Samstag, 6. August 2011

Niederlande, natürlich...

Auf BBC News Europe fand ich diesen Artikel (Übersetzung meine):
    Niederländer denken das Christentum für eine zweifelnde Welt um

    Eine beeindruckende Gestalt in schwarzen Roben und Klerikerkragen, Herr Mendrikse, steht dem Sonntagsgottesdienst in der Exoduskirche in Gorichem, Holland vor.

    Sie ist Teil der protestantischen Mainstream-Kirche der Niederlande (PKN) und die Feier ist konventionell genug, mit Hymnen, Lesungen aus der Bibel und dem Vater Unser. Aber die Botschaft von Herrn Hendrikses Predigt ist trostlos: "Macht das Meiste aus eurem Leben, denn es wird wahrscheinlich das Einzige sein, das ihr bekommt".

    "Ich persönlich besitze nicht die Begabung, an ein Leben nach dem Tod zu glauben", sagt Herr Hendrikse. "Nein, für mich liegt unser Leben und unsere Aufgabe vor dem Tod".

    Klaas Hendrikse glaubt auch nicht, daß Gott als übernatürliches Ding existiert.

    "Wenn es passiert, dann passiert es hier unten auf der Erde, zwischen dir und mir, zwischen Leuten, dort kann es passieren. Gott ist überhaupt kein Wesen... es ist ein Wort für Erfahrung, unsre menschliche Erfahrung."

    Herr Hendrikse beschreibt den biblischen Bericht von Jesu Leben als eine mythologische Geschichte über einen Mann, der niemals existiert haben mag, auch wenn es eine wertvolle Quelle der Weisheit ist, wie man ein gutes Leben führen kann.

    Sein Buch "Glaube an einen nicht-existenten Gott" führte zu Rücktrittsforderungen von eher traditionalistischen Christen. Aber ein Kirchen-Meeting entschied, daß seine Ansichten unter Kirchendenkern zu weit verbreitet seien, als daß man ihn alleine herauspicken könne.

    Eine Studie der freien Universität Amsterdam fand heraus, daß einer von sechs Klerikern der PKN und sechs kleineren Denominationen entweder Agnostiker oder Atheist ist.

    Kirsten Slattenaar, die hauptamtliche Pastorin der Exodus-Kirche, weist ebenfalls die im Christentum als zentral betrachtete Idee zurück, daß Jesus sowohl Gott als auch Mensch war.

    "Ich glaube, daß 'Sohn Gottes' ein netter Titel ist", sagt sie. "Ich glaube nicht, daß er ein Gott oder Halbgott war. Ich glaube, er war ein Mann, aber er war ein besonderer Mann, denn er war sehr gut darin, aus der Liebe heraus zu leben, aus dem Geiste Gottes, den er in sich fand."

    Slattenaar gesteht ein, daß sie ändert, was die Kirche sagt aber nicht - darauf besteht sie - die "wirkliche Bedeutung des Christentums".

    Sie sagt, daß es "nicht nur eine Antwort" gibt und beschwert sich, daß "eine Menge traditioneller Glaubensinhalte außerhalb der Leute sind und sich zu rigiden Dingen entwickelt haben, die man nicht mehr anrühren darf".

    Dennie von Wingaarden, die seit 20 Jahren in die Exodus-Kirche geht, gehört zu den Laien, die sich von solch freiem Denken angezogen fühlen.

    "Ich meine, daß es sehr befreiend ist. [Hendrikse] nutzt die Bibel auf metaphorische Weise, so daß ich sie meiner eigenen Art des Denkens und Tuns annähern kann."

    Wim De Jong sagt: "Hier kann man glauben, was man für sich selbst denken möchte, was man wirklich fühlt und was man für wahr hält".
Der Artikel geht noch weiter, aber ich denke, Ihr habt die ungefähre Richtung mitbekommen.

Nichts gegen Leute, die glauben und ihren Verstand benutzen. Aber wenn es dann soweit geht, daß es kein Leben nach dem Tod gibt und Jesus nur ein dufte Kumpel war, dann sollten diese Leute wenigstens den Anstand besitzen, sich nicht mehr Christen zu nennen. Das geht nämlich dann doch eine Spur zu weit.

