Dienstag, 8. November 2011

Was tun...?

Wie viel man auf diese Umfrage geben darf, wie repräsentativ sie wirklich ist und mit welcher Art von suggestiven Fragen das Ergebnis zustande kam: All das will ich mal außen vor lassen.

Die Aussage ist: 72% der befragten "einfachen" Pfarrer Österreichs sympathisieren mit dem "Aufruf zum Ungehorsam". 68% sind der Meinung,daß es in der Kirche einen "bedrohlichen Reformstau" gibt. 31% unterstützen Inhalt und Form des Aufrufes uneingeschränkt. 28% sind entschiedene Gegner des Aufrufs.

Das größte Problem dürfte nach wie vor sein, daß die Forderungen der diversen Initiativen (seien es nun Laien oder Pfarrer) immer als Paket erscheinen.

Jetzt werden einige sagen: "Wieso Problem? Die einzelnen Punkte gehören alle in die Tonne! Wenn die so freundlich sind, uns gleich das ganze Paket abzulehnender Forderungen zu schnüren, umso besser!"

Einerseits... andererseits...

Laßt mich mal erklären: Sowohl die Aufhebung des Pflichtzölibats als auch die Frauenordination kommen für mich persönlich schlicht und einfach nicht in die Tüte. Das ist so und das bleibt so, und weder emotionales Gejammere noch nüchtern vorgetragene Argumente können mich vom Gegenteil überzeugen. Ich habe so ziemlich alles gehört und gelesen und sowohl mein Verstand als auch mein Bauch sagen mir: Der römisch-katholische Priester bleibt männlich und unverheiratet. Somit gibt es also einen ganzen Haufen von Priestern und Laien da draußen, die besser jetzt schon mal anfangen dafür zu beten, daß ich niemals Bischof werde (Schergen und so...).

Zur Ehe habe ich grundsätzlich erst einmal nur das zu sagen, was auch der CIC sagt:
    Can. 1055 — § 1. Der Ehebund, durch den Mann und Frau unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen, welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist, wurde zwischen Getauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakramentes erhoben.

    § 2. Deshalb kann es zwischen Getauften keinen gültigen Ehevertrag geben, ohne daß er zugleich Sakrament ist.

    Can. 1056 — Die Wesenseigenschaften der Ehe sind die Einheit und die Unauflöslichkeit, die in der christlichen Ehe im Hinblick auf das Sakrament eine besondere Festigkeit erlangen.
Das ist die Situation, wie sie sich im Kirchenrecht darstellt, wie sie sich aber leider im wirklichen Leben immer seltener findet. Wie es also allgemein auszusehen hat, ist klar. Daß es aber unzählige Fälle gibt, die dieses Bild nicht hergeben, ist ebenso klar.

Ich hatte an anderer Stelle schon einmal erwähnt, daß ich selbst mit der Frage bzw der Situation der wiederverheirateten Geschiedenen in der Kirche nicht zufrieden bin. Damit will ich nicht sagen, daß ich mir eine wahllos ausgehändigte "Rücke bis auf Los vor"-Karte wünsche, für all jene Leute, bei denen eine Ehe (oder auch mehrere Ehen) gescheitert sind und die sich nun zum Empfang der Kommunion anstellen.

Andererseits überlege ich mir hin und wieder schon, ob es nicht einen grundsätzlichen Mangel an Information und Aufgeklärtheit darüber gibt, was eine Ehe nun eigentlich ist. Kann man in der heutigen Zeit wirklich noch davon ausgehen, daß all die Leute, die kirchlich heiraten und sich vor Gott das Jawort geben, tatsächlich wissen, was sie da tun? Klar, es gibt Ehe-Seminare, die sogar verpflichtend sind, wenn man kirchlich heiraten möchte. Aber können die ein davor geführtes Leben ohne tiefere Bindung an Glauben und Kirche gutmachen?

Meine Frage (etwas provokant): Machen wir es den Leuten anfangs (nämlich bis zur kirchlichen Heirat) zu leicht, um es ihnen später (nämlich nach der Scheidung) zu schwer zu machen?

Die Ehe sollte immer als das Gut betrachtet werden, das sie ist ("... zwischen Getauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakramentes erhoben."), und sie sollte tatsächlich im Denken und Handeln eines jeden getauften Katholiken mit dem Etikett "Unauflöslich!" versehen sein.

