Montag, 16. Januar 2012

Kein "Teufelsspuk", kein Ablaß...

Die WELT.ONLINE berichtet:
    Die Wallfahrt zum "Heiligen Rock" ist ein riesiges katholisches Spektakel. Statt wie früher dagegen zu wettern, empfiehlt die evangelische Kirche die Teilnahme. So ändern sich die Zeiten. Martin Luther spottete über die "Bescheißerei von Trier". Wallfahrten wie die zum "Heiligen Rock" in Deutschlands ältester Stadt waren für ihn reiner "Teufelsspuk".

    ...

    "Um die ökumenischen Beziehungen nicht zu konterkarieren", verzichtet Bischof Ackermann darauf, den Papst um einen besonderen Ablass für die Heilig-Rock-Wallfahrt zu bitten. Damit ist die Pilgerfahrt endgültig vom Ruch einer anti-protestantischen Demonstration befreit.
No effing comment ...

Kommentare:

. hat gesagt…

1996 gab es offenbar auch keinen, was die Sache aber nicht besser macht.
http://www.zeit.de/1996/19/Er_strahlt_etwas_aus_-_er_wirkt/seite-4

Konstantin hat gesagt…

Die Protestanten kennen offensichtlich keine Angst, die Katholiken zu beleidigen:

http://kath.net/detail.php?id=34696

. hat gesagt…

domradio hat das, basierend auf Agenturmeldungen, offenbar (sachlicher) schon vor ein paar Tagen gemeldet:
http://www.domradio.de/aktuell/78976/mit-oekumenischer-note.html

curioustraveller hat gesagt…

Nur zur Beruhigung: Ich hätte absolut kein Problem damit, wenn der Bischof den Papst um einen Ablass bitten würde. Ist sein gutes Recht.

Und warum muss das andere was angehen, frage ich mich als Protestant? Ich bitte doch auch nicht um katholische Zustimmung zum Abendmahl ...

Ich würde mal sagen, der Ball liegt im Feld des Bischofs.

Alipius hat gesagt…

@ curioustraveller: Ich weiß auch nicht, ob das jetzt vorauseilende Panik seitens des Bischofs war oder was da los ist. Ich denke eigentlich, daß es genügend Protestanten geben wird, die mit dem Thema entspannter umgehen, als die Entscheidung des Bischofs und die Berichterstattung suggerieren.

Frater seiunctus hat gesagt…

Ich gehe in der Tat mit dem Thema entspannt um! Meine lieben Brüder und Schwestern im Herrn und in der Konfession auf der Rheinischen Landessynode hätten vielleicht erst einmal deutlicher sagen sollen, wie sich das mit der Zeichenhaftigkeit von Reliquien und anderer Gegenstände verhält und warum auch reformatorische Theologie nicht ohne Zeichen und bisweilen sogar wirksame Zeichen auskommt. Selbst der eingefleischteste Reformierte kommt ja an der Zeichenhaftigkeit der Sprache z.B. nicht vorbei (praedication verbi divini est verbum divinum - H. Bullinger). Aber mit solider Theologie haben es die Rheinländer schon länger nicht mehr so ...

Das mit dem Ablass ist mir nicht so wichtig - ich erwarte eigentlich nicht, dass die Katholischen evangelisch werden. Aber als jemand, der in der real existierenden evangelischen Kirche manchmal eher ausharrt, weil er seinem Ordinationsversprechen nicht untreu werden will, begrüße ich es sehr, wenn Christen einen Weg zu konkreter Gemeinsamkeit finden, ohne dass sich einer verbiegen muss. Und dass Luthers Äußerungen (und die manche seiner Erben) zur spätmittelalterlichen Frömmigkeit keinen Bekenntnis-Status haben, sollte auch für Evangelische kein Problem sein.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Mal angenommen, es handelt sich tatsächlich um ein Kleidungsstück, das Jesus irgendwann getragen hat - welche Glaubensaussage hat das? Führt es bei irgendjemandem zu größerer Liebe, tieferem Glauben und stärkerer Hoffnung, eine antike Tunika zu betrachten, die möglicherweise Hautkontakt mit Jesus hatte?

