Montag, 1. August 2011

Und die Stadt stimmt auch noch...

Berlin, 2010:





Berlin 1933:




[HR: Der Predigtgärtner]

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Das zweite Video ist blockiert.

Le Penseur hat gesagt…

Man stelle sich vor, man hätte statt der Kreuze was anderes ins Wasser geschmissen, z.B.
das da.

Wäre irgendwie interessant, die Reaktionen in Medien und auf den Straßen zu vergleichen ...

Alipius hat gesagt…

@ Stanislaus: Sorry! Es ist ein "1000 Kreuze in die Spree"-Video, in dem man sieht, wie typische "Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat"-Wesen unter Johlen und Schlachtrufen während der letztjährigen "1000 Kreuze für das Leben"-Demo Pappkreuze in die Spree werfen, die sie vorher den Lebensschützern entrissen haben.

Johannes hat gesagt…

Es ist das zweite, was nicht geht, das mit der Bücherverbrennung 1933.

kleinschreiber hat gesagt…

der vergleich ist grob unpassend. auch wenn die typen mit den kreuzen doofe krawallnasen sind: sie in diesen topf zu werfen, wird einigen geschichtlichen aspekten, die an dem bücherverbrennungsvideo hängen, mehr als ungerecht.

bäh. solche griffe ins rhetorik-klo haben wir wirklich nicht nötig.

Bellfrell hat gesagt…

Dreh'n die jetzt alle durch?
Und diese Performance ist politisch korrekt, schürt keinen Hass, hat nichts mit Verhetzung zu tun und verletzt keine religiösen Gefühle?
@Le Penseur:
Ja, das wäre wirklich interessant!

Alipius hat gesagt…

@ Johannes: Ach klar! Steht ja sogar da! Ich bin so blind! Sorry! Also: Das zweite Video zeigt die Bücherverbrennung in Berlin von 1933...

Alipius hat gesagt…

@ kleinschreiber: Es geht nicht um dranhängende Aspekte, sondern um Prinzipien und die finde ich gespenstisch ähnlich.

Anonym hat gesagt…

"... wird einigen geschichtlichen aspekten, die an dem bücherverbrennungsvideo hängen, mehr als ungerecht."

Wer möchte warten, bis einige neue "geschichtliche Aspekte" an noch kommenden Aufnahmen solcher Ansammlungen radikalisierten Pöbels "hängen"?

Hoffentlich heißt es nie: "Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Joseph Ratzinger! Gegen Homophobie, Antisemitismus und christlichen Fundamentalismus! Für Offenheit, Solidarität und Toleranz!"

Denn es gibt wohl ziemlich sicher ein, zwei Persönchen alleine im deutschen Sprachraum, die so ein Szenario durchaus delektieren würde und die tatsächlich ähnlichen Mist - nur ohne Bücherverbrennungen als Anlaß -, wie den oben geschriebenen, durch die Gegend grölen, um damit den Papst öffentlich zu desavouieren und die Menschen wider die Kirche aufzuhetzen.

Anonym hat gesagt…

Lieber Kleinschreiber,

ohne Sie jetzt in Ihrer gerechten Empörung behelligen zu wollen, noch ein unpassender Vergleich: Auch die Nazis haben mal klein angefangen, als, ja, "doofe Krawallnasen", deren Spezialität Krawall und Saalschlachten waren. Die SA war da sehr geübt ... und in Berlin gab es (ein weiterer Griff ins Braune!) ganze SA-Stürme (ich kann nichts machen, die Einheiten hießen so), die beinahe geschlossen von den Parteitruppen von SPD oder auch KPD zu den Nazis gewechselt waren. So, regen Sie sich auf.

Pompous Ass

Anonym hat gesagt…

Eine gelungene Zusammenstellung. Zwei Filme sagen mehr als tausend Worte!

kleinschreiber hat gesagt…

... hach.

@alipius: die prinzipien sind oberflächlich betrachtet ähnlich, das ist unbestritten. aber alles, was unter der oberfläche noch kommt, sollte dann doch etwas reflektiert werden, bevor man kreuzinswasserwerfer mit nazi-bücherverbrennern gleichsetzt, oder eine solche gleichsetzung suggeriert. so bleibt der verdacht, dass der vergleich einfach um der plakativität willen gezogen wird.

