Mittwoch, 31. August 2011

Der "atheistische Brokeback Mountain"

Hier ist ein wilder Film-Plot: Ein Mann beginnt eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Der Ehemann der Frau bekommt Wind von der Geschichte und findet das Ganze so gar nicht witzig. Er lockt den Liebhaber auf einen breiten Fenstersims im 20. Stockwerk eines Bürohauses und teilt ihm dort, daß er seine Frau töten wird, wenn der Loverboy nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Tod gesprungen ist.

Das wirkt natürlich ein wenig konstruiert, aber wenn man die Geschichte mit dem auf dem Sims stehenden Mann beginnt, der dann in Rückblenden einem herbeigeeilten Polizisten erzählt, wie es denn nun zu dieser eigenartigen Situation kam, dann läßt sich vielleicht mit passablen Darstellern ein halbweg anschaubarer Film daraus machen. Zumal ja die Frage "Wird er sich opfern oder läßt er die Frau über die Klinge springen?" einige Zuschauer in die Rückenlehne des Vordermannes beißen lassen dürfte.

Matthew Chapman, Ur-Ur-Enkel von Charles Darwin, entschied sich allerdings, daß er seiner Hollywood-Produktion "The Ledge" (die Kante/das Gesims) unbedingt noch einen seiner Ideologie entsprechenden, atheistischen Touch verleihen muß, um das Werk so zum "atheistischen Brokeback Mountain" zu machen, wie er sich selbst ausdrückte. Sprich: Mit Hilfe dieses Film sollen ganz ganz viele Atheisten den Mut finden, sich zu outen.

Und so kam es, daß der Verführer im Film ein Atheist ist, die Verführte eine Christin und deren mörderischer Ehemann ein "fundamentalistischer" Christ. So geht es dann im Film plötzlich nicht mehr um die von der Ausgangssituation erzeugten Spannung, sondern um wortreiche Argumente für und gegen den Glauben. Was dabei herauskommt ist - wenn man den Kritiken glauben darf - ein Film, der zu einhundert Prozent davon überzeugt ist, daß er ein draufgängerisches Indie-Stück ist, welches clevere Ideen mit sich herumträgt und einen gedankenschweren Beitrag zur Debatte zwischen Glauben und Unglauben leistet. Das Problem ist, daß der Film mit dieser Überzeugung offensichtlich ziemlich alleine dasteht. Die Kritiker gähnten, die Theater zierten sich, das Publikum blieb aus (und dies, obwohl Chapman auf vielen atheistischen Webseiten fast flehentlich die Werbetrommel für den Leinwandstart seines Werkes rührte).

Moral: Wenn man es erzwingen will, geht's meistens in die Hose.

[HT: Matt Archbold beim National Catholic Register]

Kommentare:

Raphaela hat gesagt…

Wie ich höre, ist ja auch der mit einer ganz ähnlichen Agenda daherkommende Golden Compass ziemlich gefloppt.

Alipius hat gesagt…

@ Raphaela: Stimmt! Teile 2 und 3 werden gar nicht erst gedreht.

Phil hat gesagt…

Wobei hier, so weit ich gehört habe, das Problem war, daß viele Pullman-Fans, also die ganzen Kampfatheisten sich nicht in dem Film wiederfanden; ihnen war die Kritik am Glauben dann doch zu lasch.