Dienstag, 16. August 2011

Mehltau und Moralin

Die legale - wenn auch kurzlebige - beidseitige sexuelle Beziehung eines 39-Jährigen zu einer 16-Jährigen wurde durch stumpfe Etiketten wie "Lolita-Affäre" (SPIEGEL) oder "Lolitagate" (SÜDDEUTSCHE) zum "Fall" hochgeschaukelt, damit ein Politiker zu Fall gebracht werden konnte.

Zettel kommentiert trefflich:
    "Deutschland auf dem Weg zurück zum Muff der Adenauerzeit? Schlimmer!"

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Wow, Don Alipio!

Daß Sie das auch so sehen finde ich durchaus beachtlich! Daß sie den Mut haben, es zu äußern, wenn Sie's so sehen, habe ich bei Ihnen aber schon angenommen ... :-D

Jedenfalls: Chapeau!

P.S.: herzliches Beileid übrigens zum unausweichlichen Imageverlust in »Moralinsauerland« — aber Sie werden es verschmerzen ...

Tiberius hat gesagt…

So ist es.

Alipius hat gesagt…

@ Le Penseur: Danke für die Blumen! Aber wir sind nicht alleine, wie Sie am Kommentar von Tiberius sehen ;-)

MonikaM hat gesagt…

Na, dann mache ich jetzt mal die altmodische Tusse: Ein Enddreißiger, der erst meine 16-jährige Tochter in Hotels vernascht und ihr die große Liebe versprochen hätte, und kaum dass ein hohes politisches Amt in Reichweite gekommen wäre, sie aber fallen gelassen hätte wie ne unreife Pflaume, den hätte ich höchstpersönlich die die Tonne gekloppt.

Geistbraus hat gesagt…

Ha, tatsächlich nicht - ich hatte auch schon (und in ähnlichem Sinne) darüber geschrieben, bevor ich dann gesehen habe, dass die anderen katholischen Blogger sich auch des Themas annehmen!

Da kann der Herr von Boetticher ja durchaus erstaunt sein, aus welcher Ecke er (und sein uneheliches Verhältnis) da verteidigt wird...

Aber wir Katholiken denken eben, trotz fester Prinzipien, glücklicherweise nicht in so engen Maschen wie manch ein Säkularer (glauben möchte).

Charlotte hat gesagt…

Dass die Affäire seit Tagen nicht aus den Medien verschwindet, liegt am Sommerloch.
Dass man den Typen gechasst hat, liegt nicht am Altersunterschied oder Sex.
Es ist doch so, dass Männer in gesellschaftlich exponierten Positionen auf nicht wenige Frauen eine starke Anziehung ausüben. (Clinton, remember?)
Und es stellt sich die Frage, ob man die öffentliche Geschäfte in den Händen eines Mannes wissen will, der so wenig Selbstbeherrschung hat, einem Junge-Union-Groupie von 16 Jahren nicht widerstehen zu können. Es ist immer die gleiche Leier; Mädchen erhofft sich Ruhm und roten Teppich, Typ macht sich zum Vollpfposten. Und solche Männer sind im Wahlkampf nicht gerade förderlich. Es war nicht der Sex, es war die allzu offenbare Lächerlichkeit und Peinlichkeit eines narzistischen Mannes. Meine Meinung.

Anonym hat gesagt…

Es gibt, habe ich einmal bei Gisbert Haefs gelesen, drei heilige Flüssigkeiten des Journalismus, nämlich Druckerschwärze, Blut und Sperma. Im vorliegenden Fall sind zumindest zwei davon vertreten (wenn wir davon ausgehen wollen, daß Herr v. Boetticher keine "Erstbesteigung" vorgenommen habe). Fast jeder wird die Geschichte lesen wollen, aus Gründen, die wir mit Voyeurismus, Neid, rechtschaffener Empörung oder der Füllung der beleidigten Leberwurst bezeichnen können.

"Sex sells" ist eine Binsenweisheit, und beide Krawallblätter können dringend mehr Absatz brauchen ...