@anonym: wo sind denn die pläne für die konzentrationslager, in denen millionen christen gequält und vergast oder anderweitig getötet werden sollen? das hängt am nazivergleich unvermeidbar dran. *diese* typen sind keine nazis. sie sind einfach atheisten, denen der grundlegende respekt vor andersgläubigen fehlt, den sie selbst immer einfordern. das ist eine ganz andere grundlage als die des rassenwahns von damals. über die "ein, zwei Persönchen", auf die sie so offenkundig mutmaßend verweisen, wüsste ich tatsächlich gern etwas mehr; das wäre dann ein feines argument gegen die dawkinssche these, atheisten seien nicht gewalttätig.

@pompous ass: siehe oben.

abgesehen davon fällt dies alles sowieso unter godwin's law.

Alipius hat gesagt…

@ kleinschreiber: In Anbetracht der Tatsache, daß das Wort "Prinzip" sich vom lateinischen principium (Beginn, Anfang) ableitet und man einem alten Sprichwort zufolge den Anfängen wehren soll, kann man selbst auf "öberflächliche" Ähnlichkeiten nicht früh genug aufmerksam machen.

kleinschreiber hat gesagt…

alipius, ich finde ernsthaft, dass mit solchen unpassenden plakativen und historisch irrigen vergleichen der kirche ein bärendienst erwiesen wird.

noch einmal, das sind atheisten. keine nazis. ich nehme wirklich nicht an, dass diese leute uns wortwörtlich ausrotten wollen, im sinne einer "endlösung der christenfrage". jeder nazivergleich impliziert das aber.

Alipius hat gesagt…

@ kleinschreiber: Dann werden wir uns wohl einfach darauf einigen müssen, daß wir uns hier nicht einigen können.

Anonym hat gesagt…

"... das wäre dann ein feines argument gegen die dawkinssche these, atheisten seien nicht gewalttätig."

Solchen Unfug behauptet nicht einmal Schmidt-Salomon. Seine "Anmerkungen zur Kriminalgeschichte des Atheismus" (die er durchaus nicht wegleugnen kann, das auch nicht bzw. nur höchst bedingt versucht) sind online einsehbar.

"über die "ein, zwei Persönchen", auf die sie so offenkundig mutmaßend verweisen ..."

Das ist keine "Mutmaßung", das ist eigene Erfahrung von solchen Vorkommnissen bei verschiedenen religiösen "Veranstaltungen" bzw. während der "Hoch-Zeit" des Medienrummels, um die Mißbräuche in kirchlichen Einrichtungen, sind mir auch auf der Straße zwei ausdrücklich Mordwünsche gegen Katholiken (und speziell kath. Geistliche) artikulierende Gestalten auf der Straße begegnet. Natürlich habe ich nicht nach deren Namen und Anschrift gefragt. Vielleicht beim nächsten Mal, mit dem Hinweis, daß sie ein Herr "kleinschreiber" aus dem Kommentarbereich eines kath. Blogs gerne erfahren möchte ...

"...das ist eine ganz andere grundlage als die des rassenwahns von damals."

Aber auch nur bedingt, zumindest wenn man den im vulgären Diskurs gängigen Rasse-Begriff zugrunde legt, bei dem man schon ein Rassist ist, wenn man die islam. Religion kritisiert. Und das einmal abgesehen davon, daß angesichts des oben Genannten (und im Blogartikel gesehenen) durchaus nicht absehbar ist, wohin die "Sache" noch führt.

kleinschreiber hat gesagt…

passt.

ich warte aber mal noch weiter auf nachweise der weitergehenden nazi-eigenschaften jener atheisten, die den vergleich stützen. soll ja keiner behaupten, ich würde mich nicht widerlegen lassen ...

Josef Bordat hat gesagt…

Geschichte, lieber kleinschreiber, sollte sich nicht 1:1 wiederholen müssen, damit man Anlass verspürt, aufzuhorchen und sich zu wehren. Der etymologische Hinweis („Prinzip“) ist hier sehr erhellend, Alipius. Sie haben ansonsten Recht, lieber kleinschreiber: Es ist hier kein Rassenhass zu erkennen und niemand legt (jetzt schon) Pläne für den Umgang mit resistenten Gläubigen vor. Was aber deutlich zu erkennen ist, das ist ein gewaltbereiter Religionshass. Und dieser Befund reicht aus, eine Analogie zu sehen, weil und soweit es nicht darum geht, Phänomene zu vergleichen, sondern die Mentalitäten, die sie ermöglichen. Drei Gedanken dazu.


1.