Unauflöslichkeit bedeutet in der kirchlichen Praxis, daß es so etwas wie eine Scheidung gar nicht gibt und daß jedermann/frau, der/die nach einer vermeintlichen Scheidung einen neuen Partner findet, Ehebruch und somit eine schwere Sünde begeht.

Wenn ich mich noch richtig an mein Studium erinnere, so sind die drei fundamentalen Güter der Ehe laut dem Heiligen Augustinus prolis (Nachkommen), fides (Treue) und sacramentum (Mysterium/Heiligkeit). Von letzterem leitet der Kirchenvater die Güter Einheit und Unauflöslichkeit ab.

Es war für mich während der Lektüre nicht richtig erkennbar, ob (und wenn ja in welchem Grade) für Augustinus die drei fundamentalen Güter in Beziehung zueinander stehen (es war das letzte Semester und ich wollte irgendwie nur noch fertig werden, vielleicht habe ich die Texte auch schlampert gelesen...).

Daher meine Fragen an die größeren Theologen: Was, wenn das sacramentum nun durch Ignorieren eines oder beider der zwei anderen fundamentalen Güter in Mitleidenschaft gezogen wurde? Was ist, wenn die Nachkommen fehlen? Was ist, wenn die Treue gebrochen wurde (und sei es nur in der Phantasie)? Würde dies das sacramentum so sehr beeinträchtigen, daß darunter auch die Einheit und die Unauflöslichkeit leiden? Und was ist, wenn diese Beeinträchtigung nun nur von einem der beiden Ehepartner ausging? Hat der Andere dann automatisch die Konsequenzen bis zum letzten mitzutragen?

Wie gesagt: Die Scheidungen häufen sich und damit auch die Katholiken, die im Falle einer zweiten Heirat sakramententechnisch blöde aus der Wäsche gucken. Was also ist diesbezüglich unsre Zukunft? Wenn die Extreme blinde Gesetzestreue (mit endloser Annulierungsschnüffelei als kleinen Schritt zur Mitte hin) und willkürliches Eucharistie-Austeilen (mit tiefernster aber subjektiver Gewissensentscheidung als kleinen Schritt zur Mitte hin) sind: Ist irgendwo ein begehbarer Mittelweg jenseits von rechthaberischer Polemik und vorschneller Verdammung zu erkennen?

Mir tut's einfach ein bißchen weh, wenn ich gute, ernste Katholiken treffe, die in einer ersten Ehe Pech hatten und nun mit einem zweiten Partner glücklich, treu und kinderreich dastehen, aber von mir nichts erwarten dürfen, außer meinem Einfühlungsvermögen und ein paar lieben Sätzen.

Und jetzt zurück zum Problem: Ich bin erstens immer ein Vertreter der Unauflöslichkeit der Ehe gewesen und bin es auch heute noch. Ich mache nur immer mehr Erfahrungen mit Leuten, denen es im Zusammenhang mit den oben beschriebenen Problemen echt beschissen geht, was dazu führt, daß ich ein wenig herumfrage, in mir selbst und bei anderen. Das ist alles. Es bedeutet nicht, daß ich mir Antworten schmiede, die schön einfach sind und die ich dann munter zum Bestandteil meiner täglichen Pastoral mache. Ich möchte, daß das jeder hier kapiert. Zweitens möchte ich das Forderungspaket der Forderungs-Spezialisten entschnürt sehen. Denn wenn überhaupt jemals auch nur ansatzweise das Problem der wiederverheirateten Geschiedenen auf den Tisch der Leute kommt, die diesbezüglich nicht einfach nur im Ungehorsam gegenüber Rom etwas ändern wollen, sondern die eine für alle Seiten befriedigende Lösung finden möchten, so muß dieser Punkt ganz entschieden losgelöst sein von Fragen wie Zölibat und Frauenordination. Es darf einfach niemals der Eindruck entstehen, daß es hier um eine Reihe von Domino-Steinen geht, die einfach nach und nach fallen werden, sobald der erste gekippt ist. Aber genau diesen Eindruck habe ich immer, wenn ich diese Forderungs-Listen sehe.

