Freitag, 4. November 2011

Selbst Schuld...

Fettecke läßt grüßen: In Dortmund hat eine Putzfrau einen Teil eines Kunstwerkes einfach weggereinigt. Sie wischte die Patina von einem Gummitrog, welcher allerdings Bestandteil eines Kunstwerkes ist. Die Installation "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen" des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger ist jetzt offenbar irgendwie nicht mehr so wertvoll, wie sie es einmal war. Die Versicherungssumme des Werkes beträgt 800.000,- €




Ich kriege immer ein paar graue Haare mehr, wenn ich von versehentlicher oder absichtlicher Kunstzerstörung höre oder lese, aber in diesem Fall kann ich den Gedankengang der Putzfrau irgendwie nachvollziehen: 'Hmm... Wer hat denn dieses komische Gerüst hier einfach im Kunstmuseum aufgestellt? Egal, ich mach' erstmal den Dreck weg, vielleicht wird's dadurch ja ansprechender...'




Für mich ist ein Kriterium für Kunst auch, daß man sie erkennt, ohne, daß eine Versicherungssumme, ein 23-seitiges Exposé oder ein Pabst Blue Ribbon schlürfender Hipster einen erst darauf aufmerksam machen müssen.

[HT: FPA]

Kommentare:

tradi.nl hat gesagt…

;-))))

MC hat gesagt…

Damit befindet sich sowohl die Putzfrau als auch der Künstler in bester Gesellschaft. Joseph Beuys ist das ganze gleich zweimal passiert, einmal mit einer Art Kinderbadewanne und posthum mit einer Decke.
In diesem Sinne: Ein Hoch auf den gesunden Menschenverstand!

Anonym hat gesagt…

Sowas ähnliches passiert offenbar alle paar Jahre wieder. In einem Fall in meiner Studienzeit ging es um eine Skulptur aus mehreren künstlich angerosteten schweren Stahlteilen. Die Skulptur-Teile brauchten ziemlich viel Platz zur Aufstellung, und nach einer Ausstellung war dann die Frage, wohin damit? Ein, ich glaube, Baumeister hat sich bereit erklärt, die Teile auf seinem Firmengelände zu lagern. Der Künstler hat derweil eine Gelegenheit gesucht, wo er sein opus monumentale rusticatum wieder aufstellen könnte. Das dauerte ein paar Jahre. Als er dann einen Aufstellungsplatz hatte, war die Skulptur nicht mehr zu finden. Bei einer Aufräumaktion auf dem Firmengelände war auch der Stahlschrott / Skulptur (Nicht zutreffendes bitte streichen) entsorgt worden. Dann der Streit vor Gericht - was waren die Trümmer wert? Wie's ausgegangen ist, kann ich mich nicht mehr erinnern.

UralteSage hat gesagt…

*kopfschüttel* Da hast du dir aber den falschen ausgesucht, Alipius, Kippenberger war doch lustig.

"Ich gehe in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald." Zitat Kippenberger.

Musik aus den 80ern, Humor aus den 70ern und Moral aus den 60ern, oder was ;)? (Doch, mir gefällt die Mode aus den 1750ern und die Architektur aus den 1640ern durchaus auch…)

doc_mouse hat gesagt…

"Ist das Kunst oder kann das schon weg?"- der Spruch passt halt leider im modernen Kunstbetrieb, der Kunst nur mehr soziolgisch definiert, nur all zu oft...

Alipius hat gesagt…

@ Uralte Sage: Nicht ich habe mir Kippenberger ausgesucht, sondern die Putzfrau tat's. Aber selbst wenn ich ihn ausgesucht hätte: Nur weil ein Mensch als Texter lustig ist, heißt es ja nicht, daß er als Künstler auch was taugt.

Anonym hat gesagt…

Man könnte das gute Stück doch restaurieren? Wird ja Fotos vom Originalzustand geben.

Braut des Lammes hat gesagt…

Bewahre. Man muß froh sein, daß es jemand weggeräumt hat.

Martin Johannes Grannenfeld hat gesagt…

hm... immer diese katholischen Kunstverächter *grummelgrummel*

und dass es dann immer gleich ins allgemeine geht ("man muss Kunst sofort als Kunst erkennen"), wenn ein einzelnes Exponat fragwürdig ist...