Bei beiden Formen der Intoleranz geht es um die Überlegenheit des eigenen gegenüber dem anderen Menschen- und Weltbild, eine Überlegenheit, die als so groß angesehen wird, dass sie gar nicht mehr erst in friedliche Verhandlungen eingebracht werden muss, sondern unmittelbar durchgreifen darf. Dabei darf dann auch Gewalt angewandt werden, denn das ist dann „gute Gewalt“. Das gibt es nicht nur in Berlin und nicht nur von Seiten von Abtreibungsbefürwortern atheistischer Provenienz, sondern auch von ideologischen und religiösen Systemen, das ist klar, doch in Berlin ist das eine Sache des militanten, religionsfeindliche organisierten Atheismus, den selbst kirchenkritische Geister wie Mertens als sehr unangenehm empfinden. Und womit? Mit Recht!


Berlin scheint – jeder Freundlichkeitsinitiative zum Trotz – prädestiniert für einen ruppigen Umgang mit öffentlich erkennbarer Religion. Es gab vor einigen Jahren den Selbst-Versuch eines TAZ-Redakteurs – Mit der Kippa durch Berlin, genauer: durch den türkisch-arabisch geprägten West-Bezirk Neukölln und den Ost-Bezirk Lichtenberg, in den regelmäßig die Hälfte derer, die zur Wahl geht, links- oder rechtsextrem wählt. Ergebnis: In beiden Stadtteilen wurde der als Jude erkennbare Nicht-Jude angemacht. Beschimpft wurde er im Osten der Stadt von Kahl- bzw. Hohlköpfen, im Westen von – zum Teil minderjährigen – Türken und Arabern.
Der Propst im Berliner Institut St. Philipp Neri, Pfarrer Dr. Gerald Goesche, berichtet regelmäßig über schöne, aber eben auch über nicht so schöne Begebenheiten, wenn er sich in der Öffentlichkeit als Priester erkennbar zeigt. Bei Prozessionen zu Fronleichnam durch die metropolitane Mitte Berlins bleibt es beim mitleidigen Lächeln, doch beim Bußgang durch Kreuzberg gibt es regelmäßig das, bei dem „dumme Bemerkung“ zum terminus technicus wird. Mal ganz abgesehen vom Berliner „Marsch für das Leben“.

Josef Bordat hat gesagt…

2.

Der Hass auf Christen endet nicht zwangsläufig mit der Vergasung von Christen, weil sie Christen sind, das ist sicher richtig, lieber kleinschreiber, aber es könnte z.B. mit einer zwangsweisen Einlieferung von Christen in die Psychiatrie enden, wenn diese nicht davon ablassen wollen, bestimmte naturalistisch inkompatible Behauptungen zu vertreten, eben weil sie diese glauben. Wer z.B. dreimal wiederholt von „Transsubstantiation“ spricht, wird aus Gründen des Gemeinwohls eingewiesen. So what?


Ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch in der schönen szientistischen Welt atheistischer Herrscher eine Übergangszeit geben wird, mit der Möglichkeit, entweder den Glauben (freiwillig!) abzulegen (also zur „Vernunft“ zu kommen) oder aber auszuwandern. Danach wird man sehen, wie mit hartnäckigen Fällen, die „einfach nicht einsehen wollen, dass sie falsch liegen“, umgegangen wird.


Wer Gläubige als „Wahnsinnige“ ansieht (oder „Religioten“, Christioten“; man findet im Internet bei Versuchen, zu einer „zeitgemäße“ Nomenklatur des Glaubens zu gelangen eine ziemliche Fülle an Ideen, oft eher flapsig hingeworfene Beleidigungen, die aber nur schwer zurückholbar sind), wer also Glauben mit „Wahn“ übersetzt, weil er sich Religion nicht anders denn als psychischen Defekt erklären kann, der wird sie, die Gläubigen, über kurz oder lang ebenso behandeln. Auch dafür gibt es historische Beispiele (Sowjetunion unter Stalin).


