Sonntag, 14. August 2011

Zum heutigen Evangelium

Das heutige Evangelium zeigt uns einen Jesus, der beim ersten Hinhören ungewohnt grob und abweisend wirkt. Um den Text richtig zu verstehen ist es – wie so oft in den Evangelien - hilfreich, auf die genaue Abfolge der Ereignisse zu achten. Dann erkennt man leicht, daß Jesus sowohl seinen Jüngern als auch uns eine zweifache Lehre erteilt.

Jesus weist die kanaanäische Frau nach ihrer ersten Bitte nicht ab. Er schweigt. Daraufhin bitten ihn die Jünger, der Frau zu helfen, weil sie ihnen hinterherschreit. Jesus antwortet: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt" und bringt somit die Figuren für sein Lehrstück in Position.

Denn als die Frau letztlich vor ihm auf die Knie geht und ihre Bitte wiederholt, sagt Jesus den grob anmutenden Satz "Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen", um so der kanaanäischen Frau die Gelegenheit zu geben, ihren großartige Antwort zu geben: "Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen."

Wenn ich die Situation in meiner Phantasie durchspiele, dann sehe ich, wie Jesus und die Frau einen wissenden Blick und vielleicht sogar ein schelmisches Grinsen austauschen. Denn sie haben - im Gegensatz zu den Jüngern - etwas erkannt.

Jesus Jünger besitzen ja ohnehin die Angewohnheit, hier und dort in ein Fettnäpfchen zu treten. Sie streiten sich, wer unter ihnen der Größte ist, sie schicken ihre Mutter vor, damit sie für einen Platz direkt neben Jesus im Reich Gottes sorgt, sie wollen Jesus - wenn auch aus gutem Willen und aus Anhänglichkeit - an der Erfüllung seiner Mission hindern, sie verleugnen ihn und so weiter.

Und auch hier haben die Jünger die richtige Idee, allerdings aus den falschen Motiven. Sie wünschen, daß Jesus der Frau hilft, aber nicht, weil sie die Not gelindert sehen wollen, sondern weil sie sich offenbar wegen des Geschreis und der Aufmerksamkeit schämen, welche die Frau erzeugt.

So bringt Jesus also die Frau dazu, ihren Glauben zu demonstrieren und zeigt damit seinen Jüngern, daß das Geschrei sich durchaus lohnt: "Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen."

Die doppelte Botschaft, die doppelte Einladung, die Jesus damit an seine Jünger und an uns richtet lautet: Helft aus Nächstenliebe und nicht, weil euch das Geschrei des Bittenden peinlich ist. Und wenn ihr selbst schreien müßt, so scheut euch nicht, es zu tun. Euer Vater im Himmel kennt euren Glauben, er wird euch hören und er wird euch helfen.

Daß es uns immer gelingen mag, zur tätigen Nächstenliebe offen, im Glauben fest und im Gebet treu zu bleiben, und uns weder von unverständigen Menschen noch von unangenehmen Augenblicken ablenken zu lassen, dabei helfe uns der Allmächtige Gott.

Kommentare:

Catocon hat gesagt…

Schöner Artikel und Balsam für meine Katholikenseele - denn ich hatte heute das zweifelhafte Vergnügen, einer Predigt beizuwohnen, in der davon gesprochen wurde, dieses Evangelium zeige uns, dass Jesus "ein Lernender" gewesen sei, der "seine Vorurteile gegenüber einer Ausländerin" erst habe überwinden müssen, bevor er helfen konnte...
Als ob Gott selbst erst noch in die Schule der Antidiskriminierungswächter gehen müsste!
Da klingt die Interpretation als Lehrstück für die Jünger schon plausibler und ist kompatibel mit der Lehre der Kirche.
Catocon.

Ludolph hat gesagt…

Den lernenden Jesus musste ich mir auch anhören. Die Idee scheint leider weiterverbreitet zu sein oder wir waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort.