Dienstag, 24. Januar 2012

Man könnte es sich nicht ausdenken...

Da schreibt Josef Bordat eben:
    Interessant ist, wie es das menschliche Gehirn immer noch zuverlässig bewerkstelligt, das Handwerk der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram nicht unter „Christenverfolgung“ zu subsumieren. Sondern unter "Bürgerkrieg", "Konflikt", "Kampf um Ressourcen". Das mag alles eine Rolle spielen, ist aber zweitrangig. Die Auswahl der Ziele (Polizeistationen und Kirchen) spricht eine deutliche Sprache. Der Sprecher der Terrorgruppe auch: "Die Sekte [Boko Haram, J.B.] kündigte an, alle Christen im muslimisch dominierten Norden des Landes zu töten."
Das erinnerte mich an ein Interview mit dem katholischen Prälat Obiora Ike, welches ich heute beim Frühstück in der PRESSE las. Also ging ich mal nachschauen, ob man dieses Interview nicht auch auf DiePresse.com finden kann. Klaro, kann man:
    Die Presse: Prälat Ike, wie ist derzeit die Situation in Nigeria?

    Obiora Ike: So etwas hat Nigeria in diesem Ausmaß noch nie erlebt: Am vergangenen Freitag gab es gleichzeitig 20 koordinierte Bombenanschläge im Land. Am Sonntag sind wieder zwei unserer Kirchen von der radikal-islamischen Boko-Haram-Sekte in die Luft gesprengt worden. Die Zielscheibe war klar: Man wollte dabei die Christen ins Mark treffen. Viele Gläubige sind nun traumatisiert. Sie trauen sich gar nicht mehr aus ihren Häusern, geschweige denn, in eine Kirche zu gehen.

    Müssen Ihre Gläubigen auch in Zukunft um ihr Leben fürchten?

    Die Situation ist sehr ernst. Überall, wo wir uns versammeln, kann es lebensgefährlich werden. Seit einem Jahr gibt es gezielte Angriffe. Eine regelrechte Christenverfolgung ist im Gang.
Und was fällt dem ersten oberschlauen Online-Kommentarschreiber zum Thema ein? Riesenüberraschung:
    Hier wird ein reiner Verteilungskampf zu einem Religionskonflikt hochstilisiert. Dabei ist es ein Konflikt zwischen bettelarm und ausgenutzt (moslemische indigene Bevölkerung) und Reich und Mächtig (christliche Bevölkerung, die aus dem Süden zureist). Wenn man den Riesenstaat einfach teilt, dann ist sofort Ruhe. Aber der Süden braucht ja die mittellosen Arbeiter aus dem Norden um sie ausbeuten zu können und viele Milliarden in die Klingelbeutel zu bekommen!
Gab's das eigentlich schon mal irgendwann in der Geschichte, daß irgendwer über eine bestimmte Gruppe sagte "Die sind reich und nehmen euch alles weg!" und diese Gruppe dann brutalst verfolgt, gedemütigt, entrechtet und millionenweise abgeschlachtet wurde? Und wenn ja: Blickt man heute kaltlächelnd auf das Grauen zurück, zuckt mit den Schultern und murmelt "Naja... Verteilungskampf halt..."? Oder hat man vielleicht so das unbestimmte Gefühl, daß es in Wirklichkeit um ein wenig mehr als um "Verteilung" gegangen sein könnte?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das ist das übliche, dümmliche "Die-Christen-sind-selber-schuld"- Credo. Alles schon gehabt.

curioustraveller

cassandra_mmviii hat gesagt…

Darf ich das verlinken?

Alipius hat gesagt…

@ cassandra_mmviii: Logo!

Le Penseur hat gesagt…

@rev. Alipius:

Gab's das eigentlich schon mal irgendwann in der Geschichte, daß irgendwer über eine bestimmte Gruppe sagte "Die sind reich und nehmen euch alles weg!"

Ich nehme an, Reverende beziehen sich hier auf die Verfolgung der Kulaken durch Stalin, oder?

*sarcasm off*

P.S.: Ich weiß, ich wiederhole mich, aber irgendwie kommt mir da der große alte Max Liebermann ins Gedächtnis ...