Dienstag, 6. September 2011

Katholisch? Ja, bitte!

Elsa hat diesen Artikel von Arndt Brummer ("... war einmal katholisch und erzählt, wie es ist, bei den Evangelischen heimisch zu werden") auf chrismon.de bereits gestern gewürdigt (dazu macht sich auch schon im Kommentarbereich eine ellenlange Diskussion breit inkl. Trolls, die mit dem Schwanz zwischen den Beinen heimgeschickt werden; sehr amüsant...). Der Artikel "Unter Ketzern" ist eine im Bereich "Lebensart und -philosophie" abgelegte "Grade noch rechtezeitig zum Papstbesuch"-Philippika, welche leider weder eine besondere Art des Lebens noch eine besondere Art der Philosophie offenbart sondern größtenteils ganz viel von oben herabgegossene "Protestanten = Checker! Katholiken = Dumpfbacken!"-Ätze.

Klar: Aus der Sicht des von seiner ehemaligen Kirche enttäuschten Ex-Katholiken und des in seiner neuen Kirche echt beheimateten Neu-Protestanten ergibt alles einen hübschen Sinn, und man darf dann da auch nicht gleich persönlich werden. Aber andererseits liest sich der ganze Text in der Tat so, als sei da grade jemand mit der Nase in einen dicken Haufen von Vorurteilen gestoßen worden, welche alle dem Konkurrenzprodukt gelten und welche er jetzt dementsprechend ganz schnell runterrasselt, um sein Produkt anzuwerben: "Protestantismus! Jetzt noch besser! 10% mehr Jesus! Ohne künstliche Glaubenszusätze!"

Auch die blöden und unnötigen Beschimpfungen des Autors ("Die rhetorische Scheindialektik des Mannes aus Rom..." (über die Worte des Papstes zur Diktatur des Relativismus); "Holy Horror Picture Show" (über Hochämter zu Weihnachten/Ostern - was übrigens die Frage aufwirft, wann denn der Autor früher als Katholik so in der Kirche war...); "überzogene, vergötzende Marienfrömmigkeit" etc...) entfalten ihr wahres Aroma erst gegen Ende des Textes, wenn der Autor fragt: "Warum spielt er [gemeint ist der "römische Apparat"] die Karte der Abgrenzung und hetzt immer deftiger gegen die Protestanten?" Gell? Oder? Kommt schon, Leute! Jetzt seid doch nicht so humorlos!

Gelernt hat man als Anhänger eines mit der Moderne versöhnten Glaubens von eben dieser Moderne immerhin, daß man sich letztlich als Opfer darzustellen hat, egal, was vorher war.

Naja, kommen wir zu den Zeilen, die mir besonders aufgefallen sind:
    Und schon gar nicht vermisse ich dieses Papstwort: Den Menschen müsse die Kirche wie ein Leuchtturm Orientierung bieten. Ich habe dies in meiner rebellischen Phase als An­maßung empfunden, vor allem dann, wenn es sich um Fragen der konkreten Lebensbewältigung handelt, kann aus menschenferner Distanz keine Hilfe kommen. Der Leuchtturm steht am Ufer und strahlt vor sich hin. Es kümmert ihn nicht, wenn ein Boot absäuft und ein anderes an den Klippen des Lebens zerschellt. Schuld sind dann nicht der Leuchtturm und sein Wärter, selbst schuld sind dann die Leute in den Booten, die nicht genügend vorsichtig waren und das Licht des Leuchtturmes nicht genügend beachtet haben.

    Die römische Kirchen-idee vom unfehlbaren Lehrgebäude des Papsttums, die gottlob von den katholischen Christen an der Basis täglich ad absurdum geführt wird, steht außerhalb des Lebens wie der Leuchtturm außerhalb des Ozeans. Christsein heißt: mit im Boot sitzen, gemeinsam mit den anderen nach Lösungen suchen, die Ruder ergreifen, die Pinne halten, besonders dann, wenn der Sturm aufkommt. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, braucht kluge und erfahrene Leute an Bord. Sie sollten in der Lage sein, konkret und rasch auf die ständig wechselnden Herausforderungen im Wogengang des Hier und Jetzt zu reagieren. Es geht nicht um abstrakte Exempel, sondern um teilnehmende Hilfe, um liebenden Rat. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Eine Frau und ein Mann, die über Präimplantationsdiagnostik nachdenken, brauchen konkrete Menschen an ihrer Seite, mit ­denen sie sprechen können, Seelsorger also, und keine dogmatischen Verlautbarungen von der Sorte „absolut verwerflich“.
Zum Leuchtturm, der die Kirche ist, kann ich leider - ganz katholisch hartherzig - nur eines sagen: "selbst schuld sind dann die Leute in den Booten, die nicht genügend vorsichtig waren und das Licht des Leuchtturmes [also der Kirche] nicht genügend beachtet haben." -> Stimmt!

