Freitag, 5. August 2011

Was ich davon halte?

Elsa hat auf ein Dokument des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen (KFN) verlinkt.

Das Dokument trägt den Titel
    Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz - Forschungskonzept für eine empirische Untersuchung*

    (* Zum obigen Thema hat das KFN im Herbst 2010 ein ausführliches, 24-seitiges Forschungskonzept erarbeitet und der Deutschen Bischofskonferenz zugeleitet. Auf der Grundlage der danach eingegangenen Rückmeldungen haben wir den nachfolgend dargestellten Untersuchungsplan überarbeitet und ihn Mitte Februar 2001 als Drittmittelantrag bei der Deutschen Bischofskonferenz eingereicht)
Das Dokument beschreibt zuerst die Ziele, welches das Projekt verfolgt:
  1. Die Untersuchung soll erstens belastbare Zahlen zum sexuellen Missbrauch durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige erbringen – und dies einerseits im Hinblick auf die Längsschnittentwicklung seit 1945 und andererseits als Querschnittsanalyse zur aktuellen Situation der Jahre seit der Jahrtausendwende.

  2. Zum zweiten geht es darum, die Entstehung und den Verlauf des Missbrauchsgeschehens aus der Sicht der Opfer nachzuvollziehen und zu klären, welche Folgen die Taten bei ihnen ausgelöst haben.

  3. Ein zentrales Anliegen ist es ferner, das Handeln der Täter zu analysieren und die Bedeutung der Einflussfaktoren zu erfassen, die ihre Taten gefördert haben

  4. Viertens soll die Untersuchung klären, wie sich die Katholische Kirche gegenüber Tätern und Opfern verhalten hat.

  5. Schließlich geht es darum, gestützt auf die Untersuchungsergebnisse das bisherige Präventionskonzept der Kirche zu überprüfen und falls nötig ergänzende Vorschläge zu erarbeiten.
Zentrale Fragestellungen, die mit Hilfe der Längsschnitts- und Querschnittsanalyse untersucht werden sollen, sind unter anderem:
  • Welche Besonderheiten weisen Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige, die Täter des sexuellen Missbrauchs waren, im Hinblick auf ihre Kindheit, ihre Jugend und ihr soziales Umfeld auf? Welche Besonderheiten ergeben sich hier im Hinblick auf die Täter, die zur Durchsetzung ihrer Missbrauchswünsche oder als Mittel der sexuellen Befriedigung Gewalt eingesetzt haben?

  • Welches waren die von den Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen bevorzugten Vorgehensweisen bei der Anbahnung des sexuellen MissbrauchsMinderjähriger? Auf welche Weise wurde er beendet? Wer hat dazu die Initiative ergriffen? Welche Besonderheiten ergeben sich im Hinblick auf Tatorte und Tatzeiten? Auf welche Weise haben die Täter versucht, die Opfer dazu zu bringen, dass sie über das Erlebte schweigen?

  • Ergeben sich aus den Personalakten zu den kirchlichen Tätern des Missbrauchs besonderen Verhaltensauffälligkeiten, wie etwa Körperverletzungsdelikte gegen Kinder und Jugendliche, Alkohol- oder Drogenprobleme, Verstöße gegen Dienstpflichten, finanzielle Unregelmäßigkeiten oder sonstige disziplinarrechtlich relevante Verstöße?
Da eine Übersendung von Personalakten an das KFN aus kirchenrechtlichen Gründen ausgeschlossen ist, will die KFN Strafrichter und Staatsanwälte a.D. beauftragen, in den von der jeweiligen Diözesanverwaltung bzw. Ordensgemeinschaft zur Verfügung gestellten Räumen sämtliche Akten des betreffenden Zeitraumes (also der letzten 65 Jahre) einzusehen.

Danach soll für jede Diözese einer der ausgewählten Juristen als örtlicher Koordinator gemeinsam mit dem jeweiligen Leiter des Diözesanarchivs sämtliche Personalakten von Priestern und Diakonen prüfen lassen, ob sich dort Hinweise auf sexuellen Missbrauch finden lassen.

