Freitag, 1. Juli 2011

Heuchler-Pack...

[UPDATE: Weil hier ein Sprecher des gesamten EDEKA-Konzerns aussagt, kann ich die Entschuldigung auch gut und gerne als ernst gemeint hinnehmen. Daß bei der nur regional gestarteten Werbeaktion ein gutes Stück Kalkül im Spiel war, dabei bleibe ich. Und wäre die Aktion ohne Beben über die Bühne gegangen und hätte sich als rasender Erfolg erwiesen, so hätte EDEKA davon mit profitiert. Jetzt müssen sie sich andererseits halt den Rüffel mit anhören]

EDEKA-Konzern-Sprecher zur SHELL/SPAR-Plakataktion:
    "Wir möchten nochmals betonen: Es war keineswegs die Absicht von Spar und Shell, mit der Kampagne die Gefühle einzelner Menschen, insbesondere gläubiger Christen oder Mütter zu verletzen [... nicht die Gefühle einzelner Menschen, sondern möglichst die Gefühle der Christen und Mütter als Gruppe]. Wir nehmen die Kritik an unserer Anzeigen-Kampagne sehr ernst [Unsere Werbeleute sitzen auch schon an der nächsten Kampagne, mit der sich eine ganze Gruppe beleidigen läßt und somit für gigantisches Medienecho sorgt. Klar: Diese neue Gruppe darf weder ein Hätschelkind der Mainstreammedien noch notorisch gewaltbereit sein, aber wir werden da schon etwas finden]. Deshalb werden wir die verbleibenden Plakate in Bremen kurzfristig wieder abnehmen lassen [Ein wenig Reue zeigen und einen kleinen Akt der Buße zu vollbgringen, daß schaffen sogar Leute, die keine Kirchenmuttis sind, wenn's denn imagemäßig richtig zu verkaufen ist]. Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal entschuldigen [... bzw dafür erkenntlich zeigen, daß unsere gezielt auf Entrüstung und Beleidigung abzielende SHELL/SPAR-Reklame so schnell für so viel Wirbel und Aufmerksamkeit gesorgt hat].
Too late, too little...

Beim nächsten Mal erst denken, dann werben.

Kommentare:

Caruso Canary hat gesagt…

nee - diesmal ist mir das zu sehr verdikt.

ich finde die reaktion okay - eine kleine Buße in Form einer Spende an eine Mutterhilfeorganisation der Kirche wäre nicht schlecht.

Alipius hat gesagt…

Sie sollen nicht spenen, sie sollen in Zukunft einfach ihen Grips gebrauchen, bevor sie loslegen.

Bellfrell hat gesagt…

Ein kleiner Etappensieg dank des Internets.

Jetzt müßte man es endlich schaffen, daß sich Menschen wie diese Werbefuzzis an christliche Werte von vorneherein genausowenig herantrauen, wie an muslimische.

Man will sich gar nicht vorstellen, welche Massen da sofort entschieden aufgetreten wären, kategorisch abgelehnt hätten und in gerechtfertigter Entrüstung auf die Barrikaden gegangen wären.

Sarah hat gesagt…

Ausnahmsweise bin ich mal anderer Meinung und ich finde den ganzen Wirbel überhaupt nicht angemessen. Ganz ehrlich fühlst du dich wirklich beleidigt durch diese Werbung?

Alipius hat gesagt…

@ Sarah: Grundsätzlich gilt, daß man mich ohnehin nicht beleidigen kann. Denn wenn man mir etwas unschmeichelhaftes sagt, dann bin ich luzide genug um zu erkennen, wann es die Wahrheit ist (womit ich dann nicht wirklich das Recht habe, beleidigt zu sein) und wann es eine Fehlinterpretation ist (was dazu führt, daß ich die Leute - wenn es aus Unwissenheit geschieht - vom Gegenteil überzeuge oder - wenn es aus Bösartigkeit geschieht - mitleidig lächelnd links liegen lasse).

Wenn ich mir aber die "Muttis" angucke, die bei uns sonntags so in der Messe sind und sie mit dem hexenartigen Wesen vergleiche, das auf den Plakaten dargestellt ist, dann erkenne ich in der Werbeaktion die Bereitschaft, zu beleidigen. Und die nehme ich nicht widerspruchslos hin.

Sarah hat gesagt…

Ja, aber genau das meine ich. Es ist so überzogen (Hexe....Mutti), dass es mich nicht wirklich berührt, weder positiv noch negativ....Ab gesehen davon ist für mich die Kirche heute nicht mehr unbedingt ein Sakrales Gebäude, da steht ja nicht "zur Messe geht", bei uns gibt es ja auch z.B. eine Kletterkirche. Ich finde diesen Aufstand an anderer Stelle angebrachter, z.B. wenn es darum geht, dass man eine Heiligbrot-Prozession macht, ich meine mal ganz ehrlich, das berührt doch das Herz, dass man da nicht zum Glauben steht und sagt "Spinnt ihr"....soll ich Brot verehren...Hä?

