Dienstag, 9. August 2011

London

Die Realität liegt natürlich irgendwo zwischen den beiden Extremen "Verwöhnte, arbeitsunwillige Sozialschmarotzer plündern sich die Taschen voll" und "Arme, mißverstandene, ausgegrenzte Kapitalismusopfer rächen sich am Bonzen-System".

Unabhängig davon, wo genau dazwischen sie liegt, greift eine Einsicht auf jeden Fall: In einer Gesellschaft, in der man in regelmäßigen Abständen zwischen den Zeilen die Aufforderung lesen kann "Hol's dir jetzt, sonst kriegt's ein Anderer (und komm bloß nicht auf die Idee, vorher zu fragen, ob du's überhaupt brauchst, geschweige denn bezahlen kannst)!" verwundert es wenig, daß knurrige Jugendliche nicht mehr auf die Straße gehen, um an einer Demonstration für eine Verbesserung der Verhältnisse teilzunehmen, sondern um sich Smartphones und Laptops zu organisieren und nebenher ein wenig kreuzbergmäßig Wärme zu entfachen und vermeintilich gerechtfertigten Dampf abzulassen. Wenn ich mir nur die Resultate anschaue, dann kaufe ich jedenfalls das "Wir sind Opfer"-Geschrei den Tätern dieser Nacht weniger ab, als ihren Gegnern die an sie gerichteten Vorwürfe, vom Sozialstaat verwöhnte Poser in Gang-Uniformen zu sein, die sich einen Dreck um das Gemeinwohl scheren.

Ein Absatz aus dem Independent gibt mir zu Denken:
    In Whitechapel looters attempted to break into the Islamic Bank but were chased off by incensed worshippers who saw what was going on as they left evening prayers at the East London Mosque. Muslim youths were last night guarding the bank.

    [In Whitechapel versuchten Plünderer in die Islamic Bank einzubrechen, wurden aber von erbosten Moscheegängern verjagt, die sahen, was sich abspielte, als sie vom Abendgebet der East London Moschee kamen. Muslimische Jugendliche schützten letzte Nacht die Bank]
Inmitten hirnloser Rüpelhaftigkeit und zerstörerischer Gier behalten muslimische Jugendliche einen kühlen Kopf und bewachen für die Nacht eine Bank. Nein, ich will damit gar nicht sagen, daß sich unter den Plünderern keine Muslime fanden (ist wahrscheinlich in England auch statistisch gar nicht möglich). Mir fällt dieser Absatz eben nur auf, weil hier nicht beschrieben wird, wie Jugendliche etwas zerstören, niederbrennen oder rauben, sondern wie sie etwas schützen.

Dieser Bericht im Hackney Citizen beschreibt, wie die Türkische Community in Hackney gemeinsam auf die Straße ging und erfolgreich ihre Gecshäfte und Unternehmen vor Plünderern und Vandalen schützte.

Es scheint, daß gemeinsame Abstammung bzw gemeinsamer Glaube in solch extremen Situationen zwar nicht alles retten, aber für Inseln sorgen kann, in denen nicht jeder nur für sich schaut, was er rausholen kann.

Wenn (grade auch in England) Kinder schon von frühester Schulzeit an gesagt bekommen, daß ihre Sicht auf die Dinge alles ist, was zählt ("Ja-Gefühl" bzw "Nein-Gefühl"), daß es keine Vorstellung von Wahrheit mehr gibt und daß man auch ruhig an den Erziehungsberechtigten vorbei direkt beim Anbieter die gewünschten Serviceleistungen (Abtreibung, Drogenberatung, Pille) beziehen kann, dann wundert es nicht, wenn Jugendliche heranwachsen, deren Sicht auf die Dinge ihnen sagt, daß sie grundsätzlich diejenigen sind, denen etwas zusteht und daß daher - im Falle einer vermeintlichen Benachteiligung - das seit 1867 bestehende Möbelhaus nicht in Wahrheit seinem Besitzer gehört und man daher auch ruhig am Sozialstaat vorbei direkt die Gegenstände einsacken kann, die man eben so braucht, bevor man den Laden dann einäschert (was nicht einmal Hitlers Bomben gelang).

Ein solches (heute) England/(morgen?) Europa braucht nun wirklich keinen Wirtschafts-Meltdown, um vor die Hunde zu gehen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"...Es scheint, daß gemeinsame Abstammung bzw. gemeinsamer Glaube.."
Bitte, erzählen Sie das der "Kirche gegen RÄÄCHTSS !!"

Morgenländer hat gesagt…

@Alipius:

Das Traurige ist, dass die Kinder und Jugendlichen, denen ja durchaus etwas zusteht - nämlich geliebt und in die sittliche Ordnung eingeführt zu werden - mit der Lehre "Du bist, was du hast" und mit staatlichen Leistungen (für die Habenichtse unter ihnen) abgespeist werden.

Viele Grüße
Morgenländer

Alipius hat gesagt…

@ morgenländer: Ja, stimmt! Das macht die Geschichte doppelt tragisch: Sie hetzen dem falschen Gut bis zum Diebstahl nach und lernen das wahre Gut zu selten kennen.

Anonym hat gesagt…

Wisst ihr, ich glaube die Hoffnungslosigkeit, die völlige Ideenlosigkeit, etwas aus dem Leben zu machen spielt hier ebenfalls eine gewaltige Rolle. Leider.