Warum die penible Aktenarbeit? Sie führte bereits einmal zu Ergebnissen:
    Jede einzelne Akte muss als erstes daraufhin geprüft werden, ob sich in ihr ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch finden lässt. Dies bestätigt eine im Jahr 2010 in der Erzdiözese München und Freising durchgeführte Untersuchung zu allen registrierten Fällen des innerkirchlichen Missbrauchs der letzten 65 Jahre. Wie uns die mit dem Projekt beauftragte Rechtsanwältin Frau Dr. Westpfahl berichtete, ist es ihr gelungen, im Ergebnis neunmal mehr Fälle des Missbrauchs zu identifizieren als sie vorher dem zuständigen Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese durch eigene Recherchen oder durch Hinweise von Opfern bekannt geworden waren.

Wie es mir nun damit geht?

Keine Ahnung!

Das werde ich Euch erzählen, wenn ich erfahre, ob ich in der Vergangenheit einmal irgendetwas getan habe, was nach Abschluß der Studie als klassischer Bestandteil eines priesterlichen Kinderschänder-Profils gilt.

Ernsthaft: Täterprofile sind natürlich Bestandteil von Ermittlungsarbeit, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich damit so wohl fühle.

Ich bin mir auch nicht sicher, welche Auswirkungen dieses Projekt auf die Berufungssituation hat und wie "geheim" die Informationen in den Akten letztlich wirklich sein werden.

Insgesamt hänge ich so ein wenig zwischen den Resultaten "Erfolgreiche Aufklärungsarbeit und Prävention" und "Der Priester als gläserner Amtsträger" (Regina Einig/Die Tagespost), mit dem kleinen Unsicherheitsfaktor, daß theoretisch beide Resultate eintreten könnten, was dann zu dem Resultat führte: "Die Kirche als mißbrauchsfreier Raum total erfaßter und überwachter Amtsträger".

Msgr Michael Fuchs, Generalvikar von Regensburg, sagt jedenfalls in einem Interview zum Thema (ebenfalls bei Elsa einzusehen):
    "Für unsere Diözese heißt das ganz klar: Kein KFN-Mitarbeiter oder andere Unbefugte erhalten Einblick in die Personalakte."
MSM titeln "Diözese schützt Kinderschänder!!!" in 5... 4... 3... 2...

Kommentare:

kleinschreiber hat gesagt…

ein paar anmerkungen.

1. die mit der aktendurchsicht beauftragten personen sind leute, die zu zeiten ihrer beruflichen aktivitäten sehr daran gewöhnt waren, über details der ihnen anvertrauten verfahren stillschweigen zu wahren. ich gehe fest davon aus, dass die betreffenden im rahmen ihrer tätigkeit für dieses projekt zum stillschweigen verpflichtet werden. alles andere wäre echt unsauber.

2. was steht denn in so einer personalakte drin? (ich hab sowas noch nie gesehen.) jeder einzelne fußtritt, oder nur irgendwie auffälliges? wenn ein priester als betreuer mit ins jugendlager fährt, findet das vielleicht nicht einmal erwähnung, oder nur als unkommentierter eintrag. wenn nach diesem jugendlager irgendwelche gerüchte die runde machen, findet das vielleicht erwähnung. und so weiter. was ich meine, ist: wie gläsern ist denn der amtsträger schon qua aktenführung?

3. es werden akten von 1945 bis "heute" gesichtet werden. nach dem ende der studie ist schluss. man kann also nicht von einer totalen erfassung und überwachung reden (die nach der studie ja noch weiter ginge. die richter und staatsanwälte a.d. werden aber sicher noch anderes zu tun haben, als bis zu ihrem lebensende akten zu wälzen.).

4. "diözese schützt kinderschänder" wäre keine schlagzeile, die mir zu der verweigerungshaltung des msgr fuchs einfiele, aber "diözese stellt sich aufklärung in den weg" schon. der erste punkt ("belastbare Zahlen" - für mich mit betonung auf "belastbar") ist doch sehr wichtig. bislang hört man immer nur extreme anschuldigungen. der immerhin erbrachte nachweis, dass nur 0,1 % der delikte von priestern oder kirchenmitarbeitern (steht im seewald-interviewbuch, genaue details müsste ich erst nachlesen) begangen wurden, ist aber nicht belastbar, weil die absolute zahl der delikte und die absolute zahl der priester oder kirchenmitarbeiter nicht genannt werden. 0,1 % klingt erstmal nach ziemlich wenig; wenn aber diese 0,1 % von 100 % der priester begangen wurden, ist an den reißerischen vorwürfen einiges dran. nicht dass ich das annehme, aber belastbare zahlen wären echt mal eine wohltat - so oder so. und sich deren bereitstellung in den weg zu stellen ist wirklich nicht zielführend.