Aus Unverständnis für den Glauben und Unkenntnis der Religion wird im Internet (nur dort?) ziemlich laut über „Gegenmaßnahmen“ nachgedacht. Damit wir uns recht verstehen: Ich persönlich habe kein Problem damit, für „wahnsinnig“ gehalten zu werden. Was mich aber sehr wohl irritiert, sind die oft unterschwellig vorgetragenen Meinungen, aus der Gleichsetzung von Glaube und Wahn könne man auf analoge Abhilfe schließen, sprich: „Therapie“. Ich nehme zwar zu Gunsten der (oft wohl jugendlichen) Blogger und Kommentatoren an, sie wissen nicht, wovon sie sprechen, wenn sie direkt oder indirekt „Therapien“ für Gläubige einfordern oder mit süffisanten Anspielungen in diese Richtung provozieren. Ich nehme an, sie wissen nicht, welche Assoziation das bei mir (und Anderen) wachruft. Ich möchte den Zusammenhang zu Stalin und zur DDR oder auch zur Lage der Christen in Nordkorea nicht zu eng herstellen, damit würde ich sicher vielen Jugendlichen Unrecht tun, die gerne mal mit krassen Thesen kokettieren und gegen alles, was fremd ist, rebellieren (solange sie dabei anonym bleiben können!).

...

Josef Bordat hat gesagt…

...

Doch alles beginnt mit der Idee. Gedanken sind mächtig und irgendwann nicht mehr zu kontrollieren. Vieles wird kleinschrittig weitergetragen. Das meiste davon unbedacht. Man muss das Denken kritisieren, damit daraus kein Handeln wird. Es ist ja in diesem Zusammenhang erschreckend, wie dünn das Eis geteilter Werte mittlerweile ist. Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit, die mehr garantiert, als eine Meinung zu haben, nämlich sie auch äußern zu dürfen, gehört offenbar nicht mehr dazu, wie man an dem Video 1 gut erkennen kann. Und wieso man Menschen, die etwas glauben, das ich nicht glaube, nicht einfach zur „Therapie“ schicken kann, offenbar auch nicht. Das ist eine gefährliche Situation, die in wenigen Jahren zu einer Situation wie zu der in Video 2 führen könnte. Oder zu Schlimmerem.


Denn: Vernichtungspläne können sich eben auch aus kleineren, harmloseren Diskriminierungs- und Diffamierungsformen entwickeln. Sie wissen sicher, wie das im Nationalsozialismus war: Machtergreifung (1933), Nürnberger Gesetze gegen Juden (1935), Pogrome gegen Juden (1938), vermehrte Inhaftierungen und Erschießungen von Juden (1939-41), Vergasungen von Juden im Rahmen der „Endlösung“ (1942-45). Nicht nur „Auschwitz“ steckt in der Nazi-Analogie, sondern auch der Weg dorthin. Der beginnt nicht erst am 30. Januar 1933. Und schon gar nicht erst am 20. Januar 1942.


Im übrigen wurde, um die Analogie äußerlich noch etwas zu erhärten, am Rande des „Marsch für das Leben“ am 26. September 2009 in Berlin versucht, eine Bibel zu verbrennen, pikanterweise in unmittelbarer räumlicher Nähe zu der Stelle, an der vor 1933 die Bücherverbrennung der Nazis stattfand: auf dem Bebelplatz. Hier stimmt also nicht nur die Stadt, sondern auch noch der Ort. Video 1 zeigt in der Tat nur einen Vorspann zu Video 2. Zusammen ergibt sich ein Horrorfilm.

Josef Bordat hat gesagt…

3.

Was aber viel schwerer wiegt als tatsächliche und mögliche künftige Umgangsformen sowie faktische Parallelen: Ich sehe in der Tat inhaltlich eine deutliche Parallele. Die Verbindung von selbstattestierter Rationalität einerseits und (daraus) Verachtung des menschlichen Lebens andererseits, die die Gegner des christlichen Lebensschutzes auszeichnet, lässt sich gut im Nationalsozialismus wiederfinden. Das verbindende Element von Video 1 und Video 2 ist der uneingeschränkte Fortschrittsglaube und der Glaube daran, mit dem eigenen Verhalten diesen Fortschritt zu befördern.


Beim Marsch für das Leben entlädt sich ja nicht „nur“ allgemeiner Christen-Hass aus Gründen „intellektueller Überlegenheit“, sondern insbesondere auch die Wut auf Menschen, die – auch heute noch – bereit sind, das Leben zu schützen – ohne Wenn und Aber. Beides zusammen ergibt das Gemisch, das Robert Spaemann für die größte Bedrohung der Menschenwürde hält: eine wissenschaftlich-technische Vernunft, die sich nicht scheut, den Menschen zu objektivieren und zu instrumentalisieren, gerade weil ihr die Rede von der „Heiligkeit des Menschen“ fern liegt.


