Samstag, 3. September 2011

"Belonging Without Believing"

Mittlerweile ist Erzbischof Zollitschs Klage über den "Reformstau in der katholischen Kirche" (wie nachzulesen in der ZEIT) ja blogoezsenweit aufgenommen und verarbeitet worden. Auch Kardinal Meisner und Nuntius Périsset haben sich dazu geäußert.

Zum Zankapfel geriet (wieder einmal) die Behandlung von wiederverheirateten Geschiedenen. Barmherzigkeit gegen Wahrheit, so scheint - vereinfacht - der Grundtenor der Chöre zu lauten, die rechts und links des Grabens erschallen.

Ich werfe einen Blick auf die Kirche mindestens in den deutschsprachigen Ländern, wenn nicht gar im größten Teil Europas, und ich sehe zuerst einmal ein Phänomen, welches Mitbruder Elias im zweiten Teil des Interviews unserer US-Boys in Glen Cove als "Belonging Without Believing" bezeichnet hat und welches Michael Gurtner in einem Kommentar auf kathnews.de so umschreibt:
    Die Grundfrage lautet also nicht mehr: „Wie sieht mein Verhältnis zu Gott aus? Ist es so daß ich ihn sakramental empfangen kann?“, Sondern aus dieser Frage, welche man sich vor dem Sakramentenempfang stellen sollte wurde im Denken vieler die (falsche) Behauptung: „Ich bin Kirchenglied, also kommuniziere ich um dieses sichtbar zu machen. Wer nicht kommunizieren darf, ist umgekehrt auch kein Kirchenglied“.
"Belonging Without Believing" heißt, daß viele Katholiken heute den Kirchgang und den Kommunionempfang zum großen Teil als ein soziales und kulturelles Geschehen empfinden und weniger als eine aus dem Glauben an Gott und aus der persönlichen Beziehung zu Christus zu ziehende Konsequenz.

"Belonging Without Believing" heißt nicht, daß diese Katholiken keinen Glauben haben. Es heißt aber wohl, daß die auf diesen Glauben folgenden Taten sich häufig nur in der Gemeinde manifestieren und weder in der kleineren Einheit der Familie noch in der großen Weite der Gesellschaft. Hinzu kommt, daß diese Taten oft einhergehen mit einem Gefühl der "Berechtigung", welches selbst wieder nur im Kontext der Gemeinde/Gemeinschaft Nahrung erhält: "Ich habe ein Recht auf die Kommunion, denn ich bin Mitglied der Kirche" wird hier gesagt, wo eigentlich - wie Gurtner auch schreibt - die Frage nach dem Verhältnis zu Gott stehen sollte.

Und dann sind wir auch schon beim Gewissen, welches natürlich in der Debatte eine große Rolle spielt. Das Gewissen ist eben nicht jene Stimme, die uns erklärt, daß der Empfang der Kommunion für uns ganz persönlich schon okay ist, auch wenn die Kirche aus der geoffenbarten göttlichen Wahrheit und der darauf folgenden Überlieferung andere Schlüsse gezogen hat und zieht. Das Gewissen ist jene Stimme, die uns sagt, daß sich der Empfang der Kommunion sicherlich irgendwie "gut anfühlen würde" und als Zeichen der Zugehörigkeit auch bestimmt auf die Anderen den gewünschten Eindruck machte, daß wir aber dennoch im momentanen Zustand unsere Finger bzw Zungen besser im Zaum halten sollten und den Kommunionempfang nicht als ein Zeichen verstehen dürfen, welches wir den Anderen geben, sondern als eine Gnade, für deren Empfang wir innerlich gerüstet sein müssen.

Dieses "innerlich gerüstet Sein" aber wird nur dort verstanden, wo der Mensch eben nicht nur desewegn in die Kirche geht, weil er dazugehört und dazugehören will und dieses Dazugehören durch Teilnahme an der Kommunion demonstrieren möchte, sondern wo der Mensch in die Kirche geht, weil er die persönliche Beziehung mit Jesus Christus aufrecherhalten und vertiefen möchte und diese Beziehung durch den Empfang der Kommunion im gerüsteten Zustand immer wieder neu krönen möchte.

