Freitag, 2. September 2011

Per Wagner ad Schisma

Die Frankfurter Allgemeine rührt in einem Artikel über den Stunk in der Kirche Österreichs ("Es lutherlt im Staate Österreich") gekonnt alles zusammen, was aus Protestierenden- und Ungehorsamen-Sicht diesen Stunk rechtfertigt. Da darf natürlich auch Gerhard Maria Wagner nicht fehlen:
    Der stramm fundamentalistische Wagner hatte etwa die tödliche Sturmflut in New Orleans durch vermeintliche Sittenlosigkeit in der Stadt gerechtfertigt; vor allem Bordelle, Abtreibungskliniken und Schwulenbars seien vom Meer weggefegt worden.
Ähhh... "Gerechtfertigt"? "Schwulenbars"?

Ist schon sechs Jahre her, also kann sich eh keiner mehr dran erinnern, oder wie?

Natürlich sind Wagners Fragen suggestiv. Natürlich bietet sein Ansatz zur Theodizee-Frage bergeweise Material zur Debatte. Aber ich finde weder die "Schwulenbars" noch eine "Rechtfertigung".

Aber weil man bei der faz grade einen Lauf hat, wird Wagner-mäßig noch einer draufgesetzt:
    Später wiederholte Wagner seine Vorstellung eines Mördergottes anlässlich des Erdbebens in Haiti: Neunzig Prozent der Leute seien dort eben Voodoo-Anhänger.
Das ist vielleicht vor dem Hintergrund des "Aufrufs zum Ungehorsam" (welcher natürlich der Aufhänger für den faz-Artikel ist) ein guter Zeitpunkt, um einen Teil eines älteren am römsten-Postings zu recyclen, der mit Wagners Haiti-Zitaten beginnt (Das Wort "Laieninitiative" läßt sich hier auch gerne durch "Priesterinitiative" ersetzen):



Hier der Wortlaut des Wagner-Interviews, so wie ich ihn fand:
    Kurier: "Sie meinten, dass die auffallende Häufung von Naturkatastrophen eine Folge geistiger Umweltverschmutzung sein könnte ..."

    Wagner: "... Na, lassen wir das weg. Sie sprechen jetzt sicher Haiti an, oder?"

    Kurier: "Genau."

    Wagner: "Ich halte fest: Das ist eine ganz große Tragödie, die einen schmerzen muss."

    Kurier: "War dort kein strafender Gott am Werk?"

    Wagner: "Das weiß ich nicht. Gott lässt sich nicht in seine Karten schauen. Aber es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind."
Und hier ein Auszug aus einem Interview, welches Pfarrer Wagner der Tagespost gab (via kath-net):
    Tagespost: "Aktuell gibt es Aufregung um eine Aussage von Ihnen in der Sonntagsausgabe der Zeitung Kurier. Auf die Frage, ob bei der Naturkatastrophe in Haiti ein „strafender Gott am Werk“ gewesen sei, sagten Sie: "Das weiß ich nicht. Gott lässt sich nicht in seine Karten schauen. Aber es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind." Also doch ein strafender Gott?"

    Wagner: "Ich habe zunächst meine Trauer und mein Erschrecken zum Ausdruck gebracht. Ich habe das Wort Strafe nicht in den Mund genommen, aber ich lade ein, über einen MÖGLICHEN Zusammenhang von Sünde und Unglück nachzudenken. Da gibt es schon im Alten Testament einige Hinweise, die uns diesen Zusammenhang bedenken lassen. Im Neuen Testament auch, wenn ich an das Gleichnis vom Feigenbaum denke. Wir können den Zusammenhang zwischen Sünde und Unglück nicht einfach ausschließen. Wir müssen biblisch und katholisch argumentieren, über diesen Zusammenhang nachzudenken. Auch das Fatima-Geheimnis macht uns das deutlich. Aber Gott entzieht sich unserem Zugriff. Mich hat erschreckt, dass auf Haiti 80 Prozent katholisch sind, aber angeblich mehr als 80 Prozent zugleich diesem Voodoo-Zauber anhängen. Das erschüttert mich. Für mich steht die Frage im Raum, was Gott hier vorhat und wie er uns Menschen führt."
Okay... Ein katholischer Priester glaubt an den möglichen Zusammenhang zwischen Sünde und Unheil (ohne dabei das Wort "Strafe" zu benutzen). "Offiziellen" Stellungnahmen zufolge scheint das Modell des "großen Uhrmachers" bevorzugt zu werden. Wir haben zwar einen Gott, aber der ist nicht allmächtig, und falls er es doch sein sollte, ist er wenigstens so gnädig, nicht in das Geschick seiner eigenen Schöpfung einzugreifen. So oder ähnlich kommt es zumindest bei mir an.