Alipius hat gesagt…

@ kleinschreiber:

1) Ich gehe auch davon aus, daß die Profis Erfahrung mit Stillschweigen haben. Aber am Prozeß sollen ja z.B. auch Mitarbieter der diözesanen Archive beteiligt sein. Und ich denke, es ist nicht allzu paranoid zu vermuten, daß bestimmte Teile der MSM da schon in den Startlöchern stehen, um mit allen möglichen Mitteln an Informtionen zu kommen.

2) Ich weiß nicht genau, was in den diözesanen Akten drinsteht. Aber wenn der Generalvikar ein ungutes Gefühl bei der Sache hat, dann gehe ich davon aus, daß es ihm entweder ums Prinzip geht (grundsätzlicher Datenschutz), oder daß es vielleicht auch Informationen gibt, die in einem ganz anderen Zusammenhang stehen und daher die Leute von KFN nichts angehen.

3) Natürlich muß die Datenerhebung und -auswertung irgendwann ein Ende haben. Aber dann hat man plötzlich ein schickes Profil potenzieller Täter, und junge Männer, die eigentlich nur ihrer Berufung folgen möchten, müssen sich plötzlich unangenehmen Fragen aussetzen, weil sie in ihrer Jugend mal x oder y gemacht haben, was zufällig 63% aller mißbrauchsmäßig auffällig gewordenen Priester ebenfalls taten. Stelle ich mir nicht angenehm vor.

4) Gegen belastbare Zahlen habe ich auch nichts. Mir wird eben nur ein wenig mulmig beim Gedanken an das, was dann aus diesen Zahlen gelesen wird (siehe Punkt 3).

Aber: Ich habe ja im Artikel geschrieben, daß ich das Resultat "Erfolreiche Aufklärung und Prävention" für möglich und wünschenswert halte. Ich sehe die Sache nicht komplett schwarzt, aber das letzte Jahr inkl. einiger persönlicher Erfahrungen hat mich gelehrt, daß es nicht wenige Leute gibt, die nichts lieber tun, als in der Kirche Dreck zu finden oder zu erfinden. Da sehe ich eine Gefahr.

Chrysostomos hat gesagt…

Meines Erachtens geht das ziemlich scharf an der Diskriminierung männlicher Geistlicher entlang. Es wird ja praktisch das ganze männliche Personal der letzten 65 Jahre überprüft. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es eine Gewerkschaft dulden würde, wenn wegen vorgekommener Vergehen im Lehrergewerbe, bundesweit alle Lehrer seit dem Ende des letzten Krieges "sicherheitshalber" überprüft werden. Da würde man sich zu Recht auf die Unschuldsvermutung stützen. Und ich möchte das Geschrei nicht hören, wenn man alle Frauen, die in Schulen, Heimen oder sonstwo arbeiten bis 1945 zurück überprüfen würde, nur weil es Frauen gab, die dieses oder jenes gemacht haben. DAS wäre SOFORT frauenfeindlich. Aber natürlich, das ist etwas anderes. Priesterfeindlichkeit ist so sehr Mainstream geworden, daß die Bischöfe schon eingeknickt sind und glauben, sie könnten weiterer Priesterfeindlichkeit nur wehren, wenn sie nachgeben. Im Grunde treiben sie den Teufel mit dem Beelzebub aus. Allein schon die Ankündigung, daß alle Personen überprüft werden, wird in der Öffentlichkeit als Eingeständnis gewertet, daß es in diesem Berufstand ja nichts anderes als systematisch Mißbrauch geben muß.
Und warum das alles: Weil einzig die kathol. Kirche noch für eine Ordnung der Werte steht. Und das ärgert viele. Umso feiner für diese Leute, wenn unter den wichtigsten Amtsträgern der Kirche, also den Priestern, Skandale passieren. Damit kann man die Kirche am allerbesten angreifen. Das wußten übrigens schon die Nazis.
Es gibt nun weit mehr Mißbrauch in den Familien. Käme irgendwer auf die Idee, alle Väter und Onkels auf ein polizeiliches Führungszeugnis zu verpflichten? Es gäbe einen Aufschrei. Zu Recht.