Dienstag, 27. September 2011

Das Intimste...

Die sexuelle Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau ist das Intimste (also das Innerste, das Vertrauteste, das Engste) und auch das Folgenreichste, was sich zwischen einem Paar abspielen kann: Zwei Menschen kommen sich in Freundschaft, Liebe und Vertrauen so nahe, daß ein dritter Mensch gezeugt wird.

Seit John und Oko, Oswald Kolle und die Nackerten der Münchner Kommune dieses Heiligtum in die Massenmedien und die Unterhaltungsindustrie gezerrt haben, ist aus der Sexualität der Sex geworden. Und der verkauft sich bekanntlich. Dies nicht immer geschickt oder geschmackvoll oder fremdschamdrosselnd. Dennoch: Für nicht wenige Individuen und Gruppen in unserer Gesellschaft scheint es seit der sexuellen Revolution irgendwie dazuzugehören, das Intimste in das Öffentlichste zu verwandeln.

Wer erinnert sich nicht mit wohligem Grusel-Schauer an die Titel der Zoten-Marathons, die dem deutschen Sex-Film der 70er-Jahre zu Weltruhm verhalfen? "Auf der Alm da gibs koa Sünd", "Bohr weiter, Kumpel", "Unterm Dirndl wird gejodelt" oder auch "Sonne, Sylt und kesse Krabben"? Anfangs wurde die Schamesröte wohl doch nicht so ganz abgelegt und das 'schmutzige' Thema hinter spießigen Albernheiten versteckt, so daß man wenigstens befreit aufkichern konnte, wie man es als 10-Jähriger zusammen mit den Kumpels auch schon getan hatte.

Aber der Stein war ins Rollen gekommen und der totalen Durchleuchtung des persönlichsten Bereiches stand nichts mehr im Wege außer der eigene, eiserne Wille. Daß der oft zugunsten des schnellen TV-Ruhmes entscheidet, dürfte mittlerweile jeder wissen, der in den letzten 15 Jahren einmal für 3 Sekunden eine Talkshow gesehen hat.

Keine Frage: Die Menschen werden wohl nach wie vor größtenteils die eigenen vier Wände wählen, um den Akt zu vollziehen. Aber die Umwandlung der intimen Sexualität in den Leistungsmesser und Identitätsspender Sex hat dafür gesorgt, daß beim Thema irgendwo implizit eine Bringschuld an die Gesellschaft, ein Rechtfertigungszwang an den Rest der Welt mitschwingt. "Was tue ich mit wem aus welchen Gründen wie oft und auf welche Art? Aaaaaalso..."

Ich glaube nicht, daß es wirklich so viele Leute gibt, die sich so dringend für solche Dinge interessieren, aber man macht halt gute Miene zum bösen Spiel, denn Prüderie geht gar nicht, es sei denn, man will irgendwie unavantgardistisch rüberkommen ("Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!").

Schnitt und Szenenwechsel in die Kirche. Dort fand - ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die sexuelle Revolution marschierte - auch ein Wandel statt. Ist es Zufall, daß auch dieser Wandel auf das Intimste zielte?

Ich weiß, daß ich mich nun auf dünnes Eis begebe, weil einiges von dem, was ich nun schreibe, wie eine Kampfansage an die ordentliche Form unseres Ritus verstanden werden kann. Ich will aber keinen Kampf, ich möchte nur mal laut nachgrübeln.

Gibt es für einen Katholiken intimere Momente als die Zeit der Heiligen Messe und den Empfang der Eucharistie? Kann ein Katholik sich Christus näher fühlen, sich ihm enger verbunden und vertrauter, als in den Minuten, in denen er niemand anderem in die Augen schauen muß, mit niemand anderem reden muß und sich auf niemand anderen einlassen muß, als auf IHN?

Ich habe früher das ganze Trara um die alte Messe nie verstanden, weil ich sie nie kennengelernt habe. Als ich dann in Rom zum ersten Male den Ritus in der außerordentlichen Form besuchte, da waren die 70 x 70 cm, auf denen ich saß, stand und kniete, plötzlich mein Schlafgemach. Es wurde ernst und nahe und persönlich, wie nie zuvor in einer Messe. Und dies, obwohl die Leute sich dichter drängten als ich es von "handelsüblichen" Messen kannte.

Lag es daran, daß ich keinem Priester in die Augen sah? Vielleicht.

Lag es daran, daß ich nicht alles hörte und sah, was vor sich ging? Möglich.

Lag es daran, daß es nicht das Shake-Hands mit dem Banknachbarn war, das mich nach vorne zum Empfang der Kommunion führte, sondern Christus selbst, der während der ganzen Messe zwischen Choralklängen, Priestergemurmel und routiniert runtergerasselten lateinischen Antworten meinem stillen Herzen so gnadenvoll nahe kommen konnte? Mit Sicherheit.