Natürlich ist die Angst vor einem öffentlichen Aufschrei berechtigt. Es gibt immerhin Leute, die blöd oder gemein genug sind zu glauben, daß die Kirche in Haiti nicht helfe. Diese Leute werden natürlich Wagners Aussagen nur auf eine Art und Weise verstehen: Mitleidlos, unchristlich, menschenverachtend, sich über das Leid anderer erhebend, wenn nicht gar lustig machend. Daß für einen gläubigen Menschen ein Zusammenhang wie der von Wagner angedachte zumindest im Bereich des Möglichen liegt, darf nicht einmal gedacht, geschweige denn gesagt werden. Denn das Leid ist ja heutzutage nicht mehr das, was man gemeinsam mit Christus aufopfert um seine auf Erden pilgernde Schar zu heiligen. Das Leid ist nicht mehr Gottes Initiative, um Gutes hervorzurufen. Nein, das Leid ist heutzutage für die Leidenden oft sinnentleert, so daß nicht wenige sich versucht fühlen, es offentlich auszuschlachten. Bei Katastrophen wie auf Haiti geschieht dies natürlich nicht. Ich denke hier eher an die "Leidenden", die sich von RTL und Konsorten vor die Kameras zerren lassen, um Anklage auf Anklage zu häufen. Dies führt zu einem zweiten schlimmen Aspekt: Die, die nicht leiden, sondern zuschauen, benutzen oft ihre helfende Initiative, um selbst moralisches und öffentliches Kapital daraus zu schlagen. So wird das Leid - eigenes oder fremdes - zu einer Meßlatte für eine hausgemachte Moralvorstellung und wird nie bis zu der Frage führen "Welche Möglichkeiten tut Gott hier auf?"

Entsprechend auch die Reaktion der Laieninitiative: Mir wird schlecht... Ernsthaft: Mir wird wirklich schlecht, wenn ich darüber nachdenke, was diese Leute im Schilde führen, wenn sie von einem "großen Befreiungsakt" bzw von einem "kircheninternen Befreiungsakt" reden und meinen, es sei an der Zeit "das Schicksal der Kirche in die Hand zu nehmen". Hier liegt offenbar (und mit viel gutem Willen, denn all dies ließe sich ebensogut der Gier nach Wichtigkeit, Öffentlichkeit, Deutungshoheit und Schweinwerferlich zuschreiben) ein Leid an der Kirche vor. Und geht man jetzt hin und fragt sich, was Gott sich wohl dabei gedacht hat und auf welche Weise man dieses Leid nicht nur aufopfern sondern auch für die Einheit der Kirche gewinnbringend in Energie umsetzen kann? Nein. Dieser selbstverliebte, jede Spaltung kaltlächelnd zugunsten seiner Wichtigkeit in Kauf nehmende, rüpelhafte, ahnungslose Teil des Kirchenvolkes hat seit Gründung von "Wir sind Kirche" nicht das Geringste zur Erhaltung oder Stärkung der katholischen Identität oder Einheit beigetragen. Magisteriumsferne, manchmal abgefallene, immer publicity-süchtige Theologen und Priester füllen die Seiten der WsK-Publikationen mit den Forderungen, die sich aus ihrer ganz persönlichen Version des Katholizismus ergeben und gehen davon aus, daß sich automatisch die gesamte Kirche bis hinein in die Ordinariate und die Kurie dem zu beugen hat. Tut man dies nicht, werden Daumenschrauben angesetzt, wird geheult, gedroht, verleumdet, gezickt, gemacht und getan. Dies in jede Richtung, nur nicht in die des Einlenkens; nur nicht in die, die wenigstens vermuten lassen könnte, man interessiere sich für die Einheit der Kirche.

Aber, klar: Der Papst ist es, der die Kirche ruiniert. Das römisch-katholische System ist korrupt und daneben. Die Kirche ist absolutistisch, wird von weltfremden Leuten regiert und hat sich zu einer Großsekte entwickelt.

Im Englischen gibt es den schönen Spruch: "It takes one to know one", was ungefär soviel bedeutet wie "Man muß selber ein (X) sein, um ein (X) erkennen zu können". Selten zuvor habe ich diesen Spruch mit solcher Präzision ins Schwarze treffen sehen wie im Falle dieser Laieninitiative. Allerdings nur zur Hälfte. Denn das ruinöse Agieren, die Korruption, das absolutistische Getue, die Weltfremdheit und die sektenartigen Einschwörungen seitens der Initiative werden von ihr ja nur auf die Kirche übertragen, weil man meint, die Absichten des Papstes oder der Kurie oder der Bischöfe seien ebenso schädlich und spalterisch wie die eigenen.

Ich bitte daher... Nein, ich fordere daher jeden katholischen Laien und Priester guten Willens in Wien, in Östrereich, in Europa, in der Welt dazu auf, seine Stimme gegen solche Zerstörungsversuche zu erheben und jedermann sanft aber zäh und bestimmt zur Einheit einzuladen. Die Kirche war nie eine Cafeteria und wird nie eine sein. Sie wird nie soweit gehen können, all das, was wir auf Erden für erstrebenswert halten, gutzuheißen. Aber sie ist und bleibt das Schiff, auf dem wir gemeinsam unserem großen Ziel entgegensegeln. Wer dieses Schiff auf Grund laufen lassen will, nur weil ihm seine Koje zu unbequem scheint, der hat nicht alle Sprossen an der Leiter.

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