Freitag, 2. Dezember 2011

Der Papst und die Todesstrafe...

Am 29. November fand der von der Gemeinschaft Sant'Egidio ins Leben gerufene „Der Internationale Tag - Städte für das Leben“ in Rom statt, der vom VI. Internationalen Kongress der Justizminister unter dem Motto „Für eine Welt ohne Todesstrafe" eröffnet wurde.

Die Begrüßungsworte des Papstes an die Teilnehmer (via zenit):
    Ich grüße all die ausgezeichneten/hervorragenden Delegationen verschiedener Länder, die an der von der Gemeinschaft Sant'Egidio geförderten Begegnung zum Thema "Keine Gerechtigkeit ohne Leben" teilnehmen. Ich hege die Hoffnung, dass Eure Überlegungen die politischen und gesetzgebenden Initiativen ermutigen und sich in immer mehr Ländern verbreiten werden, um die Todesstrafe abzuschaffen und um den substantiellen Fortschritt voranzutreiben, das Strafrecht mit Hinblick auf die Menschenwürde der Gefangenen und der Aufrechterhaltung einer wirksamen der öffentlichen Ordnung auszurichten. Für alle anwesenden englischsprachigen Pilger, darunter auch aus den Vereinigten Staaten, bitte ich um Gottes Segen der Freude und des Friedens!
Mark Shea witzelt schon herum, daß jetzt einige reaktionäre Katholiken den Papst sicherlich für ein liberales Weichei halten. Vielleicht.

Warum aber hat der Papst Recht, wenn er sich ein Ende der Todesstrafe wünscht? Weil es gut ist, wenn die Kirche sich tatsächlich zur Fürsprecherin des Lebens macht, egal was. Klar: Es gibt Fälle, da kocht die Volksseele über und es wird nicht so richtig ersichtlich, warum jetzt ein kaltblütig dauermordendes Scheußal nach seiner Verhaftung noch jahrelang betreut und durchgefüttert wird. Aber das ist zu kurz gedacht, denn es macht beim - verständlichen, aber überhitzten - Racheimpuls halt. Die Frage darf nicht lauten "Warum sollten wir ihn durchfüttern?". Die Frage muß lauten "Warum sollten wir ihn töten dürfen?"

Ein Mann ist hinter Gittern, weil er vorsätzlich getötet hat. Er soll nun damit bestraft werden, daß man ihn vorsätzlich tötet. Da beginnen bei mir die Kopfschmerzen.

Abgesehen davon, daß ich es wirklich für eine gute Idee halte, das Leben eines Individuums nicht zu beschränken (sprich: gewaltsam zu verkürzen), sondern nur die Aktionen, die ein Individuum in seinem Leben ausführen darf, gesetzlich in gewissen Bahnen zu lenken, spielt natürlich die Frage nach Gott eine Rolle.

Wenn Gott - und das ist mein Glaube - mir das Leben via Elternliebe und Mutterschoß geschenkt hat, dann fände ich es auch töfte, wenn Gott es mir wieder nimmt. Jetzt mag man einwenden "Naja, vielleicht steckt ja Gott dahinter, wenn irgendwo über irgendwen die Todesstrafe verhängt wird".

Hmm... Eigentlich nicht. Denn die Todesstrafe hat ja eben diesen besonderen Beiklang, daß da ein Staat sagt: "Runter mit der Rübe!" Bei einem Mordattentat, bei einem Autounfall, bei einer tödlichen Krankheit, bei natürlichem Tod in hohem Alter sieht es anders aus: In allen diesen Fällen besteht nicht die Möglichkeit, daß man sich rechtzeitig darauf einigt, das Leben doch nicht zu beenden. Der Mordanschlag will das Ofer des Anschlages töten. Wenn es nicht gelingt, liegt es nicht an der Intention, sondern an der Ausführung. Die tödliche Krankheit ist eine Situation, in der das Leben nicht den Sieg davonträgt. Auch hier gibt es keine Debatte. Gleiches gilt für die Unfälle. Gleiches gilt für den natürlichen Tod. Hier ist es durchaus legitim, die Menschen darauf hinzuweisen, daß ein Gott seine Hand im Spiel hat. Ein Gott, dessen Wirken wir nicht immer ganz verstehen und im Affekt auch nicht immer gutheißen, aber ein Gott, der und immerhin versprochen hat, daß bei ihm eine Wohnung für uns hergerichtet ist und der somit den Weg gewiesen hat zu einem Leben, welches ewig ist und die vollkommene Fülle hat.

Bei der Todesstrafe aber können sich die Verantwortlichen schlicht und einfach darauf einigen, daß es nicht an ihnen ist, dieses Leben zu beenden und daß man in Zukunft auch nie wieder so tun will, als habe man die Befugnis, ein Leben auf solche Art zu beenden.