Oft, leider zu oft, erlebe ich die Heilige Messe als den Punkt, an dem das ehemals Intimste zum Öffentlichsten wird. Viele Köche rühren im Brei herum. Böse Absicht will ich da gar nicht unterstellen. Man ist halt beisammen und da möchte man dann auch 'was draus machen. Problematisch ist für mich, daß ich oft vor meinem inneren Auge Christus abseits sitzen sehe, wie auf einer Einwechselbank am Spielfeldrand, während auf dem Platz alles drunter und drüber geht.

"Komm schon, Traier! Wechsel mich ein! Ich habe das Spiel schließlich erfunden!" - "Nee du, wart mal noch. Es kommen noch die bebilderte Predigt, die von Laiendarstellern inszenierten Fürbitten, das pantomimische Vater Unser und als Danklied der Rap von der Pfarrjugend."

Ich rede hier von Extremfällen, aber es sickern halt Dinge durch, auch dorthin, wo die Messe eigentlich ganz "normal" und ziemlich andächtig gefeiert wird.

Ich finde aber, daß es in unseren Kirchen während der Heiligen Messen durchaus wieder intimer und stiller und unwuseliger werden darf (eigentlich muß), daher habe ich mir erlaubt, diese Zeilen zu schreiben.

Kommentare:

Busfahrer hat gesagt…

Hm, ich benutze dieselben Argumente oft, wenn ich erklären muss, warum ich den Friedensgruß nicht immer schön finde und oft gerne in einer leeren Bank sitze. Mir fällt es auch schwer, mit Freunden und Bekannten zur Messe zu gehen, gerade wegen des Intimitätsgrades - da muss man mir schon sehr nahe sein.
Fan der Alten Messe bin ich trotzdem keiner geworden, aber sicherlich der würdevollen und hohen ordentlichen Liturgie.

Anastasis Villiers hat gesagt…

Ich persönlich empfinde die außerordentliche Form ganz im Gegenteil als für mich "intimitätsverhindernd", weil ich mich - vor allem durch das unhörbar gesprochene und für mich damit nicht direkt mitvollziehbare Hochgebet - als vom Geschehen am Altar ziemlich drastisch abgeschnitten empfinde. Deswegen kommt das für mich auch allenfalls für den Notfall in Frage.

Tiberius hat gesagt…

Ich erlebe es, wie Du es beschreibst. Es kann uns nicht schaden, wenn wir in allem etwas benediktinischer werden. Es ist das heißeste Eisen, das wir haben.

ancillaDomini hat gesagt…

Beide Formen kann man andächtig feiern oder nicht.

Vormessreform-Katholiken versicherten mir immer wieder, dass die Alte Messe scheusslich sein konnte. Gemurmel überall- vorn ein leiernder Priester, hinten die rosenkranzmurmelnde alten Frauen und dazwischen Mädchen, die in die Messbücher Liebesromane gesteckt hatten.

Nicht gut.

Wenn die Alte Form heute würdiger wirkt liegt das auch dadran, dass die, die sie feiern, dies auch tun wollen und es deshalb langsam, würdig und bewusst tun. Sowohl die vorne als auch on den Bänken.

Das, was damals mit Liebesromen und Rosenkranzmurmeln passiert ist passiert heute durch Tuscheln oder Small Talk während der stillen Momente.

Letztens erklärte mir ein ohne Frage wohlmeinender Banknachbar, dass der Priester aus XY lomme, noch bis dann-und-dann da sei und dann weiterstudiere in XY.
Das war nett geemint, aber eigentlich wollte ich lieber beten und anbeten.

Raphaela hat gesagt…

Also, ich kann bezeugen, daß ich mich bei der Heiligen Messe nie so komplett involviert und im tiefsten Sinne aktiv mitbeteiligt fühle, als wenn der Priester sich zusammen mit seiner Gemeinde dem Herrn zuwendet und eben nicht alles laut gesprochen wird, und eben nicht die größtmögliche Zahl an Laien irgendwie ein "Amterl" (Lektor, Kommunionhelfer) auszuführen hat. Da entsteht ganz automatisch eine tiefere Andacht und Intimität, gerade weil die zwischenmenschliche Dimension zugunsten der göttlichen in den Hintergrund tritt. Hauptsächlich aus diesen Gründen, und nicht als Flucht vor eklatanten liturgischen Mißbräuchen in der Neuen Messe (die ich bei uns eher selten erlebt habe) bin ich schließlich bei der Alten gelandet und liebe sie heiß.