Kommentare:

dilettantus in interrete hat gesagt…

Also gestern in der ZIB 2 (ja kann man auf 3 Sat auch am Niederrhein sehen wurde auf ein interessantes detail verwiesen.
Die Ablehner des Aufrufs zum Ungehorsam bilden 17% bei den über-&0-jährigen, aber 51% bei den unter 40 jährigen.
(Zahlen aus dem Gedächtniss zitiert!)
Also die paar Jahre sollten wir doch Zeit haben!

L.A. hat gesagt…

Zustimmung Hochwürden:
Die schwierige Suche nach einer guten Lösung der Scheidungsproblematik, steht an sich auf einem ganz anderen Blatt als die "Entkatholsierungs - Pakete" klerikaler wie weltlicher Etikettenschwindler.
Aber da das leider viele betrifft,ist es halt ein guter Teaser für die Pakete, so wie früher der "Umweltschutz" für bestimmte linke Kreise.
Es stimmt, das Sakrament der Ehe dürfte nicht so leichtfertig gespendet werden, Verlobte müssen ganz genau wissen, zu was sie "Ja" sagen.
Das Drama besonders derer, deren Partner allein die Ehe brach, ist mir schon bewußt, ich kenne viel zu viele davon. Eine Lösung wär gut, aber die Unauflöslichkeit der Ehe darf nicht ein Jota angetastet. Die Dikussion in A, CH, D läuft leider in eine andere Richtung.

Anonym hat gesagt…

Und wie ist das eigentlich mit zwei Männern oder zwei Frauen, die einander wirklich ernsthaft und tief lieben, einander treu und ergeben sind, die aber zu lebenslangem Zwangszölibat verpflichtet sind? Ist da irgendwo ein begehbarer Mittelweg jenseits von rechthaberischer Polemik und vorschneller Verdammung zu erkennen? Natürlich muss, wenn überhaupt jemals auch nur ansatzweise das Problem der gleichgeschlechtlich Liebenden auf den Tisch der Leute kommt, die diesbezüglich nicht einfach nur im Ungehorsam gegenüber Rom etwas ändern wollen, sondern die eine für alle Seiten befriedigende Lösung finden möchten, dieser Punkt ganz entschieden losgelöst sein von Fragen wie Zölibat und Frauenordination. Es darf einfach niemals der Eindruck entstehen, daß es hier um eine Reihe von Domino-Steinen geht, die einfach nach und nach fallen werden, sobald der erste gekippt ist.

Sierra Victor hat gesagt…

*zustimm*

Anonym hat gesagt…

Ich denke, die Unauflöslichkeit der Ehe vor Gott ist zunächst mal ein Faktum, über das wir nicht abstimmen können. Auch wenn Gott selbst um die menschliche Schwäche weiß und, wie Jesus sagt, "um der Herzen Härte willen" die Möglichkeit der Scheidung im Gesetz des Mose formuliert hat. Aber, um beim erst genannten Faktum zu bleiben: Da geht halt nicht nur Beziehung in die Brüche. Sondern es geschieht auch etwas in der geistlichen Dimension. Die Ehe ist nicht nur (in der kath. Kirche) ein Sakrament, sie ist ein Bund zweier Menschen vor Gott. Den sollte man in der Tat nicht leichtfertig eingehen; der Satz mit den "schweren Tagen" in der Trauformel ist ja keine Floskel.
Gleichzeitig sehe ich natürlich auf seelsorgerlicher Ebene die von Dir beschriebenen Beispiele (erste Ehe schlecht, zweite gut und glücklich). Für mich wäre es unerlässlich, bei der Schließung der zweiten Ehe aufzuarbeiten, was zum Bruch der ersten geführt hat. (Allein aus der seelsorgerlichen Perspektive schon, um zu verhindern, dass man die Stolperfallen der ersten Ehe in die zweite mit hineinnimmt - in der Regel gehören halt auch zur Trennung zwei Leute). Aufarbeitung und Bekenntnis der Schuld; aufrichtige Reue und dann würde ich persönlich kein Hindernis zum Empfang des Sakraments sehen - das wäre für mich schon eher, wenn jemand an Sünde wider besseres Wissen festhält oder wenn die "vergiss-den-Alten-nimm-den-Neuen" Haltung vorherrscht. Wer offenen und ehrlichen Herzens vor Gott tritt und seine Schuld abgibt, der wird davon befreit, dessen bin ich mir sicher.

Just my 5 cents ...