Pompous Ass

Leise Ahnung hat gesagt…

Ich find es auch erstaunlich, welche Art Sünden mittlerweile zur Ämteruntauglichkeit für Poltiker herbeigekritzelt werden. Ab welchem Alter wär denn das doch sonst allseits alles legitimierende "Ooh -Jaaa - Gefühl" noch SZ/Spon- moralisch tragbar gewesen? 17,1? 18,001?
Für die CDU kann es jetzt nur noch heißen: "Prof. Pfeiffer - übernehmen Sie!"
Was für ein Gesindel darf heute öffentlich zur Feder greifen!
(oh, outing natürlich)Sagt auch ein Katholik, I'm sorry three)

Leise Ahnung hat gesagt…

@Monika M.

als Mutter, Vater: jedwede Berechtigung, so einen armselig Internet- Bedürftigen "in die Tonne hauen" zu wollen. (Wobei ich aus eigener Erinnerung sagen muß: sooo naiv - unwissend und unschuldig ist man mit 16 nun auch wieder nicht). In solchen Urteilen geht es um Zuständigkeiten.

Mir ging es um diese selektiven Moralismen von öffentlichen Kommentatoren. Wären sie verbindlicher Ethik geschuldet, wären alle Parlamente fast leer.
Wär auch keine so schlechte Idee.

Anonym hat gesagt…

Ohohoh ... ich verstehe es nicht. Wie kann man grundlegende moralische Erwägungen so schnell marginalisieren, wenn einem die einfachen Feindbilder quer stehen?

Mir ist egal ob der Mann bei der CDU oder sonst einem Verein ist. Ob er, wie verehrte Mitblogger von Ihnen betonen, adelig ist, in einer Verbindung und und und ... ob die Medien links, ökofaschistisch oder gutmenschlich sind.

Ein nachdenklicher Mann hat mal geschrieben "...sollte man eigentlich andererseits doch auch für eine Gesellschaft sorgen, in der Kinder und Jugendliche sich erstmal als Kinder und Jugendliche kennenlernen und miteinander warm werden können, bevor da irgendein Druck aufgebaut wird, der in manchen Ländern schon 11-Jährige nach der Pille fragen läßt. Den geeigneten Partner zum Familie-Gründen kann man sicherlich auch noch mit 18 oder 20 finden." ...
So, hat der liebe 39jährige dem 16jährigen Mädchen/Kind/Jugendliche dabei geholfen, im Hotelzimmer sich "als Jugendliche kennen zu lernen" und mit sich selbst "warm zu werden"? Weil andere Jugendliche waren da ja nicht dabei.

... ich verstehe nicht, egal wie verzweifelt ich es versuche, wie man den Herren so einfach aus seiner Verantwortuung anderen Menschen gegenüber entlassen kann.
... verstehen Sie mich nicht falsch, die Scheinheiligkeit der Medien in diesem Thema ist erbärmlich, aber sollte nicht dazu führen, dass deshalb die Bewertung der Handlung anders ausfällt.

Ansonsten nette Grüße.
o-nyoo

Alipius hat gesagt…

@ o-nyoo: Okay, aber wo finden Sie denn in meinem oder in dem verlinkten Artikel den Satz: "Der Herr ist hiermit aus seiner Verantwortung gegenüber anderen Menschen entlassen"?

Die Bewertung der Handlung muß man - wenn es auch schwer fällt - den Individuen überlassen. Man muß diese Bewertungen ja nicht teilen. Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn ein 39-Jähriger und eine 16-Jährige eine sexuelle Beziehung haben, aber darum geht es mir in diesem Fall nicht. Ich traue da den meisten Menschen durchaus zu, sich selbst ein reifes Urteil zu bilden. Mir ging es eben um die auch bei Ihnen beklagte Scheinheiligkeit der Medien.

Anonym hat gesagt…

Naja. Der Satz steht so nirgends, aber Sprache funktioniert auch anders, oder.
Sie betonen die Legalität und Beidseitigkeit der "Beziehung". Gleichzeitig benutzen Sie stark konnotierte Begriffe wie stumpf und hochgeschaukelt um die "kritisierende" Seite zu beschreiben .. zum Schluß wird der Herr von B. noch "zu Fall gebracht" - so hat man mit wenigen Worten ein Opfer konstruiert.

Zettel entwickelt ähnliche Argumentationsmuster:
- "Er hat nicht gegen das Strafrecht verstoßen" ... wäre ja noch schöner. Wäre dann wohl eine "nicht-beiderseitige" sexuelle Beziehung gewesen. =/
- "...hat auch nichts getan, das in irgendeiner Weise moralisch verwerflich wäre." ... hier muss ich widersprechen. Das ist einfach eine Behauptung die auch durch die Verknüpfung mit - "Kein Moralgesetz verbietet die Liebe zwischen Menschen mit einem großen Altersunterschied." nicht richtiger wird.