L. A. hat gesagt…

Ganz berührend und mir bestens nachvolziehbar geschrieben, danke Alipius!
@Tiberius - "benediktinisch"
Ich bin oft in der "alten" Messe, hier "diözesanermaßen", (sonst bei der FSSP), so auch heute Abend. In letzter Zeit ist bei stillen Messen öfter ein Benidiktinermönch Zelebrant und allein dadurch verstehe ich, was Du hier mit benediktinisch meinst :-)
@Anastasis
Die alte Messe braucht schon Übung, ich glaube man tut sich anfangs mit dem Hochamt viel leichter, wo auch die Hochgebete meist als Choralmesse singend gebetet werden. Bald aber weiß man immer allein durch die Gesten des Priesters wo man ist und volzzieht Gebete und Respensorien innerlich mit. Das ist wirklich eine stille, einzigartige Intimität allein mit dem Herrn.

Anonym hat gesagt…

In den alten Zeiten, als man noch allgemein an so etwas glaubte, hieß es bei einer Hl. Messe feierten die Engel mit (oder gleichzeitig eine himmlische Liturgie oder so ähnlich) und trügen die Gebete der Gläubigen zum Himmel. Nun – könnte es nicht sein, dass die Engel die neue Messe meiden, weil sie ihnen nicht gefällt, bei der alten aber nach wie vor anwesend sind? Kann es sein, dass wir das trotz unseres Unglaubens unbewusst spüren und uns deshalb von der alten Messe angezogen fühlen?

Sponsa Agni hat gesagt…

Danke, ich sehe es ganz genausooooo...
Ist einfach wahr!

Max hat gesagt…

Wahre Worte! Hast denn jetzt als Priester schon die "Alte" Messe selbst gefeiert, und falls ja, wie waren deine Empfindungen dabei?

Alipius hat gesagt…

@ Max: Nein, ich brauche erst einmal gutes Training bevor ich die alte Messe feiere. Irgendwann...

Busfahrer hat gesagt…

Wow, ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass jetzt auch hier eine "Alt vs. Neu - Debatte" entsteht. Das mit den Liebesromanen kann ich gut als Hindernis verstehen, stimme aber bezüglich der Zelebrationsrichtung Rafaela gerade nach meinen Erfahrung mit der Oxforder High Church, die immer nach Osten zelebriert (irgendwann schaffe ich es auch, ein liturgisches Argument ohne Verweis auf Oxford zu bringen), völlig zu. Ich finde es inzwischen hinderlich, wenn der Priester "mit mir spricht" und nicht mit dem Herrn (dass es nicht eigentlich so ist, weiß ich auch, es geht mir da grade um Empfindungen).
Vielleicht auch dazu was vom Profi Alipius? Ist die Zelebrationsrichtung in und um Klosterneuburg denn verschieden, und wie sind die Erfahrungen?

Andrea hat gesagt…

@Anonym: "Nun – könnte es nicht sein, dass die Engel die neue Messe meiden, weil sie ihnen nicht gefällt,"

Nein, solange die neue Messe die Vergegenwärtigung von Tod und Auferstehung Christi ist (und ich hoffe, das steht hier nicht zur Disposition), könnte das mal so rein theologisch gesehen wohl eher nicht sein. Auch wenn es ungemein fromm-poetisch klingt ...

@L.A.: Nun, mal sehen. Bis jetzt sehe ich allerdings eigentlich keinen Grund, meine ganz klare spontane Abneigung überwinden zu müssen/sollen/wollen. Ich glaube einfach nicht, daß Gott mir dort etwas schenken könnte, was er mir in einer Messe, wie sie für mich normal und stimmig ist, nicht schenken kann.

(Sorry übrigens, habe oben unbeabsichtigt unter einem zufällig grade aktiven Google-Konto gepostet (Anastasis) ... wenn ich jetzt wieder so poste wie gewöhnlich, geschieht das nicht in der Absicht, zwei verschiedene Diskutanten vorzutäuschen.)

Sursum corda hat gesagt…

Danke an dieser Stelle für den schönen Bericht und auch Danke für das ausgewogene Diskutieren über das Thema, das nicht gleich die Atmosphäre vergiftet. Wie of muß man leider erleben, daß die Debatte alt/neu zur Schlammschlacht wird.

ancillaDomini hat gesagt…

Es geht mir auf keinen Fall dadrum, die beiden Messen ggeneinander auszuspielen. Ich mag Latein& den "Pomp", das tut nicht jeder und es wäre einfach nur falsch, meine persönlichen Vorlieben jedem anderen aufzwingen zu wollen. Die Messe soll nicht zur "das will ich aber so"-Show werden.