Alipius hat gesagt…

@ ultramontanus: Wenn beide tatsächlich in lebenslangem Zwangszölibat zu leben bereit sind und dies auch tun, sehe ich eigentlich das Problem nicht. Die Kirche spricht sich gegen homosexuelle Praxis aus, nicht gegen Leute, die unter einem Dach wohnen, keusch leben und sich gegenseitig helfen wollen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Hier muß eigentlich keine Lösung gefunden werden, denn es gibt weder etwas zu segnen (da keine Ehe vorliegt (tät sie auch nicht, wenn die Beiden Sex hätten, nur, damit das hier niemand falsch versteht)) noch gibt es etwas zu verurteilen (da kein außerehelicher/gleichgeschlechtlicher/sonstwasiger Sex vorliegt).

Anonym hat gesagt…

Nur nebenbei: es freut mich ,dass man bei Hochwürden schon ein bisschen Österreichisch heraushört (liest) :schlampert...:)

Mary

Frischer Wind hat gesagt…

"Machen wir es den Leuten anfangs (nämlich bis zur kirchlichen Heirat) zu leicht, um es ihnen später (nämlich nach der Scheidung) zu schwer zu machen?"

Ja, ich glaube, das ist so.
Vielleicht sollte die Kirche wirklich Leuten, die erkennbar nicht in und mit der Kirche als Katholiken leben, den Segen für das Ehesakrament verweigern. Das schließt ja nicht aus, dass sie sich nach einer Bekehrung dann doch entschließen, den Weg in und mit der Kirche zu gehen.

Möglicherweise wären diese Ehen sonst ohnehin ungültig, da bestimmte Voraussetzungen (Einstellungen zur kath. Ehe) fehlen.

Ich denke, dass sich die Leute dann eher damit auseinander setzen, was eigentlich das Sakrament der Ehe ist.

Falsch wäre es, den Leuten vorzuenthalten, was christl. Ehe wirklich meint (nach dem Motto: was ich nicht weiß...), um es nachher bei einer Annulierung einfacher zu haben...

sacerdos viennensis hat gesagt…

Wegen der Unauflöslichkeit der Ehe widerspricht die „zweite Ehe“ dem Gesetz Gottes, völlig unabhängig von persönlicher Schuld bzw. Schuldlosigkeit bei der Trennung, bzw. unabhängig vom subjektiv empfundenen Glück in der zweiten Beziehung.

Eine alle Seiten zufriedenstellende Lösung gibt es nicht. Die Grundsätze der Kirche für „Wiederverheiratete“ laden zu einem Weg des Verzichtes ein, ohne den die Sünde der Scheidung bzw. des Ehebruchs nicht geheilt werden kann. Sie fordern zur Umkehr auf „Geh und sündige nicht mehr“ und verlangen den Verzicht auf die hl. Kommunion, wo ersteres (die 2. Ehe aufzugeben) nicht möglich erscheint.
Ist es unzumutbar – auch als Sühne und Busse für das Scheitern der Ehe – eucharistische Enthaltsamkeit zu verlangen? Ohne Verzicht (eucharistische Enthaltsamkeit als 2. Wahl bzw. völlige sexuelle Enthaltsamkeit als 1. Wahl) als Zeichen der Umkehr ist christliches Leben in dieser Lebenssituation nicht denkbar. Hier ist auch die geistliche Kommunion anzusprechen, die immer möglich ist. Beim Gericht vor Gott wird es sicher angerechnet, dass ein Christ nicht im Widerspruch zur Heiligkeit der Eucharistie die hl. Kommunion empfangen hat.

Und viel zu wenig wird bedacht, daß ohne Umkehr in dieser Lebenssituation das Sakrament der Beichte nicht gültig gespendet werden kann – und ohne gültige Lossprechung ist bei schweren Sünden auch kein Kommunionempfang möglich.

Meiner Erfahrung nach ist die zweifellos anspruchsvolle Lehre der Kirche schwieriger zu vertreten, wenn im persönlichen Freundes- oder Verwandtenkreis Betroffene zu finden sind. Sogar Bischöfe drücken sich hier gerne vor klarer Stellungnahme und wälzen die Last der Verantwortung auf die Priester ab. Es ist sicher schwierig, die Lehre zu bezeugen. Aber wenn die Betroffenen die kirchliche Lehre wahrheitsgemäß und liebevoll erklärt bekommen und dementsprechend zu leben beginnen, werden sie Zeugen für die Unauflöslichkeit der Ehe und für die Treue gegenüber der kirchlichen Lehre.