Trier und Umgebung sind sehr sehenswert, es gibt dort auch wunderbare Kirchen. Aber dieser Kult um den Heiligen Rock hat doch mit Jesus herzlich wenig zu tun.

Johannes hat gesagt…

Hach wie gut das tut, hier einmal konstruktive, ökumenische Beiträge zu lesen.

Wenn ich einen evangelischen Gottesdienst besuche, dann möchte ich doch, dass er so richtig evangelisch ist. Ich würde diese Verbiegerei auch eher befremdlich finden.

Alipius hat gesagt…

@ Claudia: Nun ja... Wenn man wirklich annimmt, daß es sich bei dem Rock um ein Kleidungsstück handelt, das Jesus irgendwann getragen hat, dann hat der Kult um den Heiligen Rock mit Jesus streng genommen doch eigentlich sehr viel zu tun. Es muß nicht notwendigerweise bedeuten, daß es zu mehr Glauben, Hoffnung und Liebe führt, aber dennoch hätte es mit Jesus eine Menge zu tun.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Was denn?
Zunächst schränkst Du ja selbst mit Recht ein: Wenn man wirklich annimmt... Das ist schon mal eine recht kühne Annahme, meine ich. Es ist vielleicht nachweisbar, daß das gute Stück tatsächlich im 1. Jh. im vorderen Orient hergestellt wurde. Aber was wäre damit gewonnen? Da gab es ja mehr als ein Dutzend Tunikaträger, und ein aufgesticktes Monogramm ist, soweit ich weiß, nicht nachweisbar.
Wenn die Eigentümerfrage zweifellos geklärt werden könnte, hätte man eine Bestätigung, daß Jesus tatsächlich gelebt hat - genau das und absolut nicht mehr; darüber, wer dieser Jesus nun war, wäre durch einen solchen Beweis keine neue Aussage möglich. Aber die Frage bleibt offen, und damit ist es nur irgendeine Tunika.
Der Rollkragenpullover, den Benedikt XVI. irgendwann mit Sicherheit mal getragen hat, sagt doch auch nichts über die menschliche und theologische Größe des Trägers.

ultramontanus hat gesagt…

@Callipoe: Vor allem ist es – mit Verlaub – schietegal, was irgendwelche Historiker dazu sagen. Der heilige Rock wird seit Jahrhunderten von unzähligen Pilgern, auch als Ziel glaubensfestigender Wallfahrten, in – mal mehr, mal weniger – frommer Freude als Christusreliquie verehrt, die sich darin dem Herrn selbst ganz anschaulich verbunden fühlen. Er ist damit sicherlich weitaus menschlicher und vor allem wirklicher als ein noch so gelehrtes historisches Traktätchen.

Dass der Bischof nun gerade mit Hinweis auf die sogenannte »Ökumene« den ihm doch eigentlich anbefohlenen Gläubigen eine Ablassgewinnung verwehrt, finde ich nach wie vor unbarmherzig und ein Unding! - Ich könnte auch deutlichere Worte finden.

Alipius hat gesagt…

@ Claudia: Ich habe das "Wenn man wirklich annimmt..." von Dir übernommen und in Deinem Sinne gesetzt ("Mal angenommen, es handelt sich tatsächlich..."). Und es ist doch offensichtlich, daß der Heilige Rock mit Jesus eine Menge zu tun hat: Zu anderen Kleidungsstücken, die aus der selben Zeit stammen und irgendwo aufbewahrt werden, gibt es keine großen Pilgerfahrten. Jetzt mag man sagen "Ja, aber das ist ja nur so, weil irgendjemand sagt, dies sei der Heilige Rock!". Darauf antworte ich: Nein, es ist so, weil die Leute glauben, daß er es ist. Sagen könnte man es 1000 Mal. Wenn niemand es glaubt, passiert nichts. Und weil es eben aus Glauben geschieht, hat es - meiner Meinung nach - schon etwas mit Jesus zu tun.

gerd hat gesagt…

>>Wenn die Eigentümerfrage zweifellos geklärt werden könnte, hätte man eine Bestätigung, daß Jesus tatsächlich gelebt hat - genau das und absolut nicht mehr; darüber, wer dieser Jesus nun war, wäre durch einen solchen Beweis keine neue Aussage möglich. Aber die Frage bleibt offen, und damit ist es nur irgendeine Tunika.<<

