Montag, 26. September 2011

"Wozu..."

"... sind die Kirchen heute überhaupt noch gut?"

So fragt in der heutigen Ausgabe der PRESSE der evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner.

Der Untertitel lautet:
    Eine evangelische Stimme zur Krise in der katholischen Kirche. Es geht um die Zukunft des Christentums in einer säkularen Gesellschaft.
Hmm...

"... die Kirchen..."?

Zum wiederholten Male während der letzten ca. 500 Jahre beschleicht mich das Gefühl, daß, wenn irgendwo von "der Kirche" die Rede ist, tatsächlich auch DIE KIRCHE gemeint ist.

Das ist erstens nicht überraschend, weil im Sinne des HErrn (ut unum sint). Ich bin mir triumphalistisch, politisch unkorrekt und dunkelstkatholisch ziemlich sicher, daß im Unbewußtsein der kollektiven deutschsprachigen Christenheit "die Kirche" die Katholische ist (zumindest dort, wo man noch Artikel verwendet).

Zweitens ist es beunruhigend, weil die Schande dann natürlich auch zuerst und heftig immer DIE KIRCHE trifft.

Drittens ist es lustig, weil es zu interessanten Verwechslungen führt. Ich erinnere mich an einen Protestanen, der aus der Kirche austrat "wegen dem Papst".

Viertens scheint es aber immerhin so gültig zu sein, daß selbst ein evangelischer Theologe die Zukunft der Christenheit unmittelbar mit der Krise der Katholischen Kirche verknüpft.

Zum Kommentar selbst. Der Autor glättet anfangs die Wogen, wenn er schreibt:
    Die tiefe Krise, in der die römisch-katholische Kirche steckt, ist keineswegs nur eine innerkatholische Angelegenheit, sondern eine ökumenische Herausforderung für alle Kirchen. Sie wirft Fragen nach der Zukunft des Christentums auf, auf die insbesondere auch die evangelische Kirche Antworten geben muss.
Später dann:
    Die Grundsatzfrage lautet, wozu die Kirchen überhaupt gut sind, und ob nicht jeder Mensch besser für sich allein nach seiner Façon selig werden kann. Offenbar bleiben die Kirchen darauf eine überzeugende Antwort schuldig.
Also jetzt doch Krise der Kirchen und nicht nur der Katholischen Kirche? Irgendwie schon, denn:
    Es geht nicht um die Zukunft der Kirchen, sondern um die Zukunft des Christentums in einer säkularen und religiös pluralistischen Gesellschaft. Der Fortbestand der Kirchen ist doch nur insoweit von Interesse, wie diese für das Weiterleben des Christentums und seiner Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes und seiner Hoffnung für die Welt auf Erlösung von dem Bösen unverzichtbar sind. Solange sich die Kirchen nur um ihren Fortbestand sorgen, sind sie unfähig, den Menschen von heute die Botschaft Jesu zu bezeugen.
Das "nur" im letzten Satz ist natürlich entscheidend, denn so ganz ohne Sorgen für den eigenen Fortbestand geht es natürlich nicht. Aber es ist schon richtig, daß dies nicht alles ist und sein kann.

Bis hierhin bin ich bei dem Artikel auch halbwegs mit an Bord. Aber dann wird's komisch: Freundlich führt der Autor uns von der Frage nach Reformen über diese ganz spezielle Art von Freiheit, die nun einmal nur im Protestantismus herrscht weiter über das Gewissen hin zu einem autoritären Kirchenrecht,...
    ... das sich auf göttliche Anordnungen beruft, obwohl es durch die Heilige Schrift nicht gedeckt ist.
Okay, aber das kann für einen Protestanten ja nur interessant sein, wenn er unter Ökumene soviel versteht wie: Die katholische Kirche muß ihren "Schrift plus Tradition"-Ansatz bitte über Bord werfen und somit auch all jene Theologen ignorieren, die sich über Jahrhunderte hinweg ernsthafte Gedanken zu allen möglichen Themen gemacht haben. Natürlich ist die Welt heute eine andere. Natürlich stellen sich heute Fragen, an die man damals nicht dachte. Ich selbst bin mit der Situation der wiederverheirateten Geschiedenen in unserer Kirche nicht 100%-ig glücklich. Aber ich löse das Problem nicht, indem ich sage "Darüber steht aber nix in der Bibel, also könnt ihr's halten wie die Dachdecker". Das Problem löse ich (zumindest als Katholik) nur, wenn ich über Wege nachdenke, wie man bestimmte Menschen bestmöglich in den Gnadenfluß reinnehmen kann, ohne dadurch ein Sakrament zu schänden oder einen Freibrief auszustellen.