Aber, klar: Ganz im Vordergrund steht natürlich auch hier wieder mal das "Ich, ich, ICH!"

Ich kann das Wort meinem Empfinden unterordnen. Ich kann glauben, was ich will. Ich kann Reiskörner über den Boden streuen und es "Betrachtungen über das Konzept der Ewigkeit" nennen. Ich kann auf einen "Speed-Dating"-Marathon durch den Rotlichtbezirk gehen und es unter "Liebe" zusammenfassen. Ich kann tun, was sich gut anfühlt. Ich muß mich nicht in die etwas komplexeren Realitäten des Glaubens einfühlen und hineindenken. Ich lasse den Bus einfach dort halten, wo ich für mich die Wahrheit erkenne, steige aus und lase den Rest der Truppe weiterfahren.

Selten habe ich mit so flehenden Fingern das Label "Katholisch? Ja, BITTE!" unter ein Posting gesetzt.

Kommentare:

curioustraveller hat gesagt…

Tja - Beruf verfehlt. Aber die Chuzpe, zum Arbeitsamt zur Umschulung zu gehen, hat er dann doch nicht ...

Catocon hat gesagt…

Kirsten Slattenaar, hauptamtliche Pastorin der EXODUS-Kirche? Warum die wohl so heißt? Weil die Leute weglaufen? Vermutlich eher nicht, denn das ist es was dem modernen Menschen behagt.

Anonym hat gesagt…

Wieder ein sehr klassischer Fall von "Gott-ist-Tod-Ideo..., äh, -Theologie". Faszinierend, daß es dieses Relikt überhaupt noch gibt. Na ja, ewig lang wohl bestimmt nicht mehr. In Anlehnung an die Schahāda können diese Leute bekennen:

"Es gibt keinen Gott und Friedrich Nietzsche ist unser Prophet."

Scipio hat gesagt…

Zum Trost und Ausgleich noch ein Hinweis auf einen Artikel im Weekly Standard...

Chrysostomos hat gesagt…

Solche Leute gibts in jeder Kirche. Ich traf schon vor bald 30 Jahren einen kathol. Priester, der mir damals "gestand", nichts mehr glauben zu können. Aber etwas anderes habe er eben nicht gelernt und zum Taxi fahren sei er sich zu schade.
Und der ehem. Wiener Domorganist verrät uns in seiner Autobiographie auch seinen Agnostizismus. Eine vernünftige Musik hat er natürlich dennoch gemacht, keine Frage.
Nun glaube ich schon, daß der Glaube an Gott die Grundvoraussetzung einer Kirchenmitgliedschaft schlechthin und erst recht eines kirchlichen Amtes ist. Eigentümlich ist es, wenn Kirchen nicht mehr die Kraft aufbringen, diesen Glauben als Basis jeglichen Amtes einzufordern.

Isaak Bickerstaff hat gesagt…

Weil es gerade so schön passt, möchte ich hier ein Zitat des britischen Philosophen Sir Michael Dummett einbringen, der in einer Kontroverse mit dem modernistischen katholischen (!?) Theologen Thomas Sheehan Ende der 80er schrieb:

"Views like those commended by Sheehan might be combined with some religious belief in which Jesus played an important role, but not with anything recognisable as the Christian religion. (...)

What, without lack of charity, we may legitimately find astonishing is this: that people who have adopted positions that imply that, from the earliest times, the Catholic Church, claiming to have a mission from God to safeguard divinely revealed truth, has taught and insisted on the acceptance of falsehoods, falsehoods enshrined in her most sacred books, and is, accordingly, as much of a fraud as her enemies have always maintained, should think it proper to teach such views to those in training for the priesthood.

And, indeed, their actions are helping to transform the Church into something distinctly fraudulent.

The monolithic Church was never a reality and is not an ideal; but the divergence which now obtains between what the Catholic Church purports to believe and what large or important sections Of it in fact believe ought, in my view, to be tolerated no longer; not if there is to be a rationale for belonging to that Church; not if there is to be any hope of reunion with the other half of Christendom; not if the Catholic Church is not to be a laughing-stock in the eyes of the world" (New Blackfriars, October, 1987).