Da muss ich nun doch etwas schmunzeln. Die Pilgerfahrt zum hl. Rock setzt nämlich nicht das Wissen über die historische Person Jesus voraus, sondern der Glaube an denselben. Wenn man den Berichten der Evangelien Glauben schenkt, dann haben selbst die Zeitgenossen, (einschließlich seiner Schüler) eine sehr begrenztes Wissen über die Person Jesus gehabt. Selbst Petrus, der ihn ja als Messias erkannte, flüchtete als es drauf ankam mit wehenden Fahnen und beschloss zu lügen, als er mit Jesus in Verbindung gebracht wurde. Johannes fast das in seinem Prolog prägnant zusammen: Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber die ihn aufnahmen....! Wenn die Aufnahme Jesu durch die Wallfahrt zum hl. Rock und durch einen Ablass ermöglicht werden kann, dann immer her damit.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Aber wenn wir alles als Glaubenswahrheit legitimieren, nur weil es von einer Menge Leute geglaubt wird und unter diesen Leuten auch richtig gute Menschen sind - werden wir dann nicht beliebig?

Alipius hat gesagt…

@ Claudia: Klar. Aber deswegen gibt es in der Kirche ja eine Hierarchie der Wahrheiten. Die Glaubenswahrheit "Dreifaltigkeit" z.B. hat da einen ganz anderen Stellenwert als die Glaubenswahrheit "Heiliger Rock", welche anzunehmen niemand verpflichtet ist.

kalliopevorleserin hat gesagt…

@Alipius: hmm... gut... also, ich werd Luther in diesem Fall nicht vor Wallfahrern laut zitieren, aber ich find trotzdem, daß er bisserl Recht hat. ;-)

weihrausch hat gesagt…

@kalliopevorleserin: Du schreibst "Führt es bei irgendjemandem zu größerer Liebe, tieferem Glauben und stärkerer Hoffnung, eine antike Tunika zu betrachten, die möglicherweise Hautkontakt mit Jesus hatte?"
Damit habe ich mich gerade auf meinem Blog ein bisschen auseinandergesetzt: "Was ist so schlimm daran, sich an konkreten Orten und Gegenständen daran zu erinnern, dass die Evangelien keine Märchenbücher sind, sondern die Heilsereignisse wahrhaftig stattgefunden haben – zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte? Das ist übrigens eine Erfahrung, die mir gerade auf meiner Israelreise vor Kurzem sehr klar geworden ist." (http://weihrausch.wordpress.com/2012/01/17/das-wort-ist-fleisch-geworden-oder-heilig-rock-wallfahrt/)

thysus hat gesagt…

Auch unsere sämtlichen evangelischen Mitchristen - Katholikenfreunde oder Katholikenhasser - bewahren pietätvoll Erinnerungsstücke auf, die ihnen lieb und teuer sind. Nicht weil diese besonders schön oder wertvoll wären, sondern einfach, weil sie einem von ihnen verehrten oder geliebten Menschen stammen - von einem vornehmen oder berühmten Onkel oder Grossvater, von ihrer Mutter, die ihnen vielleicht früh genommen wurde oder von wem auch immer. Und wenn sie diesen Gegenstand anschauen oder in die Hand nehmen, dann passiert in ihrem Herzen etwas Unverwechselbares. Soll man als Aussenstehender diese Menschen oder ihre Gefühle nun verachten und lächerlich machen?
Genau solche verehrungsvolle Empfindungen haben Katholiken nun mal, wenn sie Gegenstände sehen dürfen, die der Gottessohn Jesus Christus (möglicherweise!) einmal selber besessen, berührt oder getragen hatte. DAS IST DOCH NUR NATÜRLICH!!
Ich habe diesen Artikel in WeltOnline gelesen. Das wirklich Erschreckende daran ist nicht die Meldung über eine bischöfliche oder evangelische Engherzigkeit, sondern die anschliessenden Leserkommentare. Was für ein Hass, was für eine Verachtung da den Katholiken und ihrer Kirche entgegenstarrt - das ist schrecklich, ja unheimlich! Und genau diese Sorte Leute klagt ständig die Kirche an, zu wenig Toleranz zu üben..