Anonym hat gesagt…

Manchmal erinnert mich die Diskussion um wiederverheiratete Geschiedene um die Diskussionen in der antiken Kirche um diejenigen Christen, die während einer Christenverfolgung „gefallen“ waren, dh dem Kaiser halt doch ein paar Weihrauchkörnchen gestreut haben, um zu überleben. Die tapferen Märtyrer lagen nun tot im Grab, die nicht so mutigen aber lebten weiter. Hätte man diese nun auch noch endgültig verstoßen, gäbe es heute gar keine Kirche mehr. Denn wer hätte die Tradition auf Erden sonst fortsetzen sollen als die moralisch etwas Schwächeren, aber eben Überlebenden. Auf Fürsprache von verdienten und „treu“ gebliebenen (zufällig auch nicht massakrierten) Christen wurden die „Gefallenen“ nach einer angemessenen Bußzeit wieder in die Christengemeinschaft aufgenommen. So habe ich das dereinst in der Schule gelernt, ich hoffe das stimmt. Nun ist die heutige Ehescheidungspraxis einerseits ein ganz anderes Thema als die Kaiserhuldigung in der Antike, es geht dabei ja nicht um Leben oder Tod, aber andererseits: könnte man nicht das Prozedere: Bußzeit plus Fürsprache von verdienten Christen erwirkt volle Wiederaufnahme, also auch Wiederzulassung zur Kommunion, auf wiederverheiratete Geschiedene anwenden, wenigstens fallweise?

Catocon hat gesagt…

Ich kann Ultramontanus und seinem offenbar ironisch gemeinten Statement zu "gleichgeschlechtlich Liebenden" nur vollkommen zustimmen. Seine Analogie finde ich äußerst treffend. Vermutlich bezog er sich übrigens nicht auf den extrem seltenen Fall eines keusch lebenden homosexuellen Paares, sondern auf den Normalfall, um den es auch in der öffentlichen Diskussion eigentlich immer geht.

Das Grundproblem des ursprünglichen Artikels besteht darin, dass scheinbar angenommen wird, man solle doch nach einem für alle Seiten akzeptablen Mittelweg in der Frage der Wiederverheirateten Geschiedenen suchen. Doch ist dies leider nicht möglich.
Die Kirche lehrt, dass die Ehe unauflöslich ist.
Ferner lehrt sie, dass außerehelicher Geschlechtsverkehr sündhaft (in einer schweren Sache) ist.
Und sie lehrt, dass der Kommunionempfang im Stande der schweren Sünde unzulässig sei.
Wenn man alle drei Lehren annimmt, ergibt sich, ohne jeden theologischen Klärungsbedarf, ein eindeutiges Bild:
Wer das Ehesakrament gültig empfangen hat, zivilrechtlich geschieden und wiederverheiratet ist, der lebt immer noch unter dem durch das Sakrament geschlossenen Bund. Geschlechtsverkehr mit seinem "neuen Partner" ist also eine Sünde in einer schwerwiegenden Sache. Der Kommunionempfang ist also nicht erlaubt, es sei denn:
(1) Die ursprüngliche katholische Ehe war gar nicht gültig (=Annulierung), wobei jegliches Schwindeln oder Augenzudrücken im Namen falschverstandener Barmherzigkeit generell abzulehnen ist, oder
(2)Die begangenen Sünden in einer schwerwiegenden Sache (wie Ehebruch) wurden ohne angemessenes Wissen um die Verwerflichkeit der Handlungen begangen (heute sehr gut möglich, vgl. mangelnde Katechese usw.). Ein aufklärend-informatives Gespräch vermag dann zu erweisen, ob das betreffende Paar weiterhin im Ehebruch zu persistieren wünscht, nachdem es über die Sündhaftigkeit seines Tuns informiert worden ist, oder nicht.
Falls nein, so wird das Paar entsprechende Konsequenzen ziehen und die ehebrecherische Partnerschaft beenden.
Falls ja, so wird nun die Sünde des Ehebruchs mit vollem Wissen und Willen begangen, so dass in jedem Fall eine tatsächliche schwere Sünde vorliegt. Die Kommunion kann damit nicht mehr empfangen werden.

