Freitag, 7. Oktober 2011

"Mißbrauch" in der Tat!

Gestern waren die Chorherren zu einer Spezialfühung im Stefansdom eingeladen. Ich hatte leider in Floridsdorf die Abendmesse, so daß ich es nur noch zum anschließenden Abendessen in "Ilona's Stüberl" geschafft habe.

Der Weg vom Parkhaus am Schwedenplatz führte am Stefansdom vorbei. Dort stand an der Südseite eine Lastwagenbühne, von welcher irgendein Kerl im Bischofskostüm haarsträubenden Schwachsinn zwischen Stammtischulk und "Was ist Was"-Bildung verzapfte. Ich mischte mich unter die ca. 50 Schaulustigen, von denen ungefähr 10 jeden vermeintlichen Gag frenetisch bejubelten. Dann erblickte ich das Plakat: "Die lange Nacht des Missbrauchs" organisiert von - ** Tusch! ** - der Initiative gegen Kirchenprivilegien

"Die lange Nacht des Missbrauchs"...

Das war auf so vielen Ebenen wahr: Die Fläche um den ehrwürdigen Dom wurde von zotenreißenden Berufsquenglern und respektlosen Mahnprofis geschändet. Menschen mit dem etwas feineren Gespür fanden nach kurzer Zeit ihren Sinn für Humor vergewaltigt in einer dunklen Ecke ihrer Seele wieder. Zeitgenossen, die mit einem halben Bein in der Realität stehen, mußten erleben, wie ihr entheiligtes Gehirn sich in ihren eigenen Schädel erbrach. Und alle, die tatsächlich nicht nur an einer Aufklärung der Mißbrauchsfälle, sondern auch an einer künftigen Vermeidng solcher Szenarien interessiert sind, durften Zeugen sein, wie die Nadel auf der "Mißbrauch des Mißbrauchs für eigene Zwecke"-Skala sogar über den roten Bereich hinausschoß.

Auf dem Rückweg zum Parkhaus wurde immer noch von der Bühne heruntergetextet. Es war ein junger Mann, welchen ich nur als Stand-up-Comedian identifizieren konnte, weil er fast schon verzweifelte "Klatschen sie bitte jetzt"-Pausen einlegte, die aber von den immer noch ca. 50 Zuschauern eiskalt ignoriert wurden.

Vernunftgesteuert und humorvoll in die Zukunft?

Nicht mit dieser Truppe.

1 Kommentar:

Ruben hat gesagt…

Der US-amerikanische (protestantische!) Professor für Philosophy of Religion, Philip Jenkins, hat schon 2002 davor gewarnt, dass die Missbrauchsfälle künftig in der kath. Kirche von pressure-groups "missbraucht" werden, um ihre jeweiligen heterogenen Interessen durchzusetzen oder mit entsprechend gewährleisteter Medienaufmerksamkeit zu kommunizieren. Dies ist eine brutale Situation, da man mit den Missbrauchsfällen eine hohe Emotionalisierung erreicht und die Kirche als Täterseite mundtot machen kann: Äußert die Kirche Gegenkritik, so kann das leicht und schnell als "Opferverhöhnung" gebrandmarkt werden. Es geht hier tatsächlich nicht um die Sünden und Verbrechen, die begangen wurden, sondern um Macht und die Macht der Aufmerksamkeit und einseitigen Medienhoheit. Hier entsteht dann Raum für nahezu kulturrassistisches "negative stereotyping", in dem Klerus und treue Gläubige per se als schlechtere Menschen präsentiert werden. Jedem wachsamen Menschen sollte diese sich verstärkende Entwicklung größte Sorgen bereiten.