Mittwoch, 6. Juli 2011

Grusel...

In der heutigen Presse liest man, daß europaweit täglich ca. 10.000 alte Menschen mißhandelt werden:
    Sie werden geschlagen oder getreten, weil sie nicht allein essen können, sich nicht allein versorgen oder die tägliche Hausarbeit verrichten können. Das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor, in dem die Situation älterer Menschen in 53 Ländern der europäischen Region der WHO – darunter auch Österreich – beleuchtet wird. Die Studie geht sogar davon aus, dass jährlich bis zu 2500 Senioren von ihren Familienangehörigen umgebracht werden.

    „Europas Bevölkerung wird immer älter und das Problem daher immer größer“, sagt Dinesh Sethi von der WHO im Gespräch mit der „Presse“.
Man könnte jetzt schlicht sagen, daß es sich hier nur um die konsequente Entwicklung einer konsumierenden, partymachenden, selbstverliebten Gesellschaft handelt, die zwischen den Stationen Abtreibungsklinik, Kinder-Psychotherapeut, Castingshow, Swingerclub und Laien-/Priester-Initiative schon mal für den Anbau der Haltestelle Sterbehilfe probt und dabei die Rechtfertigung anführt, daß es für Omi und Opi sicherlich angenehmer ist, in Alter und Leid "selbst" den letzten Ausweg zu wählen, als täglich von den Angehörigen gequält zu werden. Allerdings scheint das Phänomen in den weniger glitzernden Ecken Europas besonders häufig aufzutreten:
    Generell ist das Problem in armen Ländern größer: Laut der WHO-Studie sind dort vor allem alte Menschen in den ärmsten Gesellschaftsschichten betroffen.
Dennoch: Wenn die "Tötung eine ungeborenen Kindes" wegen des besseren Klangs in "Abtreibung" umgetauft wird und aus dieser dann - wegen des immer noch anhaftenden üblen Untertones - "Schwangerschaftsabbruch" wird, dann frage ich mich schon, ob durch diese sprachliche Aufweichung einer üblen Tat nicht auch in den "reicheren" Ländern die Schleusen für andere Gruselkationen weit geöffnet werden.

Vielleicht heißt es eines Tages ja "Feierliche Verabschiedung in den ultimativen Ruhestand" wenn irgendwo jemand eine 87-jährigen Frau mit dem Kissen erstickt, weil sie beim Essen sabbert.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Ich glaube nicht, daß die Schuldigen allesamt einfach verroht sind. Sondern daß viele - die meisten von ihnen - mit der Pflege über viele Jahre, während derer sie auch Kinder haben und arbeiten gehen, völlig überfordert sind und weitgehend allein gelassen werden.
Viele scheuen sich, schwer demente, rund um die Uhr pflegebedürftige Angehörige einem Heim anzuvertrauen (und angesichts der Zustände von Heimen, besonders in ärmeren Ländern, ist das verständlich). Und viele merken dann zu spät, daß sie es vielleicht doch hätten tun sollen.
Es greift zu kurz, diese Not allein auf die allgemeine Verrohung der kirchenfernen Welt zu schieben. Dergleichen Zuschiebungen sind zudem nicht neu; wenn jede schriftliche Aussage (einschl. Keilschrift) über die Verrohung der Jugend stimmte, müßte heutzutage ein Mensch auffallen, wenn er nicht mehr als zweimal gemordet hat.

Alipius hat gesagt…

Zwischen endgültiger Verrohung und schleichender (De-)Sensibilisierung liegt ja auch noch ein gutes Stück des Weges. Natürlich gibt es hier und dort Überforderung und verzweifelte Situationen und ein Gefühl des Alleingelassenseins. Aber kann und darf die Antwort darauf wirklich Gewalt und Mißhandlung sein? Muß nicht grade hier der Ton (und die Praxis) in der Gesellschaft ein solcher werden, daß die Würde auch alter und kranker Menschen jedem Einzelnen bewußt wird?

