Freitag, 13. Januar 2012

"Nee, was sind wir relevant und konsumkritisch und avantgarde! Betrunkene, die im Stadtpark herumschreien, sind im Vergleich zu uns Broadway!"

Ich will nicht behaupten, daß Gedanken dieser Preisklasse den Darstellern des Stückes "Gólgota Picnic" während jeder Aufführung durch den Kopf schießen. Ich will es aber auch nicht kategorisch ausschließen.

Rodrigo Garcías Theaterstück sorgt bereits seit einiger Zeit für Aufregung. Schon im September vergangenen Jahres war in Graz einiges los, als aufgebrachte Christen gegen die Aufführung des als "blasphemisch" etikettierten Stückes protestierten. Auch durch Frankreich rollte die Protestwelle. Und gegen die Aufführung im Hamburger Thalia-Theater formiert sich ebenfalls Online-Widerstand.

Ich kenne das Stück nicht und halte mich daher mit einer Antwort auf die Frage "Blasphemisch oder nicht?" erst einmal zurück. Ich habe allerdings Photos und ein kurzes Video von "Gólgota Picnic" gesehen [** headdesk facepalm 23stes-bier-runterspül **].

Und ich fand dieses Statement von Jean-Michel Ribes, Chef des Théâtre de Rond-Point, wo das Stück ebenfalls aufgeführt wurde: Er sagte, es sei die Aufgabe eines Künstlers, gegen "erstickende Dogmen" zu kämpfen.

Hmm...

Nochmal: Die Aufgabe eines KÜNSTLERS ist es, gegen "erstickende Dogmen" anzukämpfen?!

Dann verstehe ich aber das nicht:

Einerseits:

"Erstickende Dogmen" = Kunst!



Andererseits:

"Kampf gegen erstickende Dogmen" = Eine mit Burgersemmeln bestreute Bühne, auf der Besudelte und Nackte und Bekloppte herumhüpfen und Regenwürmer in ihre Big Mac's stopfen.

Das Stück mag blasphemisch sein oder auch nicht. Aber es wird bei mir jedenfalls nie und nimmer und nirgendwo unter "Kunst" abgelegt.

[Bilder-Quelle]

Kommentare:

Severus hat gesagt…

Ich meine, wir sollten in jedem Fall darauf achten, dass wir diesem erbärmlichen Schwachsinn nicht durch zuviel an Aufmerksamkeit zuviel Ehre antun.

L. A. hat gesagt…

Stimme zwar @Severus zu, aber würde mir noch mehr wünschen, daß sich endlich wieder auch eine "Kulturkritik" herausbildet, die aus katholischer Perspektive so einen... (*auchHafenkneipenausdruckgebrauch*) auch aus rein ästhetischer Sicht erledigt. Bei reinen Zensurforderungen ist mir nicht so wohl, das geht besser.
Und zu dem Theaterfuzzi:
"Er sagte, es sei die Aufgabe eines Künstlers, gegen "erstickende Dogmen" zu kämpfen."

Mit diesem Satz allein hat er offenbart, daß er selbst jedenfalls gar kein Künstler sein kann.

Martin J Grannenfeld hat gesagt…

ich kenn das Stück auch nicht. Dass es Aufgabe der Kunst sei, gegen Dogmen zu kämpfen, würde ich auch bestreiten.

Aber nur mal zu dem Bildervergleich:

kann es sein, dass Exzess nur dann Kunst sein darf, wenn er mehrere Jahrhunderte alt ist? oder ist Hieronymus Bosch auch keine Kunst?

Alipius hat gesagt…

Hieronymus Bosch darf nicht nur Kunst sein, sondern er ist aber hallo Kunst. Er ist schließlich nicht nur exzessiv, sondern auch mehrere Jahrhunderte alt.

Ernsthaft: Ich finde (ganz persönlich und ohne Anspruch auf allgemeine Gültigkeit) sowohl Boschens Exzess als auch die puttenstrotzenden Marienstrudel eines Murillo bedeutend authentischer und zugänglicher, weil in diesen Werken die Personen nicht von Menschen dargestellt werden, die in eine Rolle schlüpfen. Denn so etwas hat - zumindest vor dem "Dogmen bekämpfen"-Hintergrund - immer diesen moralisierenden Beigeschmack.

Jorge hat gesagt…

In dem unten verlinkten Zeitungsartikel gibt es ein paar Statements des Autors zu dem Stück (allerdings auf Spanisch). Die Burger auf der Bühne seien eine Anspielung auf die wunderbare Brotvermehrung und zugleich als Kritik am modernen Fastfood aufzufassen. Die Bibel benutze er nur als Projektionsfolie, in Wirklichkeit gehe es um ihn selbst und das, was ihn an der Gesellschaft bewegt/stört, in der er lebt. Er finde in der Bibel aber alle die Themen wieder, die ihn interessieren (beispielhaft nennt er Tod, Krieg, Liebe, Verständnislosigkeit) und benutze sie daher sehr gern.

Zur Bibel an sich und Jesus Christus sagt der Autor Folgendes:
Er habe sich seit langem für die Bibel "als Literatur und wunderschöne Fabel" interessiert, "mit diesem Abheben der Vorstellung, mit ihrer Verücktheit von Dämonen und Engeln. Und auch mit ihrer ethische Seite, Fleisch geworden in Christus und seinem Versuch, der Gesellschaft eine Doktrin der Liebe zu bringen, wo es sich doch als so schwierig erweist, dass wir gemeinsam in Frieden leben."

Wie man sieht, nicht gerade eine zutiefst christliche Sichtweise, aber von "Blasphemie" erkenne ich da auch nichts.

Nichtsdestotrotz mag ich auch kein modernes Theater mit Fettklößchen auf der Bühne, aber was solls.

Hier der Link:
http://www.elmundo.es/elmundo/2011/01/07/cultura/1294391189.html