Mittwoch, 28. Dezember 2011

Für reichlich Diskussionsstoff...

... dürfte dieses kurze Statement sorgen.

Was stelle ich mir unter einem "Gutmenschen" vor? Schwer zu sagen. Irgendsoein übertrieben eifriger Moralapostel mit Weltverbesserungsanspruch, Hardcore-Missionsbewußtsein, Spaßverderbergarantie und Heiliger-als-Du-Breitseiten am Fließband, der aber manchmal der Realität ein wenig hinterherhinkt...

"Was? Du kaufst noch Produkte der Firma XYZ? Tsk, tsk, tsk! Mache ich seit Jahren nicht mehr! Der Vorstandsvorsitzende ist Mitglied im örtlichen Kaninchenzüchter-Verein, und die konsumieren bei ihren Treffen nachweislich Produkte von Tieren, die nicht artgerecht gehalten werden."

"Soso... Du willst also nicht mitmachen beim Unterwasser-Korbflechten für den Weltfrieden!? Nur, weil im vergangenen Jahr bei der Aktion 26 Leute ertrunken sind!? Ist der Weltfrieden dir so wenig wert?"

"Der Text für den Flyer gegen Mädchenhandel ist okay, aber wir wollen trotzdem lieber genderneutral schreiben, falls doch ein paar Buben dabei sind..."

"Was? Du trinkst Kaffee? Da kannst Du eigentlich ebensogut die Tränen eines Kolumbianischen Bauern trinken! Tier!"

So oder ähnlich...

Wie sich jetzt - in den engen Grenzen meines bescheidenen Erfahrungsfeldes - ein "guter Mensch" von einem "Gutmenschen" abhebt? Keine Ahnung. Er wirkt irgendwie authentischer, unverkrampfter und regt weniger durch Worte als durch Taten zur Nachahmung an. Und sein Antrieb ist nicht diese komische Idee, die ganze Welt und Menschheit müsse so schnell wie möglich so werden, wie er es sich vorstellt, sondern der Eindruck, daß man in einer konkreten Situation jetzt und sofort Hilfe leisten soll, wenn man denn irgendwie kann.

Oder, anders (und etwas überzogen): Ein Gutmensch plant die nächste Oben-ohne-Pantomimen-Demo gegen rotfarbene Papstschuhe und geht dabei an einem verletzt auf der Straße liegenden Menschen vorbei. Der gute Mensch hilft dem Verletzten und tankt danach bei BP (vorausgesetzt er kommt mit seinem Wagen durch die Masse der vor der Tankstelle Protestierenden hindurch).

Wie gesagt: Das beruht nur auf meinen persönlichen Erfahrungen, und selbstverständlich gibt es auch Menschen, die Demos planen UND Verletzten helfen oder Leute, die Verletzen nur helfen, um sie dann ausrauben zu können. Das sind dann aber eben keine echten "Gutmenschen" bzw "guten Menschen" wie ich sie mir vorstelle. Ich erwähne das nur, da manchmal selbst in meine nicht-geschriebenen Sätze Dinge hineininterpretiert werden.

Kommentare:

Josef Bordat hat gesagt…

Das sind natürlich in meinem Statement sehr zugespitzte Gedanken – und ich danke Dir für die Erläuterungen, die ja etwa auf derselben Linie liegen, die Sache aber weiter ausführen, auch hinsichtlich des „moralischen Zeigefingers“. Es ginge (in einer ernsthaften Debatte) darüber hinaus wohl darum, einerseits die Differenz von „gut scheinen“ und „gut sein“ ins Auge zu fassen, die ja schon Platon behandelt hat, andererseits die Differenz von Ethik und Moral, Reflexion und Aktion, Theorie und Praxis zu klären.

Letzteres in ein richtiges Verhältnis zu bringen, scheint mir ebenso wichtig, wie bei ersterem zu fragen, warum es eigentlich wichtig sein soll, dass der, der Gutes tut (oder meint, Gutes zu tun), auch für gut gehalten wird und dass man dem, der nur für gut gehalten werden will, die Maske herunterreißt. Eigentlich ist das Hoffen auf Applaus ja zutiefst unchristlich, andererseits aber auch sehr menschlich. Das muss ja nicht gleich strategisch gedacht sein (auch wenn man weiß, dass etwa soziale Verantwortung von Unternehmen langfristig deren Wert und Profit steigert), aber so ein bisschen Anerkennung will – glaube ich – jeder Mensch.