kalliopevorleserin hat gesagt…

@Alipius: Natürlich dürfen Gewalt und Mißhandlung KEINE Antworten sein! Ich will nichts rechtfertigen - versuche nur, Gründe zu finden.
Patentrezepte habe ich leider nicht. Höchstens das eine, ausgelutschte, poesiealbumhafte, Menschen grundsätzlich mit Achtung und Liebe zu begegnen und zu hoffen, daß es mal abfärbt. Aber den demographischen Wandel umkehren, Milliarden spenden, um anständige Pflegeheime einzurichten und pflegende Privatleute zu unterstützen, neben meiner Arbeit extrem schwierige und vielleicht auch arg unsymphathische Leute pflegen - kann ich nicht.

Zu den vielen schwierigen Punkten der Altenpflege gehört übrigens auch, daß nicht nur die Guten, Liebenswürdigen alt werden. Sondern auch Haustyrannen, Nazis, Zuhälter und andere Existenzen, denen man nicht unbedingt freudig den Hintern abwischt. Und ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie weit meine Sanftmut in einem derartigen Fall reichen würde - ich kann nur hoffen, weit genug.

Anonym hat gesagt…

»Dergleichen Zuschiebungen sind zudem nicht neu; wenn jede schriftliche Aussage (einschl. Keilschrift) über die Verrohung der Jugend stimmte, müßte heutzutage ein Mensch auffallen, wenn er nicht mehr als zweimal gemordet hat.«

Und es ist höchst wahrscheinlich, daß für viele Zeiten, aus denen man so eine Überlieferung hat, auch etwas dran ist: Thukydides beklagte sich nicht umsonst, dass es so ab 431 v. Chr. (d. h. ab dem Beginn des Peloponnesischen Krieges), tatsächlich für Jahrzehnte, zu einer echten Verrohung und einem sittlichen und sozialen Durcheinander kam. Das gilt wohl auch für die Autoren der röm. Klassik, die den Bürgerkrieg und alles davor (133 - 30 v. Chr.), wie Sallust oder die, die den Übergang von dem, was wir heute Antike, zu dem, was wir heute Mittelalter zu nennen pflegen, erlebten. Ähnliches könnte man wohl auch von den Umbrüchen im 15./16. Jh. sagen. Die hatten alle recht, was ihre Zeit betraf, denn es waren definitiv schlechte Zustände mit verrohten Menschen. Das sollte einen jedoch nicht dazu verleiten, die Geschichte in dieser Hinsicht als sich linear verschlechternd zu sehen, denn offenbar ist das ebenso unrichtig, wie einen kontinuierlichen, gar exponentiellen Fortschritt anzunehmen. Scheinbar wechseln sich gewiße Phasen der Verbesserung (manchmal universale, manchmal auch nur partielle), mit anderen der Verschlechterung ab. Genau hier nun setzt aber das ein, worauf ich – und eventuell auch Hw. Müller – hinaus will: In nächster Zeit gehen wir, aller Vorrausicht nach, keinen besseren, als den gehabten Zuständen entgegen, weder in ökonom., noch in sonstiger Hinsicht, sondern alles (u. a. auch das oben Berichtete) scheint auf eher ungünstige Zustände hinzudeuten, worauf man m. E. hinweisen sollte. Vielleicht bringt es ja etwas: Spes ultima moritur ...

Josef Bordat hat gesagt…

Ich beziehe mich nur auf Deine Schlussbemerkung, Alipius, beginnend mit „Dennoch...“

Es gibt tatsächlich zwei natürliche Hemmschwellen für unmoralisches Verhalten: ein sichtbares Opfer und eine unmissverständliche, am besten noch lautmalerisch abstoßend wirkende Bezeichnung der Tat. Gibt es hingegen keine Bilder vom Opfer und hat man die Tat entsprechend nett umschrieben, brechen umgekehrt alle Dämme, weil das Bewusstsein für die Unmoral der Handlung schwindet. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Und: Diktaturen sind genau daher große Künstler im Erfinden von Euphemismen. Die westlichen Demokratien haben da aber mittlerweile auch an Kreativität zugelegt.

JoBo