... ergo - nichts zu verantworten.

Ich denke nicht, dass die Bewertung der Handlung den Individuen überlassen werden muss. Tuen Sie ja auch nicht in Bezug auf die Schreiberlinge.
Überlasse ich die Bewertung den (beteiligten?)Individuen bin ich einfach nur moralisch-indifferent. Ich habe meine Meinung dazu, so wie Zettel und Sie.

Ich denke nur, dass es auch gehen muss sowohl das Verhalten von Herrn von B. als auch die medialen Prosaisierung zu kritisieren ... und das ohne die eine Handlung zu "verwässern" um argumentativ gegen die andere Position gerüstet zu sein.

Grüße
o-nyoo

Alipius hat gesagt…

@ o-nyoo: Mit der Legalität und der Beidseitigkeit der Beziehung habe ich nur zwei Fakten festgestellt (falls die von der 16-Jährigen überlieferte Aussage, auch bei ihr sei es "Liebe" gewesen zutrifft).

Wenn ich die Berichterstattung "stumpf" nenne und das Szenario mir "hochgeschaukelt" vorkommt, ist das eine Bewertung der Methoden der Medien und nicht des Verhaltens von Herrn von Boetticher.

"Moralisch nichts vorzuwerfen": Ja, da sind wir einer Meinung, wie Sie ja in meinem letzten Kommentar gelesen haben.

Ich überlasse die Bewertung sehr wohl den Individuen und tue stattdessen das, was ich im nächsten Satz anrege: Ich teile die Bewertung nicht und zeige durch mein Kommentieren der Situation, daß ich ihr gegenüber nicht indifferent bin und ebenfalls eine Bewertung dazu anzubieten habe, die man teilen kann oder nicht.

Ja, was Herr von B getan hat kann, darf und muß man kritisieren. Aber nochmals: Dies war nicht Schwerpunkt und Ziel meines ursprünglichen Kommentares, da ich mir sicher war und bin, daß meine Leser da selbst ein Urteil treffen werden.

Anonym hat gesagt…

Ich stelle mit Befriedigung fest, daß in der Combox die von mir angerufenen Gefühle "Neid, rechtschaffener Empörung oder der Füllung der beleidigten Leberwurst" sich bereits ein Stelldichein geben, nur der Voyeurismus hat sich offenbar etwas verspätet.

Sitte, Moral und Anstand einmal beiseite gelassen, sei hier die Meinung des österreichischen Obersten Gerichtshofes zitiert; nicht zu Verbindungen zwischen Personen mitten in der Pubertät und solchen am Rande der Midlife-Crisis, sondern zum handfesten Vollzug der "niederen Minne" überhaupt (danke, lieber Deutsch-Unterricht). Dabei handelt es sich nach ständiger höchstgerichtlicher Rechtsprechung um "Handeln auf eigene Gefahr".

No, das können sowohl Herr v. B. als auch die verflossene Geliebte in der Zwischenzeit bestätigen.

Pompous Ass

Imrahil hat gesagt…

Es gibt ein Monopol auf Moralin, und dieses ist in säkularer Hand.

Selbstverständlich wird man grundlegende moralische Erwägungen betreiben - übrigens wird man andere Dinge auch noch machen - aber das ist etwas *völlig anderes* als öffentliche Scherbengerichte zu vollziehen. Die Moral (nicht die theologische Meinung) der anderen Leute geht uns erstens nichts an (ich bin mir bewußt, daß das nicht *ganz* stimmt, aber für praktische Zwecke genügt's); wir wissen ja schließlich, daß es so Dinge wie Konkupiszenz gibt.

Und zweitens, man entschuldige die Trockenheit: Unkeuschheit hat etwas mit dem Vorhandensein einer Ehe, nicht aber mit einem Altersunterschied zu tun.

Daß man einen solchen Menschen im Wahlkampf nicht mehr gebrauchen kann, ist (vermutlich) richtig, aber selber ein bekämpfenswertes Problem. Das sei so klar gesagt. Die Verhängung von Strafen und Bußen ist Sache von Gerichten und Beichtvätern.