Freitag, 28. Oktober 2011

Meine Primizpredigt...

... war auch eine Art Premiere, denn ich habe zum ersten Mal frei gesprochen, ohne den ganzen Text oder wenigstens Stichworte vor der Nase. Ging ganz gut.

Das Verfassen der Predigt war ein wenig schweißtreibend. Ich hatte scherzhaft geschätzt, daß zu dem Satz "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" mittlerweile ca 50 Millionen Predigten gehalten wurden und ich fragte mich ernsthaft, was ich in einer fünfzigmillionenundersten Predigt eigentlich sagen konnte, sollte, dürfte. Ist nicht bereits alles gesagt?

Also setzte ich mich bei einer monströs großen Tasse Kaffee in der Düsseldorfer Altstadt in die Sonne und grübelte herum. Der Text des Evangeliums ist natürlich bekannt und irgendwie auch sonnenklar:
    Als die Pharisäer hörten, daß Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

    Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

    [Matthäus 22,34-40]
Jetzt saß ich so da, Kinn auf Faust, Ellenbogen auf Tischplatte und suchte einen guten Anfang für eine Predigt. Und da fiel mir ein alter Trick ein, den mir vor fünf Jahren mein Logik-Lehrer verraten hatte: Wenn's irgendwo mal hakt, einfach die wichtigen Worte eines Satzes einzeln betrachten, ein wenig darüber nachdenken, ein bis zwei Haupt-Punkte festmachen und die Zusammenhänge finden.

Ich wählte also als wichtige Begriffe "Die Liebe", "Der Nächste" und "Das Selbst".

Zur Liebe fielen mir schnell zwei Dinge ein:
  1. Man kann nur lieben, was man kennt. Leuchtet ein. Ich kann keinen Menschen lieben, mit dem ich mich niemals ausgetauscht habe. Ich kann keine Arie lieben, die ich niemals gehört habe. Ich kann keine Speise lieben, die ich niemals geschmeckt habe.

  2. Man liebt am intensivsten und reinsten, wenn das Geliebte gegenwärtig ist. Klar kann man auch lieben, wenn es nicht gegenwärtig ist, aber dann mischt sich in die Liebe immer noch etwas anderes hinein, sei es Sehnsucht oder Wehmut oder Eifersucht oder Lust oder Gier oder sonstwas.
Jetzt schaute ich mir unter diesen Gesichtpunkten den Nächsten an und stellte fest, daß der Nächste uns zwar so gut wie immer gegenwärtig ist (nämlich in jedem Menschen, der uns so über den Weg läuft oder auch neben uns sitzt oder steht) aber daß er uns andererseits so gut wie nie bekannt ist.

Es ist einfach, den Nächsten zu lieben, weil er immer irgendwo um uns herumwuselt. Aber es ist schwierig, den Nächsten zu lieben, weil wir ihn/sie im Grunde kaum einmal kennen.

Zum Glück wird uns aber auch gesagt, wie wir den Nächsten lieben sollen, nämlich wie uns selbst. Das Selbst hat den Vorteil, daß es uns nicht nur immer gegenwärtig ist (im Normalfall), sondern auch immer recht gut bekannt. Es dürfte also nicht allzu schwierig sein, sich selbst zu lieben.

Was aber bedeutet das "Wie" in der Phrase "wie dich selbst"? Es ist sicherlich keine Maßeinheit: "Ich liebe mich 2,37 Meter/875 Gramm/von 9:00 Uhr bis 17:30 Uhr, also liebe ich auch meinen Nächsten 2,37 Meter/875 Gramm/von 9:00 Uhr bis 17:30 Uhr..."

Ich glaube, daß das "Wie" eher in eine Konstrution gehört, welche lauten könnte "Wie kommt diese Liebe zustande?"

Mir fiel das Evangelium des Sonntags der Vorwoche ein, wo dem Kaiser gegeben werden soll, was des Kaisers ist. Kriterium für die Auswahl ist das auf der Münze eingeprägte Abbild des Kaisers. Es soll aber auch Gott gegeben werden, was Gottes ist. Es gilt nun also, etwas zu finden, was das Bild Gottes trägt. Und das sind natürlich wir Menschen, denn wir sind nach Gottes Bild geschaffen.

Und dies ist auch der Grund, warum die beiden Gebote, die doch gleich wichtig sind, eine Reihenfolge haben: Zuerst muß Gott geliebt werden als unser Schöpfer und Vater, dessen Abbild wir tragen wie eine Münze ihre Prägung. Erst, wenn ich die Liebe kenne, die mich erfüllt, wenn ich Gott als Vater und Christus als Bruder akzeptiert habe, erst dann kann ich auch den Nächsten wirklich lieben. Und dann muß ich den Nächsten sogar lieben, denn wer als Mensch auf der Erde herumzieht, der trägt dieses Bild ebenso, wie ich es trage.

Warum muß ich zuerst Gott lieben, bevor ich den Nächsten wirklich lieben kann? Weil es in dieser Liebe eine Sicherheit gibt, die weit über das hinausgeht, was persönliche Sympathie, sexuelle Kompatibilität oder soziales/politisches Engagement bieten können. Die Sympathie kann abnehmen, der Sex kann fade werden, die marginalisierte und diskriminierte Minderheit du jour kann morgen out sein und ins Abseits gestellt werden, weil das Engagement für eine andere Truppe plötzlich hipper ist...

Aber Gottes Abbild wird immer und überall in jedem Menschen sein.

Wenn wir dies nicht vergessen und wenn wir möglichst viele andere Menschen auf diese Realität hinweisen, dann muß der Friede zwischen den Völkern, zwischen Arm und Reich, zwischen Christ und Moslem, zwischen Düsseldorf und Köln keine Utopie sein.

Kommentare:

nk hat gesagt…

[kleiner typo : in der Überschrift fehlt das 'g' in Predigt, diesen Hinweis nach Korektur löschen]

Es ist doch in Ordnung, wenn man in einer predigt etwas sagt, was schon x-mal gesagt wurde. Originalität wird da überbewertet, glaube ich.

Alipius hat gesagt…

@nk: Ich kann leider aus einem Kommentar keine einzelnen Sätze löschen. Danke für den Hinweis jedenfalls!

Josef Bordat hat gesagt…

Gute Gedanken zur Liebe, Alipius, denen erkennbar die Theologie der Agape im Rücken steht, ohne dass sie selbst nochmal referiert würde - wäre in einer Predigt auch nicht so gut (Stichwort: Aufmerksamkeit).

Schön, dass Du wieder "da" bist!

Und: Als "Kölner im Herzen" (warum das so ist, weiß ich auch nicht) tröstet mich in Düsseldorf immer die geographische Nähe zu Köln. ;-)

LG, Josef

Anonym hat gesagt…

Wow, wirklich bemerkenswert, was Du aus diesen drei Wörtern, die uns eigentlich so geläufig sind, rausholst. Chapeau!!

Monika.