Ich erwische mich immer wieder in gewisser Aufregung, wenn ich – selbst wohl weder der ideale Typus des einen noch des anderen Phänomens – Gutmenschen Applaus einheimsen sehe, während gute Menschen leer ausgehen. Wobei: „Richtig gute Menschen“ (das wäre dann die Steigerung) wollen keinen Applaus, nur denke ich, dass sie ihn verdient hätten. Wenn ich etwa Priester und Ordensleute aus eigener Anschauung für ihren Einsatz nur bewundern kann, dann aber alle Nase lang lesen muss, wie dumm, böse und faul doch ihr Stand sei, dann empfinde ich das als zutiefst ungerecht.

Wie kann man zu solch einem Urteil kommen? Warum dieses ewige Schlechtmachen des Guten? Was steckt dahinter? Und: Warum wird so wenig über das viele Gute berichtet, dass es in der Kirche und durch die Kirche gibt? Klar: Weil die offensiv gesuchte Darstellung in der Öffentlichkeit immer den Verdacht nährt, es ginge um Schein, nicht um Sein. Und gute Menschen wollen eben gute Menschen sein, keine Gutmenschen. Die schmieren eben lieber Brote als Pressemeldungen zu schreiben. Aber trotzdem... da muss was passieren!

JoBo

kalliopevorleserin hat gesagt…

Leider wird das Wort Gutmensch ständig auf Leute angewandt, die schlicht versuchen, anständig zu sein. Sobald ich sage, daß und warum ich Kaffee aus fairem Handel kaufe, kriege ich genau dies zu hören. Oder: Ich bemerke, daß irgendwo nicht so gut für Behinderte gesorgt ist, wie es möglich wäre, und bin "Gutmensch". Warum? Weil der, dem ich das gesagt habe, einfach keine Ahnung von Rollstühlen hat und sich nicht vorstellen kann, was ich ihm gerade erklärt habe.
Es ist prinzipiell egal, ob ich mich gegen Atomkraft, gegen Todesstrafe oder gegen unfaire Arbeitsbedingungen äußere - irgendjemand nennt mich nach einer solchen Äußerung unter aller Garantie einen "Gutmenschen" und sagt damit im Grunde dies: "Weil ich weiß, daß du gegen Todesstrafe bist, weiß ich jetzt auch, daß du anderen Leuten nicht wirklich hilfst." Und das scheint mir, mit Verlaub, nicht so ganz überwältigend logisch.

Alipius hat gesagt…

@ Josef: Sehe ich auch so.

@ Claudia: Das Problem ist, daß der Begriff "Gutmensch" irgendwann schick wurde und dadurch eine unzulässige Ausweitung erlebte, wodurch dann auch Leute, die einfach mal nachdenken und sich dann gegen etwas aussprechen, gleich in diese Schublade gesteckt werden. Wie du aber siehst (oder im Artikel liest) gehört (zumindest meiner Meinung nach) zum Gutmenschen ein wenig mehr, als nur begründet etwas abzulehnen. Im übrigen bin ich der Meinung, daß Leute, die vorschnell das Etikett "Gutmensch" kleben, häufig einfach von ihrer eigenen Unfähigkeit/ihrem eigenen Unwillen zu helfen, ablenken wollen.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Da gebe ich Dir recht. Das Wort ist ja eigentlich auch sehr treffend, nur wird es eben überstrapaziert und mißbraucht, was das Zeug hält.
Es ist für mich immer wieder ein schwieriges Abwägen, ob ich stark abgenutzte und mißbrauchte Wörter benutze oder lieber nicht; einerseits kann das Wort ja nichts dafür, andererseits führt Wortmißbrauch auch zu einem leichten Bedeutungswandel oder zumindest einem Wandel im Tonfall.

Lauda Sion hat gesagt…

ich finde man kann leuten nur vor den Kopf schauen und es steht nur Gott zu über uns zu urteilen/ richten

Jorge hat gesagt…

Ich finde die Diskussion verfehlt. "Gutmensch" ist ein reiner Kampfbegriff, ein abfällig-ironisierendes Spottwort, niemand bezeichnet sich selber so. Man kann das nicht objektiv definieren. Genausowenig wie man objektive Kriterien dafür aufstellen kann, was denn eigentlich ein "A....loch" ist. Man kann nur untersuchen, wer wen so bezeichnet und worauf er damit abzielt.

