Donnerstag, 1. September 2011

Sex und Liebe (reloaded)...

Kath.net berichtet über einen kuscheligen Talkabend bei "Maischberger". Frage: "Wie ist es um die Sexualmoral in Deutschland bestellt?" Zur Antwort bereit waren unter anderem Charlotte "Feuchtgebiete" Roche, Hellmuth Karasek und Tobias-Benjamin Ottmar, Sprecher des Hilfswerks Geschenke der Hoffnung (Berlin), der dafür eintritt, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten.

Die Roche habe ich ja zu VIVA-Zeiten immer einigermaßen respektiert, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: "Die wird mal 'was, wenn sie erwachsen ist!" Jetzt will es der Zufall (oder die Notwendigkeit, ein neues Produkt zu promoten), daß am 11. August auch ein großes Interview mit Charlotte Roche im ZEIT-Magazin erschien. In diesem sagt sie:
    Zuerst verschwindet in der Beziehung der Sex und dann geht auch alles andere den Bach runter.
Ottmar lebte vor der Hochzeit sechs Jahre enthaltsam mit seiner heutigen Frau in einer Beziehung. Roche findet, daß das "totaler Quatsch" ist.

Ist es das?

Wenn nach dem Roche-Modell der Sex das Erste ist, was in einer Beziehung verschwindet und nach dem Ottmar-Modell der Sex das Letzte ist, was in eine Beziehung hineinkommt, stehen sich dann hier nicht im Grunde Frage und Antwort gegenüber? Ist es nicht so, daß die Roches dieser Welt, die auch im Jahre 2011 noch eine "Enttabuisierung" der Sexualität fordern und zu einem munteren horizontalen Zug durch die Gemeinde einladen ("Ich rate jedem Single: 'Bums jeden, den du finden kannst, dann bleibst du in der Übung!'" [Roche]), sich so sehr mit sexuellen Eindrücken und Erwartungen überfrachten, daß sie am Ende Gefahr laufen, die Liebe und die Treue und die Gegenwart des Anderen durch eine Hochzeit einfach nur erzwingen zu wollen? Ist es nicht so, daß die Ottmars dieser Welt, wenn sie feststellen, daß sie auch nach 6 sexlosen Jahren unbedingt zusammengehören, den Sex nicht als das empfinden, was ihre Beziehung legitimiert und zusammenhält, sondern ihn als den körperlich urknallenden Zweitbeginn einer Gemeinschaft betrachten, die im Geiste schon erprobt ist?

Ach ja! Karasek war auch noch da. Über ihn liest man im Artikel:
    Der Literaturkritiker Prof. Hellmuth Karasek (Hamburg) vertrat dagegen die Ansicht, dass die Übersexualisierung der Gesellschaft ein "finsteres Gerücht" sei: "Die Gesellschaft ist heute genauso bieder und brav, wie sie vor 100 Jahren war." Liebe und Treue seien keine Fragen der Moral, sondern der Bequemlichkeit und Feigheit und des Mangels an Gelegenheiten."
Kath.net bleibt leider seiner "Wir lassen unsere Artikel nicht korrekturlesen"-Politik treu, so daß hier aufgrund eines fehlenden Gänsefüßchens schwer zu erkennen ist, wo das Zitat endet und wo es beginnt. Dennoch: Hut ab, Herr Karasek! Man liebt einander und man bleibt einander treu, weil man faul ist, weil man Schiß hat und weil einfach noch nichts Appetitlicheres an einem vorbeigewackelt kam. Wie sagt doch Jana Hensel, die im ZEIT-Magazin Charlotte Roche interviewt:
    Ich glaube auch, daß es wenig Menschen gibt, die wissen, daß Sex und Liebe nicht dasselbe sind.

Kommentare:

Phil hat gesagt…

Da nicht hundertprozent dazu passend, aber von Deinem Artikel inspiriert, hier ein kleiner Gedanke zum Thema Sexualisierung der Gesellschaft:

http://dymphnaswelt.blogspot.com/2011/09/die-befreite-verklemmtheit-der-heutigen.html

Catocon hat gesagt…

Alles in allem sind solche Sendungen und der Müll, der darin verzapft wird, das beste Argument gegen die Flimmerkiste. Leute, lest ein anständiges Buch, betet, feiert mit Freunden, Familie oder Fremden, unternehmt was Sinnvolles, stapelt meinetwegen Streichholzschachteln (fördert bei sehr hohen Türmen die Feinmotorik) oder was auch immer, aber lasst Euch nicht von diesem unsinnigen Mist berieseln.

P.S: "Hut ab, Herr Karasek! Man liebt einander und man bleibt einander treu, weil man faul ist, weil man Schiß hat und weil einfach noch nichts Appetitlicheres an einem vorbeigewackelt kam" - Das war doch ironisch gemeint, oder?

Alipius hat gesagt…

@ Phil: Danke!
@ Catocon: Logo war das ironisch gemeint!

Anonym hat gesagt…

Ich habe die Folge auch gesehen und fand es lustig, wie Ottmar als lebendige Provokation für Roche und Ditfurth da auf dem Sofa saß. Ich habe den Eindruck, dass er in der Runde der eigentliche Revolutionär war unter all den "sexuell Befreiten".

Anonym hat gesagt…

Als Fernsehverweigerin und Nerd (absonderliche Kombination, ich weiß) kenne ich einiges Weltbewegende wie Talkshows nur durch Kritiken im Netz. Aber ich vermisse nichts.
Das erfüllte Leben anderer Leute für totalen Quatsch erklären, ist totaler Quatsch. Auch wenn ich mit Ottmar nicht unbedingt übereinstimme. Aber Respekt und Talkshow scheinen ja nicht besonders kompatibel zu sein.
Roches Vorschlag, mit dem Partner in ein Bordell zu gehen, finde ich ekelhaft. "Schatzi, wollen wir uns heute mal ein paar ausgebeutete und seelisch kaputtgemachte Mädchen angucken, um heiß zu werden?" "Au ja, und laß uns kräftig konsumieren, Zuhälter müssen ja auch leben."