Dienstag, 16. August 2011

Meine Theorie...

Es gab mal eine Zeit, da hat man sich nach zwei großen Kriegen die Hände gereicht und gesagt "Kommt, sowas lassen wir in Zukunft einfach sein". Es gab mal eine Zeit, da hat man sich in zerbombten Innenstädten den Staub von den Schultern gewischt und ganze Länder wieder aufgebaut. Es gab mal eine Zeit, da existierte so etwas wie ein Zusammenhalt in den Familien und den Gemeinden.

Aber leider gab es in dieser Zeit große Altlasten von noch nicht zugewiesener Schuld und (ab 1967 auf diese Jahre zurückblickend) nicht genug Sex.

Die nächste Generation schlich aus den Häusern, die ihre Eltern für sie aus Ruinen wieder errichtet hatten, an die Universitäten und lernte dort, daß Papa und Mama einmal Nazis waren. Sie lernte auch, daß die Frauen unterdrückt, die Autoritäten gewaltsam und die Verhältnisse ungerecht waren.

So begann diese Generation, Fragen zu stellen. Doch noch während man auf gute Antworten auf die berechtigten Fragen wartete, setzte sich der Lernprozeß fort: Man lernte auch, daß wer nicht zum Establishment gehören wollte, nicht zweimal mit der Gleichen schlafen durfte. Man lerte darüber hinaus, sich um viele interessante Dinge zu kümmern: Kriege, die am anderen Ende der Welt geführt wurden; Geräte, mit denen sich messen ließ, seit wieviel Jahren der Muff sich unter den Talaren staut; Bäuche, in denen sich ungeborene Menschen einfach mietfrei einnisten wollten; Rollen, die nach Gutdünken zugeteilt werden sollten; Haare und Gitarrensoli, die eine bestimmte Länge nicht unterschreiten durften; Substanzen, die Zugang zu einer besseren Welt versprachen; Ideologien, die es erlauben, diese bessere Welt durch viel reden und wenig arbeiten herbeizuführen.

Und weil Papi und Mami und Springer so schön schockiert guckten, weil Medien und Industrie anfangs aus der Distanz interessiert zusahen, es dann brav fraßen und sofort danach selbst produzierten und multiplizierten, weil's so lustig war, weil's so viel Spaß machte und weil man sich das nicht alles gleich wieder wegnehmen lassen wollte, diskreditierte man nicht nur die Elterngeneration, sondern um sicher zu gehen, daß nicht plötzlich wieder der spießbürgerliche Hammer kreist, auch die ganze Kultur, die ganze Geschichte, das ganze Denken, aus welcher jene und die vorigen Generationen hervorgingen.

Den Errungenschaften der westlichen Zivilisation wurden die drei großen "SCH" angehängt: Schimpf, Schande, Schuld. Die Buchstaben wurden umso größer, je einfacher sich das Adjektiv "christlich" vor eine der Errungenschaften setzen ließ. "Freiheit" bedeutete plötzlich "Du stehst unter dem Zwang, niemals so zu werden, wie die, denen Du Leben, Erziehung und Dach überm Kopf verdankst". "Toleranz" entwickelte sich zu "Duldung und/oder Kooperation, die du erfährst, abhängig davon, wie nahe du uns und unseren Vorstellungen von der Welt stehst bzw wie wenig du diesen Vorstellungen im Wege stehst bzw wie leicht du dich - wissend oder unwissend - vor unseren Karren spannen läßt".

Und geboren war die "Political Correctness".

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hey, wo bleibt der Optimismus ? :)

Anonym hat gesagt…

Quatsch mit Soße.

UralteSage hat gesagt…

Ist 1967 (die Achtundsechziger) wirklich so ein Wendepunkt? Nicht schon 1918 (Untergang des Abendlandes) – oder erst 1991, als Jörg von Uthmann (der deutschen Öffentlichkeit damals oder doch zumindest mir an dem Tag) erstmals in der FAZ mitteilte, was gerade an amerikanischen Unis los war (Political Correctness).

Für stramm rechte Nationale ist das natürlich alles eins. Aber ich möchte doch beim Herrn Alipius nicht das gleiche hören wie in einer Rede von Christoph Blocher. Oder vielleicht möchte ich es ja, und weiß es nur noch gar nicht…

Le Penseur hat gesagt…

@Rev. Alipius:

Treffender Artikel! Danke.

@German Papist:

Optimismus kommt immer erst nach gründlicher Analyse. Sonst ist es bloß Illusionismus ...

@Anonymus:

Worauf bezieht sich Ihr prägnanter Kommentar eigentlich?

Anonym hat gesagt…

(Ich bin nicht der "Quatsch-mit-Soße-Anonymus".)

»Für stramm rechte Nationale ist das natürlich alles eins.«

Man kann sich das auch anhand von (1) Exposition, (2) Komplikation mit Katastase, (3) Peripetie, (4) Retardation und (5) Katastrophe veranschaulichen. Die Daten sind zwar nicht eins, bilden aber letztlich ein Kontinuum ...

Anonym hat gesagt…

@Le Penseur

na, dann hätte der Apostel Paulus ja spätestens nach dem Schiffbruch das Buch zumachen müssen :)

Der Glaube ist stärker.

Anonym hat gesagt…

Ja, die bösen sechziger Jahre...
Eines meiner Nachbarkinder war die uneheliche Tochter einer alleinerziehenden Frau. Mit dem Mädchen spielte ich gern, und meine Mutter lud sie öfter mal zum Essen ein, wenn die Mutter des Mädchens wegen ihrer Arbeit keine Zeit fand. Auch sonst half meine Mutter auf unaufdringliche Weise - was ich damals gar nicht mitbekam, weil kein Thema daraus gemacht wurde.
Von den gutbürgerlichen Nachbarn wurde meine agnostische Mutter mehrfach angesprochen, das sei ja wohl "falsch verstandenes Christentum" (sic!). Nachbarn, die ihren Kindern verboten, mit dem "Kegel" zu spielen.
Heute ist es in unseren Breiten kein Stigma mehr, unehelich geboren zu sein. Kein Schimpf, keine Schande, keine Schuld. Dafür könnte man ein bisserl Dankbarkeit aufbringen, finde ich.

Alipius hat gesagt…

@ Claudia: Überspitzung funktioniert eben auch durch ein Unterrepräsentieren der Gegenargumente. Das bedeutet aber (zumindest bei mir) nicht, daß ich diese Argumente nicht kenne und schätze.