Aber man könnte es ganz im Brummerschen Sinne natürlich auch anders versuchen: Wenn ein Sturm aufkommt, klettern die Leuchtturmwärter vom Turm, hinein in ein Boot, rudern über das wilde Wasser zum nächsten Schiff und klettern an Bord um zu helfen. In der Zeit kommt beim Leuchtturm ein Scherzkeks vorbei und macht das Licht aus. Oder eine Sicherung fliegt raus. Oder die Lampe muß ausgewechselt werden... Keiner da um sich darum zu kümmern? Pech! Die Leute im Boot werden sicherlich froh sein, daß die Leuchtturmwärter nun mit ihnen am Felsen zerschellen, und die nachfolgenden Boote werden sich ganz herzlich für den "Ganz nahe am Nächsten"-Einsatz der Leuchtturm-Crew bedanken.

A propos "Boot" bzw "Christsein heißt: mit im Boot sitzen, gemeinsam mit den anderen nach Lösungen suchen, die Ruder ergreifen, die Pinne halten, besonders dann, wenn der Sturm aufkommt.": Ja, danke! Ich fühle mich auf dem Schiff, das sich Gemeinde nennt, auch zunehmend sicherer, seit ich weiß, daß rebellierende Laien, Salon-Theologen und geltunsgsüchtige Priester alle gemeinsam am Runder herumreißen und es ständig in eine andere Richtung bewegen wollen als derjenige, der eigentlich als Steuermann vorgesehen ist. Da kann ich mich in den Stürmen unserer Zeit ja ganz beruhigt zurücklehnen.

Und was das PID-Beispiel betrifft... Naja... Die Lösung, die angestrebt wird, scheint mir eine Kirche zu sein, die ohne Lehramt ihre mit der Moderne versöhnten "Seelsorger" in die Haushalte schickt, wo diese sich dann bei Kaffee und Kuchen und Händchenhalten dazu überreden lassen, daß es so, wie es das individuelle Gewissen will, schon am besten ist.

Konkrete "Lebenssituationen" mit konkreten Bedürfnissen gibt es wie Sand am Meer. Es gibt aber auch Antworten der Kirche auf diese Situationen. Antworten, die sich an dem ausrichten, was die Kirche unter göttlicher Offenbarung versteht, angereichert mit den Erkenntnissen, die sich in dieser komischen Kiste mit der Aufschrift "Tradition" befinden, einer Kiste, die wiederum unter Zuhilfenahme der göttlichen Offenbarung gefüllt wurde. Kurz (Obacht! Total unökumenisch und nicht relativierend!): Die Kirche hat Antworten, die wahr sind! Diese Antworten schmecken dann entweder, oder sie schmecken nicht. Wer hingeht und in jeder einzelnen "Lebenssituation" Zucker über die weniger gut schmeckenden Antworten streut, der versüßt demnach nur die Lüge.

Kommentare:

gallus hat gesagt…

Den Chrismon-Artikel finde ich für Protestantens ziemlich entlarvend. Was er da als evangelische Kirche beschreibt ist doch nichts anderes als, na sagen wir mal: ein Rotary-Club. Gemütliches Beisammensein, bürgerliche Moral und gelegentlich mal eine karitative Aktivität.

Nichts gegen Rotarier, aber von meiner Kirche erwarte ich mehr. Und wirklich schön ist: von der einen heiligen katholischen Kirche bekomme ich auch mehr!