Für mich persönlich kommt noch etwas hinzu: Die Todesstrafe macht ja nichts wieder gut oder ungeschehen. Sie ist daher streng genommen nur ein symbolischer Akt. Und daher muß sie - wenn man sie denn unbedingt gutheißen will - auch ganz anders vollstreckt werden: Nämlich mit dem Fallbeil. Wenn das Blut dessen fließt, der eine Tat begangen hat, die tatsächlich nur noch zum Himmel schreit und nicht mehr an unseren Verstand appelliert, dann hat dieser symbolische Akt auch genau die Farbe und die Form, nach der er verlangt. Alles andere ist Pipikram und hat den unappetitlichen Beigeschmack von Sondermüllentsorgung.

Aber diese Frage stellt sich mir nur spekulativst. Denn ich bin ebenfalls gegen die Todesstrafe.

A propos "Sondermüllentsorgung": Es muß natürlich auch vermieden werden, daß lebenslang weggesperrte Menschen sich als solcher fühlen, wenn sie es nicht unbedingt selbst wünschen oder durch ihr Verhalten zum Ausdruck bringen, daß sie es eigentlich lieber wären.

Kommentare:

F. M. hat gesagt…

Grossartig! So wird auch die Forderung nach "absolutem Lebensschutz" nicht von einem blutigen Hintertürchen wieder ad absurdum geführt.
Dass allerdings eine Hinrichtung, gar mit der Guillotine (haftet der nicht der Geruch der bürgerlichen Revolution in Frankreich an? Warum nicht gleich eine Hinrichtung am Kreuz?) streng genommen NUR ein symbolischer Akt sein soll ist wohl allerkatholischste Sophisterei.
Das sieht möglicherweise ein christlicher Missionar im muslimischen Land, der wegen verbotener christlicher Mission hingerichtet wird, völlig anders.

Aber in der Sache bin ich bei Ihnen: weg mit dem Kapitel 2266 im Katechismus!

Alipius hat gesagt…

Die Hinrichtung als Todesstrafe als vermeintlich ausgleichende Handlung nach einem Schwerstverbrechen ist ein symbolischer Akt, nicht jede beliebige Hinrichtung (Ich meine, daß das auch im Text rüberkommt). Die Hinrichtung als Todesstrafe z.B. wegen Mission (muslimische Länder) oder Zugehörigkeit zum falschen Stand bzw zum falschen Grüppchen (französische Revolution) ist kein symbolischer Akt, sondern Spinnerei und Nachweis von Minderwertigkeitskomplexen seitens der Urteilssprecher.

Alex hat gesagt…

Volle Zustimmung, Hochwürden! Ein weltliches Gericht schafft keine Gerechtichkeit, es spricht Recht. Gerchtigkeit gibt's nur bei Gott, und Opfer wie Mörder werden sie dort erfahren.

F. M. hat gesagt…

Ob eine Hinrichtung nun, katholisch begründet, eine Spinnerei wegen Verstosses gegen das eine Gesetz, oder eine ausgleichende Handlung, wegen Verstosses gegen das andere Gesetz sein soll, interessiert nur den Henker. Für das Opfer zählt die Konsequenz: Tod.

Sie begeben sich mit dieser Argumentationsschiene, revolutionäre oder muslimische Hinrichtung, schlechte Hinrichtung, weil Spinnerei, katholische Hinrichtung gleich gute Hinrichtung (oder zumindest keine Spinnerei), weil ausgleichender Akt und ja nur ein Symbol, auf das dünne Eis des Relativismus. Auch was den absoluten Lebensschutz betrifft.
Schade eigentlich. Dabei klingt die Forderung nach absolutem Lebensschutz ohne diese spezielle Relativierung von Hinrichtungen gleich viel glaubwürdiger.

Puntualizzazione hat gesagt…

Lesenswert bleibt der Artikel von Grisez, "Toward a Consistent Natural-Law Ethics of Killing", hier zugänglich, sowie das entsprechende Kapitel seiner Moraltheolgie: . Außerdem der geistreiche und anregende Aufsatz von John Finnis, .

Alipius hat gesagt…

@ F.M.: Wie kann es für mich eine gute oder schlechte Hinrichtung geben, wenn ich Hinrichtungen kategorisch ablehne?

Auch schrieb ich, daß diese spezielle Überlegung reine Spekulation ist, weil ich mir niemals eine Hinrichtung als Todesstrafe wünschen würde. Es ist ungefähr so, als sagte ich "Wenn ich mich umbringe, dann lieber kurz und schmerzlos als lang und qualvoll". Dabei kommt für mich Selbstmord nie in Frage.

Ich fragte mich lediglich, warum Leute überhaupt die Todesstrafe wünschen und da drängte sich die Symbolik auf. Und die funktioniert meiner Meinung nach beim plumpen "Ein Leben für ein Leben"-Denken nur, wenn Blut fließt.

"Relativismus..." Also echt...

