einer Beleidigung, wo jedem Priester, Ordenfrau oder auch nur Angestelltem unterstellt wird, er habe mitgemacht oder es zumindest gedeckt oder würde es billigen und sich insgeheim zumindest danach sehnen, auch zu vergewaltigen.


Eine Auseinandersetzung sollte immmr auf Augenhöhe geführt werden. Und den anderen per se zu beleidigen ist immer eine schlechte Vorrausetzung. Egal wer wem was an den Kopf wirft.

Oliver Doetsch hat gesagt…

Na ja, um seines Namens willen beleidigt und bespuckt zu werden hat uns doch der HErr prophezeit, oder? Ich find's alles in allem noch harmlos zu dem, was unseren Glaubensbrüdern überall in der Welt angetan wird.

Außerdem: Atheisten wie besagter Blogger sind einfach nur dumm & pubertär - ich kann das auf der 'Bösartigkeitsskala' schon gar nicht mehr ernst nehmen.

Gruß

Phil hat gesagt…

"Wie soll ich Juden beleidigen? Das Judentum ist eine Beleidigung der Menschheit" - ein beliebiger Nazi, 1935


Ich hab heute mit meinem Vater mich über Meinungsfreiheit unterhalten. Was jemand wie dieser Schmockwellenreiter nicht versteht ist, daß Meinungsfreiheit nicht Rumblökfreiheit ist. Niemand nimmt ihm die Meinung, die Kirche wäre ein sektiererischer Verein voller Verbrecher. Die kann er auch durchaus ausdrücken - gerne auch mit Argumenten, wenn er denn welche hat. Wir leben in einem freien Land, und wenn sein Scheuklappenblick sich mal etwas öffnen würde, würde er merken, daß wir weit, weit von einem Staat entfernt sind "in dem schon wieder die Inquisition das Sagen hat".

Meinungsfreiheit ist also die Freiheit, eine Meinung zu haben und diese auch auszudrücken. Es ist zwar leider nicht deutlich jurstisch festgelegt, aber das ist was anderes, als irgendwelche Beleidigungen herumzuposaunen. Eine Beleidigung ist nämlich keine Meinung, sondern eine bewußt gewählte Form einer solchen.