Viele Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

@Alipius:

Oh, sorry, ich sehe gerade, dass ich bei meinem Kommentar (dem mit dem Dummett-Zitta) mit einem inaktiven alten Blogger-Profil eingeloggt war.

Viele Grüße
Morgenländer

Anonym hat gesagt…

Michael Dummett ist eine wirklich interessante Ausnahmefigur (auch, was seine philos. Positionen - die zwar nicht unbedingt "scholastik-kompatibel" sind, aber das ist in dem Fall auch nicht *so* wichtig - betrifft), die die Angelegenheit damals ziemlich exakt auf den Punkt gebracht hat.

Von daher: Danke für den zitierten Journalausschnitt.

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»... EXODUS-Kirche? Warum die wohl so heißt? Weil die Leute weglaufen? ...«

Volltreffer! +++ - Der Name sagt in diesem Zusammenhang schon alles.

Johannes hat gesagt…

Das ganze dürfte unsere katholischen Reformer allerdings über die enorme Bedeutung eines hierarchischen Lehramtes nachdenklich werden lassen...

Imrahil hat gesagt…

Warum habe ich (pace @Alipius) ein Problem mit der Kritik am Egoismus bzw. an der Selbstliebe (und Egoismus ist einfach per definitionem falsche Selbstliebe):

"Ich persönlich besitze nicht die Berechtigung, an ein Leben nach dem Tod zu glauben."

Darauf ist die spontane Erwiderung eben: Ich schon; wer ko der ko, da samma net a so. Wenn die Leute nicht alle das Wörtchen "Pflicht" in den falschen Hals gekriegt hätten, würde die Welt ein bißchen besser aussehen. (Natürlich kann man auch sagen: Ich glaube, was stimmt, weil ich glaube, daß es stimmt; und ob ich eine Berechtigung auf späteres Leben habe hat absolut nichts damit zu tun ob es ein solches gibt.)

Lieber @anonymus, so viel Unehre würde ich nicht einmal Nietzsche antun wollen. Der hatte wenigstens den Anstand, aus seiner Philosophie die logische Konsequenz zu ziehen und wahnsinnig zu werden.

>>"Hier kann man glauben, was man für sich selbst denken möchte, was man wirklich fühlt und was man für wahr hält".

Ich kann nicht verstehen (das ist meine schärfste Privatzensur...), wie man so etwas dann überhaupt *glauben* kann. Das ist kein Glaube, das ist nicht einmal Illation im Sinne des sel. John Henry; allenfalls, mit viel gutem Willen, kann man sagen, sie halten (illativ oder durch Schlußfolgerung) für wahr, daß diese Dinge, an die sie zu glauben vorgeben, real möglich sind. Der Rest ist bloß eine willkürliche Entscheidung, zu welcher dieser Möglichkeiten man "ich glaube" und zu welcher man "ich glaube nicht" sagt, und daß eine willkürlichen Entscheidung mitnichten ein Argument für eine Wahrheit ist, müßte eigentlich sogar ihnen selber klar sein. Ich mag ihre Entscheidung nicht einmal Wunschdenken nennen, denn wenn sie vernünftig wunschdenken würden, dann würden sie sich (nach eigenem Zugeständnis) mehr in die christliche Richtung begeben.

Wie auch immer: Glaube ist das Fürwahrhalten von Glaubenslehren, weil Gott sich selber dafür verbürgt hat, daß sie stimmen. So, jetzt schlucken wir die Definition (ob es einen Gott gibt, ist rein definitorisch nicht relevant), und dann reden wir noch einmal darüber, ob wir glauben oder nicht.

Auch hier wurde natürlich wieder etwas in den falschen Hals gekriegt: die im Verhältnis vom Glauben zum Unglauben durchaus unbedeutende Differenz, daß glauben nicht wissen bzw. besser "nicht schauen" ist. Aber wir wissen, daß das von Gott Geoffenbarte stimmt.