Deshalb kann ich auch mit dem Fazit des Autors nur bedingt etwas anfangen:
    Umso mehr ist die Frage an die evangelischen Kirchen zu richten, wie glaubhaft es ihnen gelingt, die Botschaft von der Freiheit zu bezeugen. Das ist ihre ökumenische Aufgabe der Stunde und der Dienst, den sie auch der römischen Schwesterkirche zu leisten hat, ohne aus ihrer Krise auf billige Weise Kapital schlagen zu wollen.
Die Botschaft von der Freiheit kommt von Christus, und das, was heute als "Katholische Kirche" durch die Medien mäandert, hat diese Botschaft zuerst empfangen. Somit hatte die Katholische Kirche auch 1500 Jahre länger Zeit, diese Botschaft mißzuverstehen und zu mißbrauchen. Das bedeutet auch, daß die Katholische Kirche 1500 Jahre länger Zeit hatte, aus ihren Fehlern zu lernen und mittlerweile ziemlich gut darin sein dürfte, sich den eigenen Kopf zu zerbrechen, auch ohne nicht Kapital schlagen wollende Dienste.

Erinnern wir uns:
    Die Grundsatzfrage lautet, wozu die Kirchen überhaupt gut sind, und ob nicht jeder Mensch besser für sich allein nach seiner Façon selig werden kann. Offenbar bleiben die Kirchen darauf eine überzeugende Antwort schuldig.
Wenn tatsächlich die Kirchen angesprochen sind, dann darf man getrost auch von Antworten im Plural sprechen. Ob diese dann überzeugend sind oder nicht, hängt immer noch unmittelbar mit der Frage zusammen, ob sie wahr sind oder nicht. Das mag für Angehörige einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft eine harte Nuß sein, aber ich bin davon überzeugt, daß mit fortschreitender Aushölung der Gesellschaft theologische Wahrheiten auch wieder überzeugen können und werden.

Der Papst hat während seines Besuches in Deutschland hier erste kleine Zeichen gesetzt und erste kleine Beweise geliefert. Das ist zumindest für mich erst einmal Denkstoff genug.

Kommentare:

ancillaDomini hat gesagt…

die Botschaft von der Freiheit zu bezeugen"

Ich bin Exlutheranerin. Und dachte bisher immer (Konfirmandenuntericht werfolgreich absolviert), dass die Botschaft der protestantischen Kirchen nicht "Freiheit", sondern "Jesus Christus" sei, darauf bestehen sie jedenfalls immer vehement. Nun gut, man lernt nicht aus.

Le Penseur hat gesagt…

@Rev. Alipius:

Ohne Ihnen den Triumphalismus irgendwie beschneiden zu wollen — aber versuchen Sie mal einem Angehörigen der Russisch-Orthodoxen Kirche, oder der Koptischen Kirche, oder der Kirche von England, oder auch nur einem der evangelisch-lutherischen Kirche von Schweden (Liste fast beliebig verlängerbar) zu erklären, daß jeder davon eigentlich irgendeinem mehr oder weniger verrannten Sektenverein angehört, der selbstmurmelnd keine Kirche ist, weil DIE KIRCHE eben nur, immer schon und ausschließlich die RÖMISCH-KATHOLISCHE KIRCHE ist. Weshalb es auch keinen Plural davon geben kann.

Sie werden möglicherweise einen zarten Unterton von Ironie heraushören, wenn ich Ihnen (bei aller Sympathie) zu diesem Unterfangen viel Erfolg wünsche! Berichten Sie darüber einmal bei Gelegenheit ...

Alipius hat gesagt…

@ Le Penseur: Oh! Danke, daß Sie mich mit diesem Kommentar auf eine Unterlassung meinerseits aufmerksam gemacht haben. Der Satz sollte nämlich eigentlich lauten ".. der kollektiven deutschsprachigen Christenheit..."

Blöderweise ist das entscheidende Wort unter den Tisch gefallen. Das macht die Sache in Ihren Augen nicht richtiger, aber es stellt doch eine Qualifizierung dar, an der mir gelegen ist. Ich hab's gleich mal korrigiert.

Lisje Türelüre aus der Klappergasse hat gesagt…

...daß, wenn irgendwo von "der Kirche" die Rede ist, tatsächlich auch DIE KIRCHE gemeint ist...

Das sieht Manfred (Korrektheiten) genauso und hat darüber geschrieben, den genauen Link finde ich jetzt nicht.

Herminator hat gesagt…

"Somit hatte die Katholische Kirche auch 1500 Jahre länger Zeit, diese Botschaft mißzuverstehen und zu mißbrauchen."

Wobei ich als Protestant diese 1500 Jahre durchaus auch zu meiner Geschichte rechne, das wart nicht "ihr", das waren "wir"!

Schalom
Hermann