Anonym hat gesagt…

Zum Artikel von Arndt Brunner ist bei Elsa und jetzt beim Herrn Alipius bereits alles gesagt. Es wird deutlich wie Ökumene nicht geht, auch wenn es manche anders sehen möchten. Es ist ganz einfach unehrlich zu versuchen, bestehende Glaubensunterschiede einfach wegzubügeln. Man kann gemeinsam zum Hl. Geist um Wiederherstellung der Einheit beten, kann auf caritativen Gebieten gemeinsam arbeiten und versuchen auf gesellschaftlichem Gebiet, wenn es um allgemein christliche Werte geht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Das Gefasel vom "gemeinsamen Abendmahl" und ähnlichen Dingen sollte endlich zu den Akten gelegt werden. Hier sind endlich die Bischöfe um ein klares Wort gefragt.

. hat gesagt…

Gegen eines muss ich aber protestieren:
"von seiner ehemaligen Kirche" semel-semper ;)

Anonym hat gesagt…

Ich möchte nur einmal mehr darauf hinweisen, dass Brummer wohl kaum als Sprachrohr für alle Protestanten verstanden werden kann. Noch nicht einmal für alle Evangelischen aus den EKD-Mitgliedskirchen. Mal ehrlich: Chrismon würde keine Sau lesen, wenn es keine Beilage in der ZEIT wäre.

Was die Boot-Leuchtturm-Story anbelangt: Für die sichere Navigation der Boote sind in den Booten die Lotsen zuständig. Ihre theologischen Lotsen haben die Bootsbesatzungen schon längst über Bord geworfen und lassen sich jetzt von jeder Strömung treiben. Klar, dass es Brummer die Nase hochgeht, wenn der Papst für eine absolute Wahrheit einsteht und diese in der kath. Kirche auch durchsetzt.

Ach, das kommt mir alles so bekannt vor. Christen meiner Prägung haben von Brummers Seite auch schon genug "Fundi-Bashing" hinter sich.

Alipius hat gesagt…

@ curioustraveller: Ich wollte das auch wirklich nicht so verstanden wissen, als hielte ich Brummer für ein Sprachrohr. Ich hoffe, das kam nicht so rüber. Mich nervt seine persönliche Rangehensweise. Die wollte ich kritisieren.

Le Penseur hat gesagt…

@Rev. Alipius:

Kurz (Obacht! Total unökumenisch und nicht relativierend!): Die Kirche hat Antworten, die wahr sind!

Ich erlaube mir die relativierende Anmerkung: »... die ihrer Ansicht nach wahr sind!«

@ . :

Gegen eines muss ich aber protestieren:
"von seiner ehemaligen Kirche" semel-semper ;)


Der Ironie-Smiley entschärft die Sache ein wenig, aber ich fürchte, Sie meinen's trotzdem ernst ...

Das jedoch ist genau, was mir fast die Zornesröte ins Gesicht treibt: ich bin zwar zahlendes Mitglied der RKK, jedoch sollte ich mich entschließen, diese Kirche zu verlassen, dann ist sie eben meine ehemalige Kirche. Punkt. »Semel — semper« ist irgendwie das spirituelle Analogon zur Berliner Mauer.

Außerdem müßten Sie konsequenterweise alle Angehörigen der div. Ostkirchen und prrtestantischen Denominationen als Mitglieder der Kirhe zählen, dasie ja getauft sind. Worauf sogar der auch dogmatisch einigermaßen unverdächtige CIC verzichtet.

Catocon hat gesagt…

Gerade das PID-Beispiel zeigt, dass die evangelische Kirche in Deutschland längst sämtliche moralischen Erwägungen über Bord geworfen hat (außer bei Energiesparlampen, Feminismus, Steuererhöhungen und Mülltrennung, versteht sich). Psychotherapie statt Glaube - das könnte der Wahlspruch dieser Gruppierung sein. Sie wollen den Menschen keine "Orientierung" bieten, sondern eine Rechtfertigung für ihre Sünden und Missetaten. So richtig im Geiste der Nächstenliebe eben. Irgendwann wird es zu einem ökumenischen Treffen mit Vertretern der satanistischen Glaubensrichtung kommen... Natürlich gibt es gute evangelische Christen - aber die sind selbst meist sehr unzufrieden mit der EKD und ihren Unterstützern. Der sicherste Weg die Reformation zu verhindern wäre gewesen, Martin Luther zu erklären, wohin seine Handlungen am Ende führen würden. Er wäre sofort sich selbst geißelnd auf Knien von Wittenberg nach Canossa gereist.

Braut des Lammes hat gesagt…

Da sich ein Lesefehler scheints vervielfältigt hat: der Mann heißt "Brummer" – da ist der Name offenbar Programm…