Alipius hat gesagt…

@ sarah: Genau das meine ich auch: Wo den Katholiken, die sich mit ihrem Glauben noch halbwegs auskennen, die Brot-Mogelpackung untergeschoben wird, wird den Nicht-Gläubigen und den Christen, die diesen Namen nur wegen eines Taufscheines verdienen, die alte Hexe vorgehalten. Beides entspricht nicht der Wahrheit, aber beides ist auf seine Art beleidigend (mit mehr oder weniger Intention dahinter) und beides kann und wird bei Dauerberieselung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dagegen werde ich immer gerne ein paar Zeilen los.

Sophie hat gesagt…

Der letzte Satz trifft es ziemlich gut: erst denken, dann werben. Denn sehr durchdacht war diese Kampagne nicht, und für mein Empfinden hängst Du die Sache hier schon ein wenig zu hoch. Für mich sieht es nicht nach Kalkül aus, dafür ist der Slogan einfach viel zu schlecht. Es fehlt an Wortwitz, an dem gewissen Etwas. Das "einzigartige Verkaufsargument", also das Alleinstellungsmerkmal des Angebots, wird überhaupt nicht richtig herausgearbeitet. Für mich - und ich bin selbst Texterin - klingt es nicht, als hätte sich da ein Profi drangesetzt und geplant, seine Zielgruppe mit Witzen über ein uncoole Minderheit zu erreichen. Es klingt eher wie: Auf einmal mußte es ganz schnell gehen und da ist uns nichts Besseres eingefallen. Oder nach: Da haben wir erstmal den Praktikanten drangesetzt und dann hat sich das keiner mehr so richtig angeguckt. ... Und so pubertär, wie der Spruch klingt ("Höhö, wenn die Olle in der Kirche ist, gehe ich an die Tanke und zische mir ein Bier rein") war's wahrscheinlich wirklich der 16jährige picklige Azubi. In dem Alter hätte ich sowas wahrscheinlich auch witzig gefunden ... Als Pressesprecher eines Unternehmens, das in seiner Selbstdarstellung immer sehr auf Seriosität und eine fast schon biedere Verläßlichkeit setzt, wäre ich allerdings nicht sehr amused, ausgerechnet mit religiöser Diskriminierung Schlagzeilen zu machen. Edeka ist schließlich nicht Stefan Raab oder der Media Markt.(Bei dem Wort "Mutti" mußte ich übrigens zuerst an unsere Bundeskanzlerin denken. Aber das tut hier wahrscheinlich nichts zur Sache.)

kalliopevorleserin hat gesagt…

Was mich mehr ärgert als dies dumme Plakat, ist der Satz "Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal entschuldigen".
Wir möchten uns entschuldigen? Auch wenn das Verb "entschuldigen" leider immer öfter in diesem vekehrten Sinn gebraucht wird, ändert das nichts an seiner Bedeutung. Sich entschuldigen kann man nämlich nur, wenn man tatsächlich keine Schuld hat! Sich entschuldigen kann man mit einem Attest, oder mit einem Alibi. Ist man aber tatsächlich schuldig geworden, so kann man um Entschuldigung bitten. Entschuldigen können (nicht: müssen) dann die Geschädigten.

"Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal entschuldigen" heißt: "Wir möchten klarstellen, daß wir nichts Schlimmes getan haben und daß Sie, wenn Sie sich jetzt noch aufregen, albern sind."

Anonym hat gesagt…

Die Anmerkung bzgl. des "Entschuldigens" ist recht bemerkenswert. Sie wäre falsch, gäbe es eine tatsächliche semantische Alteration, durch einen Wandel in der Verwendungsweise (denn hier ändert sich natürlich auch die Bedeutung; ein Lexem als platon. Entität ist ziemlich eindeutig ein Hirngespinst). Wenn man aber genau schaut, scheint nun aber gerade das NICHT gegeben zu sein, sondern wir sehen uns mit einer sehr subtilen Nebelkerze konfrontiert, die m. E. auch durch die Entchristlichung überhaupt "eingeführt" werden konnte. Denn neuerdings kann man auf eine nicht angenommene Entschuldigung (schon alleine, daß man das so, mit diesem Attribut, formulieren kann, hängt damit zusammen) die in der Form "Ich entschuldige mich" vorgebracht wurde, auch z. B. bockig mit "Jetzt spinnst' immer noch herum, obwohl ich mich eh entschuldigt habe?" reagieren. Mit der Formulierung "Ich bitte um Verzeihung/Entschuldigung" (das jetzt praktisch nur mehr als eine besonders höfliche oder gar exaltierte Form auftaucht) funktioniert das nicht so. "Ich entschuldige Sie" taucht auch höchstens nur mehr auf im Sinne von "Ich entschuldige Sie für die nächste Stunde" o. ä. auf.
Hier hat sich eine seltsam unbeugsame Egobezogenheit eingeschlichen, denn das aufklärerische "autonome Subjekt" entschuldigt sich nur noch selbst, es wird nicht entschuldigt, schon gar nicht, nachdem es es zuvor darum gebeten hat - das ist doch demütigend, "heteronom" und reaktionär sowieso ...