Da aber eben in unseren Ländern das "Belonging Without Believing" nun mal auf dem Vormarsch ist und die Glaubensunterweisung der Laien durch die Priester... nun ja... besser sein könnte, befinden wir uns hier in der Tat in einem Teufelskreis.

Für mich wird der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auch noch zu der ein oder anderen unangenehmen Situation führen. Daß diese Leute immer noch Glieder der Kirche sind und als getaufte Katholiken immer noch von Jesus geliebt werden, daß sie in vielen Fällen ihr Mißgeschick nicht kalt lächelnd und sich auf den Zwist mit der Kirche freuend geplant haben, sondern oft schwere Schicksalspakete mit sich herumtragen: All das sollte und wird mir Ansporn genug sein, meine Arme im Willkommen-Modus zu halten. Daß andererseits immer weniger Menschen verstehen werden, warum sie als Glieder der Kirche nicht unlimitierten Zugang zu allen Sakramenten haben (obwohl es sich doch eigentlich richtig anfühlen würde, sie zu empfangen), darauf werde ich vorbereitet sein müssen.

Ächz...

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Man muß sich unbedingt hinter die Ohren schreiben (und damit meine ich auch mich selber):

Der Sünder steht, auch als solcher, unter keinerlei moralischer Verpflichtung, ungläubig zu sein.

Silvia hat gesagt…

Ein großes Problem in dem Umgang mit wiedervereirateten Geschiedenen ist, daß das Leid der Verlassenen unter den Tisch zu fallen scheint - sie sind nicht die einzigen, die leiden... Sophie hat dazu einen guten Beitrag geschrieben: http://literaturundleben.blogspot.com/2011/09/frau-x-und-herr-z.html

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Herr Alipius,

vielen Dank für diesen nachdenklichen und nachdenkenswerten Beitrag!

Als jemand, der in der protestantischen Tradition groß geworden ist, möchte ich noch anmerken, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen der Wahrheit, die uns frei macht, und der Freiheit, die sich wahr machen möchte.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Anonym hat gesagt…

Ehescheidung und Wiederverheiratung ist ein schwieriges Thema unserer Zeit. Wahrscheinlich kennt jeder in seiner Gemeinde solche "Fälle". Vom Mann (meistens) verlassen und nach Jahren des Alleinseins wieder einen Partner gefunden und geheiratet. Nun ja. Kommunionempfang nein. Andere heiraten nicht, leben miteinander, und gehen zur Kommunion. Wieder andere waren in erster Ehe nur standesamlich getraut, ließen sich scheiden, ein Partner heiratete wieder, aber dieses Mal vor einem Priester mit Brautamt (ist tatsächlich vorgekommen). Praxis in unserer Zeit. Nur ist dieses Thema zu kompliziert, daß man es auf so oberflächlich fragwürdige Weise anspricht -als Kronzeugen den Bundespräsidenten anführt- wie es EB Zollitsch getan hat. Nur mit Hilfe des Hl. Geistes kommt man hier weiter und das letzte Wort sollte dem Nachfolger des hl. Petrus vorbehalten sein.

Anonym hat gesagt…

@anonym

Es ist überhaupt nicht wahr das man von Mann meistens verlassen wird. Männer riskieren nämlich "Leib und Leben" bei einer Scheidung - das Scheidungsunrecht hat schon so manche Männer hinterlassen die sich selbst ermordeten.

Es sind die Frauen welche sich "Selbstverwirklichen" wollen oder die von der Scheidungsindustrie dazu überredet werden sich Scheiden zu lassen und die Männer auszunehmen.

80% der Scheidungen werden von Frauen eingereicht - aber sicher nicht weil "80% der Männer einen Grund dafür lieferten". Die meisten Männer sind nach der Scheidung nämlich ruiniert fürs Leben. Selbst wenn die Frau den Mann betrogen hat und "es halt nicht mehr ging". Aufwachen, Realitäten in Ansicht nehmen!

Mehr Informationen: www.antifeminismus.ch

Hans