Montag, 26. Dezember 2011

Berufungsgeschichte...

Ein Leser fragte eben (wohl angeregt vom Herr-Ignatius-Interview) nach meiner Berufungsgeschichte. Die hatte ich zwar schon einmal gepostet, aber sie ist mittlerweile in den Tiefen des am römsten-Archivs verschwunden. Also poste ich sie - mit winzigen Korrekturen/Ergänzungen - einfach noch einmal...


Als ich klein war, wohnte ich nicht nur mit meinen Eltern und meiner Schwester unter einem Dach. Meine Oma väterlicherseits und zwei ihrer Schwestern hatten eine Art "Golden Girls"-WG zwei Etagen über uns. Eine der beiden Schwestern verließ regelmäßig am Sonntag das Haus und kehrte ungefähr eine Stunde später wieder zurück. Das blieb Klein-Alipius (der damals noch gar nicht Klein-Alipius war) natürlich nicht verborgen. Also ergab sich eines Tages folgender Dialog:
    "Du, Tante Hetta, wo gehst Du eigentlich sonntags morgens immer hin?"
    "In die Kirche."
    "Warum?"
    "Ich besuche die Heilige Messe."
    "Darf ich auch mal mitkommen?"
    "Ja. Du mußt aber 45 Minuten stillsitzen."
    Kurzes Abwägen des Für und Wider... "Okay!"
Am nächsten Sonntag saß Klein-Alipius also brav, unbeweglich und schweigend in der Bank und staunte. Ich habe damals nichts verstanden, außer, daß dort am Altar die Welt zu Hause war und etwas geschah, das einerseits furchterregend und andererseits unvorstellbar großartig war. Meine einzigen Berührungspunkte mit meinem Schöpfer und meinem Erlöser waren bis zu diesem Zeitpunkt nur Wohn- oder Schlafzimmer-Kruzifixe, Weihnachtskrippen, Tisch- oder Nachtgebete und einige unzusammenhängende Informationen über einen Mann, der mal Gott und mal Jesus Christus heißt und der alles weiß und alles kann. Daß es an diesem Sonntagmorgen um eben diesen Mann ging, blieb mir nicht verborgen.

Nach der Messe ging ich mit meiner Tante heim und es gab das übliche sonntägliche Mittagessen mit Eltern, Schwester, Oma und Großtanten. Und ich weiß heute noch, wie ich dann später zu Hause saß und ein ganz komisches Gefühl hatte. Jeder von Euch weiß, wie sechsjährige Buben ihre Zukunft planen:
    "Ich werde Feuerwehrmann!"
    "Ich werde Fußballer!"
    "Ich werde Tierarzt!"
    "Ich werde Priester!"
    "Ich werde Astronaut!"
Undsoweiter. Bei mir spielte sich etwas Anderes ab. Ich kann es heute nur unzureichend in Worte fassen, aber der Grundtenor meines Gedankenganges war wohl folgender:
    "Was soll ich später einmal werden, wenn ich mich mit reinem Herzen dazu entschlossen habe, auf keinen Fall Priester werden zu können oder zu wollen?"
Ich weiß, es klingt ein wenig komisch. Aber ich dachte damals - noch unter dem Eindruck der Messe - daß es die Aufgabe eines jeden Mannes sei, Priester zu werden. Dies allerdings so zwanglos, daß man, wenn man sich einmal gegen das Priesteramt entschieden hat, dann seine Berufung problemlos woanders suchen kann.

Ich war mir aber wohl - rückblickend - damals schon so sicher, daß ich eines Tages Priester werde, daß ich die ganze Geschichte mit an Leichtsinnigkeit grenzender Lockerheit angehen konnte, so nach dem Motto: "Wenn's soweit ist, sagt Gott dir eh Bescheid!"

Naja, und der Rest ist dann auch tatsächlich ein beinahe dreißig Jahre dauerndes Reifen durch die üblichen Hochs und Tiefs im Leben eines Kindes, Teenagers, jungen Erwachsenen, Thirtysomething begleitet von ständig wiederkehrenden Berufungszyklen mit uneinheitlicher Frequenz aber immer im Extrembereich liegender Amplitude. Als sehr hilfreich erwies sich dabei die Freundschaft zu zwei Priestern, die mich - jeder auf seine Art - ein wenig bis sehr geprägt haben, und die dann auch beide bei meiner Priesterweihe anwesend waren. Im Herbst 2003 machte es dann wieder einmal "Klick" und dieses Mal blieb die Blende offen. Kein "Klack", kein plötzliches Abschneiden des einströmenden Lichtes. Und ich bereue nicht einmal, daß es so lange gedauert hat. Ich danke Gott für jede einzelne kleine Erfahrung, die ich in meinem Leben sammeln durfte. Ich danke ihm noch mehr für die Gnade, die er mir erwies, als er mir mit einem kleinen Klaps auf den Hinterkopf klarmachte, daß ich den mir aufgezeigten Weg beruhigt gehen darf und kann. Im August 2004 trat ich dann als Novize ins Stift Klosterneuburg ein und ich habe seitdem keine Sekunde meiner Entscheidung bereut.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um Euer Gebet zu bitten. Nicht nur für mich, sondern auch und vor allem für all die Männer, die mit einem Fuß im Priesteramt stehen und das andere Bein nicht so recht nachziehen wollen oder können.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank, Hochwürden, für die Hintergründe Ihrer Berufung.

Nachdem es bei Ihnen bis zur Entscheidung eine Weile gedauert hat, habe ich eine ganz direkte Frage: Wie spät ist zu spät? Wahrscheinlich gibt es keine eindeutige Grenze, aber vielleicht Anhaltspunkte?

Alipius hat gesagt…

@ anonym: "Zu spät" ist in der Tat nicht leicht zu definieren. Ich würde aufgrund persönlicher Erfahrungen sagen, daß unter 25 auf jeden Fall "zu früh" ist. Das Problem mit dem Alter ist, daß es nicht immer leicht fällt, sich nochmals so ein- und unterzuordnen, wenn man in eine Ordensgemeinschaft oder ein Seminar eintritt. Wer aber dazu die nötigen Nerven, die nötige Dienstbereitschaft und den nötigen Willen hat, der kann auch ruhig jenseits der 40 noch den Schritt wagen.

Busfahrer hat gesagt…

Ich mag die Zeile, in der es heißt, dass es wohl die Aufgabe jedes Mannes sei, Priester zu werden.

Das schien mir als kleiner Junge auch so, und es ist ein Gefühl, das nie so recht wegging.

Mein Post ist trotzdem hoffentlich nicht bloß eine verhinderte Berufungsgeschichte, ich bin verlobt und verlege mich so eben darauf, im Bekannten- und Kollegenkreis Antworten zu geben bzw. zu 'evangelisieren'.