Aber ich finde es schade, dass der Alte Ritus nicht öfter gefeiert wird. Hier am Ort habe ich dafür gar nicht die Möglichkeit. Das schränkt die Wahlmöglichkeit deutlich ein.

wrtlx hat gesagt…

Eindrucksvolle und sehr persönliche, "intime" Betrachtung der Liturgie.
Ich finde, den Teil vor dem Schnittwechsel hätts gar nicht gebraucht - will sagen die Gegenüberstellung des Wandels im römischen Ritus mit dem Wandel der Sexualisierung der Gesellschaft.
Der 2. Teil des Posts kann ohne vorige Erklärung so alleine stehen und ich finde ihn sehr beeindruckend. Besonders die Beschreibung der Stille " Kann ein Katholik sich Christus näher fühlen, sich ihm enger verbunden und vertrauter, als in den Minuten, in denen er niemand anderem in die Augen schauen muß, mit niemand anderem reden muß und sich auf niemand anderen einlassen muß, als auf IHN?"

L. A. hat gesagt…

@Andrea
Danke für die Antwort!
So war das nicht gemeint, ich spreche wie Du von meinen Erfahrungen. Nur wenn jemand neu interessiert sein sollte, scheint es mir ratsam, mit dem auch prachtvoll triumphalen Sonntagshochamt der "Tridentina" zu beginnen, da wird man auch ohne Vorwissen schon gleich mit der Asperges- Prozession und dem Stufengebet anfangs in die Schönheit dieser Form hineingezogen.
Ich muß gestehen, daß ich die neue Messe erst durch die alte überhaupt erst richtig nachvollziehen kann.

Andrea hat gesagt…

@L.A.: Ok, ich glaube, jetzt hab ich Dich wirklich verstanden. Danke!

Damian hat gesagt…

Letztens versuchte ich einem Protestanten zu erklären, warum deren Drängeln um eine Zulassung zur Hl. Kommunion so daneben ist. Weil nämlich für einen Katholiken die Kommunion so ziemlich das Intimste ist. Wäre nämlich ein Freund, und sei es mein bester, bei uns zu Hause zu Gast, und würde anfangen, ständig darum betteln, sich in unserem Schlafzimmer aufhalten zu dürfen, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit, so wäre unsere Freundschaft wohl bald vorbei.
Soviel zum Thema Intimität.---
Als ich meine erste FE-Messe erlebte, dachte ich, ich bin im Himmel. Kurz zuvor war nämlich mein Genervtsein über liturgische Eigenmächtigkeiten so ziemlich auf dem Höhepunkt. Da kann eine Liturgie noch so feierlich und "würdig" gestaltet werden - wenn der Zelebrant trotz der vielen Freiräume meint, sich über auch nur einzelne liturgische Regeln hinwegsetzen zu können, so empfinde ich es, als verdränge er den Herrn aus dem Vorsitz der Feier, als handele er nicht mehr in persona christi, sondern als Herr XYZ. Und das ist im Novus Ordo, wo auch immer ich ihn antreffe, leider die Regel.

Teresa hat gesagt…

Seit 2007 (Summorum Pontificum) besuche ich sonntags die Hl. Messe im alten Ritus, werktags im neuen. Meine Liebe gilt dem außerordentlichen Ritus. Wenn ich die Hl. Messe im ordentlichen Ritus besuche, versuche ich es immer dort zu tun, wo ad orientem gefeiert wird. Die Änderung der Gebetsrichtung ist für mich am augenfälligsten und schlicht gesagt - am schwersten erträglich.

L. A. hat gesagt…

@Teresa - ad orientem

Es geht also offenbar einigen so, versteh ich bestens, die haben früher einfach gewußt,was zu tun ist.

@Andrea

Merci!

Lauda Sion hat gesagt…

Lieber Leser aus Innsbruck :)(danke fürs aufmerksammachen)Ich kann hierzu nur sagen, dass ich keinen direkten Vergleich zur "neuen" Messe habe, was mich allerdings stört ist zu wenig "stille" Zeit. Pesönlich schotte ich mich ja schon seit längerer Zeit etwas von der Gemeinde ab, erst durch Schleier, mittlerweile bevorzuge ich meine Fliesjacke mit Kaputze, was natürlich bei vielen auf Unverständnis stößt, vor allem in Kombination mit der Mundkommunion und dann sitzen meine Freundin und ich auch immer vorne, wo die Bänke leer sind...
Letze Woche erst sagte mir eine Ordensschwester! dass man sich in der Messe nicht abschotten sondern für alle Besucher offen sein sollte um gemeinsam mit allen zu feiern. (Sie ist ungefähr so progressiv, wie ich konservativ ^^)Ich sagte ihr, dass man mMn nicht wegen den Leuten zur Messe gehen sollte, sondern um Gott die Ehre zu geben und warum sie denn dann noch ihren Schleier trägt? (Sie: Weil er zum Habit gehört mehr nicht...)
Dank diesem Beitrag möchte ich kennenlernen. Thx