Rosenrot hat gesagt…

Werter Alipius, hier muss ich aufs Schärfste widersprechen. Man kann nicht einfach nur Rachegedanken unterstellen. Wer sich mit Mord-/Vergewaltigunsfällen in den USA auseinander setzt, dem wird des öfteren die Forderung nach der Todesstrafe durch den Kopf schießen. Denn wie manche vielleicht wissen, gibt es in den USA jede Menge windiger Strafverteidiger, die übelste Mörder/Vergewaltiger wegen kleinster Formalfehler auf freien Fuss setzen! Ich erinnere nur an den Fall einens Frauenmörders, der seine Opfer nachts nach einem Barbesuch auswählte, sie dann erstach und teilweise verspeiste. Jeder wusste, dass er es war, doch wegen der berühmten "Mangel an Beweisen" (man muss wohl ein Video davon drehen!), schürten die Strafverteidiger bei den Geschworenen die allseits beliebten "berechtigten Zweifel" und dieses Untier kam wieder frei! Genau so wenig wie es in der Justiz um Gerechtigkeit geht, genau so wenig geht es bei der Todesstrafe für mich um Rache, sondern einzig um den Schutz der Bevölkerung vor bösen und grausamen Verbrechern; Schutz davor, dass ein Winkeladvokat solche wieder frei bekommt oder in eine Klinik einweisen kann, wo sie dann nach guter Führung in 1 Jahr wieder frei sind. Wie wollen Sie die Bevölkerung sonst schützen? Gezielt Todesstrafe in gezielten Fällen - meiner Meinung ja. Werden in den USA zu viele Menschen hingerichtet wegen zu geringer Tatbestände - ja, und das halte ich für nicht gerecht. Aber bei Fällen wie von mir oben beschrieben habe Sie kaum eine andere Wahl. Denken wir doch auch mal bitte an die Opfer, hatten die eine Wahl?! Ich rede nicht von psychisch Kranken, ich rede nicht von jenen, die im Drogenrausch einen Polizisten erschießen, ich rede von denen, die mordend und vergewaltigend durch Land ziehen, einfach weil es ihnen Spass macht zu töten; die sind schon lange jenseits von Gut und Böse und ganz sicher nicht mehr therapierbar, auch wenn die netten Psychologen was anderes meinen! Das ist der "Abschaum" der Menschheit, der seine Menschlichkeit schon lange verloren hat. Deswegen muss ich ihn nicht schlagen und quälen.
Aber bitte hören wir doch auf so zu tun, als ob jeder Mörder/Vergewaltiger irgendwo doch ein gutes Herz hätte, das doch nur durch schlimme Kindheit etc. verhärtet wäre und das es gelte auszugraben. Das ist Boulvard-Psycholgie, die im Grunde den Menschen nur seiner Verantwortung entheben will: "Ich war das doch nicht; Stimmen haben mir das befohlen!" etc.
Wer so spricht, der nimmt auch den Tatbestand der Sünde nicht ernst (genug), denn ich spreche, wie schon gesagt, von denen, denen morgen und vergewaltigen einfach nur Spass macht und die genau wissen, was sie da tun! Manchmal habe ich den Eindruck, wir wollen nicht wissen, wie viele das eigentlich sind.

Alipius hat gesagt…

@ Rosenrot: Du hast doch eigentlich die Antwort selbst gegeben: "Werden in den USA zu viele Menschen hingerichtet wegen zu geringer Tatbestände - ja". Und ich setzte noch einen drauf: Werden in den USA zu viele Menschen hingerichtet, bei denen man nicht einmal sicher sein kann, daß sie die gesuchten Täter waren? Ja. Es sind dieselben windigen Kerle, die aus Freude über den gefundenen Sündenbock die Akten frühzeitig zuklappen und einen Unschuldigen auf den elektrischen Stuhl schicken. Besser, man schützt die Leute, indem man Schwerstverbrecher lebenslang wegsperrt, als daß man riskiert, einem unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen. Wer dies auch nur ansatzweise in Kauf nehmen will; wer nicht dafür Sorge tragen möchte, daß alle Bedingungen, die zur Vollstreckung eines solchen Fehlurteils führen, restlos aus dem Weg geräumt werden, dem kann man in der Tat nicht nur Rachegedanken unterstellen, bei dem muß man schon blindes Wüten vermuten. Das hat für mich immer so den Beiklang, als lasse man lieber einen Menschen mehr über die Klinge springen, als daß man riskiere, ein Mitglied des "Abschaums der Menschheit" leben zu lassen.

Was den Verlust der Menschlichkeit betrifft: Auch da überlasse ich das Urteil lieber Gott.

Wir können gerne aufhören, so zu tun, als hätte jeder Mörder/Vergewaltiger irgendwo doch ein gutes Herz, nachdem Du mir die Stelle in meinem Beitrag zeigst, in der es heißt: "Irgendwo hat doch jeder Mörder/Vergewaltiger ein gutes Herz".