Der ostdeutsche Bauarbeiter erkennt ein barockes Weihwasserbecken vielleicht auch nicht als Kunst, genausowenig die Taliban die Riesenbuddhas.

Unabhängig von diesen absurden Geldsummen, die m.E. dem Wesen von Kunst eher fremd sind (sein sollten), denke ich ist es schon eminent die Aufgabe von Kunst, den Betrachter nicht nur mit dem zu bedienen, was er eh schon kennt, sondern ihn herauszufordern und dadurch wachsen zu lassen.

Wir brauchen nicht die Bestätigung unseres bequemen Trottes, sondern seine Hinterfragung. Christlich gesprochen: Jesus ist nicht zu den Pharisäern gegangen und hat gesagt, wie toll dass Ihr so fromm seid, sondern er ist zu den Zöllnern und hat gesagt: ändert Euch!

Alipius hat gesagt…

@ Martin Johannes Grannenfeld:

Ich finde das Aufeinanderfolgen dieser Aussagen komisch:
1.) IMMER diese katholischen Kunstverächter...
2.) Und daß es dann immer gleich INS ALLGEMEINE geht...

Ich bin sicherlich katholisch, aber kein Kunstverächter (die anderen Leute, die hier bisher kommentiert haben, würden sich sicherlich auch so beschreiben). Ich bin auch kein Kunstbeschränker ("Seit Rigaud/Manet/Picasso/beliebiger anderer Name wurde einfach keine Kunst mehr geschaffen"). Ich kenne haufenweise moderne Kunst, die ich auch als Kunst bezeichne.

Auch habe ich mich nicht so absolut ausgedrückt ("Man muß Kunst sofort erkennen"), sondern habe geschrieben, daß es für mich auch ein Kriterium für Kunst ist, daß man sie sofort erkennt. Dies mag hier und dort nun nicht passieren, aber man kann trotzdem vor einem Kunstwerk stehen und dies auch nach einiger Erklärung oder nach einem gewissen Eindruck, den ein solches Werk hinterläßt, realisieren und akzeptieren. Mir geht es zum Beispiel so bei großflächigen monochromen Werken. Die einschläfernde, hypnotische Stimmung solcher Bilder nimmt mich immer sehr gefangen, aber ich könnte mir so etwas auch im Schaufenster eines Malereibetriebes ansehen. Die Kunst besteht in diesem Falle für mich nicht in dem Werk selbst, sondern in dessen Vermarktung.

Für mich ist in der modernen Kunst mehr als nur ein Exponat fragwürdig. Fragwürdig ist zum Beispiel, wenn Murks hochjubelt und Talent ignoriert wird. Fragwürdig ist die Methode, mit der wir dazu angeregt werden sollen, in einem Akt der Hinterfragung unseres bequemen Trottes Alltagsgegenstände als Kunst zu akzeptieren, nur weil nicht ein Mega-Baumax-Label inkl. Preis dranklebt, sondern ein Schild danebensteht, welches verkündet "Installation des Künstlers XYZ".

Oft ist es doch so, daß grade moderne Kunst uns ausschließlich mit dem bedient, was wir kennen (schmutzige Gummiwannen und Holzlatten mit draufgeschriebenen Worten, Badewannen und Fett, Kaseln und Blut - wobei ich Nitsch eigentlich okay und in seiner Wucht, Dramatik und Schäumerei schon fast wieder katholisch finde) und die Herausforderung bzw das Wachsenlassen - zumindest für meinen Geschmack - sehr verkrampft daherkommt, indem irgendeine "versteckte" Botschaft oder Ebene impliziert wird.

Hut ab vor jedem Künstler (modern oder nicht), der ohne solche Tricks auskommt (oder bei dem solche Tricks funktionieren, siehe Nitsch), aber wo ich nur Gummiwanne und Holzlatte sehe und keine Kunst, da sage ich dem Kaiser dann halt auch, daß er keine Kleider trägt.

Mir geht's hier also weniger um meine Bestätigung (das klingt zu sehr nach Angst vor Zusammenbruch meines Weltbildes, wenn bestimmte Dinge als Kunst akzeptiert werden, und davon bin ich nun wirklich weit entfernt) als darum, daß ich einfach meine Klappe aufreiße und meine (nicht von jedermann geteilte) Meinung kundtue.