In diesem Kontext darf ich an Zygmunt Bauman erinnern, der in „Modernity and the Holocaust“(1989), das 2002 in deutscher Übersetzung erschien („Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“) die Schoa in genau dieses Ambiente aus Modernität als moralischem Begriff, wissenschaftlich-technisch begründeter Selbstüberschätzung der menschlichen Vernunft und einem schwach ausgeprägten Sinn für Lebensschutz einbettet: „Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt.“ Also: In einer Gesellschaft wie unserer. Er ist kein Rückfall in die Barbarei, dem man mit Fortschritt begegnen könnte, nein: der Fortschritt ist selbst Teil des Schreckens. Er ist kein deutsches Problem, nein: ein Problem der modernen Zivilisation. Er ist auch kein jüdisches Thema, nein: er kann rasch ein christliches werden. Die Schoah, so Bauman, ist ein ganz „normaler Vorgang“, ein „Ausdruck der Moderne“.


Es geht nach Bauman darum, die inhärente Korrumpierbarkeit des Systems zu erkennen und zu bändigen. Dazu gehört freilich zunächst, sich diese einzugestehen. Das ist unbequem. Einfacher ist es, Korruption als Ganzes vom System zu trennen und dieses theoretisch zu immunisieren. Wenn dann was passiert, lag es nicht am System. Und alles, zumindest vieles, kann weitergehen wie bisher. Nach Bauman führt diese Denkweise direkt in die nächste Katastrophe. Paradoxerweise umso schneller, je stärker man sich unter Hinweis auf die Vorzüge des Systems und unter Verkennung ihrer Ambivalenz über jeden Zweifel erhebt. „Wir sind modern.“ bedeutet dann schlicht: „Wir sind gut.“. Garantieinstanzen der moralischen Überlegenheit sind „Rationalität“ und „Fortschritt“. Die Anfälligkeit der Konzepte für Überdehnungen wird mit Blick auf die Genese der Moderne aus dem Geist von Rationalität und Fortschritt verdrängt. Und „modern“ hieß ja: „gut“. Ein Teufelskreis.

...

Josef Bordat hat gesagt…

...

Wir müssen die Herausforderung der Ambivalenz unserer modernen Zivilisation annehmen, um die Gräuel der Geschichte nicht zu wiederholen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der wissenschaftlich-technische Fortschritt, von dem wir alle profitieren, der aber wie kaum ein anderer Fortschritt innerhalb der Gesellschaft geeignet ist, für Grausamkeit missbraucht zu werden. Bauman erinnert daran, dass es Wissenschaftler wie der Biologe Erwin Baur und der Anthropologe Martin Stämmler waren, die den Nazis auf die Sprünge halfen: „Die Aufgabe besteht darin, das Volk vor der Überwucherung mit Unkraut zu schützen.“ Prinzipien der Tier- und Pflanzenzucht wurden auf die Sozialpolitik und schließlich auf die „Judenfrage“ angewandt, die „gelöst“ werden sollte. Motto: Das „Unkraut“ muss weg. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse der Genetik garantierten ein modernes politisches Programm. Bauman schreibt über die enge Verknüpfung von Forschung und Politik in der Nazi-Zeit folgendes: „Geraume Zeit, bevor sie die Gaskammern bauten, betrieben die Nazis auf Geheiß Hitlers die Vernichtung ihrer geistig und körperlich behinderten Landsleute durch den infam als ,Euthanasie’ bezeichneten ,Gnadentod’. Gleichzeitig plante man, eine überlegene Rasse zu züchten durch organisierte Vermehrung (Eugenik) rassisch hochwertiger Frauen und Männer. So wie diese Projekte war auch der Mord an den Juden eine Maßnahme rationaler Gesellschaftsplanung, ein Versuch, die Grundsätze und Regeln angewandter Wissenschaft systematisch für diesen Zweck einzusetzen.“ Den Rest der Geschichte kennen wir. Und sie erfährt jetzt – langsam, aber doch sehr zielstrebig – eine Neuauflage.

Es ist doch hochinteressant, dass aus weltanschaulichem Überlegenheitsdünkel wieder ein Klima erwächst, das Menschen gegen das Leben und zugleich gegen die Religion aufbringt und dass es in diesem Klima die Kirche war und ist, in Gestalt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen damals, in Gestalt der Lebensschützer in Berlin heute, die es wagte und immer noch wagt, der mörderischen Moderne etwas entgegenzusetzen. In ihrer Fundamentalkritik diagnostiziert sie ausgehend von der Würde und dem Lebensrecht jedes Menschen das zu Grunde liegende Problem sehr gut, während die moderne, fortschrittliche Mehrheit gerade diese Würde und dieses Recht in Zweifel zieht.