Theologisch ist die Sache klar, weshalb der Vatikan ja auch eine Lockerung der Sache vehement ablehnt.

Wie man das dem durchschnittlichen Katholiken vermittelt, ohne diesen gegen sich aufzubringen, ist eine sehr gute Frage. Von sowas habe ich als Ehrenmitglied auf Lebenszeit des Antidiplomatischen Korps keine Ahnung. Ich verstehe sehr gut, dass einen pastoralen Praktiker wie Dich, Alipius, derartige Fragen umtreiben. Leider ändert die Existenz dieser pastoralen Probleme keinesfalls die theologische Sachlage.

Catocon hat gesagt…

@Anonym (8.11. 19:14)
Das Problem ist, dass die sog. "wiederverheirateten Geschiedenen" ja weiterhin Tag für Tag durch ihre ehebrecherische Beziehung weiter schwere Sünden begehen.
Die "Gefallenen", von denen Du sprichst sind einmal gefallen, habem dem Kaiser gehuldigt, aber nach Ende der Verfolgung eben nicht mehr. Sie waren schwach und Schwäche wird vergeben. Doch um Vergebung zu empfangen muss man wollen - und dazu muss man wenigstens mit dem sündhaften Verhalten ernstlich aufhören wollen - was bei einer sexuellen Beziehung jederzeit möglich ist.

Anonym hat gesagt…

@Lipi: Dann sehe ich aber auch bei den Geschiedenen kein Problem. Sollen sie doch einfach keusch weiterleben, gegebenenfalls gemeinsam mit jemand anderem unter einem Dach. Hier muss eigentlich keine Lösung gefunden werden.

Silvia hat gesagt…

@Anonym (19:14)
Zunächst mal wäre die Kirche nicht untergegangen, wenn man die Schwachen nicht wieder aufgenommen hätte - wie Du selbst schreibst, gab es auch treu gebliebene Überlebende - sonst wäre ja auch keine so große Diskussion möglich gewesen...
Man kann das Prozedere Bußzeit - Fürsprache - Wiederaufnahme übernehmen für wiederverheiratete Geschiedene, aber nur, wenn sie dann nicht wieder in die Schwachheit zurückfallen - d.h., sie müssen die zweite "Ehe" (die nach katholischem Verständnis keine ist!) aufgeben bzw. das "Ausleben derselben, wie sacerdos viennensis auch oben geschrieben hat. Ohne das wäre das so, als opferten sie weiterhin dem Kaiser.

Damian hat gesagt…

Erst hat mich der Kommentar von Ultramontanus ja geärgert. Hat der doch einfach den Text von Alipius genommen und umgemünzt auf die Situation von Homosexuellen. Und sich damit auf billige Weise darum gedrückt, auf die Argumentation von Alipius einzugehen.
Alipius hat sich aber auf diesen Kommentar eingelassen, sauber dagegen gesprochen und die einzige würdevolle und liebevolle Lösung präsentiert. Letztlich ganz einfach, wenn auch täglich neu zu erringen.
Als ich aber entdeckte, dass diese Aussage sich wiederum problemlos ümmünzen lässt auf die Situation von sich Liebenden, von denen einer aus möglicherweise tragischen Gründen anderweitig verheiratet ist, war ich baff.
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Fortsetzung auf meinem Blog, da es hier in der Combox sonst zu lang wird...
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sacerdos viennensis hat gesagt…

Was schlage ich auf, als ich wahllos in einen Bücherhaufen für eine Gute-Nacht-Lektüre greife? Mein Blick fällt auf:
"Die Keuschheit ist die unpopulärste aller Tugenden. Da gibt es keine Ausflüchte; der christliche Grundsatz lautet: Entweder Ehe und damit absolute eheliche Treue oder sonst gänzliche Enthaltsamkeit." Diese Forderung ist so hart und unsern Gefühlen so sehr entgegengesetzt, daß offensichtlich entweder das Christentum im Unrecht oder unser Geschlechtstrieb, wie er heute ist, entartet ist. Nur eins von beiden ist möglich. Als Christ bin ich natürlich der Ansicht, daß es unsere Triebe sein müssen, die auf Abwege geraten sind." (C.S.Lewis, Christentum schlechthin, Sittlichkeit u. Sexualität, 85). Gute Nacht.