Was ein "guter Mensch" ist, wird natürlich auch subjektiv unterschiedlich beantwortet. Hier fehlt allerdings stets die abwertende Komponente. Außerdem gibt es natürlich durchaus objektive Kriterien für gut und schlecht/böse, zumal für einen religiös verwurzelten Menschen.

Josefs Definition (der Gutmensch als Heuchler) spiegelt m.E. nicht den allgemein üblichen Gebrauch wider. Normalerweise wird "Gutmensch" eher verwendet, um durchaus ernst und ehrlich gemeinte moralische Appelle des Gegenübers lächerlich zu machen oder als übertrieben oder verfehlt hinzustellen. Am ehesten sieht man den Gutmenschen dabei als eine Art humanitaristischen Moralapostel, der ziemlich humorlos und rechthaberisch auftritt und alles mögliche "gar nicht komisch" findet. Dabei wird dem Gutmenschen aber nicht so sehr unterstellt, er halte sich selbst nicht an die von ihm gepredigte Moral (das wäre wie gesagt eher der Heuchler, Pharisäer oder Blender), sondern seine moralischen Auffassungen (oder Handlungen) werden per se als überspannt, überaus naiv, hyperkorrekt oder schlicht bescheuert empfunden.

Meist ist "Gutmensch" ein Prädikat, dessen man sich bedient, um moralische Ansprüche als Quatsch abzutun, ohne sich groß damit auseinanderzusetzen. Entweder, weil man die Mahnungen des Gutmenschen wirklich als eine überzogene Scheinmoral betrachtet, über die man eigentlich nur lachen kann - so etwa übertriebene "political correctness", Veganertum etc. Oder weil man moralische Bedenken ganz grundsätzlich für überflüssig, ungesund oder "nicht zielführend" hält.

Deshalb finde ich die Verwendung dieses Begriffs für einen Christen im Grunde auch nicht besonders angebracht. Zu oft werden Christen selbst von anderen als "Gutmenschen" abgetan, weil das christliche Menschenbild als "schwächlich", "unrealistisch" oder "etwas für Verlierer" gilt (etwa wie bei Nietzsche).

Die linke Wange hinzuhalten statt zurückzuschlagen, mit gescheiterten Existenzen zu verkehren, einem verlorenen Schaf nachzulaufen oder für Geld und Sex nicht alles zu tun, das ist in den Augen der "Welt" eben oft naiv, sinnlos und lachhaft, eben Gutmenschentum.

Imrahil hat gesagt…

Definition: 1. Was ein guter Mensch ist, kann man in der scholastischen Theologie nachlesen bzw. wissen wir sowieso alle. (Das ist manchmal austauschbar, nicht wahr?)

2. Gutmensch ist genau der, bei dem man in bezug auf den Tonfall bzw. das Verhalten meint, er würde gegen die Sünde anpredigen, während er inhaltlich bloß gegen das (seiner Meinung nach, die auch zutreffen kann) Nichtverboten-Schlechtere anpredigt.

Das dürfte das, meinem Empfinden nach, treffen. Und aus genau dem Grund nehme ich auch in Kauf (und empfinde tatsächlich, daß das dem Sprachgefühl entspricht), daß einer, der bergpredigtmäßig die andere Backe auch noch hinhält, als Gutmensch bezeichnet werden (die exakte Verhaltensweise dürfte kein Gebot, sondern nur Ratschlag sein, oder?), während es keines Gutmenschen bedarf, um mit verkrachten Existenzen zu verkehren.

Und liebe Claudia, ohne im mindesten Dir derartige Absichten zu unterstellen, aber der Mensch (der stärker theoretisiert als man sich gemeinhin so vorstellt) ist eben, warum auch immer, geneigt, bei Sätzen wie "ich kaufe [verschärfend: nur) fair gehandelten Kaffee", "ich bin Vegetarier" usw. ein abstraktes moraltheologisches Urteil über die intrinsische Verwerflichkeit von normalem Kaffeekauf, Fleischessen etc. herauszuhören (und natürlich würde er *nicht* genau diese Begriffe gebrauchen, das heißt aber nicht, daß er das nicht fühlt). Da er ohnehin das christliche "zur Freiheit hat uns Christus befreit; erlaubt ist alles, was nicht verboten ist" nicht kennt und somit dieser Meinung sogar zur Hälfte schon gewesen ist, bellt er als getroffener Hund umso lauter.