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Josef Bordat hat gesagt…

...

So wie aus dem Euthanasieprogramm der Nazis das Vernichtungsprojekt erwuchs (aus dem einen Grund: „rationaler Fortschritt“), könnte aus demselben Grund auch die Neuauflage der ebenso „rational“ begründeten wie schiefen Ebene „Menschenwürde“ dazu führen, dass nicht nur das Leben degradiert wird, sondern auch die, die es – trotzdem oder deshalb – schützen. Klar, die Schoa war weniger gegen das Judentum als Religionsgemeinschaft, sondern mehr gegen das Judentum als Volks- und Kulturverband gerichtet, aber gemeint war auch der jüdische Glaube. Und damit auch das Christentum. Die Vernichtungspolitik richtete sich zwar gegen Juden, gemeint war aber die gesamte jüdisch-christliche Mentalität, die die Nazis so verachteten, die Kultur des Gewissens und der Liebe, die Ethik des tätigen Mitleids und des Lebensschutzes, die ihnen als Schwäche galt. Damals schon, in Auschwitz, waren auch die Christen gemeint, wie Elie Wiesel mal zum Ausdruck brachte – und Christen, die es ernst meinten mit ihrem Glauben und die sich nicht „eindeutschen“ ließen, die traf es auch unmittelbar, vor allem Katholiken (im Dachauer „Priesterblock“ waren weit über 90 Prozent der Priester katholisch).


Wir haben also eine viel tiefere und vielschichtigere Analogie, als es zunächst scheint. Wir haben – hinter Video 1 und Video 2 – die Mentalität, dass es gut ist, Würdeverletzungen zu tolerieren, solange sie rational begründet sind, dass es hingegen schlecht ist, eine Kirche zu tolerieren, die sich dagegen wehrt. Ich meine, dass man aufgrund dieser Analogie schon einen großen Bogen spannen kann von der schrittweisen Degradierung des Menschen zum Objekt ohne unbedingtes Lebensrecht, wie sie bei Euthanasie und Abtreibung vorgenommen wird und neuerlich in der PID-Entscheidung (als ethische Renaissance einer Denkweise, die „Selektion unwerten Lebens“ für modern, also für „gut“, hält) zum Ausdruck kommt, zur Bereitschaft, systematisch gegen Andersdenkende, -glaubende, -aussehende Gewalt anzuwenden. Das muss für Christen nicht im KZ enden, aber ich sehe mit Bauman keinen Grund, warum es dort nicht enden könnte.


Es hilft nichts: Wir müssen aufpassen. Auch, wenn es keine Pläne für KZs gibt – die sind im Zweifel schnell gemacht. Entscheidend ist: die Mentalität für KZs ist mit der Moderne gegeben – und je moderner sie sich gibt, desto größer ist die Gefahr. Das aufzeigen zu wollen, ist meiner Meinung nach jedenfalls keineswegs „oberflächlich“, lieber kleinschreiber.


Josef Bordat

Anonym hat gesagt…

Kurz noch:

"ich warte aber mal noch weiter auf nachweise der weitergehenden nazi-eigenschaften jener atheisten, die den vergleich stützen."

Sie wissen aber schon, was ein Vergleich ist, oder? - Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Man betrachtet zwei "Realitäten" in Hinblick auf ihr gegenseitiges Verhältnis, auf etwaige Gemeinsamkeiten/Differenzen. Wenn Sie hier schon nach "weitergehenden nazi-eigenschaften" fragen, dann gestehen Sie ja bereits zu, daß es hier eine "Schnittmenge" an Eigenschaften gibt, die beide gemeinsam haben. Das reicht eigentlich schon, für einen Vergleich. Was Sie noch alles darüberhinaus haben wollen, ist Ihre ganz persönliche Angelegenheit, der nachzukommen oder eben auch nicht, jedem freisteht. Auf jeden Fall geht sie an der Sache vorbei.

kleinschreiber hat gesagt…

danke für diese ausführungen.

mich stimmt es etwas traurig, dass im grunde genommen alles mit nazitum verglichen werden kann, sofern ansätze der inneren einstellung ersichtlich werden ... wie dem auch sei, das wird weiterhin bestimmt nicht zum teil meiner argumentationsweise werden, weil es einfach zu sehr nach totschlagargument stinkt.

ich geh dann jetzt erstmal nachdenken.