L. A. hat gesagt…

@Frischer Wind

"Vielleicht sollte die Kirche wirklich Leuten, die erkennbar nicht in und mit der Kirche als Katholiken leben, den Segen für das Ehesakrament verweigern."

So sollte es, natürlich wohlbegründet und zur Bekehrung ermutigend, sein, das würde sicher die allermeisten Fälle, um die es heute geht, verhindern.
Kein Zufall, daß es sich meist um die Generation BP handelt, wo schon vieles ach so locker und "menschlich" in der Kirche wurde.
Und heute gibt es in Folge dessen genügend Priester, die jedes Sakrament am liebsten jedem nachschmeißen würden (und es sogar teilweise tun. Wo soll da die Katechese herkommen?)
Ich hab "katholische" Hochzeiten von Paaren erlebt, für die noch nicht mal die Sonntagspflicht ein Thema war,so überhaupt bekannt . Im Vorgespräch ging es oft nur ganz allgemein abstrakt um den Gottesbezug.

Was ich oben meinte, war auch: wenn die Aufklärung über das Sakrament durch den zuständigen Priester fahrlässig oder sogar durch eigene Unkenntnis oder Verwerfung unterblieb oder unvollständig war,wär das nicht ein Annulierungsgrund?

Ansonsten muß ich @catcoon schon Recht geben. Wenn man weiß,auf was man sich einläßt, dann muß man auch das Scheitern einer Ehe wie gefordert ertragend hinnehmen, auch wenn der Partner die Ehe zertörte. (wie oft kommt das vor, wenn man es ganz ernst nahm? Sehr selten,meine, hoffe ich)

Alipius hat gesagt…

@ ultramontanus, sacerdos viennensis, Catocon: Ja, das ist auch meine Idee und mein Rat an die Leute: Es ist schließlich ihre Entscheidung, ob sie keusch leben oder nicht zur Kommunion zugelassen werden wollen. Ich stehe ihnen gerne für Fragen, Ratschläge etc zur Verfügung, aber letztlich sind sie auf ihre eigene Entscheidung angewiesen, die sie aber aus einem informierten Gewissen heraus treffen müssen. Deswegen bin ich sehr dafür, daß die Kirche nicht hinterm Berg hält, was ihre Morallehre bzgl der menschlichen Sexualität betrifft. Es ist aber eben in der heutigen Zeit nicht so einfach, den Leuten klarzumachen, daß ihr sexueller Trieb sie früher oder später in Ruhe lassen wird, wenn sie ihn in Ruhe lassen.

Sierra Victor hat gesagt…

Es soll kein Missverständnis geben: mein *zustimm* galt Alipius, nicht ultramontanus.

L. A. hat gesagt…

Errata:

sorry werter @Catocon.

war natürlich ein Tippfehler,
I'll never call you "Catcoon" again!

Ralf hat gesagt…

Was mich nach 20 Kommentaren wundert, ist, daß noch gar nicht auf die kirchlichen Gerichte eingegangen wurde. Dort wird überprüft, ob die erste Ehe überhaupt eine Ehe im kirchlichen Sinn war oder nicht (übrigens viel häufiger als angenommen war sie es dann doch nicht). Diese Einzelfallregeleung ist "pastoral2 par excellence.

Unangenehm mag das im Einzelfall sein, aber da man von der Kirche einen Segen für die neue Beziehung haben möchte, sollte man sich auch nicht zu schade sein, das von der Kirche genau prüfen zu lassen. Daß es eine Lebensteilzeitehe nicht gibt nach katholischem Verständnis muß eben jeder akzeptieren, der was von der Kirche will.

Übrigens geht so eine Überprüfung ggf. auch dann, wenn ein (weltlich gesprochen Ex-)Ehepartner nicht daran teilnehmen will.

Catocon hat gesagt…

@sacerdos viennensis
Sehr treffendes Zitat! Wir bräuchten mehr Protestanten wie Lewis...

@L.A.
Kein Problem!

Anonym hat gesagt…

"Somit gibt es also einen ganzen Haufen von Priestern und Laien da draußen, die besser jetzt schon mal anfangen dafür zu beten, daß ich niemals Bischof werde."

Ich bete, Du wirst Papst. :)

Damian hat gesagt…

Weitere Diskussionsbeiträge: bei Theodor von Summa summarum und daraufhin wieder bei mir!