Martin Johannes Grannenfeld hat gesagt…

@Alipius

so kann ich das auf jedenfall akzeptieren! Aber leider ist so eine differenzierte Einstellung bei Katholiken, die sich zu dem Thema äußern, eher selten. Daher neige ich bei solchen Postings leicht zu allergischen Reaktionen... die diesmal wohl den falschen getroffen haben.

Ums vorweg zu sagen: ich bin nun auch nicht direkt ein "Fan" von Konzeptkunst. Das was ich selber mache (also im Bereich der Musik), ist auch meilenweit davon entfernt. Zudem habe ich generell für bildende Kunst relativ wenig Sinn und Verständnis - egal ob Giotto oder Kippenberger, ich brauch eigentlich immer eine Erklärung, und auch dann ist der Eindruck auf mich längst nicht so stark wie bei einem Musikstück oder einem literarischen Werk.

Ich habe z.B. auch jahrelang mit Beuys nichts anfangen können, bis ich mal einen sehr guten Vortrag zur Beuys-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin gehört habe. Als ich dann plötzlich verstand, dass das eingenähte Cello nicht einfach eine blöde Provokation ist ("ein Cello einnähen kann ich auch, bloß stell ichs nicht ins Museum..."), sondern ein Zeichen (vor einem anthroposophischen Hintergrund) für eine Fürsorglichkeit dem Objekt gegenüber, das einem fast romantischen Kunstverständnis entspringt, da hab ich dann gemerkt, wie dumm und ignorant das ganze Bürgerschreck-Geschwätz eigentlich ist, weil es den Kern der Sache nicht trifft.

Nun war ich immer geneigt, Konzeptkunst als historisch wichtig, künstlerisch aber überholt anzusehen, aber auch da gibt es ja Ansätze, die Ergebnisse der Experimentierphase zurückzuholen in einen umfassenderen Kunstkontext. Ich denke z.B. an Schlingensiefs Liturgie-Oratorium "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" (2008), eine der bewegendsten Theaterinszenierungen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Das ist ganz zweifellos als Kunst zu erkennen, wäre aber ohne Beuys und die Fluxus-Bewegung nicht möglich gewesen.

Probleme habe ich generell mit (katholischen) Künstlern, die meinen, so tun zu können, als habe es das alles nicht gegeben. Ich hege eine große Bewunderung für die orthodoxe Kunst, die sich quasi auf unvordenkliche Zeiten zurückberuft und darum problemlos ignorieren kann, was die letzten 800 Jahre an künstlerischer Entwicklung gebracht haben. Wenn man ähnliches aber im westkirchlichen Kontext praktiziert, läuft das real auf die Ignorierung von ca. 100 Jahren hinaus, bedeutet also, man bleibt irgendwo in den Kunst- und Frömmigkeitsformen des späten 19. Jahrhunderts stecken. Die nun - meiner Ansicht nach - wirklich nicht die aufregendsten sind. Und wenn ebensolche Künstler dann z.B. Konzeptkunst kritisieren (ohne sie überhaupt zu verstehen), dann stört mich das eminent. Das ist so ungefähr der Hintergrund, vor dem ich meine Allergie entwickelt habe...

Und was Nitsch betrifft: jajaja! Ich finde das auch eminent katholisch, aber das glaubt mir immer keiner...

Charlotte hat gesagt…

In einer Ausstellung vermerkte ein Unbekannter auf einem Exponat - einer Baby-Badewanne mit dem Hinweis "In dieser Badewanne wurde Joseph Beuys als Baby gebadet" - "Offensichtlich zu heiß." ;-)

Bundesbedenkenträger hat gesagt…

Die haben das alle falsch begriffen. Die Putzfrau hat selbst Kunst geschaffen, indem sie die Patina abwischte (weg mit dem Alten!), es war eine Performance, und sie hat dabei alte Grenzziehungen überschreiten wollen (Fett inner Ecke macht man nicht weg), um zu provozieren. Warum erkennen diese Banausen das nicht?
Das Werk ist damit im Wert sogar gestiegen!

Anonym hat gesagt…

Na ja, Nitsch missbraucht den Katholizismus für seine Zwecke. Würde er nicht dauernd katholische oder sonstwiereligiöse Versatzstücke zusammenkleistern, wäre an seiner Kunst auch nix dran.