Anonym hat gesagt…

Wegen der Unauflöslichkeit der Ehe widerspricht die „zweite Ehe“ dem Gesetz Gottes, völlig unabhängig von persönlicher Schuld bzw. Schuldlosigkeit bei der Trennung, bzw. unabhängig vom subjektiv empfundenen Glück in der zweiten Beziehung

Jep. Absolut richtig. Der Maßstab ist das Gesetz, die Schrift, der Buchstabe. Was sollte man auch mit einem unscharfen Begriff wie "Schuld" anfangen? Jeder ist an seiner Sünde schuld. Und subjektives Glück hat unter Christen nun wirklich nichts zu suchen. Da ist der Herr vor.

Die Grundsätze der Kirche für „Wiederverheiratete“ laden zu einem Weg des Verzichtes ein

Nochmals Jep. Die besten Einladungen sind immer die, bei denen der Gast nix abkriegt.

Aber wenn die Betroffenen die kirchliche Lehre wahrheitsgemäß und liebevoll erklärt bekommen und dementsprechend zu leben beginnen, werden sie Zeugen für die Unauflöslichkeit der Ehe und für die Treue gegenüber der kirchlichen Lehre.

Ja, in der Tat ein wunderbares Zeugnis. Der erste, im völligen Einvernehmen sein eigenes, getrenntes Leben lebender Partner, darf sich der köstlichen Gewißheit freuen, dass der/die ehemals Angetraute fortan keinen anderen mehr fickt. Sogar dann, wenn es ihm/ihr wurscht ist. Der neue Partner erfreut sich an der wiedergefundenen Treue, die ihn ausschließt. Mit Gott und mit der Kirche.

Falls nein, so wird das Paar entsprechende Konsequenzen ziehen und die ehebrecherische Partnerschaft beenden.

Oh ja. Es wird durch einen zweiten Ehebruch den ersten ganz sicher ungeschehen machen.

Falls ja, so wird nun die Sünde des Ehebruchs mit vollem Wissen und Willen begangen, so dass in jedem Fall eine tatsächliche schwere Sünde vorlieg

Leider wiederum ja. Der Weg des geringsten Leidens für alle Beteiligten ist gottlos.

Diese Forderung ist so hart und unsern Gefühlen so sehr entgegengesetzt, daß offensichtlich entweder das Christentum im Unrecht oder unser Geschlechtstrieb, wie er heute ist, entartet ist

Ja. Absolut ja. Der Mensch ist erbsündenverseucht hoffnungslos pervertiert. Natürlich zeigt sich das zuallerst im Geschlechtstrieb. Kaum jemals im Trieb, andere für die eigene Wahrheit bluten zu lassen.

Vielleicht sollte die Kirche wirklich Leuten, die erkennbar nicht in und mit der Kirche als Katholiken leben, den Segen für
das Ehesakrament verweigern.


Mir bleibt das "ja" langsam im Halse stecken. Die Ehe als wahrhaft göttliches und außerweltliches Ding sollte glaubensschwachen Naturmenschen selbstverständlich verwehrt bleiben.

Es ist aber eben in der heutigen Zeit nicht so einfach, den Leuten klarzumachen, daß ihr sexueller Trieb sie früher oder später in Ruhe lassen wird, wenn sie ihn in Ruhe lassen.

JAAAAAAA! Wir sind endlich am Kern .-)
An der Frage, wie Mensch mit dem bekannterweise so edlen und großartigen Geschenk der Sexualität richtig umgeht. Indem er es als ernsten Auftrag und strengste Verpflichtung sieht, in Konnubium durchzuführen und in Partus abzuliefern ohne Fehl und Tadel. Anderweitig als Hautjucken, das ungekratzt auch bald weggeht.

Ein wenig frage ich mich gerade, wie, angesichts der Einordnung schnöder (Zwangs-)Enthaltsamkeit als Default-Zustand, denn der heiligmäßige Status gottgeweihter Jungfräulichkeit und der heroische Zölibat der Priester (die uns normale Menschen durch dieses "Opfer" schließlich meilenweit übertreffen und zu gänzlich unvorstellbarer Allagape aufsteigen) noch zu begründen wäre. Aber nein, mein einziger, kleiner Zweifel ist sicher völlig unhaltbar. Vom Leben und erst recht vom Gefühlsleben wahrer Diener des Herrn habe ich nämlich gar keine Ahnung.